Rote Karte für Rassismus, Homophobie, Rechtsextremismus und Hate Speech im Fußballbereich

Maßnahmen und Gegenstrategien für Vereine, Verbände und die Pädagogik


Fachbuch, 2019
172 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 Rassismus – Eine perfide Alltagswaffe im Internet

2 Theoretischer Rahmen des gegenwärtigen Rassismus
2.1 Vielfalt von Rassismusdefinitionen
2.2 Historische Betrachtung der Entwicklung des Rassismusbegriffs
2.3 Formen von Rassismus
2.4 Ursachen von Rassismus
2.5 Vorurteil als Grundlage der rassistischen Handlungs- und Denkweise
2.6 Begriffsabgrenzung

3 Rassismus und Fußball (-sport)
3.1 Fankulturen – Vom Kutten bis zum Hooligan
3.2 Rassismus, Rechtsextremismus, Hass und Gewalt im Fußballumfeld

4 Grundlagen des Internets
4.1 Die historische Entwicklung des Internets
4.2 Soziale Medien und Facebook
4.3 Internet und Fußball
4.4 Theoretische Grundlage zur sozialen Umgebung im Internet
4.5 Hass als Instrument im Netz
4.6 Rassismus, Rechtsextremismus und Hass im Internet

5 Strategien gegen Rassismus im Fußballbereich und im Internet
5.1 Maßnahmen gegen Rassismus im Fußballbereich
5.2 Spezielle Bestimmungen für den Bereich des Internets
5.3 Strafrechtliche Maßnahmen und rechtliche Gesetze

6 Methode
6.1 Forschungsfragen
6.2 Vorstellung der Untersuchungsmethode
6.3 Untersuchungsmaterial
6.4 Theoriegeleitete Kategorienbildung

7 Auswertung der Kategorien
7.1 Bereich Fußball
7.2 Bereich Internet

8 Diskussion der Ergebnisse
8.1 Hauptkategorie Formales
8.2 Hauptkategorie Gestaltung
8.3 Hauptkategorie Hintergrund
8.4 Hauptkategorie Inhalt

9 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Codebuch

Leitfaden
Inhaltsverzeichnis
Gemeinsam gegen Rassismus – Das Vorwort
Was ist Rassismus? Eine Definition
Was ist Rechtsextremismus? Eine Definition
Was ist Hate-Speech? Eine Definition
Wieso kommt es im Internet zu Hassreden?
Fußballfankulturen – woher kommt der Hass bei den Fans?
Rote Karte gegen Rassismus! Präventionsmaßnahmen im Fußballbereich
FARE 5-PUNKTE-PLAN
Rote Karte gegen Rassismus! Gegenstrategien für das Internet
Rechtliche Bestimmungen im Umgang mit Hassrede
Literaturübersicht

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Impressum:

Copyright © Science Factory 2019

Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München

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Covergestaltung: GRIN Publishing GmbH

Ja zu Integration, Vielfalt & Toleranz!

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Achte auf deine Mitmenschen!

Achte auf deine Aussprache! Achte auf deine Wortwahl!

Unterstütze die Bedürftigen!

Unterstütze jeden Menschen, der Opfer von anderen wird!

Unterstütze diejenigen, die es verdient haben!

Bringe ein Lächeln dorthin, wo es hingehört – zu den Menschen!

Zu allen Menschen!

Jeder verdient es, lachen zu dürfen! J

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Alltagsrassismus

Abb. 2: Das Extremismus-Modell des Verfassungsschutzes

Abb. 3: Klassifikation von Sanktionsmethoden in Chat-Foren

Abb. 4: Qualitative Inhaltsanalyse – Analysetechnik: Zusammenfassung

Tab. 1: Reaktionsmöglichkeiten

1 Rassismus – Eine perfide Alltagswaffe im Internet

„Reconquista Internet – Sieht aus wie Satire, ist aber Aktivismus“ (Süddeutsche, 2018) oder „Reconquista Internet – Aktion gegen Hass im Netz“ (Tagesschau, 2018) sind Artikelüberschriften mit denen Nutzer1 in den letzten Monaten häufig konfrontiert wurden. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff ‚Reconquista Internet‘, der sich im Jahr 2018 so rasant in den sozialen Medien verbreitete? Es bedeutet so viel wie „Rückeroberung des Internets“ und ist eine Bürgerrechtsbewegung des Moderators und Satirikers Jan Böhmermann, an der sich mittlerweile über 53.000 Menschen beteiligen (Tagesschau, 2018). Das Konzept der Bewegung hat das Ziel den hasserfüllten, beleidigenden und rassistischen Aktionen im Internet mit Vernunft und Anstand entgegen zu wirken. Es ist somit der Gegenentwurf zu „Reconquista Germanica“ – ein Netzwerk von Rechtsradikalen, die möglichst viel Hass im Internet verbreiten möchten und damit die gesellschaftliche Stimmung zu ihren Gunsten beeinflussen wollen (Tagesschau, 2018). Diverse Handlungen von „Reconquista Germanica“ richten sich gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie gegen etablierte Medien oder Geflüchtete (Tagesschau, 2018). Die aufgeführte Bewegung ist nur ein Beispiel von vielen wie gegen Hass und Rassismus im Internet vorgegangen werden kann.

Wurden früher rassistische Kommentare per Face-to-Face, über Telefonanarufe oder per Briefpost kommuniziert, so bietet heutzutage das Internet die perfekte Plattform für jeglichen Hassinhalt. Im Internet, vor allem in den sozialen Medien wie den Plattformen Facebook, Twitter oder Instagram, kommt es immer häufiger zu hasserfüllten, beleidigenden oder rassistischen Kommentaren durch einzelne Nutzer. Denn es besteht eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Erstellung von Kommentaren im digitalen Raum. Die Schnelligkeit und die kostenlose Verbreitung von Hassnachrichten spielen neben der Anonymität hinsichtlich des digitalen Auftretens eine entscheidende Rolle.

Das weltweit größte soziale Netzwerk Facebook Inc. verbucht monatlich ca. 30 Mio. Nutzer, welche im ständigen Austausch miteinander stehen und sowohl öffentlich als auch im privaten Chat ihre Meinung kundgeben können (Stand: Mai 2017; Statista Facebook, 2017). So bietet das Internet durch die Vernetzung und den Informationsaustausch eine gute Grundlage für bestimmte Szenen und Phänomene wie Rassismus, Rechtsextremismus oder Antisemitismus. Dabei werden nicht nur einzelne Privatpersonen immer wieder Opfer von rassistischen Posts oder Kommentaren, sondern auch ganze Institutionen und Unternehmen. Auch Bundesligavereine wie beispielsweise der Berliner Fußballverein Hertha BSC werden immer häufiger im Internet mit Rassismus konfrontiert. Vor allem auf der medialen Plattform Facebook finden sich viele rassistische, antisemitistische und homophobe Kommentare.

