Was ist die Seele?
In Platons Phaidon wird sie bestimmt als ein Unsichtbares und Unkörperliches, das sich auf die immer selbe Art verhält, sich immer selbst gleicht. Da die Seele den Leib beherrscht, ähnelt sie außerdem dem Göttlichen und somit natürlich auch dem Schönen. Die Seele unterscheidet sich also grundlegend vom sterblichen Leib; es handelt sich bei Leib und Seele um „zwei Arten des Seienden“, um zwei voneinander verschiedene Substanzen. Die Seele ist dabei diejenige Substanz, der – aufgrund der Eigenschaften Unkörperlichkeit, Unsichtbarkeit, Schönheit und ein dem Göttlichen verwandtes Wesen – „Unzerstörbarkeit und Ewigkeit“ zukommen soll. Simmias jedoch hegt Zweifel an der Beweiskraft der Argumente, die für die Unsterblichkeit der Seele sprechen sollen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Simmias Einwand: das Harmoniemodell der Seele (85e-86d)
3. Sokrates Kritik und Widerlegung des Harmonielehremodells (91c-95a)
3.1. Die Unvereinbarkeit des Harmoniemodells der Seele mit der Wiedererinnerungslehre
3.2. Erstes Argument: Erklärungsnot des Harmoniemodells in bezug auf Tugend und Laster
3.2.1. Zwischenbemerkung
3.3. Zweites Argument: Die Seele als Stimmung des Körpers kann diesen nicht beherrschen
3.3.1. Zwischenbemerkung
4. Schlussbemerkung – Kritische Würdigung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auseinandersetzung zwischen Sokrates und Simmias im platonischen Dialog Phaidon, wobei der Fokus auf der Widerlegung des Harmoniemodells der Seele liegt, um die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele und dem Leib-Seele-Dualismus zu klären.
- Das Harmoniemodell der Seele nach Simmias
- Der platonische Leib-Seele-Dualismus
- Die Wiedererinnerungslehre als Gegenargument
- Die Rolle von Tugend und Laster in der Argumentation
- Die empirische Herrschaft der Seele über den Körper
Auszug aus dem Buch
3. Sokrates Kritik und Widerlegung des Harmonielehremodells (91c-95a)
Für Sokrates gilt es nun zu zeigen, dass die Seele keine Harmonie sein kann.
3.1. Die Unvereinbarkeit des Harmoniemodells der Seele mit der Wiedererinnerungslehre
Simmias konzentrierte sich bei seinem Einwand auf das dritte Argument für die Unsterblichkeit der Seele, in dem für die Verwandtschaft der Seele mit dem Ewigen und Unveränderlichen, also dem Göttlichen plädiert wird; er ließ aber den zweiten Beweis, dass alles Lernen Wiedererinnerung sei, außer Acht. Sokrates weist ihn daher darauf hin, dass er diesem Beweis bereits zugestimmt habe.
Simmias Einwand weist somit eine Inkonsistenz auf: einerseits stimmt er zu, dass die Seele schon vor der Geburt gelernt und somit existiert hat, andererseits geht er davon aus, dass sie eine Harmonie des Leibes ist, und somit von diesem unmittelbar abhängt und daher auch nicht schon vor diesem existiert haben kann. Simmias muss sich also zwischen diesen beiden Möglichkeiten entscheiden.
Er wendet sich ohne zu zögern von seinem eigenen Modell ab und der Wiedererinnerungslehre zu. Grund für seine plötzliche Wende ist – seinen eigenen Worten zufolge, dass für die Wiedererinnerungslehre ein „annehmungswürdige[r] Grund“, für sein Modell jedoch nur eine „gewisse[] Wahrscheinlichkeit und Angemessenheit“ spreche.
Hieraus wird ersichtlich, dass zwischen zwei Klassen von Überzeugungen unterschieden werden muss: die eine stützt sich auf bloße Meinungen, ist intuitiv, die zweite dagegen stützt sich auf Argumente und Beweise. Die zweite Klasse ist der ersten stets vorzuziehen.
