Darstellung des US-Drohnenkriegs in der Fernsehserie "Homeland"


Bachelorarbeit, 2019
32 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Terrorismus im TV
2.1. Verschmelzung von Realität und Fiktion: Wie Medien Weltbilder produzieren
2.2. Eigenschaften des Terror TV: Fiktionaler Terrorismus nach 9/
2.3. Der Teufelskreis des War on Terror
2.4. Blick auf die Realität: US-Drohnenkrieg
2.5. Das Erwachen der Medien

3. Homeland
3.1. Kritikpunkt Islamophobie
3.2. Homeland durchbricht die Gut-Böse-Ambivalenz

4. Methodisches Vorgehen

5. Serienanalyse
5.1. Walden-Anschlag
5.2. Langley-Anschlag
5.3. Hochzeits-Anschlag
5.4. Haqqani-Attentat
5.5. Dialoge: Schlagabtausch mit den Terroristen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Remember what you said to me way back about getting the truth out of these guys?”, fragt Carrie Mathison (Claire Danes) ihren CIA-Kollegen und Freund Saul Berenson (Mandy Patinkin) in der zehnten Episode der ersten Homeland-Staffel (00:10-00:11). Die beiden CIA-Agenten stehen kurz vor dem Verhör eines saudi-arabischen Diplomaten, der verdächtigt wird, in Terroraktivitäten verwickelt zu sein. Auf Sauls Nachfrage hin antwortet Carrie: „You’re trying to find what makes them human, not what makes them terrorists.”

Die menschliche Seite von Terroristen zu sehen – das versuchen nicht nur Saul und Carrie bei ihren Ermittlungen, es ist darüber hinaus eine der großen Errungenschaften der US-Serie Homeland, deren achte und finale Staffel momentan produziert wird. Erstmals in der Geschichte der Terror TV-Serien widmet sich Homeland nicht nur der US-Seite, sondern auch der Gegenseite: Wer sind die Terroristen und was bewegt sie zur Radikalisierung gegen die USA? Dem Rezipienten wird nicht, wie seit 9/11 in der TV-Landschaft üblich, das Narrativ von den „guten“ USA und den „bösen“ Terroristen erzählt: „the black and white, good and evil understanding of this show blurs further and further with every episode” (Aucoin, 2013). Vielmehr zeigt die TV-Serie, wie beide Seiten sich gegenseitig bekriegen und wie ein Terror-Anschlag den nächsten auslöst. Hierin liegt Homelands große Fortschrittlichkeit. Navid Negahban, der Schauspieler des Homeland-Terroristen Abu Nazir, drückt dies so aus: „Homeland doesn’t give anybody an answer. It raises questions. And it allows the audience to think for themselves about who is a good guy and who is a villain“ (Hurwitz, 2014, S. 63).

Wie bewirkt Homeland, dass die Motive beider Seiten im „War on Terror“ überzeugend dargestellt werden? Indem die Serie nicht nur die Verbrechen der Terroristen, sondern ebenso die US-Kriegsverbrechen in Ländern wie Pakistan und Irak beleuchtet. Hierbei kommt der Darstellung des US-Drohnenkriegs eine große Bedeutung zu, der von bisherigen TV-Serien wenig ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurde. Zwei große US-Drohnenanschläge werden in der Serie inszeniert. Beide Male ziehen die Drohnenanschläge Vergeltungsschläge auf die USA nach sich. Wie und mit welchen filmischen Mitteln Homeland den US-Drohnenkrieg darstellt, soll Gegensand der nachfolgenden Arbeit sein. Zuerst wird hierfür ein theoretischer Rahmen benötigt: Welche Rolle spielen fiktionale Medien bei der Produktion des „War on Terror“? Wie haben TV-Serien Terrorismus- und Terrorismusbekämpfung in den Jahren seit 9/11 dargestellt?

2. Terrorismus im TV

2.1 Verschmelzung von Realität und Fiktion: Wie Medien Weltbilder produzieren

Warum ist es wichtig, zu analysieren, wie TV-Serien wie Homeland Terrorismus und Terrorismusbekämpfung darstellen? Zunächst sollte die Rolle der Medien hierbei näher betrachtet werden. Welche gesellschaftliche Relevanz haben TV-Serien, die eine so große Rezipientenzahl erreichen wie Homeland?