Wagner und Farhan (2008) betonen, dass „Fremdenfeindlichkeit, diskriminierendes Verhalten gegenüber Minderheiten und gruppenbezogene Gewalt […] von vielen als gesellschaftliche Probleme angesehen“ werden, welche es zu beseitigen oder mindestens zu verringern gibt (S.273). Doch wie soll ein Unternehmen wie beispielsweise Hertha BSC mit diesen negativen Kommentaren im Internet bzw. auf Facebook umgehen? Soll der Inhalt gelöscht und ignoriert werden oder sollen bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, um dem Rassismus entgegenzuwirken? Rieker (2009) stellt dabei fest, dass die Auseinandersetzung beispielsweise mit Rechtsextremismus in Deutschland in den Parlamenten, Strafverfolgungsbehörden und Medien dadurch gekennzeichnet ist, dass Akteure über unzureichende Qualifikationen oder Kenntnisse im Umgang mit rechtsextremen Personen, Aktivitäten oder Organisationen verfügen und demnach die inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen und ihren Protagonisten kaum stattfinden kann (S.23).

Auch wenn die Betreiber von Internet-Plattformen seit dem Inkrafttreten des Netzwerkdurchsuchungsgesetzes im Jahr 2017 dazu verpflichtet sind, hetzerische und strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach dem Eingang der Beschwerde zu löschen, kann nicht alles verboten werden – andersherum werden Inhalte gelöscht, die eventuell gar nicht gelöscht werden müssen, wodurch Einschnitte in die Informations- und Meinungsfreiheit gemacht werden. So warnt Alexander Sander von der Digitalen Gesellschaft vor einem Overblocking, „dass hier eben Inhalte aus dem Netz verschwinden, weil die Unternehmen sagen, vielleicht ist es hier ein rechtswidriger Inhalt, und bevor wir eine Strafe zahlen, löschen wir lieber, und hier drohen eben Einschnitte bei der Meinungsfreiheit“ (BR, 2017). So müssen sich Unternehmen in diesem Zusammenhang die Fragen stellen: Wann sind Kommentare bzw. Inhalte rechtswidrig und wann nicht? Demnach ist und bleibt der Umgang mit Rassismus und hasserfüllten Inhalten eine zentrale Herausforderung für die heutige Gesellschaft, denn das Internet kennt keine Grenzen. Laut der Studie „Zahlen zu Rechtsextremismus online 2016“ von ‚jugendschutz.net‘ waren 1.678 Angebote mit Jugendschutzverstößen im Jahr 2016 registriert, davon 51% mit volksverhetzendem Inhalt. Zudem sind 98% von diesen Inhalten auf sozialen Medien zu finden, davon 52% bei Facebook (Jugendschutz, 2017).

Die zentrale Frage beschäftigt sich auch zukünftig damit, ab welcher Szenerie die Grenze zwischen aktivem Entgegenwirken von hasserfüllten Nachrichten auf sozialen Plattformen einerseits und der zulässigen Meinungs- und Informationsfreiheit andererseits, gezogen werden muss. Die Flut der Nachrichten macht zwar eine vollständige Bestandsaufnahme unmöglich und die komplexe Rechtslage und technischen Gegebenheiten erschweren den Umgang mit Diskriminierung im Internet, folgenlos bleiben diese diskriminierenden Kommentare aber dennoch nicht. Rassismus ist ein drängendes Problem, welches das Zusammenleben von Personen unterschiedlicher Herkunft auf institutioneller Ebene oder im Alltag beeinträchtig und dabei emanzipatorische Konzepte des gesellschaftlichen Umgangs immer wieder weit zurückwirft (Jäger & Kauffmann, 2012, S.5). Dabei betont Pilz (2008) jedoch, dass dies kein Problem der Ränder der Gesellschaft ist, sondern schon längst die Mitte erreicht hat (S.16). Daher erfordert das komplexe Problem Rassismus vielseitige Maßnahmen der Gegensteuerung. Doch wo fängt rassistisches Denken und Handeln an? Und in welchem Ausmaß greifen rassistische Handlungs- und Denkweisen auch Menschen im Internet an?

Anhand der Erkenntnisse stellt sich die konkrete forschungsleitende Frage der Arbeit:

Welche Maßnahmen und Gegenstrategien sollen Vereine, Verbände und die Pädagogik ergreifen, um rassistischen Online-Kommentaren im Fußballbereich entgegenzuwirken?

In Anlehnung an die zentrale Forschungsfrage werden zudem eine Reihe von weiteren Fragestellungen abgeleitet, auf die diese Arbeit Antworten geben soll:

- Was wird unter Rassismus verstanden? Was sind die Ursachen von Rassismus?
- Wie sind die Entwicklungen in den letzten Jahren bezüglich Rassismus im Internet verlaufen?
- Welche Präventionen gegen Rassismus im Fußballbereich sind entwickelt worden?
- Wie können Fans in die Umsetzung von Gegenstrategien mit einbezogen werden?
- Welche Bestimmungen gibt es bezüglich des rassistischen Inhalts im Internet?
- Wie ist ein Leitfaden aufgebaut bzw. welchen Inhalt transportiert dieser damit er zum Umgang mit Rassismus aufklärt?

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Untersuchung von rassistischen Vorkommnissen im Internet in Bezug auf den Fußballsport und auf die Prävention gegen dieses Phänomen. Das Hauptziel der vorliegenden Masterarbeit ist durch Literatur- und Internetrecherche und anhand der Untersuchung von aktuellen Entwicklungen in Bezug auf Rassismus im Fußballbereich und im Internet, Gegenstrategien aufzuzeigen und auf der Basis der Inhaltsanalyse von Leitfäden, die sich mit dem Umgang von Rassismus im Internet sowie im Fußball beschäftigen, einen eigenen Leitfaden zu entwickeln. Diese Arbeit richtet sich in erster Linie an Fußballvereine, die gegen das Problem Rassismus im Internet vorgehen möchten.

Um die Forschungsfrage zu beantworten, wird die Arbeit in zwei große Abschnitte gegliedert – einen theoretischen und einen praktischen Teil. So werden im zweiten, dritten und vierten Kapitel die Grundlagen für die Arbeit geschaffen und durch eine Literaturanalyse von relevanten Fachliteraturen sowie Studien, ein Überblick über das Thema Rassismus, den Ursachen und Formen von Rassismus sowie über die Fankultur des Fußballs und rassistische Vorkommnisse im Fußballbereich gegeben. Des Weiteren wird in Kapitel 4 auf die Geschichte des Internets sowie die theoretischen Grundlagen zum sozialen Umgang im Netz eingegangen. In diesem Teil der Arbeit liegt ebenfalls ein Augenmerk auf Rassismus im Internet. Der darauffolgende Teil der Arbeit (Kapitel 5) beschäftigt sich mit ersten Präventionsmaßnahmen gegen Rassismus im Fußballbereich und im Internet. Anschließend wird das methodische Vorgehen der Analyse erläutert. Die Auswertung des Materials erfolgt über die detaillierte Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring, in der relevante Merkmale des Leitfadens bezüglich des Umgangs mit Rassismus untersucht werden. Der Theorieteil wird anschließend für die Bewertung der darauffolgenden Untersuchungsergebnisse hinzugezogen, die in den Kapiteln 7 und 8 erläutert und zusammengefasst werden. Im Fazit wird aus den Analyseergebnissen und Interpretationen eine Schlussfolgerung gezogen und ein Ausblick für weitere Forschungsmöglichkeiten gegeben.

