Die Einführung der Arbeitslosenversicherung. Wie entwickelte sich die Arbeitslosenversicherung nach 1927 und hatte sie Erfolg?


Seminararbeit, 2017
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Wirtschaft und Arbeitslosigkeit der Nachkriegszeit
II.1. Die Demobilmachung 1918/19
II.2. Die Hyperinflation und die Stabilisierung der Mark
II.3. Die Rationalisierungskrise 1926/27

III. Der lange Weg zur Arbeitslosenversicherung
III.1. Die Kriegswohlfahrtspflege als soziale Fürsorge
III.2. Die Erwerbslosenfürsorge als "Übergangslösung"
III.3. Das Arbeitsnachweisgesetz 1922

IV. Das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung – AVAVG
IV.1. Der erste, zweite und dritte Entwurf zur Versicherung
IV.2. Grundsätze des Gesetzes
IV.3. Gründe für die Einführung

V. Der Bruch der Großen Koalition 1930

VI. Fazit

VII.Tabellenanhang

VIII. Schrifttumsverzeichnis
VIII.1. Quellen
VIII.2. Literatur
VIII.3. Internetquellen

I . Einleitung

Die Arbeitslosigkeit hat sich während der Zeit der ersten deutschen Republik durch politische und wirtschaftliche Krisen auf dem Arbeitsmarkt enorm entwickelt, sodass die Fertigung eines staatlichen Systems zur Regulierung der Arbeitssituation und zum Schutz gegen die sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit dringend notwendig gewesen ist.1 Dieser Entschluss erfolgt jedoch basierend auf einem langjährigen Prozess, weshalb die Arbeitslosenversicherung nicht sofort nach dem ersten Entwurf eingeführt worden ist. Letzendlich ist im Jahre 1927 eine Versicherung in Kraft getreten. Der Fokus dieser wissenschaftlichen Arbeit liegt auf der folgenden historischen Fragestellung „Wie entwickelte sich die Arbeitslosenversicher- ung nach 1927 und hatte sie Erfolg?“. Im Bezug auf die Leitfrage ist der Vollständigkeit halber zu erläutern wann sich eine Versicherung als erfolgreich erweist. Das wichtigste Ziel einer Arbeitslosenversicherung ist es Arbeitslose vor finanziellen Notlagen zu schützen, was darauf hinweist, dass sie erst erfolgreich ist, wenn alle Personen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind einen zwar niedrigen aber zum Leben ausreichenden Betrag erhalten.

Eine Betrachtung der Krisen nach dem Ersten Weltkrieg 1918 soll Aufschlüsse darüber geben wie sich die Arbeitslosigkeit zu Beginn in diesem Zeitraum entwickelt hat, um eine Basis für die darauffolgenden Ereignisse der Jahre herzustellen, welche die Anzahl der Arbeitslosen beeinflusst. Auf dieser Grundlage werden in der vorliegenden Arbeit die Vorstufen der Entstehung der Arbeitslosenversicherung dargestellt, welche die Kriegswohlfahrtspflege, die Erwerbslosenfürsorge und das Arbeitsnach - weisgesetz umfassen. Darauffolgend werden Gründe für die Einführung erläutert, um zu verdeutlichen wieso es Jahre in Anspruch genommen hat schlussendlich das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosen- versicherung einzuführen und welche Gründe somit die entscheidenden Auslöser hierfür gewesen sind. Im Bezug darauf werden Träger und Befürworter der Verischerung genannt. Der nächste Punkt wird mit Hilfe der Gesetzesquelle die Grundsätze dieser Verischerung erläutern und die fortlaufende Entwicklung vorstellen. Auf die historische Fragestellung bezogen wird letzendlich der Bruch der Großen Koalition im Jahre 1929/30 erläutert, bevor die gesammelten Ergebnisse knapp zu einem Fazit zusammengefasst werden.

