In vorliegender Untersuchung sollen zwei Thesen der älteren Forschung zur Institutionalisierung im 12. und 13. Jahrhundert in England auf ihre Schlüssigkeit im Hinblick auf das recht umfangreiche Quellenmaterial überprüft werden. Zum einen ist es die „Rationalisierungsthese“, derer sich einige namhafte Historiker im Gefolge M. Webers angenommen haben, zum anderen eine „Mechanisierungsthese“, die von L. White, Jr. aufgestellt wurde. Erstere bezieht sich auf die soziologische Herrschaftstheorie, nach der sich aus willkürlichen Herrschaftsmodellen heraus der bürokratische Staat der Moderne entwickelt. Diese Entwicklung habe, so W. Stubbs, H. Mitteis u.a., in England bereits nach der normannischen Eroberung begonnen und sei in der Bildung von Institutionen wie im Grad der Verschriftlichung der Verwaltung nachweisbar. In der zweiten These, wird parallel dazu von einem planvollen Anwachsen technologischer Entwicklungen gesprochen, auf die eine ausgreifende Mechanisierung hinwiese.
Anhand der Rechnungsbücher Heinrichs III. und einiger Aspekte zu den Pipe Rolls der englischen Könige und dem Domesday-Book sollen hier die tatsächliche Aussagekraft des Materials und die Funktion des unabweisbaren „administrativen Luxus“ für die Positionierung der mittelalterlichen Herrschaftspraxis in England hinterfragt werden.
Die gemeinsame Untersuchung der beiden Aspekte, Verwaltung und Technologie, ist nicht ihren Inhalten geschuldet sondern der Tatsache, dass beide als Indikatoren für den Grad der Modernisierung gelten: Der Stand der Technik erscheint als Maß für das Verlassen des europäischen Mittelalters. Weil aber sowohl die administrativen Bedingungen wie auch die technischen Möglichkeiten in den genannten Quellen angesprochen und aus ihnen abgeleitet wurden und werden, müssen sie gemeinsam untersucht werden. Dabei spielt auch die Frage nach nicht ableitbaren Aussagen und nach dem einer These zugrundeliegenden Vorverständnisses eine Rolle. Es geht nicht vordergründig um eine qualitative Einschätzung der Potentialität administrativer und technologischer Möglichkeiten in England, sondern um ihre Funktion für die politische Praxis und die aus ihrer Aktualität ableitbaren Tendenzen.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II 2 Thesen: Rationalisierung und Mechanisierung
III Rechnungsbücher, Pipe Rolls und Praxiswissen: Die Schriftstücke und ihre Aussagen
IV Infragestellung: Tendenzen der Institutionalisierung
V Zusammenfassung
VI Quellen und Literatur
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz der Rationalisierungs- und Mechanisierungsthesen für das England des 12. und 13. Jahrhunderts, indem sie prüft, ob die Entwicklung von Verwaltungsstrukturen und technologischen Anwendungen tatsächlich als direkter Weg in eine moderne, rationale Herrschaftsform zu werten ist oder lediglich traditionelle Machtverhältnisse stützte.
- Überprüfung soziologischer und technikgeschichtlicher Thesen zur Modernisierung
- Analyse der Funktion von Rechnungsbüchern und Pipe Rolls in der Finanzverwaltung
- Untersuchung der Bedeutung administrativer Praktiken für die herrschaftliche Kontrolle
- Bewertung technologischer Entwicklungen im Kontext hochmittelalterlicher Infrastrukturprojekte
- Diskussion der Kontinuität personaler Herrschaft gegenüber bürokratischer Rationalisierung
Auszug aus dem Buch
III Rechnungsbücher, Pipe Rolls und Praxiswissen: Die Schriftstücke und ihre Aussagen
Aufgrund des insgesamt recht hohen Umfangs mittelalterlicher Archivalien in England ist es nicht verwunderlich, daß Niederschriften aus wirtschaftlichem Interesse hier schon sehr früh nachweisbar sind. Rechnungen, die das Bauwesen betreffen und Zeugnisse wirtschaftlicher Tätigkeit aus dem Umfeld der englischen Könige gibt es seit dem 12. Jahrhundert, sie nehmen seit der Regierung Heinrichs II. jedoch beträchtlich zu. Sind es zunächst zusammenfassende Berichte über die Ausgaben im Bausektor, so wird die Niederschrift bald immer detaillierter. Die hier vorgestellten Rechnungsbücher bilden nun die erste Sammlung kleinteiliger Nachweise über die königlichen Ausgaben auf diesem Gebiet. Die Rechnungsbücher Heinrichs III. betreffen vor allem Dover Castle, Winchester Castle und Westminster.