Simmias hätte sich aber auch für sein Harmoniemodell und damit gegen die Unsterblichkeit der Seele entscheiden können. Es muss also noch eine Widerlegung des Harmoniemodells unabhängig von der Entscheidung des Simmias erfolgen, eine Widerlegung, die nachweist, „daß die Seele als Harmonie grundsätzlich nicht all diejenigen Funktionen erfüllen kann, die man ihr zuschreibt.“ Dies erfolgt durch zwei Argumente:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Seelenbegriff im Kontext des platonischen Phaidon und führt in die Problematik des Leib-Seele-Dualismus ein.
2. Simmias Einwand: das Harmoniemodell der Seele (85e-86d): Simmias präsentiert das Modell der Seele als Harmonie des Körpers, was deren Unsterblichkeit infrage stellt.
3. Sokrates Kritik und Widerlegung des Harmonielehremodells (91c-95a): Sokrates setzt den Dialog fort, indem er die Inkonsistenzen des Harmoniemodells aufzeigt und widerlegt.
3.1. Die Unvereinbarkeit des Harmoniemodells der Seele mit der Wiedererinnerungslehre: In diesem Teil wird die Unvereinbarkeit der Harmonie-Hypothese mit der Wiedererinnerungslehre dargelegt.
3.2. Erstes Argument: Erklärungsnot des Harmoniemodells in bezug auf Tugend und Laster: Es wird argumentiert, dass Tugend und Laster bei einer bloßen Stimmung der Seele nicht erklärbar wären.
3.2.1. Zwischenbemerkung: Eine methodische Reflexion über die Auffassung der Seele als Harmonie des Leibes.
3.3. Zweites Argument: Die Seele als Stimmung des Körpers kann diesen nicht beherrschen: Sokrates argumentiert, dass eine Harmonie ihre materielle Grundlage niemals beherrschen kann, während die Seele dies tut.
3.3.1. Zwischenbemerkung: Eine Erläuterung dazu, warum selbst temporäre Herrschaft der Seele über den Leib die Harmonie-Hypothese widerlegt.
4. Schlussbemerkung – Kritische Würdigung: Eine Zusammenfassung und kritische Hinterfragung der platonischen Prämissen aus heutiger Sicht.
Schlüsselwörter
Platon, Phaidon, Seele, Harmoniemodell, Unsterblichkeit, Leib-Seele-Dualismus, Wiedererinnerungslehre, Sokrates, Simmias, Tugend, Laster, Philosophie, Emergenz, Materialismus, Metaphysik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die philosophische Auseinandersetzung zwischen Sokrates und Simmias im platonischen Dialog Phaidon bezüglich der Natur der menschlichen Seele.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Harmoniemodell der Seele, die Frage ihrer Unsterblichkeit sowie das Verhältnis zwischen Leib und Seele im platonischen Dualismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel der Arbeit ist es, die Argumente des Sokrates zur Widerlegung des Harmoniemodells darzustellen und zu bewerten, um die Beweiskraft für die Unsterblichkeit der Seele zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in diesem Essay verwendet?
Der Essay verwendet eine philosophische Textanalyse der Dialogstellen aus Platons Phaidon, ergänzt durch eine kritische Würdigung der Prämissen.
Was wird im Hauptteil des Essays detailliert behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Einwand von Simmias, die Unvereinbarkeit dieses Modells mit der Wiedererinnerungslehre sowie die zwei Hauptargumente von Sokrates bezüglich Tugend/Laster und der Herrschaft der Seele über den Körper.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Harmoniemodell, Leib-Seele-Dualismus, Wiedererinnerung und die dialektische Argumentationsweise Platons charakterisiert.
Warum hält Simmias die Seele für eine Harmonie?
Simmias zieht einen Vergleich zwischen der Seele und einer Harmonie eines Musikinstruments, da beide unsichtbar und unkörperlich sind, aber ihre Existenz vom physischen Träger abhängen.
Was ist das „zweite Argument“ von Sokrates bezüglich der Herrschaft der Seele?
Sokrates argumentiert, dass eine Harmonie niemals den Körper beherrschen kann, während die Seele im Alltag dem Körper widerspricht, was beweist, dass sie keine bloße Stimmung sein kann.
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- Joachim Waldmann (Author), 2005, Kritik am Harmoniemodell der menschlichen Seele - Platon, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49193