Bezüglich des wissenschaftlichen Forschungsstands zeigt sich, dass eine Bandbreite an literaturwissenschaftlichen Werken zum Thema Rassismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit existieren. Auch der Themenbereich Fußball in Bezug auf Rassismus wurde zunehmend behandelt und thematisiert. Auf dieser Grundlage wurden bereits diverse pädagogische Konzepte und wissenschaftliche Erklärungsansätze im Zusammenhang mit der Jugendarbeit entwickelt. Auch unterschiedliche Studien zum Thema Rassismus wurden durchgeführt. Unter anderem die Studie „Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen“ aus dem Jahr 2016, die einen Überblick über menschenfeindliche Einstellungen in Deutschland gibt (Transfer für Bildung, 2018). Auch jugendschutz.net zeigt die Entwicklungen im Bereich des Rechtsextremismus online auf und informiert über Maßnahmen. Eine Studie, die häufig in literarischen Werken vorkommt, ist die Metastudie „Die Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball – Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Reaktion“ von Pilz, Wölki, Klose, Steffan, Behn und Schwenzer, die sich seit dem Jahr 2004 mit der Entwicklung der Fußballfanszene befasst haben. Ein Ziel der Studie ist es die Kultur und Verhaltensweisen der Ultras2 zu verstehen, um eine Grundlage für die Präventionsarbeit auf Seiten der Vereine, Fanprojekte, Verbände und der Polizei zu schaffen, damit diese angemessener auf die Bedürfnisse der Fanszenen eingehen können und die Möglichkeit haben, auf Fehlentwicklungen besser reagieren zu können (Pilz et al., 2006, S.12). Ein Fokus liegt zudem auf dem fremdenfeindlichen, rassistischen und rechtsextremen Verhalten der Zuschauer. Die Themenbereiche Rassismus im Internet und in sozialen Netzwerken sowie Hate Speech sind jedoch noch junge Forschungsfelder, die es hinsichtlich der Maßnahmen und Vorgehensweisen gegen Rassismus und Hass im Internet zu untersuchen bedarf. Allerdings gibt es viele Internetseiten, die sich bereits mit Hasskommentaren im Internet beschäftigen und Präventionsmaßnahmen sowie Gegenstrategien aufzeigen. Vor allem die ‚Amadeu Antonio Stiftung‘ hat in diesem Bereich eine Vielzahl an unterschiedlichen Borschüren und Publikationen veröffentlicht.

2 Theoretischer Rahmen des gegenwärtigen Rassismus

Kaum ein anderes Feld wissenschaftlicher Arbeit ist komplizierter, verwirrender und belasteter als jenes des Rassismus. (Terkessidis, 1998, S.255).

Dieses Zitat betont die Relevanz des folgenden Kapitels und unterstreicht die Wichtigkeit der Definition von Rassismus. Zunächst wird sich dem Begriff ‚Rassismus‘ mit seinen vielzähligen und unterschiedlichen Definitionen, Theorien und Ursachen genähert, um einen überschaubaren Blick auf dieses Themengebiet zu erlangen und Rassismus kritisch zu begreifen. Aufgrund der vielseitigen Erscheinungsformen kann dieses Phänomen nicht eindimensional erklärt werden und somit werden unterschiedliche Erklärungsansätze hinzugezogen.

2.1 Vielfalt von Rassismusdefinitionen

Kein vergleichbares ideologisches Konstrukt über Gruppen hat in der Menschheitsgeschichte so viele Opfer gefordert wie jenes der Rasse, das den Rassismus begründet. (Zick & Küpper, 2008, S.111)

Bereits im 18. Jahrhundert wurden wissenschaftliche Theorien zur Rasse entwickelt und bis heute bietet der Rassismus eine Grundlage für Diskriminierung und Ausgrenzung (Zick & Küpper, 2008, S.111). In der Literatur und der Wissenschaft befinden sich bezüglich der Definitionen und der Formen von Rassismus unterschiedliche Herangehensweisen und Perspektiven. Es lässt sich feststellen, dass es keine allgemein anerkannte Definition und Theorie von Rassismus gibt und je nach wissenschaftlichem Ansatz und Kontext der Rassismus unterschiedlich gedeutet und definiert wird.

Laut Scharathow (2011) lässt sich jedoch „als Konsens bezüglich einer Definition dessen, was Rassismus ist (…), formulieren, dass Rassismus als machtvolles System von Diskursen und Praxen der Unterscheidung beschrieben werden kann, mit welchen Ungleichbehandlungen und hegemoniale Machtverhältnisse legitimiert werden sollen“ (S.13). Wird die Definition von Zick und Küpper (2008) hinzugezogen, ist „Rassismus ein extremes Vorurteil im Sinne einer Abwertung von Menschen nach (quasi-) biologischen bzw. naturwissenschaftlichen Kriterien“ (S.111). Guillaumin (2000) führt bezüglich seiner Rassismus-Definition auf, dass Rassismus tagtäglich eingreift und im Alltag stattfindet – sei es auf der Straße, der Arbeit, in Institutionen oder in sozialen Beziehungen. Zudem ist Rassismus als praktische Haltung ebenfalls „(…) ein politisches Projekt in den Programmen und Reden der fremdenfeindlichen, sexistischen oder rassistischen Parteien, deren propagandistische Bemühung sich auf eine Gesellschaft der Familie, der ‚nationalen Reinheit‘, der Ordnung usw. richten“ (S.40). Heitmeyer (2005) betont, dass unter Rassismus die Abwertung von Menschengruppen aufgrund von kulturellen oder biologischen Unterschieden zu verstehen ist und damit die Höherwertigkeit der eigenen Gruppe hervorgehoben wird (S.15).

Im Zusammenhang mit Rassismus wird von vielen Wissenschaftlern auch der Begriff ‚Rasse‘ benutzt – diese beiden Begriffe sind eng miteinander verknüpft. Das Phänomen der ‚Rasse‘ ist jedoch in den Natur- und Humanwissenschaften als widerlegt angesehen, da mit der modernen Genetik bewiesen wurde, dass einerseits „(…) zwischen der genetischen Ausstattung eines Menschen und seinen Handlungspraxen kein Zusammenhang besteht. Zum anderen wurde nachgewiesen, dass die genetischen Unterschiede zwischen Menschen innerhalb von derartigen konstruierten ‚Rassen‘ häufig wesentlich größer sind als zwischen vorher definierten und separierten ‚Rassen‘ untereinander“ (Melter, 2006, S.18). Auch Hall (2000) erklärt in seiner Theorie zu Rassismus, dass ‚Rasse‘ nicht existiert, jedoch Rassismus in sozialen Praxen produziert werden kann (S.7). Diese Aussage Halls knüpft an Balibar an, der Rassismus als ‚Rassismus ohne Rasse‘ bezeichnet. Nach Balibar (1990a) hat sich der Rassismus aus Wanderungsprozessen herauskristallisiert und im Vordergrund stehen nicht die biologischen Merkmale, sondern die Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenzen (S.28). Für Balibar (1990a) ist Rassismus somit ein ‚totales soziales Phänomen‘, das sich in gesellschaftlichen Diskursen, Vorstellungen und Praxisformen – die sich durch Gewaltanwendung, Intoleranz, Missachtung, Erniedrigung und Ausbeutung zeigen – widerspiegelt (S.23-24). Laut Hall (1994) ist Rassismus jedoch auch als Abstraktion zu sehen, welche hilft, „(…) diejenigen sozialen Phänomene, die auf der Basis rassistischer (biologischer und sozialer) Zuschreibungen verschiedene soziale Gruppen und Klassen positionieren, von anderen Systemen mit ähnlicher sozialer Funktion zu unterscheiden“ (S.127). Er richtet sich entgegen der Annahme, dass Rassismus außerhalb des historisch-spezifischen Rahmens ein statisches Phänomen sei (Hall, 1994, S.128). Hall betont in seiner Theorie zum Rassismus somit, dass Rassismus in verschiedenen epochalen Kontexten auch unterschiedlich gedeutet werden muss. Weiterhin greift Hall (2000) in seiner Definition von Rassismus die soziale Ausschließungspraxis auf, nach welcher sowohl kulturelle als auch körperliche Merkmale zur Klassifizierung und Abwertung von bestimmten Bevölkerungsgruppen benutzt werden (S.7-16).