Medien, eingeschlossen fiktionale Medien, stellen in der Gesellschaft die wichtigste Informationsquelle dar (vgl. McCabe, 2015, S. 5). Indem Medien politische Zusammenhänge und ethische Fragen „entertainen“ (vgl. Tacaks, 2012, S. 29), ermöglichen sie einer großen Rezipientenzahl, einen Zugang zu diesen Themen zu finden und sich eine Meinung darüber zu bilden. Die Zuschauer werden durch Medienkonsum zu „active witnesses of history“ (Tacaks, ebd.). Somit haben die Medien eine informierende und aktivierende Wirkung auf die Rezipienten, die sich ansonsten weniger intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt hätten.

Besonders stark trifft dies auf das Thema Terrorismus zu. Takacs (2012) bezeichnet Mediensysteme als „key battlegrounds in the global War on Terrorism“ (S. 1). Auch Stephen Prince, der Autor von „Firestorm – American Film in the Age of Terrorism“ (2009) unterstreicht die Rolle der Medien beim gesellschaftlichen Verständnis des War on Terror: „the War on Terror was being fought not only through government policy, law enforcement, and military action, it was being waged as well in this symbolic domain of mass media imagery“ (Prince, S. 279). Er schreibt den Medien dabei ebenfalls eine informative Rolle zu: “films and programming aimed to (...) make sense of recent history“ (Prince, ebd.).

Weiter muss zwischen fiktionalen und non-fiktionalen Medieninhalten unterschieden werden. Im Falle von fiktionalen Inhalten, wie der Fernsehserie Homeland, sind es erfundene Ereignisse, die die Zuschauer miterleben – im Gegensatz zu Dokumentationen oder TV-Nachrichten. Der Rezipient weiß beim Sehen, dass es sich um etwas von Autoren Erdachtes handelt, auch, wenn die Geschichten oftmals von realen Ereignissen inspiriert sind. Wie lässt sich der Einfluss fiktionaler Medien, wie Filme, Bücher, TV-Serien, Computerspiele, auf den Rezipienten beschreiben?

In seinem Buch „The Covert Sphere“ (2012) beschreibt Timothy Melley die zunehmend wichtige Rolle von Fiktion für das Weltbild der Rezipienten. Seit dem kalten Krieg habe Fiktion die Entstehung des US-amerikanischen National Security State befeuert. Je größer die Infrastruktur geheimer Organisationen werde, desto mehr müssten sich die Bürger auf Fiktion verlassen, um zu wissen, was in ihrem Land und darüber hinaus politisch vor sich geht.

Die fehlende politische Transparenz, die Melley als „Covert Sphere“ bezeichnet, erzeuge eine große Faszination für die geheimen politischen Prozesse in den USA und international. Im Zusammenhang mit Terrorismus scheint so vieles im Dunkeln zu sein: Wer ist überhaupt genau der „Feind“, wer sind „die Terroristen“ und was motiviert sie wirklich? Um sich ein Bild davon zu schaffen, greifen die Bürger mangels politischer Transparenz zunehmend auf Fiktion zurück: „In fact, the most influential vehicles for „understanding“ terrorism were popular fictions” (Melley, 2012, S. 201). Diese fiktionalen Medieninhalte informieren die Rezipienten nicht nur über politische Zusammenhänge, sondern beeinflussen darüber hinaus die Meinung der Rezipienten: „Popular films, spy novels, television shows, comic books, and electronic games have a large role in shaping public attitudes“ (Melley, 2012, S. 23).

