Alltäglicher Rassismus in der Schule. Ein Blick auf die Migrationsgesellschaft

Kann bei der Benachteiligung von Schüler/innen mit Migrationshintergrund von institutionellem Rassismus gesprochen werden?


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zum Begriff Rassismus
II.1. Ursprung: ein geschichtlicher Abriss
II.2. Formen & Ebenen von Rassismus

III. Institutioneller Rassismus
III. 1. Schule als Ort von Rassismus und Rassismus Erfahrung
III.2. Institutionelle und strukturelle Rahmenbedingungen
III.3. Lehrer_innen als „Gatekeeper“
III.4. Monolingualer Habitus als Deckmantel für Rassismus?

IV. Fazit

V. Literatur-und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

„Ich habe heute keinen besonders schlechten Tag erlebt, sondern halt den alltäglichen Rassismus, den ich als Person mit ‚türkischer Migrationsgeschichte‘ seit mehr als 40 Jahren erlebe“ (E. Karayaz) (Melter 2015, S.7). So sieht der Alltag mehrerer Menschen aus, die auf irgendeine Weise „anders“ in den Augen der Mehrheitsgesellschaft aussehen, damit als „fremd“ betitelt, ausgegrenzt und (rassistisch) diskriminiert werden.

Rassismus ist überall und seine Folgen - wie Diskriminierung und Ausgrenzung, betreffen uns alle. Er ist omnipräsent in Medien, Sprache, Musik, Literatur, am Arbeitsplatz, in Bewerbungsverfahren und ebenso in diversen Institutionen, wie die Schule.

Letztere ist ein Ort, der von sich behauptet, Gleichberechtigung zu postulieren. Fakt jedoch ist, dass im Schul- und Ausbildungssystem basierend auf Ethnisierung immense Ausgrenzungspraxen herrschen. Nichtsdestotrotz werden Diskriminierungserfahrungen wie deren historische und aktuelle Bedeutung in Bezug auf rassistische Unterscheidungen in Politik, Wissenschaft und Praxis kaum thematisiert (Melter 2009, S. 14). In den Blick dieser Arbeit soll das mögliche Scheitern nicht auf personalisierte Ebene analysiert werden, sondern insgesamt die Institution Schule und ihr Umfeld in den Mittelpunkt geraten.

Der Begriff des Rassismus war bis etwa in den 1990er im deutschsprachigem Raum zu gut wie tabuisiert. Somit ist die Debatte über Rassismus und ihrer kritischen Arbeit in Deutschland noch ziemlich jung. In der Pädagogik versuchte man Jahrelang die Verhältnisse zwischen Minderheiten und Majorität allein mit dem Kulturbegriff zu erklären, ohne jedoch ansatzweise die Machtverhältnisse, die mit ungleicher Ressourcenverteilung kollidieren, in Betracht zu ziehen (Melter 2009, S.13).

Folgende Arbeit beschäftigt sich mit alltäglichem Rassismus am Beispiel der Institution Schule in der Migrationsgesellschaft: Welche Rolle spielt der Rassismus an Schulen und Inwiefern kann man bei der faktischen Benachteiligung von Schüler_innen (SuS) mit Migrationshintergrund bzw. mit Deutsch als Zweitsprache von institutionellem Rassismus sprechen? Migrationshintergrund und SuS mit Deutsch als Zweitsprache (DAZ) werden im Folgenden als Synonyme verwendet.

Dass SuS[1] mit Migrationshintergrund benachteiligt werden, sprechen die Zahlen für sich (Melter 2009, S.14). Ich behaupte hinzu, dass SuS mit Migrationsgeschichte institutionell und systematisch diskriminiert werden. Ferner stelle ich die These auf, dass unter den SuS mit DAZ, nochmals zwischen europäisch und nahöstlich, zwischen Orient und Okzident, schwarz und weiß kategorisch unterschieden und dies als Ausschlusskriterium für den Schulerfolg gesehen wird.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird der Rassismus - Begriff und seine Ursprungsgeschichte erläutert. Hierbei ist zu betonen, dass diese Arbeit kontinuierlich in schwarz-weiß und in fremd-anders kategorisiert, um die Existenz des Rassismus zu veranschaulichen. Die Ablehnung der „Rassenteilung“ in schwarz - weiß oder die in Deutschland geschaffene Ethnisierung würde die Existenz des vorherrschenden Rassismus eliminieren, was de facto nicht richtig wäre. Dass das Schwarz und Weiß -sein rassistisch konstruiert und damit eine soziale Realität des Rassismus erzeugen, ist eine für diese Arbeit relevante Erkenntnis, die zuvor verinnerlicht werden soll.

Im Anschluss daran wird die Institution Schule und ihre Umgebung, wie die Lehrer_innen, in den Blick genommen, wobei der Fokus auf SuS mit Migrationshintergrund bzw. mit DAZ liegt. Schließlich wird der Faktor des monolingualem Habitus im Hinblick auf Rassismus untersucht.