Buderus (2002) führt an, dass die Individuen, deren Charakter vor allem durch die autoritäre Beschaffenheit des Staates verformt worden ist, die Welt in zwei Hälften einteilen und

(…) ordnen die Anderen entweder der starken Eigen- oder der schwachen Fremdgruppe zu. Aus dieser Weltsicht resultieren folgende Symptome: Ablehnung des Fremden, Ethnozentrismus, Aggressionen gegen Personen, die sich traditionellen Werten widersetzen; Ablehnung des Schwachen, Überbetonung der eigenen (männlichen) Härte; Ablehnung von Selbstkritik und Intellektualität. (S.52)

Für Zerger (1997) ist der Kern der ‚Rassen‘-Theorien „(…) die Einteilung der Menschheit auf der Basis des Abstammungsgedankens in Gruppen anzusehen, denen kollektive Eigenschaften zugeschrieben werden, die als weitgehend stabil verstanden und in bestimmte Weise bewertet werden“ (S.72). Dabei führt Zerger (1997) fünf Kernelemente auf, die der Theorien zugrunde liegen:

- die als ‚Rassen‘-Konstruktion bezeichnete Einteilung der Menschheit in Gruppen,
- die als Abstammungs-oder Herkunftsgemeinschaft gefasst und
- denen bestimmte kollektive Merkmale zugeschrieben werden,
- welche als nicht oder nur schwer veränderlich angesehen werden
- und einer (expliziten oder impliziten Wertung unterzogen werden. (S.73)

Bei der Literaturrecherche zum Thema Rassismus sind oft die Autoren Albert Memmi und Robert Miles von anderen Autoren aufgegriffen worden, weshalb diese nun differenziert betrachtet und kurz ihre Definitionen von Rassismus beleuchtet werden.

Miles (1991), der die Rassismusforschung Ende des 20. Jahrhunderts geprägt hat, konzentriert sich in erster Linie in seiner Definition von Rassismus „(…) auf die Darstellungsformen, in denen die westliche Welt sich ihr Bild von anderen Bevölkerungen gestaltete“ (S.19). Dabei führt er zunächst auf, dass die Produktion von Darstellungsformen des Anderen – „(…) d.h. von Bildern und Vorstellungen, die, gemessen am je eigenen Selbst und dem Anderen, in der die dem Anderen zugeschriebenen Charakterzüge eine Widerspiegelungsform entgegen gesetzter Charakterzüge des eigenen Selbst (und umgekehrt) darstellen“ – durch die Migrationsbewegung, die seit Jahrtausenden durch Produktion, Kriegsführung und Handel von statten geht, entstanden ist (Miles, 1991, S.19). Bei der Darstellung des Anderen geht eine Ein- und Ausgrenzung einher, wobei eine starke Aufmerksamkeit vor allem auf der Hautfarbe liegt. Dies wird bereits im 18. Jahrhundert deutlich als Europäer die Afrikaner als ‚schwarz‘ und ‚wild‘ bezeichnen und sie somit aus ihrer Welt ausgrenzen und sich parallel dazu als ‚weiß‘ und ‚zivilisiert‘ definieren (Miles, 1991, S.53). Miles nimmt zudem Halls Betrachtungsweise an und hebt hervor, dass es wichtig ist, Merkmale zu beschreiben, die eine Ideologie des Rassismus erkennen lassen. Miles (1991) betont weiter, dass es ‚transhistorische Merkmale‘ geben muss, „(…) wodurch die unterschiedlichen Rassismen als Beispiele einer bestimmten Form von Ideologie greifbar werden, damit sie von anderen Ideologien wie etwa der des Nationalismus und des Sexismus abgehoben werden kann (…)“ (S.87). Ein wichtiger Bestandteil der Theorie von Miles (1991) ist die ‚Rassenkonstruktion‘, die gesellschaftliche Konstruktionen beschreibt, bei denen „(…) Beziehungen zwischen Menschen durch die Bedeutungskonstruktion biologischer Merkmale dergestalt strukturiert werden, dass sie differenzierte gesellschaftliche Gruppen definieren und konstruieren“ (S.100). Dabei betont er jedoch, dass die Merkmale geschichtlich variabel sind und es keine rein sichtbaren Eigenschaften sein müssen, die die Gruppe definieren (Miles, 1991, S.100-101). Zusammenfassend erklärt der Autor, dass die ‚Rassenkonstruktion‘ ein dialektischer Prozess ist, mit dem bestimmte biologische Merkmale von Menschen eine Bedeutung beigemessen werden, um dadurch Individuen zu kategorisieren und Gruppen zuzuordnen (Miles, 1991, S.102).

Eine weitere Definition, die häufig in der Literatur verwendet wird, ist von Albert Memmi (1987): „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“ (S.103). Memmi (1987) betont, dass für ihn der biologische Ansichtspunkt nicht das Zentrale am Rassismus ist und lediglich als Vorwand dient (S.95). Dennoch führt er auf, dass es den Rassisten gibt, der unter dem Einwand von biologischen Unterschieden wie der Farbe der Haut, der Zusammensetzung des Blutes oder der Kopfform den jeweils anderen unterdrückt und daraus seinen eigenen Nutzen zieht (Memmi, 1987, S.97). Dabei betont er, dass der Rassist davon ausgeht, dass diese Unterschiede sich zu schlüssigen Bündeln zusammenfassen lassen, die er dann als ‚Rassen‘ bezeichnet – „(…) die unreine und hassenswerte Rasse des anderen und die eigene, reine und bewundernswerte (…)“ (Memmi, 1987, S.97). Dies wird dadurch ergänzt, dass der Rassist denkt, dass seine Welt die gute und die des anderen die böse Welt ist und er sich somit gegen das Böse schützen muss (Memmi, 1987, S.99). Laut Memmi (1987) enthält der Rassismus somit Merkmale wie: „Herrschaft und Unterwerfung, Aggression und Angst, Ungerechtigkeit und Verteidigung von Privilegien, die Rechtfertigung des Herrschenden und seine Selbstbeschwichtigung, den Mythos und das negative Bild des Beherrschten und schließlich die Zerstörung, die Vernichtung des Opfers zum Vorteil seines Peinigers“ (S.96). Zudem betont er, dass sich der Rassismus erst im gesellschaftlichen und sozialen Kontext voll entfalten kann (Memmi, 1987, S.100).