Hinzu kommen finanzielle Prozesse: Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass öffentliche US-Institutionen wie die CIA mit Hollywood-Produktionen zusammen arbeiten, um ein gewisses Image zu erzeugen. Risen (2015) spricht vom „Goldrausch“ des War on Terror (S. 14), vom „Geschäft mit der Angst“ (S. 258) und vom „neuen industriellen Heimatschutzkomplex der Nation“, dessen „Unternehmensführer (...) als die wahren Gewinner des Kriegs gegen den Terror betrachtet werden“ können (S. 73). Die US-Institutionen wissen über den Einfluss von Fiktion auf das Weltbild der Bevölkerung. Laut Risen existiert eine eng verflochtene gegenseitige Beeinflussung von US-Institutionen wie CIA und FBI, Hollywood und der Kriegsindustrie: „eine fest etablierte Sicherheitselite rotiert zwischen hohen Posten im Staatsapparat, Auftragsfirmen, Denkfabriken und Fernsehstudios“ (S. 13).

Finanzielle Profite, beispielsweise von Unternehmen zur Drohnenherstellung oder von Hollywood-Produzenten, sind unvermeidbare Folgen des War on Terror. Doch sie geben dem Krieg fatalerweise einen noch größeren Reiz. So weitet nicht nur die internationale Drohnenindustrie, sondern auch der National Security State in den USA sich immer weiter aus. „Über 850.000 Menschen in Amerika verfügen über die Zugangsberechtigung für Verschlusssachen höchster Geheimhaltungsstufe und produzieren jährlich 50.000 Geheimdienstberichte“ (Risen, 2015, S. 13).

Auf diese Weise wurden in den Jahren nach den Attentaten von 9/11 Terror-TV- Produktionen immer beliebter (vgl. Hirschbein, 2016, S. 44). Zunehmend behandelte die US Crime-Drama-Industrie jetzt Themen wie politische Gewalt, Terrorismus und Homeland Security (vgl. Tasker, 2012, S. 44).

2.2 Eigenschaften des Terror TV: Fiktionaler Terrorismus nach 9/11

Um zu verstehen, welches Weltbild den Rezipienten über Terrorismus durch Fiktion vermittelt wird, muss zunächst näher beleuchtet werden, wie genau Terrorismus in fiktionalen Medien dargestellt wird.

Stacy Takacs hat in ihrem Buch „Terrorism TV: Popular Entertainment in Post-9/11 America“ (2012) alle großen Terror-TV-Produktionen analysiert, die zwischen 2001 und 2008 im US-TV ausgestrahlt wurden. Dazu zählen beispielsweise The Agency, Alias, 24, Threat Matrix, The Grid, Sleeper Cell, The Unit und The Company. Zehn Jahre später, im Jahr 2011, schrieb sie einen Epilog zu dem Buch, in dem sie die Veränderungen in der TV-Landschaft der letzten zehn Jahre reflektierte. Im selben Jahr erschien die Pilot-Folge von Homeland.

In der ersten Phase nach 9/11 wurden Behörden wie CIA und FBI nach Takacs extrem engagiert und kompetent dargestellt. So sollte die Bevölkerung wieder Vertrauen zum National Security State aufbauen (vgl. Takacs, 2012, S. 61). Zum anderen wurde das „unschuldige USA vs. böse Terroristen“-Narrativ erzählt, in welchem, typisch für Film- und TV-Produktionen, das Gute am Ende über das Böse triumphiert (Takacs, 2012, S. 238). Tasker (2012) fasst die Eigenschaften des „Terror TV“ so zusammen:

“The characteristic narrative and thematic elements of terror TV include the figuring of the United States as a nation under threat, personal bravery on the part of men and women operating in dangerous situations, deployment of racial and ethnic stereotypes alongside an evocation of the state itself as benignly multicultural, and a drive toward a somewhat perverse reassurance that the forces of the state can be relied on” (Tasker, S. 46).

So beschreibt auch Melley (2012) die Eigenschaften des „Geopolitical Melodrama“, wie er die meisten fiktionalen Auseinandersetzungen mit dem War on Terror bezeichnet (Melley, S. 201). Das „Geopolitical Melodrama“ sei vor allem durch zwei Merkmale charakterisiert: Zum einen die externe Bedrohung der unschuldigen US-Bevölkerung durch „das Böse“, meistens in Form von Terroristen, und zum anderen eine innere Bedrohung der Freiheiten und Demokratie durch die zunehmende Sicherheits- und Überwachungspolitik der USA. Melley bezeichnet diese beiden Eigenschaften, die sich in den meisten fiktionalen Inhalten zum Thema Terrorismus wiederfinden, als „two distinct nightmares“ (Melley, ebd.).