Daß sich gerade für diese drei Bauten so gutes Quellenmaterial findet, ist kein Zufall. Die beiden Burgen von Dover und Winchester zu restaurieren, war architektonische Hauptaufgabe der Regentschaft Heinrichs III. Sie waren im Zuge der Auseinandersetzungen mit Frankreich belagert worden. Die Restaurierung ging in Winchester einher mit dem Neubau der großen Halle; Dover sollte nahezu uneinnehmbar gestaltet werden. Diese Feste war vor allem dank des Einsatzes von Hubert de Burgh verteidigt worden und nun konnten die Erfahrungen der Belagerung in die Erneuerung der Anlage einbezogen werden. So wurde z.B. der unter Heinrich II. und Johann begonnene äußere Wall als zweiter Befestigungsring ausgebaut. Einzelleistungen wie spezielle Bauten, Erweiterungen usw. sind in den Rechnungsbüchern erwähnt, hier finden sich auch militärhistorisch bedeutsame Besonderheiten wie z.B. Tunnellösungen, um dem Feind in den Rücken zu fallen.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Die Einleitung umreißt die methodische Herangehensweise und stellt die zu prüfenden Thesen zur Institutionalisierung sowie den Fokus auf die Verwaltungs- und Technikgeschichte vor.
II 2 Thesen: Rationalisierung und Mechanisierung: Dieses Kapitel diskutiert die soziologischen und technikgeschichtlichen Interpretationsmuster, die das englische Hochmittelalter als Frühphase einer modernen bürokratischen und technologisch mechanisierten Gesellschaft deuten.
III Rechnungsbücher, Pipe Rolls und Praxiswissen: Die Schriftstücke und ihre Aussagen: Es wird die Qualität und Bedeutung des Quellenmaterials, insbesondere der Rechnungsbücher und Pipe Rolls, für die Analyse königlicher Ausgaben und der administrativen Leistungsfähigkeit untersucht.
IV Infragestellung: Tendenzen der Institutionalisierung: Das Kapitel hinterfragt kritisch, ob die nachweisbare Zunahme schriftlicher Dokumentation tatsächlich zu einer rationalisierten Herrschaft führte oder eher die traditionelle, personale Herrschaftspraxis festigte.
V Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung relativiert die eingangs vorgestellten Thesen und kommt zu dem Ergebnis, dass die administrativen und technischen Entwicklungen eher der Sicherung des bestehenden Gesellschaftsgefüges dienten.
VI Quellen und Literatur: Ein Verzeichnis der verwendeten Forschungsliteratur sowie der zeitgenössischen Quellen und Editionen.
Schlüsselwörter
England, Hochmittelalter, Verwaltungsgeschichte, Institutionalisierung, Rationalisierung, Mechanisierung, Pipe Rolls, Rechnungsbücher, Herrschaftspraxis, Finanzverwaltung, Technikgeschichte, Modernisierung, Heinrich III., Schatzmeister, Schriftlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die im England des 12. und 13. Jahrhunderts aufkommenden administrativen und technologischen Entwicklungen als Indikatoren für einen frühen Modernisierungsprozess im Sinne einer rationalisierten Herrschaft gewertet werden können.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Autor?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der königlichen Finanzverwaltung, die Rolle der Schriftlichkeit in der Verwaltung, die Funktion von Rechnungsbüchern bei Bauprojekten sowie die Einordnung technologischer Fortschritte, wie etwa des Mühlenwesens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die „Rationalisierungsthese“ nach Max Weber und die „Mechanisierungsthese“ nach Lynn White, Jr. an Hand des spezifischen englischen Quellenmaterials zu überprüfen und zu bewerten, ob diese Theorien die tatsächlichen historischen Entwicklungen der Zeit adäquat abbilden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine quellenkritische historische Analyse. Der Autor nutzt primäre Schriftquellen wie Pipe Rolls und königliche Rechnungsbücher, um die darin abgebildeten Verwaltungsvorgänge in den größeren Kontext der mittelalterlichen Herrschaftspraxis einzuordnen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse der Funktionsweise des Exchequers, die Dokumentation von Baumaßnahmen an Burgen und Westminster sowie die kritische Hinterfragung, ob die gestiegene Verschriftlichung tatsächlich eine Modernisierung oder lediglich eine Optimierung traditioneller, personaler Herrschaft darstellte.
Welche Schlagworte charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Untersuchung ist geprägt durch Begriffe wie Verwaltungsgeschichte, Institutionalisierung, mittelalterliche Herrschaftspraxis, Quellenauswertung und die kritische Distanz zu teleologischen Modernisierungstheorien.
Inwiefern beeinflusste die Abwesenheit des Königs die Verwaltung?
Da der König, insbesondere nach 1106, häufig abwesend war, gewann die Unabhängigkeit und Effizienz der im Mutterland verbliebenen Finanzverwaltung (Finanzhof/Exchequer) an entscheidender Bedeutung, um die königliche Autorität auch ohne direkte physische Präsenz zu sichern.
Warum kommt der Autor zu dem Schluss, dass keine Rationalisierung des Gemeinwesens vorlag?
Der Autor argumentiert, dass die quantitativen Zunahmen in der Verwaltung und die baulichen Errungenschaften primär der Stützung und Sicherung des traditionellen, personal legitimierten Herrschaftsraumes dienten, statt die bestehenden sozialen und politischen Strukturen grundlegend in Richtung Moderne aufzubrechen.
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- Axel Siegemund (Author), 2005, Administrative Rationalität und technologische Modernisierung? Ein Aspekt der Institutionalisierung im England des 12. und 13. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49263