Können die Ereignisse des Jahres 1989 als eine Revolution bezeichnet werden?


Essay, 2018
5 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

1989. In diesem Jahr wurde die Unterdruckung der sowjetischen Satellitenstaaten, die Volksrepublik Polen, DDR, die CSSR, die Ungarische Volksrepublik, die Volksrepublik Bulgarien und die Sozialistische Republik Rumanien grundlegend verandert. Die Organisation unter dem Vorbild der sowjetischen Herrschaft war das Merkmal der Ostblockstaaten. Uber 28 Jahren trennte die Mauer die Deutschen in Ost und West, seit 40 Jahren gab es zwei deutsche Staaten mit stark unterschiedlichen Gesellschaftssystemen. Polen bekommt zum ersten Mal nach 1945 einen nicht kommunistischen Regierungschef, die Offnung des Grenztores zwischen Osterreich und Ungarn loste fur die Ostblockstaaten die historische „Krise des Herbstes 1989“ aus und fur die Deutschen ging dieses Jahr mit Jubel und Freudetranen zu Ende: Die Berliner Mauer, die die Stadt und das ganze Land in Ost und West geteilt hatte, wurde abgerissen.

Wie konnen die vorliegenden Ereignisse bewertet werden? Mit dieser Frage beschaftigten sich viele Wissenschaftler. Darunter bezeichnen einige die Ereignisse des Jahres als „Wende“ und andere wiederum als „Revolution“, des Weiteren wird oft auch von „Evolution“ und „Umbruch“ gesprochen.

In dieser vorliegenden Arbeit geht es darum, ob man die Ereignisse des Jahres 1989 in Ostblockstaaten als „revolutionar“ beziehungsweise als eine „Revolution“ betrachten kann, wobei zunachst dargestellt werden soll wie der Begriff Revolution ausgelegt ist. Wie Barbara J. Falk in ihrem Aufsatz „Der Dissens und die politische Theorie“ erlautert, muss man den Begriff in seinen Kontext einbetten und hierbei auch die minimalen Aktionen beachten, die schlussendlich revolutionare Ergebnisse liefern. Demnach kann man festhalten, dass selbst vor 1989 geschlossene Gruppen sich den Ausubungen der Regierung widersetzten, mit Gewalt oder durch alternative Koalition, wobei es immer um den Kampf gegen die derzeitigen Machthaber ging. Laut Marx definiert der Begriff eine „historische und eine politische, eine deskriptive und eine praskriptive, eine analytische und eine normative Dimension sowie das Ereignis- als auch das Prozesshafte sozialer und politischer Umbruche.[...] Unter „Revolution“ wird also ein grundlegender sozialer und politischer Transformationsprozess verstanden, der zugleich ereignishaft sowie seiner Natur nach auBerrechtlich ist“ (Vgl. Michael Quante. Marx-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. 2016, S.253.). Clausjohann Lindner bietet folgende Definition des Begriffs „Revolution“ an: „Eine

Revolution ist der Versuch, durch den gewaltsamen Sturz der herrschenden Elite die Herrschaftsposition einer Gesellschaft zu erobern, um eine neue Gesellschaftsordnung herbeizufuhren“. (Vgl. Clausjohann Lindner. Theorie der Revolution. Ein Beitrag zur verhaltenstheoretischen Soziologie. Munchen. 1972, S.11.) M. Schwarz, K. Breler und P. Nitschke kennzeichnen eine Revolution „durch massive, mit Gewalt verbundene Anderung der bestehenden Herrschaftsverhaltnisse. Eine Revolution ist ein derart einschlagendes Ereignis, dass hierbei oft samtliche normativen wie funktionalen Standards einer Gesellschaft durchbrochen und in eine andere Form verwandelt werden.“ Die Wissenschaftler merken an, dass wahrend einer Revolution politische Institutionen mit groBer Tradition in der Geschichte uber Nacht verschwinden und durch neue Formen der Politik ersetzt werden. „Die Revolution (von lat.: revolvere = zuruckrollen, zuruckfuhren) zeigt begrifflich einen Vorgang an, bei dem man kollektiv betrachtet in einen als ursprunglich gemeinten Zustand zuruckgekehrt“. (Vgl. Martin Schwarz. Grundbegriffe der Politik. Baden-Baden. 2015, S.173.) Unter „Revolution“ versteht man die Umdrehung, Veranderung, den plotzlichen Wandel und die Neuerung. Heutzutage ist der Begriff popular geworden, denn er wird nicht nur im politischen Sinne gebraucht, es werden damit auch Wenden in der Industrie, Kultur und Aufruhr und Umsturzversuche bezeichnet. Die Unruhen des Jahres 1989 in den Ostblockstaaten kann man nicht als eine mannermordende Schlacht darstellen, da sie durch Demonstrationen, zahlreiche Proteste, Streiks und Runde Tische begleitet worden sind und deshalb friedlich und ohne BlutvergieBen verliefen.