II . Die Wirtschaft und Arbeitslosigkeit der Nachkriegszeit

Im Jahre 1918 ist der Waffenstillstand ereicht worden, dennoch ist der Krieg für Deutschland nicht vorbei. Die schlechte Wirtschaftslage als Folge des Ersten Weltkriegs weist Reparationszahlungen, Ex- und Import Probleme, heruntergewirtschaftete Produktionsmittel und eine hohe Zahl an Arbeitslosen auf.2 Sowohl die Arbeiterschaft als auch die gesamte Bevölkerung scheint durch den Krieg psychisch geschwächt. Den ehemaligen Soldaten wird bei ihrer Rückkehr bewusst, dass ihre hinterlassenen Arbeitsplätze entweder besetzt sind oder die Betriebe keine für sie angemessene Beschäftigung mehr anbieten können.3 Die Umstellung von der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft und die Demobilisierung haben zur Folge, dass über sechs bis acht Millionen Soldaten wieder in die Gesellschaft und in den laufenden Arbeitsmarkt integriert werden müssen. Politische Krisen scheinen als Konsequenz vorprogrammiert.4

II.1. Die Demobilmachung 1918/19

Die Demobilisierung von Truppen bringt für den Arbeitsmarkt deutlich spürbare Veränderungen mit sich. Nicht nur Soldaten, sondern auch über drei Millionen Rüstungsarbeiter suchen nach Kriegsende eine Beschäftigung. Durch diese Krise kommt es zu einem massiven Einbruch auf dem Arbeitsmarkt, für den die stetig ansteigende Zahl der Arbeitslosen nicht mehr kontrollierbar ist.5 Lewek tabellisiert in seinem Werk bereits im Februar/März 1919 über eine Million Hauptunterstützungsempfänger in der Erwerbslosenfürsorge als Folge der Demobilisierungskrise. Einen Monat später jedoch sinken die Zahlen wieder unter die eine Milliongrenze und im Dezember 1919 bereits unter die 500.000 Grenze.6

II.2. Die Hyperinflation und die Stabilisierung der Mark 1923

Vier Jahre nachdem sich die Arbeitslosigkeit allmählich eingependelt hat, beginnt die Phase der Hyperinflation, in welcher die Mark im Laufe der Zeit immer wieder stark entwertet wird und das allgemeine Preisniveau immer weiter ansteigt. Die parallel laufende Ruhrbesetzung sorgt ebenfalls dafür, dass die Arbeitslosenkurve steil in die Höhe schießt.7 Die Regierung ist sich im Klaren, dass nun die Währungsstabilisierung fällig ist8, da die Massenarbeitslosigkeit von über zwei Millionen Arbeitslosen wieder in den Griff gekriegt werden muss.9 Durch den konjunkturellen Wiederaufschwung nach 1924 mit Hilfe von amerikanischen Krediten geht die Zahl der Arbeitslosen deutlich zurück.10 Führer stellt tabellarisch dar, dass im Januar 1924 26,5% Gewerkschaftsmitglieder arbeitslos sind und genau ein Jahr späer die Prozentzahl auf 8.1% gefallen ist.11

II.3. Die Rationalisierungskrise 1926/27

In der selben Tabelle von Führer ist erkennbar, dass ein weiteres Jahr später 1926, die prozentuale Quote der arbeitslosen Gewerkschaftsmitglieder wieder enorm ansteigt, unzwar auf 22,6% im Januar.12 Der Grund hierfür liegt bei der Rationalisierung der deutschen Wirtschaft bei der zahlreiche Arbeitsplätze abgeschafft werden und somit die Arbeiter und Angestellten ihre Beschäftigung verlieren. Zeiten der Massenarbeitslosigkeit werden zum Phänomen, da ein ständiges Auf und Ab der Arbeitslosenzahl zu erkennen ist. Nach der Beendigung der Rationalisierungskrise hat sich der Staat mit der Idee einer öffentlichen Unterstützung der Arbeitslosen auseinander gesetzt, die Arbeitslosenversicherung.13