Prince (2009) fasst die Grundzüge des Terror TV nochmals in einem Satz zusammen; „Most such shows were informed by the public’s anxiety about potential attacks while simultaneously reassuring viewers that their leaders had things well in hand“ (Prince, S. 272). Die Bezwingung der permanent lauernden Terror-Gefahr von den starken, mutigen und kompetenten Behörden der US-National Security ist also das Haupt- Narrativ des „Terrorism TV“. Durch außergewöhnliche Leistungen der Hauptfiguren wie Jack Bauer in 24 gewinnt am Ende „das Gute“ (synonym für die USA). Diese Erzähltechnik scheint bei den US-Rezipienten zu funktionieren, die nach 9/11 das Vertrauen in ihre Homeland Security verloren haben.

Durch genau diese Dynamik wird der War on Terror legitimiert und befeuert: Die permanent drohende, ungreifbare Terror-Gefahr kann nur von den US-Institutionen des National Security State und ihren Helden bekämpft werden. Den Rezipienten wird auf diese Weise die dringende Notwendigkeit des National Security State und der US- Kriegsführung vermittelt.

2.3 Der Teufelskreis des War on Terror

Wie lässt sich all das nun zusammenfügen? In Form eines Teufelskreises: Der National Security State beeinflusst die Rezipienten, indem durch die ständig wachsende Geheimhaltungspolitik bei den Menschen Verwirrung, Paranoia und Unsicherheit entsteht. Gleichermaßen nimmt damit die Faszination, aber auch Verwirrung in der Gesellschaft zu: Wofür sind all diese Geheim-Organisationen notwendig? Was geht in ihnen vor, und führt es überhaupt zum Erfolg? Können sie die „Bedrohung“ von außen bekämpfen, und wer genau ist diese Bedrohung überhaupt? Um Antworten auf all diese Fragen zu finden, wird auf Medien, insbesondere auf Fiktion zurückgegriffen. Fiktionale Medien wie TV-Produktionen haben in den letzten Jahrzehnten den War on Terror immer wieder legitimiert. Hierbei spielen nicht nur die Mentalität der Produzenten und Rezipienten eine Rolle, sondern ebenfalls auch finanzielle Profite der Kriegsindustrie, die mit Hollywood, Politik und Universitäten verflochten ist. So liefern die Medien in den zwei Jahrzehnten nach 9/11 eine klare Antwort: Der War on Terror sei sinnvoll und notwendig, denn „das Böse“ bedrohe die Gesellschaft permanent und müsse von Geheim-Organisationen wie der CIA bekämpft werden. Die Medien befeuern den War on Terror, die Gesellschaft befürwortet ihn daraufhin. Kriegsindustrie und National Security State weiten sich immer mehr aus. Neue US-Anschläge und Gegen-Anschläge sowie ein wachsender US-Geheimhaltungsstaat sind die Folge. So beginnt der soeben erläuterte Teufelskreis mit wachsender Intensität von vorne.

Es profitieren scheinbar alle: Kriegsindustrie, Politik, Medien, Hollywood – doch auf Kosten eines endlos weitergeführten War on Terror, begleitet von permanenter Terror- Angst in der Gesellschaft auf beiden Seiten des Krieges. Doch wer genau ist diese andere Seite, und was bewegt die Menschen dort zur Radikalisierung gegen die USA?