Rassismus lässt sich in Anlehnung an Arndt (2012) somit als ein übergreifendes rassialisierendes Diskriminierungsmuster verstehen, das teilweise abweichende, aber auch historisch verschränkende Diskriminierungsgeschichten vereint (S.223). So kann Rassismus „(…) nicht in erster Linie als institutionelles oder gesellschaftliches Problem, sondern als eine Angelegenheit von Vorurteilen und Intoleranz“ gesehen werden (Holzkamp, 1994, S.9).

In Anlehnung an Rommelspacher (2009) lässt sich somit festhalten, dass in Verbindung mit Rassismus folgende Merkmale stehen:

- Naturalisierung (soziale und kulturelle Differenzen werden naturalisiert und soziale Beziehung zwischen Menschen als vererbbar verstanden)
- Homogenisierung (Einteilung in homogene Gruppen)
- Polarisierung (die Anderen vs. Wir)
- Hierarchisierung (Rangordnung) (S.29).

Es zeigt sich, dass in der Wissenschaft bewiesen wurde, dass es die ‚Rasse‘ nicht gibt, dennoch findet Rassismus in Anlehnung an biologischen Merkmalen statt und es kommt zu einer Konstruktion des Anderen, also die Einteilung der Welt in binäre Gegensätze und dadurch zu einer Hierarchisierung. ‚Rassen‘ werden jedoch nicht nur durch äußerliche Merkmale konstruiert, sondern auch wegen der angenommenen kulturellen, ethnischen oder religiösen Eigenschaften. Ein Augenmerk muss allerdings auch daraufgelegt werden, in welchem geschichtlichen Zusammenhang der Rassismus jeweils vorkommt.

2.2 Historische Betrachtung der Entwicklung des Rassismusbegriffs

Für die Auseinandersetzung mit dem Begriff Rassismus ist es ebenfalls wichtig den historischen Kontext zu beachten, da es laut Glanninger (2009) eine „(…) Unterscheidung zu treffen gibt zwischen den Rassismusformen des angloamerikanischen Raums, die aus ihren kolonialen Entwicklungsgeschichte heraus zu begreifen sind, was zum Teil für Westeuropa gilt, und dem Rassismus in Mittel- und Osteuropa, der auf einer über Jahrhunderte tradierte Judenfeindschaft basiert“ (S.19). Auch Hall (2000) betont, dass der Rassismus-Begriff historisch spezifisch ist, in Anlehnung an die jeweilige Epoche, der Kultur und der Gesellschaft, in der er auftritt (S.11). Bei der Begründung, Untersuchung und Analyse von Rassismus ist es somit auch notwendig, die entsprechenden kulturellen, historischen und politischen Zusammenhänge miteinzubeziehen, denn Rassismus ist zwar ein universelles Problem, jedoch ebenfalls veränderbar, da es sich in Anlehnung an die historischen und spezifischen Zusammenhänge unterschiedlich entwickelt. Auch wenn sich der Begriff Rassismus erst im 20. Jahrhundert verfestigte, findet der Begriff ‚Rasse‘ schon Jahrhunderte vorher Anwendung (Zerger, 1997, S.13). Er stammt aus dem 15. Jahrhundert und leitet sich von dem lateinischen Wort ‚ratio‘ ab, das chronologische Ordnung bedeutet. Der Begriff ‚Rasse‘, der ursprünglich aus der Tierzucht kommt und erst im 17. Jahrhundert für die Menschen benutzt wurde, ist laut Memmi (1987) der Zusammenschluss von psychologischen und biologischen Eigenschaften, die Vorfahren und Nachkommen eines Stammes innehaben (S.152). Der Begriff ‚Rassismus‘ wurde 1933/34 zum ersten Mal von dem Sexualforscher und Publizist Magnus Hirschfeld in der Literatur verwendet (Arndt, 2017, S.30).

Historisch ist Rassismus eng mit dem Kolonialismus verknüpft (Zerger, 1997, S.131). Der Kolonialismus diente unter anderem als Ausgangspunkt des Sklavenhandels zwischen Europa, Afrika und Nordamerika sowie als Grundlage der Etablierung einer ‚Rassengesellschaft‘ mit der Hautfarbe als Klassifikationsmerkmal (Koller, 2009, S.20). Balibar (1990b) verweist darauf, dass der Begriff ‚Rasse‘ dem Erbadel diente, um sich im Vergleich zu den Sklaven als höherwertige ‚Rasse‘ zu positionieren (S.251). Demnach zeigt der Sklavenhandel einen Zusammenhang mit den ersten Versuchen auf, den Rassismus biologisch zu erklären (Memmi, 1987, S.152). Somit ist Rassismus eng mit verschiedenen Formen von Herrschaft und Unterdrückung gekoppelt. Zudem fand der Begriff ‚Rasse‘ Verwendung bei der nazistischen Theorie der ‚arischen‘ Höherwertigkeit und der jüdischen Minderwertigkeit (Miles,1991, S.93). Die Arier, zu denen sich die Deutschen zählten, fühlten sich gegenüber anderen ‚Rassen‘ wie die Juden überlegener. Räthzel (2004) betont daher, dass „(…) sich zwei Schulen von Rassismustheorien unterscheiden (die sich gleichwohl aufeinander beziehen): diejenigen, die sich auf den sogenannten wissenschaftlichen Rassismus des 19. Jahrhunderts und auf dessen Ausformulierung im faschistischen Deutschland beziehen, und diejenigen, deren Bezugspunkt Kolonialismus und Sklavenhandel sind“ (S.276). Dementsprechend gibt es den klassischen Rassismus, der eine Unterscheidung zwischen der ‚weißen‘ Rasse und den ‚schwarzen‘, ‚roten‘ und ‚gelben‘ Rasse macht und dem so genannten Neo-Rassismus bzw. Kulturrassismus, der zwischen ‚höher- bzw. minderwertiger‘ Kulturen und somit zwischen ‚Ariern‘ und ‚Juden‘ unterscheidet (Fereidooni & El, 2017, S. 15).