III . Der lange Weg zur Arbeitslosenversicherung

Bis zur Einführung des Gesetzes der Arbeitslosenversicherung dauert es neun Jahre. Grundlagen hierfür bieten zahlreiche Pflegeversicherungen oder Fürsorgen, die zeitweise die Arbeitslosen oder Bedürftigen unterstützen sollen.14 Während des Ersten Weltkrieges ist das Problem der Arbeitslolsigkeit bereits öffentlich bekannt und von der Reichsspitze letzendlich anerkannt worden.15 Hierbei ist eine soziale Unterstützung für Personen, welche vom Krieg betroffen und in Mitleidenschaft gezogen worden sind stark in den Vordergrund gerückt. Jedoch ist hier nicht die Rede von eineröffentlichenArbeitslosenunterstützung,sondernder Notwendigkeit einer Fürsorge.16

III.1. Die Kriegswohlfahrtspflege als soziale Fürsorge

Die enormen Veränderungen der Wirtschaft auf Kriegsproduktionen und die Tatsache, dass Deutschland auf einen Krieg nicht vorbereitet ist, haben eine Umstellungskrise mit sich gebracht. Diese hatte bereits im ersten Kriegsmonat zur Folge, dass unter den Gewerkschaftsmitgliedern die Arbeitslosenzahlen fast um das achtfache steigen und somit bei über einer Million liegen.17 Der Reichsregierung ist diese Massenarbeitslosigkeit bewusst, weshalb sie Arbeitsnachweise einführen. Kurz darauf folgt schon die Einführung der Kriegswohlfahrtspflege im Jahre 1914, welche mit Beendigung des Krieges rechtlich außer Kraft gesetzt wird. Unterstützung bekommen nicht nur Kriegsfamilien, sondern auch Arbeitslose, die während des Krieges bedürftig geworden sind. Finanziert wird dies durch eine Kriegsanleihe in Höhe von 200 Millionen Mark. Für die Arbeitslosenpolitik ist dies der erste Schritt Richtung einer offiziellen Fürsorge gewesen.18

III.2. Die Erwerbslosenfürsorge als "Übergangslösung"

Schon seit 1917 verlangen die Gewerkschaften nach einer Sicherung ihrer Existenz für die Zeit nach dem Krieg. Da die Kriegswohlfahrtspflege außer Kraft gesetzt werden sollte und eine öffentliche Arbeitslosenversicherung noch ausgebaut, ist nur die Frage übergeblieben wie in der Zeit dazwischen für die Arbeitslosen gesorgt wird. Zudem wird diese Entscheidung als sozialpolitisch korekkt empfunden, um Revolutionsbewegungen von Arbeitslosen nicht noch zusätzlich zu nähren. Das in Kraft treten der "Verordnung über Erwerblosenfürsorge" folgt am 13. November 1918.19 Die zwölfmonatige Unterstützungsdauer soll durch das Reich, die jeweiligen Städte und Kommunen finanziert werden.20 Man hat angenommen, dass innerhalb dieser zwölf Monate eine Arbeitslosenversicherung eingeführt wird, was jedoch nicht der Fall gewesen ist. Gleichzeitig müssen die Arbeitslosen an Arbeitsstellen vermittelt werden, um der steigenden Arbeitslosenzahl entgegen zu wirken. Im selben Jahr noch ist die "Anordnung der Arbeitsnachweise" als Ergebnis der Forderung der Kommunen in Kraft getreten, welches sich im Jahre 1922 letzendlich zum Gesetz entwickelt.21

III.3. Das Arbeitsnachweisgesetz 1922

Die 22 Landes- und Provinzialämter für Arbeitsvermittlung bilden den Zusammenschluss aller bestehenden Zentralauskunftstellen und Arbeitsnachweisverbänden. Nach der Einführung des "Reichsamtes für Arbeitsvermittlung", welche die Aufsicht der Arbeitsnachweise als Aufgabe sieht und kurze Zeit darauf in die Reichsarbeitsverwaltung zugeordnet wird, ist am 22. Juli das offizielle Arbeitsnachweisgesetz in Kraft getreten. Die Aufgaben haben als Hauptziel den Ausbau der Arbeitsvermittlung in den Kommunen, hinzu kommen jedoch weitere Bereiche wie die Aufsicht über den Arbeitsmarkt, Personalausbildungen und Vermittlungstätigkeiten.22

IV. Das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung – AVAVG

Die Arbeitslosenversicherung stellt die vierte Säule der Sozialversicherung dar und ist am 16. Juli 1927 eingeführt worden. Zudem wird als Teil dessen die Reichsanstalt für Arbeit gebildet.23 Vor der Einführung des Gesetzes werden der Reichsregierung mehrere Entwürfe vorgelegt, von denen die ersten beiden Entwürfe abgelehnt und der dritte durchgesetzt wird.24 Innerhalb 275 Paragraphen werden im Reichsgesetzblatt wichtige Informationen zu dem Gesetz festgehalten.25

[...]