2.4 Blick auf die Realität: US-Drohnenkrieg

Während die fiktionalen Auseinandersetzungen mit dem War On Terror die US- amerikanische Seite ausführlich beleuchtet haben, blieb die andere Seite bisher weitgehend im Dunkeln. Was genau die Terroristen eigentlich antreibt, was ihre Motive sind, und ob die USA vielleicht sogar Schuld daran sein könnte, wurde von den TV- Produktionen in den ersten zehn Jahren nach 9/11 wenig beleuchtet. Wie im vorherigen Abschnitt erläutert wurde, wurden die Terroristen vereinfacht als „das Böse“ dargestellt, das es zu bekämpfen gilt, wodurch der von Bush und Obama geführte War on Terror weiter befeuert wurde. Doch entspricht das von den Medien vermittelte Feindbild wirklich der Realität, oder hat die andere Seite vielleicht auch ihre Motive? Welche Kriegsverbrechen begingen und begehen die USA in Ländern wie Afghanistan, Irak, Pakistan, Somalia, Syrien, Jemen und Libyen insbesondere durch Drohnenanschläge?

Das Wort „Anschläge“ ist hier bewusst gewählt, denn im Gegensatz zu einem Angriff erfasst ein Anschlag eine größere Gruppe von Menschen, unter ihnen oft auch unschuldige Zivilisten. Dies ist bei den Drohnenanschlägen der Fall. Es sind keine gezielten Attacken oder Angriffe auf einzelne Terroristen, sondern unpräzise Anschläge auf oft größere Menschenmengen, die potentiell (aber keinesfalls sicher) „militant“ sein könnten. Häufig findet sich auch die Bezeichnung „Drohnenterror“. Der Duden definiert Terror als „systematische Verbreitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen (besonders zur Erreichung politischer Ziele)“. Als nichts anderes erleben die Menschen in den betroffenen Ländern den US-Drohnenkrieg. „Für die Menschen in den betroffenen Regionen, seien es nun Afghanen, Jemeniten oder Somalier, werden all diese Dinge lediglich als eines betrachtet, nämlich als Terror. Sie unterscheiden nicht, ob ihre Familien durch Autobomben von al-Qaida oder durch Hellfire-Raketen einer Predator-Drohne getötet wurden“ (Feroz, 2017, S. 24).

Warum der US-Drohnenkrieg in diesen Ländern als Terror empfunden wird, soll im Folgenden erläutert werden. Hierfür wird der freie Journalist Emran Feroz referiert, der Autor des Buches „Tod per Knopfdruck – das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte“ (2017).

„Wer sind diese sogenannten Militanten? Wen bekämpfen sie? Diese Fragen werden weder gestellt noch beantwortet. In der Parallelwelt, die die Medien konstruieren, herrscht die Deutungshoheit des Weißen Hauses, der CIA und des Pentagons“ (Feroz, 2017, S. 180). Der freie Journalist Emran Feroz reiste in viele Kriegsregionen, um mit zivilen Opfern von US-Drohnenanschlägen und deren Angehörigen zu sprechen. 2013 gründete er das Drone Memorial, eine Internetseite für zivile Drohnenopfer. In seinem Buch „Tod per Knopfdruck – das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte“ erzählt er von den bewegenden und verstörenden Erfahrungen der Opfer. Feroz gibt den zivilen Drohnenopfern, die von westlichen Medien tot geschwiegen werden, als einer der ersten westlichen Journalisten eine öffentliche Stimme.

Diese Menschen erleben die USA als die „wahren Terroristen“. Die Drohnen surren über ihren Häusern, überwachen jeden ihrer Schritte und können jeden Moment zuschlagen (vgl. Feroz, 2017, S. 20). Risen (2015) beschreibt die Drohnen als „hoch fliegende, unbemannte Flugzeuge (...), die stundenlang über ihren Zielen kreisen, Fotos und Videos von Personen am Boden aufnehmen, ihre Unterhaltungen belauschen – und sie dann töten (Risen, S. 154). Bei den US-Drohnenanschlägen kommen zahlreiche zivile Opfer zu Tode, weil die Drohnenpiloten durch die unpräzise Technik bewaffnete Männer nicht gut genug von Zivilisten unterscheiden können. Friedliche Versammlungen werden bombardiert, oft sind Frauen und Kinder darunter.