Auch in Deutschland gehört das Modell der Rasse zu den immerwährenden Kontinuitäten – so ‚überlebte‘ das Rassen-Paradigma die verschiedenen politischen Systemwechsel der Jahre 1918, 1933, 1945/49 und 1989/90 hinweg. In Deutschland hat sich erst seit den 1980er Jahren eine Rassismusforschung herauskristallisiert, um substantiell gegen Rassismus auf unterschiedlichen Ebenen vorzugehen, mit dem Ziel „(…) das Wirken ausgrenzender Diskurse in der Gesellschaft zu analysieren und offenzulegen“ (Jäger & Kauffmann, 2012, S.5). Jäger und Kauffmann (2012) ergänzen, dass in den letzten 30 Jahren unterschiedliche Begriffe, Theorien und Methoden zur Untersuchung rassistischer Diskurse entstanden sind, die sich nicht nur in der wissenschaftlichen, sondern auch in der politischen und gesellschaftlichen Praxis bewährt haben (S.5). Auch der Faschismus und die nazistischen Völkermorde an den Juden in Deutschland tragen erheblich zur Definition von Rassismus bei (Miles, 1991, S.70). Balibar (1990a) beschreibt den Rassismus in den 90er Jahren als ‚Kultur-Rassismus‘ oder ‚Neo-Rassismus‘, da die Gesellschaft sich nun nicht mehr in der Epoche der Kolonialisierung befindet, sondern im Zeitalter der Migration (S.23-38). Somit spielt der Begriff ‚Rasse‘ bei der Einteilung der Bevölkerung heutzutage kaum noch eine Rolle, sondern verstärkt der Begriff ‚Kulturen‘. Oftmals wird Rassismus „(…) in Verbindung mit dem Nationalsozialismus und mit offen biologistisch-rassistischen Ideologien gesehen oder nur für gewalttätige Übergriffe zumeist männlicher, jugendlicher Gewalttäter gegen Personen, die als ‚nicht deutsch‘ definiert werden, benutzt“ (Terkessidis, 2004, S.7). Melter (2006) betont, dass das Thema Rassismus auch Anfang der 2000er immer noch vermieden wird, vor allem, weil es emotionalisiert und moralisch aufgeladen ist (S.14). Ein weiterer Grund dafür ist, dass die Bundesrepublik Deutschland die Ideologie des Dritten Reichs verurteilt und sich davon distanziert – daher wird oftmals anstatt des Begriffs ‚Rassismus‘ eher die Begriffe Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit verwendet (Jugendstiftung, 2018). Im Unterschied zum Rassismus, der eine Denkweise ist, die Menschen nach kulturellen oder körperlichen Merkmalen in bestimmte Gruppen einordnet und diesen unterschiedliche Eigenschaften zuschreibt, bezieht sich Ausländerfeindlichkeit auf eine feindselige Haltung gegenüber allen ausländischen Bürgerinnen und Bürgern (Jugendstiftung, 2018).

Es zeigt sich, dass es Rassismus in unterschiedlichen geschichtlichen Epochen gab und stets gibt, wobei der jeweilige geschichtliche Kontext hinzugezogen werden muss, um Rassismus zur jeweiligen Zeit zu erklären.

2.3 Formen von Rassismus

Es gibt unterschiedliche Ausdrucksformen von Rassismus, die aufzeigen in welchen Bereichen Rassismus vorherrscht und vorkommt.

2.3.1 Alltagsrassismus

Auch bezüglich der Definition von ‚Alltagsrassismus‘ gibt es in der Literatur unterschiedliche Auffassungen. Geprägt wurde der Begriff anfangs von Philomena Essed. Claus Melter (2006) hat anknüpfend an diese Definition den Alltagsrassismus weiter ausgeführt:

a) Rassismen sind in regelmäßig praktizierten auftretenden offenen und subtilen rassistischen Handlungspraxen von Einzelpersonen und Gruppen zu finden. Diese Form der Ausgrenzung nenne ich alltäglichen Rassismus von Einzelpersonen und Gruppen.
b) Rassistische Ausgrenzungsformen schlagen sich in Gesetzen, Regelungen und Handlungspraxen von staatlichen und staatlich finanzierten Institutionen[...] nieder. Diesen Tatbestand nenne ich alltäglichen institutionellen Rassismus [...]
c) Rassistische Ausgrenzungen schlägt sich ebenso in Sozialstrukturen[...] nieder, der allgemeinen Benachteiligung von national, kulturell oder ethnisch definierten oder rassialisierten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt, in den Einkommensverhältnissen sowie im Schul- Bildungssystem. Die strukturelle Ausgrenzung von ‚Immigranten[innen]’ ohne deutschen Staatsangehörigkeit, ‚schwarzen Deutschen’ und anderen Personen, die als ‚nicht deutsch’ definiert werden, nenne ich alltäglichen strukturellen Rassismus
d) Alltagsrassismus in veröffentlichten Diskursen: Hierzu zählen Publikationen in Print- , Audio- und Audiovisuellen Medien, im Internet oder öffentlichen Reden und Flugblätter [...] (S. 25-26).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Alltagsrassismus (Melter, 2006, S.26)

Melter (2006) führt mit seinem Konzept die Alltäglichkeit von institutionellem, strukturellem, diskursivem und individuellem Rassismus auf und zeigt in Abbildung 1 die unterschiedlichen Wechselverhältnisse dieser Formen auf (S.26). Alltagsrassismus kann demnach als Oberbegriff für die anderen Formen von Rassismus dienen. Oftmals werden rassistische Denk- und Handlungsformen in alltäglichen Situationen wie beim Einkaufen oder am Arbeitsplatz verwendet, die letztendlich kaum hinterfragt werden. Im weiteren Verlauf sollen nun die biologistische und kulturalistische Rassismusformen, die oft in der Literatur aufgegriffen werden sowie der institutionelle und strukturelle Rassismus genauer erläutert werden.

2.3.2 Biologistischer und kulturalistischer Rassismus

Hinsichtlich rassistischer Argumentationsstrukturen lassen sich grob zwei Hauptlinien unterscheiden. Auf der einen Seite sind dies die mit den historischen ‚Rassen‘-Theorien verknüpften biologistischen Argumentationen, (…). Auf der anderen Seite lassen sich – vor allem in Zusammenhang mit den Entkolonialisierungs- und den Migrationsprozessen seit 1945 – eher kulturalistische Argumentationen entdecken, die ihre Thesen mit kulturellen und ethnischen Unterschieden begründen und ohne den ‚Rassen‘-Begriff auskommen. (Zerger, 1997, S.84)

Die historisch erste Form des Rassismus und zugleich die am häufigsten diskutierte und untersuchte Form ist der biologische Rassismus (Räthzel, 2012, S.200). Dabei führt Räthzel (2012) auf, dass der biologistische Rassismus, die Notwendigkeit darin sieht, „(…) eine nationale Identität herzustellen durch eine Definition derjenigen, die ‚rassisch‘ dazu gehören“ (S.200). Allerdings verfügt diese Form auch über eine gesellschaftliche Komponente und es genügt nicht nur der ‚richtigen‘ Rasse anzugehören, sondern das soziale Verhalten muss auch zum sogenannten ‚Volkskörper‘ passen (Räthzel, 2012, S.201). Hall (2000) führt hierzu auf, dass es „(…) keine wissenschaftliche Grundlage für die Aufteilung der Menschheit in biologisch unterscheidbare ‚Rassen‘“ gibt (S.7). Er vertieft diese Anmerkung und betont, dass das nicht heißt, dass es keinen Rassismus gibt, sondern „(…) daß er nicht auf natürlichen, biologischen Fakten ruht“ und dass dieser eine soziale Praxis ist, „(…) bei der körperliche Merkmale zur Klassifizierung bestimmter Bevölkerungsgruppen benutzt werden, etwa wenn man die Bevölkerung nicht in Arme und Reiche, sondern z.B. in Weiße und Schwarze einteilt“ (Hall, 2000, S.7). Die körperlichen Merkmale eines Menschen fungieren in rassistischen Diskursen somit als Bedeutungsträger. Arndt (2017) hält zudem fest: „Hautfarbe ist eine Erfindung des Rassismus“ und „(…) die so konstruierten (und als vermeintlich natürlich gegebenen körperlichen Unterschiede) werden dann (…) interpretiert“ (S.33). Memmi (1987) führt dazu auf, dass Menschen bestimmte kulturelle, soziale und religiöse Verhaltensweisen und Eigenschaften zugeordnet bekommen und diese hergestellten Unterschiede anschließend verallgemeinert, hierarchisiert und als naturgegeben bestimmt werden (S.164-178).