II. Zum Begriff Rassismus

Die Frage nach dem Rassismus - Begriff wird immer wieder neu gestellt, da es zum einen, ein recht komplexer und schwer – abzugrenzender Begriff und zum anderen, ein hoch politisierter Terminus ist, sodass auf individueller und gesellschaftlicher Ebene wirksame Widerstände zustande kommen (Rommeslpacher 2009, S.25). Für den deutschen Widerstand gegen die Thematisierung des moralisch hochgradig geladenen Begriffs spielen außerdem historische Fakten, wie der Nationalsozialismus, der in enger Verknüpfung mit Rassismus steht, eine große Rolle. Im alltäglichen Sprachgebraucht wird damit der Rassismus als Phänomen der Vergangenheit erklärt.

Beim Rassismus geht es um „die Markierung von Unterschieden, die man dazu braucht, um sich gegenüber anderen abzugrenzen“, behauptet Stuart Hall (vgl. Rommelspacher 2009, S.25). Voraussetzung dafür sei jedoch, dass die Markierungen soziale, politische und wirtschaftliche Handlungen rechtfertigen sollen, um bestimmte Gruppen von materiellen und symbolischen Ressourcen absichtlich auszugrenzen. Diese Gruppen werden aufgrund willkürlicher Merkmale, wie „Hautfarbe“ gezielt konstruiert (ebd.).

Rassismus bedeutet, zu unterstellen, es gäbe „Rassen“, die genetische Differenzen zwischen Menschen machen. Man behauptet damit, dass Menschen aufgrund ihrer äußeren Merkmale bestimmte Dinge nicht/besser können zu bestimmten Kulturen dazugehören oder eben nicht.

Insbesondere die Erfindung von körperlichen Unterschieden steht im Mittelpunkt der modernen westlichen Rassismus Ideologie. Interessant hier anzumerken ist, dass körperliche Unterschiede (z.B. die Konstruktion von Farbnuancen der Haut als „Hautfarbe“) nur dann gemacht werden, wenn das Verlangen nach Grenzziehungen und soziale Hierarchisierung vorhanden sei, so die britische Ethnologin Mary Douglas (Arndt 2012, S.15).

B. Rommelspacher definiert Rassismus als ein Macht- und Dominanzverhältnis, welches materielle und symbolische Ausschlüsse produziert, legitimiert, fortsetzt und in aktualisierter Gestalt neu erschafft (Fereidooni 2017, S. 15).

Letzten Endes kann Rassismus als ein System von Diskursen und Praxen gesehen werden, die sowohl historisch entwickelte als auch aktuelle Machtverhältnisse legitimieren und stets erneut reproduzieren.

Soziale und kulturelle Differenzen werden dabei fälschlicherweise als „naturgegeben“ akzentuiert und eben nicht als sozial konstruiert betrachtet. Menschen werden auf der einen Seite in Gruppen homogenisiert und auf der anderen Seite als fremde/andere gegenübergestellt. Es entstehen hiermit Rangordnungen und gesellschaftliche Hierarchisierungen, die die Diskriminierung von konstruierten Gruppen für Legitim erklären. Es ist zu betonen, dass es beim Rassismus also nicht primär um individuelle Vorurteile geht, sondern vielmehr um ein gesellschaftliches Verhältnis (Rommelspacher 2009, S. 29).

II.1. Ursprung: ein geschichtlicher Abriss

Die Ideologie des Rassismus setzt mit der Verfolgung menschlicher „Rassen“ ein, als Europa begann Millionen Menschen auf der ganzen Welt zu enteignen, versklaven und ermorden. Dieses paneuropäische Projekt suchte sich zu rechtfertigen indem es Nichteuropäer als nicht- weiß, primitiv und unzivilisiert betitelte und darin die Berechtigung sah, gegen europäisch postulierte Prinzipien wie Humanismus und Aufklärung, Freiheit und Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit zuwiderzuhandeln. In diesem Kontext wird das Konstrukt „Rasse“ deutlich und damit die Meinung begründet, dass Rassismus von Weißen/Europäern erfunden wurde. Hinzu wird im Kern des Rassismus das Weiß -sein und die weiße „Rasse“ als naturgegebene Norm (alität) gesehen, wobei die Europäer_innen als überlegen deklariert werden. Diese Annahme sucht eigene Ansprüche auf Herrschaft, Macht und Privilegien zu legitimieren und zu sichern (Arndt 2012, S.15).

Einige Menschen werden also aufgrund ihrer äußeren Merkmale, wie Hautfarbe und Kleidung, oder in Bezugnahme auf die Sprache und den Namen als nicht- weiß, als Jene mit Migrationshintergrund, als nichtdeutsch oder als nichtchristlich gesehen. Auf der anderen Seite existiert die Annahme, dass weiß angesehene Personen ebenso rassistisch diskriminiert werden können. Diese Annahme wird vielseitig in der Literatur auf der Basis von Reverse-Racism diskutiert. Wie trivial die Bedeutung von Rassismus in der Tat ist, wird hierbei deutlich. Susan Arndt (2012) ist der festen Überzeugung, dass Rassismus zentral an „Hautfarbe“ gebunden sei, sodass der Begriff nach ihr nicht inflationär verwendet werden darf. Wenn z.B. weiße Migrantinnen aus Portugal in D. diskriminiert werden, ist dies nach Arndt kein Rassismus, da diese stets das Privileg des Weiß -sein genießen und trotz Diskriminierungserfahrung sich immer noch von schwarzen abgrenzen und sich damit als weiß und zugehörig positionieren können. Während auf der anderen Seite in D. lebende People of Color [2] dieses Privileg eben nicht zustehen (Arndt 2012, S.30f.).