Die fiktionalen Darstellungen in Homeland wie der US-Drohnenanschlag auf eine friedliche pakistanische Hochzeit, sind realen Ereignissen nachempfunden. Diese Kriegsverbrechen haben in den betroffenen Familien nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen zur Folge, sondern ziehen oft auch noch größeren Hunger und Armut nach sich, da die Familien ihren männlichen Haupternährer verloren haben und auf keine Sozialsysteme zurückgreifen können. Die Drohnen können unschuldige Familien plötzlich und, im wahrsten Sinne des Wortes, „aus heiterem Himmel“ attackieren. Die Menschen leben in ständiger Angst, von einer Drohne angegriffen zu werden – und erleben genau das als Terror. Viele Menschen in diesen Ländern trauen sich nicht mehr vor die Tür, beispielsweise zu öffentlichen Versammlungen, zu gehen. Zahlreiche tragische Beispiele in Feroz‘ Buch führen die verstörenden Familiengeschichten der Drohnenopfer vor Augen. „Menschen, die zu uns keinerlei Bezug haben und denen wir nichts angetan haben, wollen uns töten. Sie jagen uns und kontrollieren unser Leben per Fernsteuerung“, sagt beispielsweise Mohammad Kabeer, der Bruder eines Drohnenopfers (Feroz, 2017, S. 53). Er ist nur ein Beispiel von zahlreichen – über die genaue Anzahl der zivilen Drohnenopfer herrscht großes Schweigen. Eindeutige, transparente und verlässliche Zahlen existieren nicht, und groß angelegte Studien widersprechen öffentlichen Zahlenangaben der Politik.

Auf der anderen Seite der Drohne sitzen US-Drohnenpiloten am Joystick, die mittlerweile vom US-Militär sogar auf Computerspielmessen rekrutiert werden. „Wie in einem Computerspiel töten sie Menschen, die sich viele tausend Kilometer entfernt befinden, per Knopfdruck“ (Feroz, 2017, S. 10). Immer mehr US-Drohnenpiloten werden ausgebildet, die unbemannte Kriegsführung ist auf dem Vormarsch. Es werden heute von der US-Luftwaffe mehr Drohnenpiloten ausgebildet, als Piloten für bemannte Flugzeuge (Risen, 2015, S. 78). Die ständige Angst, in der die Menschen in den Kriegsgebieten vor den Drohnen haben, schlägt sich auch im Vokabular nieder: Vor allem der Name „Todesengel“ hat sich in diesen Ländern für die permanent surrenden Drohnen etabliert die über ihren Dächern fliegen (Feroz, 2017, S. 20). Vom US-Militär werden die beiden Hauptmodelle dagegen „Predator“ (dt. „Raubtier“) und „Reaper“ (dt. „Sensenmann“) genannt.

Journalisten und Aktivisten wagen sich aufgrund der Gefahr selten in diese Gegenden. Von den westlichen Medien werden die US-Kriegsverbrechen bis auf wenige Skandale, die an die Öffentlichkeit gelangen, weitgehend vertuscht. So kommt es, dass das Leid dieser Menschen in unserer Gesellschaft kaum gehört wird. In Zusammenarbeit mit den medialen Terror-Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte wird die andere Seite als „die Bösen“ wahrgenommen, ohne dass ihre Motivationsgründe unserer Gesellschaft bekannt sind. Doch wer von den US-Kriegsverbrechen weiß, dem erscheint die Rekrutierung junger Männer in den Kriegsgebieten und anderen arabischen Ländern nicht mehr so unverständlich. Für diese Männer sind die USA „die Bösen“. Je mehr Drohnenterror die USA in diesen Ländern begeht, desto mehr junge Männer radikalisieren sich und werden zu potentiell gefährlichen Terroristen. Der ewige Kreislauf von Terror und Gegenterror setzt sich fort.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Darstellung des US-Drohnenkriegs in der Fernsehserie "Homeland"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Jahr
2019
Seiten
32
Katalognummer
V492474
ISBN (eBook)
9783668969360
Sprache
Deutsch
Schlagworte
homeland, fernsehserienanalyse, serienanalyse, US-Serie, fernsehserie, tv, tv series, tv serie, claire danes, damian lewis, medienwissenschaft, journalismus, carrie mathison, nicholas brody
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Darstellung des US-Drohnenkriegs in der Fernsehserie "Homeland", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492474

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