Ja, die Ereignisse des Jahres 1989 konnen als eine Revolution bezeichnet werden. Im Herbst 1980, als der Elektriker Lech Walesa in Danzig (Polen) die erste nichtkommunistische Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ organisierte, folgten weitere neun Jahre zahlreiche Streiks gegen das kommunistische Regime. Hans Benedict charakterisiert die Entstehung der Oppositionsbewegung „Solidarnosc“ als „der erste Schritt eines Reformprozesses“ und die dauernden Streiks - als „eine Kette von riskanten Experimenten mit der Duldsamkeit der Sowjetunion“. (Vgl. Hans Benedict. Revolution! Die Befreiung Osteuropas vom kommunistischen Absolutismus. Wien. 1990. S.285-286.) Die Regierung musste mit den Mitgliedern der Opposition Verhandlungen tatigen, da die

Sowjetregierung, die sich damals aktiv an den militarischen Handlungen in Afghanistan betatigte, keine Moglichkeiten hatte sich in die polnischen Ereignisse einzumischen. Sie nahm aber groBen Einfluss auf die Regierung Polens. Obwohl die Oppositionsgruppe entlassen und die eifrigsten Vertreter in Haft genommen wurden, blieb die „Solidarnosc“ unter den Polen sehr popular. Diese junge Demokratie in Polen wurde in der Tschechoslowakei und in Ungarn als Ausdruck neu gewonnener Freiheit hoch geschatzt, so Gerd Meyer. (Vgl. Gerd Meyer. Die politischen Kulturen Ostmitteleuropas im Umbruch - ein Uberblick. Tubingen. 1993. S.16.)

Die Offnung des Weges zur Demokratie in Ungarn verbindet Karl Stipsicz mit der Absetzung von Janos Kadar. (Vgl. Karl Stipsicz. Ein Sarg fur alle Falle. In: Revolution! Die Befreiung Osteuropas vom kommunistischen Absolutismus. Wien. 1990. S.283.) Gleichzeitig zu Polen schlug dieses Land den Weg der Demokratie. Durch die Runden Tische, das in Polen mit Erfolg durchgefuhrte Unterhandlungsmodel, kam die Regierung zu wichtigen Veranderungen im Grundgesetz, zur Entstehung des Verfassungsgerichts und zur Einfuhrung des Mehrparteiensystems. So fanden bereits 1990 die ersten freien Wahlen statt. Die Opposition unter der Leitung von dem Ungarischen Demokratischen Forum bildete die Regierung geleitet von dem Historiker Jozsef Antall. Im Land begann somit die neue Entwicklungsetappe.

Die Unruhen in der Tschechoslowakei begannen spater als in Polen und Ungarn. Im November fand die erste Demonstration von Studenten statt, die darauffolgend Vertreter der Intelligenz und Arbeiter der tschechoslowakischen Gesellschaft mitbeinzogen und das Burgerforum bildeten. Die kommunistische Regierung der Tschechoslowakei hatte keine Kraft und keine Moglichkeiten, die friedlichen Demonstrationen zu sprengen. Der Erfolg der Oppositionsbewegung war auch durch den Mauerfall und den Beginn der neuen Entwicklungsetappe in der Sowjetunion „Perestroika“ bedingt. Hans Benedict merkt an, dass die Sowjetunion dieses Mal als „interessierter Zuschauer“ anwesend ist. Nach der Doktrin des Staatschefs Mikhail Gorbatschow sollte die sowjetische Regierung in den sozialistischen Staaten auf der Suche nach dem eigenen Weg nicht einmischen. (Vgl. Hans Benedict. Revolution! Die Befreiung Osteuropas vom kommunistischen Absolutismus. Wien. 1990. S. 206.)

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Details

Titel
Können die Ereignisse des Jahres 1989 als eine Revolution bezeichnet werden?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
5
Katalognummer
V491971
ISBN (eBook)
9783668984769
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachkriegszeit, Kalter Krieg, 1989, Revolution, Ostblockstaaten, Dissens, Ungarn, Tschechoslowakei, Deutschland, Polen
Arbeit zitieren
Büsra Ünlü (Autor), 2018, Können die Ereignisse des Jahres 1989 als eine Revolution bezeichnet werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491971

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