1 Lewek, Peter: Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenversicherung in der Weimarer Republik 1918-1927, Stuttgart 1992, S.9.

2 Preller, Ludwig: Sozialpolitik in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1978, S.89.

3 Vgl. ebenda, S.90.

4 Schmuhl, Hans-Walter: Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsverwaltung in Deutschland 1871-2002. Zwischen Fürsorge, Hoheit und Markt (Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 270), Nürnberg 2003, S.103.

5 Vgl. ebenda, S.103.

6 Lewek, Peter: Arbeitslosigkeit, S.422f. Tab.13. (siehe Tabellenanhang, Abb. 1)

7 Schmuhl, Hans-Walter: Arbeitsmarktpolitik, S.104f.

8 Preller, Ludwig: Sozialpolitik, S.296.

9 Schmuhl, Hans-Walter: Arbeitsmarktpolitik, S.104.

10 Vgl. ebenda, S.105.

11 Führer, Karl Christian: Arbeitslosigkeit und die Entstehung der Arbeitslosenversicherung in Deutschland 1902-1927, Berlin 1990, S.532. Tab.1. (siehe Tabellenanhang, Abb. 2)

12 Vgl. Ebenda, S.532. Tab.1.

13 Schmuhl, Hans-Walter: Arbeitsmarktpolitik, S.105.

14 Schmuhl, Hans-Walter: Arbeitsmarktpolitik, S.153.

15 Faust, Anselm: Von der Fürsorge zur Arbeitsmarktpolitik: Die Errichtung der Arbeitslosenversicherung, in: Abelshauser, Werner (Hg.): Die Weimarer Republik als Wohlfahrtsstaat. Zum Verhältnis von Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Industriegesellschaft, Stuttgart 1987, S.262.

16 Liebrecht, Artur: Grundlagen, Ziele und Durchführung der unter der Bezeichnung "Kriegswohlfahrtspflege" von den Staatsbehörden den Gemeinden übertragenen Aufgaben Bericht für die Tagung der Freien Vereinigung für Kriegswohlfahrt am 23. September 1917, in: http://www.europeana.eu/portal/de/record/9200231/BibliographicResource_2000092035697.html (letzter Aufruf: 04.02.2017 um 17.42 Uhr)

17 Lewek, Peter: Arbeitslosigkeit, S.27f.

18 Vgl. ebenda, S.34.

19 Schmuhl, Hans-Walter: Arbeitsmarktpolitik, S.122.

20 Lewek, Peter: Arbeitslosigkeit, S.63.

21 Schmuhl, Hans-Walter: Arbeitsmarktpolitik, S.120.

22 Vgl. ebenda, S.110ff.

23 Boeckh, Jürgen/Huster, Ernst-Ulrich/Benz, Benjamin/Schütte, Johannes D.: Sozialpolitik in Deutschland. Eine systematische Einführung. Wiesbaden4 2017, S.51.

24 Führer, Karl-Christian: Arbeitslosigkeit, S.252.

25 Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung. Vom 16. Juli 1927 (RGBl. Teil 1, S.187-218).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Einführung der Arbeitslosenversicherung. Wie entwickelte sich die Arbeitslosenversicherung nach 1927 und hatte sie Erfolg?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V491980
ISBN (eBook)
9783668982970
ISBN (Buch)
9783668982987
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachkriegszeit, Arbeitslosenversicherung, Das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, avavg, Arbeitslosigkeit, Weimarer Republik
Arbeit zitieren
Büsra Ünlü (Autor), 2017, Die Einführung der Arbeitslosenversicherung. Wie entwickelte sich die Arbeitslosenversicherung nach 1927 und hatte sie Erfolg?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491980

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