Infolgedessen kann man generell von der „einseitigen Sichtbarkeit“ von Rassismus bzw. die Möglichkeit seiner „Unsichtbarkeit“ sprechen, die ein grundlegender Bestandteil als auch Konsequenz des Herrschaftsverhältnisses, das soziale Ordnung hervorbringt und legitimiert, darstellt. Damit ist die rassistisch strukturierte soziale Ordnung lediglich für jene sichtbar, die sich in einer ausgegrenzten, benachteiligten und deprivilegierten Position befinden. Währenddessen scheint es für diejenigen, die in Deutschland als „deutsch“weiß anerkannt werden und damit keine Zuschreibungen und Ausgrenzungen erfahren, „normal“ und selbstverständlich dazuzugehören (Wiebke 2015, S.164).

II.2. Formen & Ebenen von Rassismus

Zu Beginn ist anzumerken, dass die Ideologie des Rassismus nicht einseitig zu betrachten ist, sondern stets konkretisiert werden muss, „wer von wem vor dem Hintergrund welcher historischen und gegenwärtigen Prozesse als ‚Rasse‘ erfunden und rassistisch bewertet wurde bzw. wird“ (vgl. Arndt 2012, S.16).

Zu den unterschiedlichen Formen gehören unter anderem der Antisemitismus, Antimuslimischer Rassismus und Antiziganismus, um nur einige am Rande zu erwähnen.

Birgit Rommeslpacher meint, dass Rassismus insgesamt auf drei Ebenen verlaufen kann, die nicht immer leicht zu trennen seien, und wenn sie ineinander verlaufen ihre Wirkung umso stärker sei: Auf struktureller, individueller und institutioneller Ebene. Von einigen anderen Forschern wurden diese Ebenen in subjektive Denk-und Handlungsweisen, gesellschaftliche-strukturelle Bedingungen und soziale Bedeutungen unterteilt.

In der Institution Schule können sich subjektive Denk-und Handlungsweisen z.B. zwischen Lehrkräften und SuS oder Eltern, oder in der Beurteilungspraxis zeigen. Die gesellschaftlich-strukturellen Ebene manifestiert sich in der Institution Schule z.B. in ihrem monolingualem Habitus, oder in der Überweisungsquote der SuS mit Migrationshintergrund auf Sonderschulen. Schließlich finden sich öffentliche mediale Diskurse- Medienberichterstattung als Vermittlungsinstanz zwischen institutionellen Praktiken und subjektiver Alltagsebene in der sozialen Bedeutung wieder. Alle drei Ebenen stehen, insbesondere in der Schule, in Wechselwirkung zueinander. Schließlich können sich Lehrer_innen unterschiedlich positionieren (Rommelspacher 2009, S.27-29).

Ebenso kann Rassismus intentionell oder nichtintentionell und explizit oder implizit verlaufen.

Um diese Begrifflichkeiten am Beispiel Schule festzumachen: die Tatsache, dass die Lehrformen des deutschen Schulsystems auf SuS der Mehrheitsgesellschaft zugeschnitten sind, suggeriert eine implizite Form des Rassismus. Solange diese Lehrformen und die damit verbundene Benachteiligung von Migrantenkindern hingenommen werden, verändert sich diese Form zum explizitem Rassismus (Rommelspacher 2009, S.31).

Auf der individuellen Ebene wäre eine bewusste Herabmachung des Anderen intendiert, während eine unbewusste Diffamierung eine nicht intendierte Form des Rassismus wäre, was von der Mehrheitsgesellschaft oft als positiv empfunden wird. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass es sich hierbei immer noch um Rassismus handelt. „Du kannst aber gut Deutsch sprechen“, Du bist ja super braun, ich muss mich dafür monatelange im Sonnenstudio quälen“, sind solche Floskeln, die von der Mehrheitsgesellschaft als Lob gesehen werden, von den Anderen in die Schublade der Diskriminierungserfahrungen kommen (ebd.).

[...]


[1] Schülerinnen und Schüler

[2] The phrase people of color […] refers to racial and ethnic minority groups. (Vidal - Ortiz, S.1037)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Alltäglicher Rassismus in der Schule. Ein Blick auf die Migrationsgesellschaft
Untertitel
Kann bei der Benachteiligung von Schüler/innen mit Migrationshintergrund von institutionellem Rassismus gesprochen werden?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,6
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V492155
ISBN (eBook)
9783668985247
ISBN (Buch)
9783668985254
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskriminierung, Schule, Rassismus, Institution, Lehrerinnen, Schülerinnen
Arbeit zitieren
Yousra Hamzaoui (Autor), 2017, Alltäglicher Rassismus in der Schule. Ein Blick auf die Migrationsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492155

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