Der Kulturrassismus wird häufig dem biologischen Rassismus gegenübergestellt, da „(…) er nicht mehr die ‚Natur‘, sondern die ‚Kultur‘ der anderen zum Ausgangspunkt von Unterdrückung macht“ (Räthzel, 2012, S.205). Balibar (1990a) benennt den Vorgang, dass Gruppen definiert werden, ihnen eine Kultur zugeordnet wird und somit eine Hierarchisierung der Kulturen von statten geht, den ‚kulturalisierenden Rassismus‘ (S.34).

2.3.3 Institutioneller und struktureller Rassismus

Die Untersuchung von strukturellem Rassismus bezieht sich meistens darauf, welche Funktion er für die Herstellung der Nation und der nationalen Identität hat. Damit geht die These einher, dass der Rassismus etwas ist, was strukturell zum Nationalstaat gehört, dass der Nationalstaat ohne Rassismus nicht denkbar ist. (Räthzel, 2012, S.206)

So wird laut Rommelspacher (2009) von strukturellem Rassismus gesprochen, „(…), wenn das gesellschaftliche System mit seinen Rechtsvorstellungen und seinen politischen und ökonomischen Strukturen Ausgrenzungen bewirkt, während der institutionelle Rassismus sich auf Strukturen von Organisationen, eingeschliffenen Gewohnheiten etablierten Wertvorstellungen (…) bezieht“ (S.30). Melter (2006) schlägt die folgende Definition von institutionellem Rassismus vor:

Institutioneller Rassismus in Deutschland ist von Institutionen/Organisationen (durch Gesetze, Erlasse, Verordnungen und Zugangsregeln sowie Arbeitsweisen, Verfahrensregelungen und Prozessabläufe) oder durch systematisch von Mitarbeitern der Institutionen/Organisationen ausgeübtes oder zugelassenes ausgrenzendes, benachteiligendes oder unangemessenes und somit unprofessionelles Handeln gegenüber ethnisierten, rassialisierten, kulturalisierten Personen oder Angehörigen religiöser Gruppen sowie gegenüber so definierten ‚Nicht-Deutschen‘ oder ‚Nicht-Christen‘. (S.27)

Laut Osterkamp (1997) soll der institutionelle Rassismus verdeutlichen, dass es sich bei rassistischen Denk- und Handlungsweisen nicht um die persönliche Einstellung von Individuen handelt, sondern dass diese in der Organisation des kollektiven Miteinanders zu verorten sind. „Indem man sich solchen Bedingungen anpasst, die einen gegenüber anderen bevorzugen, beteiligt man sich an deren Diskriminierung, ohne daß persönliche Vorurteile im Spiel sein müssen“ (S.95).Diese Ausführungen haben gezeigt, dass Rassismus in unterschiedlichen Kontexten vorkommen kann und Menschen in Anlehnung an ihre zugeschriebene Zugehörigkeit zu Nationen, Kulturen oder ‚Rassen‘ in unterschiedliche Gruppen eingeteilt werden und ihnen dadurch verschiedene Einstellungen, Eigenschaften und Handlungspraxen zugewiesen werden. Rassismus geht also nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Gruppen und Institutionen aus und wird durch biologistische, kulturalistische und institutionelle Rahmenbedingungen sowie durch einen gesellschaftlichen Diskurs bestimmt. Dabei wird die eigene Gruppe als höherwertig und die ‚andere‘ als minderwertig angesehen. Demnach kann Rassismus als ein Unterdrückungs- und Herrschaftssystem gesehen werden, in dem Machtverhältnisse vorherrschen.

2.4 Ursachen von Rassismus

Die literarischen Werke zu den Ursachen des Rassismus sind weitreichend – auch wenn keine allgemeine Theorie vorliegt, um das Phänomen Rassismus und seine Ursachen zu beschreiben, gibt es eine Vielzahl an Theorieansätzen, die sich mit den Ursachen von Rassismus beschäftigen und Erklärungsmuster liefern. Im Folgenden sollen die am häufigsten beschreibenden Ursachen erläutert werden.

Im Mittelpunkt der sozialpsychologischen Theorien zum Thema Rassismus steht in der Regel die Frage nach der Entstehung rassistischer Einstellungen und rassistischer Diskriminierung. (Zerger, 1997, S.101)

Die Ursachen und Erscheinungsformen von Rassismen lassen sich grob in drei Gruppen einteilen:

Die erste führt Rassismus auf Vorurteile zurück, auf die Tendenz benachteiligter Individuen, andere für ihre Benachteiligung verantwortlich zu machen […]. Diese Theorien sehen die Ursache von Rassismen im individuellen Fehlverhalten von Individuen oder Gruppen von Individuen, die es durch Aufklärung und/oder Bestrafung zu korrigieren gilt. (Räthzel, 2008, S.286)

Die Vertreter der Theorien der zweiten Gruppen sehen Rassismen als Bestandteil von allgemeinen gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen sowie kultureller Dominanz und zur Aufrechterhaltung von Klassengefüge. Die dritte Gruppe analysiert den Zusammenhang zwischen Herrschaftsstrukturen und individuellen Alltagsrassismen (Räthzel, 2008, S.287). Räthzel (2012) betont jedoch auch, dass es eine Form des Rassismus gibt, die im Zusammenhang mit Freundlichkeit steht – bei der beispielsweise die Emotionalität oder das Temperament von Eingewanderten hervorgehoben wird – und trotz dessen, dass diese Form positive Argumente benutzt, stellt er wie der feindselige Rassismus „(…) eine Dichotomie her zwischen der Konstruktion des eigenen und der Konstruktion der anderen. Solche Dichotomisierung beinhaltet immer auch eine Naturalisierung und, trotz der positiven Begriffe, eine Herabsetzung, etwa: wir haben den Geist, sie haben die Emotionen“ (Räthzel, 2012, S.195). Rassistisches Handeln wird u.a. davon geleitet, dass die Akteure unzufrieden mit dem Staat sind und enttäuschende soziale Erfahrungen erlebt haben (Stöss, 2010, S.48). Dieser Unzufriedenheit sind oftmals anhaltende wirtschaftliche Krisen sowie ein umbruchartiger gesellschaftlich-politischer Wandel und Modernisierungsprozesse vorgelagert. Die Betroffenen fühlen sich abgekoppelt, benachteiligt, ausgegrenzt und wünschen sich autoritäre Konzepte wie Geborgenheit, Sicherheit, Gemeinschaft und Orientierung (Stöss, 2010, S.49). Die Unzufriedenheit geht zudem auch mit den allgemeinen Lebensbedingungen der Menschen einher wie schlechte Wohnverhältnisse, geringe soziale Kontakte und unzureichende Möglichkeiten an kulturellen sowie freizeitlichen Angeboten teilzunehmen (Stöss, 2010, S.49). In Anlehnung an Memmi (1987) liegen die Gründe für rassistischen Einstellungs- und Verhaltensweisen in psychischen (Familie, Erziehung, Angstzustand, Frustration etc.), politischen (Ausländer- und Einwanderungspolitik) sowie sozialen (wenig Kontakte) und wirtschaftlichen (Arbeitslosigkeit) Aspekten (S.159). So stehen Unsicherheit, Ängste, Bedrohungsgefühle im Zusammenhang mit Rassismus und die daraus resultierende Gewalt und produzierten Feinbilder gegenüber Menschengruppen fungieren als ein Schutzschild gegen diese aufkommende Angst (Pilz, 2016, S.668).

An diesem Punkt soll die Deprivationstheorie3 sowie die Frustrations-Aggressions-Hypothese kurz erläutert werden, die im Zusammenhang mit den Ursachen von Rassismus stehen. Die Deprivationstheorie erklärt, dass der gesellschaftliche sowie soziale Wandel Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben hat (bpb, n.b.). Zick (1997) führt dazu auf, dass Personen denken, dass sie im Vergleich zu anderen Personen oder Gruppen weniger Güter oder Statusoptionen haben oder erhalten und es somit zu einer Mangelerscheinung und einer sozialen Benachteiligung kommt (S.97). Die These von Wolf et al. (2006) lautet dazu, dass die soziale Lage vieler Menschen zu einer Abwertung von anderen Menschen führt, weil dadurch eigene Benachteiligungsgefühle (relative Deprivation) kompensiert werden sollen (S.215). Wolf et al. (2006) unterscheiden dabei zwei Formen der Deprivation:

(1) Die persönliche Situation wird mit der Lage anderer Personen aus der eigenen Gruppe verglichen. Dann resultiert aus einem schlechteren Abschneiden der eigenen Person das Gefühl der ‚individuellen relativen Deprivation‘ (…).
(2) Wenn dagegen die Gesamtsituation der Eigengruppe im Vergleich zur Lage einer anderen Gruppe als benachteiligt eingestuft wird, wie z.B. die der Deutschen im Vergleich zur Situation der in Deutschland lebenden Ausländern, wird von ‚fraternaler Deprivation‘ gesprochen. (S.216)

Jedoch ist die Hypothese in der Literatur und Wissenschaft umstritten, da beispielsweise Allport (1971) diese als nicht beständig kritisiert und Fragen zu der Entstehung von Vorurteilen gegenüber ethnischen Minderheiten unbeantwortet bleiben (S.354).

Die Frustrations-Aggressions-Hypothese ist ein weiterer möglicher Erklärungsansatz für das Zustandekommen von aggressivem oder rassistischem Verhalten. Bereits im Jahr 1939 legten Dollard et al. (1970) die Grundthese dieses Ansatzes dar: „Aggression ist immer die Folge einer Frustration“ (S.9). Sie definieren Frustration als einen „Zustand, der eintritt, wenn eine Zielreaktion eine Interferenz erleidet“ (Dollard et al., 1970, S.19). Und dementsprechend kann aus einer Frustration eine Aggression in Form von Rassismus folgen. „Rassistische Ideologien entstehen also immer dann, wenn die Produktion von Bedeutungen mit Machtstrategien verknüpft sind und diese dazu dienen, bestimmte Gruppen vom Zugang zu kulturellen und symbolischen Ressourcen auszuschließen“ (Hall, 2000, S.7). Laut Stöss (2004) gelten als Voraussetzungen für dieses Verhalten autoritäre und vorurteilsbehaftete Charakterstrukturen, wobei Defizite und Fehlentwicklungen in der frühkindlichen Sozialisation ausschlaggebend sind. Daraus ergeben sich unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale, die das Verhalten begünstigen:

- mangelndes Selbstbewusstsein und Unsicherheit
- Extreme Gehorsamsbereitschaft, Identifizierung mit Macht und Stärke
- starkes Bedürfnis nach Vor- und Feindbildern, nach Anführern, Ein- und Unterordnung, Gemeinschaft und Geborgenheit (…). (S.73)

Zudem können rassistische Verhaltensweisen oftmals auch zum Tragen kommen, wenn eine gewisse Gruppenidentität vorherrscht, wodurch auch oftmals die Gewaltschwelle in der Gruppe herabsinkt (Gamper & Willems, 2006, S.456). Rassismus zeigt sich demnach in vielfältigen und unterschiedlichen Wirkungen, Formen und Ursachen und richtet sich gegen verschiedene Gruppen von Menschen auf einer biologistischen, kulturalistischen, institutionalisierten und alltäglichen Ebene. Im nächsten Punkt soll die Vorurteilsforschung als Grundlage der rassistischen Handlungs- und Denkweise als weitere Ursachenbegründung hinzugezogen werden.

2.5 Vorurteil als Grundlage der rassistischen Handlungs- und Denkweise

Im Alltag treffen viele Menschen auf Vorurteile und werden mit ihnen konfrontiert oder verwenden diese selber an. Das Werk ‚The nature of prejudice‘ vom psychologischen Vorurteilsforscher Gordon W. Allport aus dem Jahr 1954 gilt als Klassiker der Vorurteilstheorie. Er entwickelte eine Definition, die bis heute für viele Vorurteilsforschungen den Ausgangspunkt bildet. Demnach ist ein Vorurteil, „(…) eine ablehnende und feindselige Haltung gegen eine Person, die zu einer Gruppe gehört, einfach deswegen, weil sie zu dieser Gruppe gehört und deshalb dieselben zu beanstandenden Eigenschaften haben soll, die man dieser Gruppe zuschreibt“ (Allport, 1971, S.21). Da Vorurteile in allen Gesellschaftsbereichen präsent sind, können rassistische Diskurse im Zusammenhang mit individuellen und kollektiven Vorurteilen und Stereotypen gesetzt werden. Allport (1971) versteht unter einem Stereotyp „(…) eine überstarke Überzeugung, die mit einer Kategorie verbunden ist. Sie dient zur Rechtfertigung (Rationalisierung) unseres diese Kategorie betreffenden Verhaltens“ (S.23). Stereotypen sind im Gegensatz zu Vorurteilen spontan oder quasi-automatisch (Zick, 1997, S.44). Unter einem Vorurteil versteht Allport (1971) hingegen das Zusammenspiel von kulturell gestützten Meinungen über Personen, Gruppen oder Sachverhalten (S.28). Zudem handelt es sich bei Vorurteilen meistens um negative Einstellungen, die auf Stereotypisierung beruhen und gegenüber anderen auf Grund ihrer Gruppenbezogenheit geäußert werden. Die Personen, die diese verwenden zeigen oftmals keine Veränderungsbereitschaft und sind stark emotional aufgeladen (Zerger, 1997, S.102).

In rassistischen Vorurteilen und Bildern werden bekanntlich immer die eigenen Ideale von Schönheit, Tüchtigkeit, Intelligenz und die Überlegenheit der eigenen Lebensweise ausgedrückt, indem diese Ideale in den Feinbildern wie in einem Umkehrspiegel negativ zurückgespiegelt werden. In solchen Negativ-Projektionen drückt sich der eigene Machtanspruch ebenso aus, wie das Unbehagen an der Unterwerfung unter die herrschenden Normen. (Rommelspacher, 1994, S. 196)

Demnach ist ein Vorurteil ein Ausdruck einer sozialen Bindung zu der ‚in-group‘ (Eigengruppe) und wird gegenüber der ‚out-group‘ (Fremdgruppe) geäußert (Zick et al., 2011, S.290). Nach Benz (1996) spielen „Vorurteile im öffentlichen und privaten Alltag eine wichtige Rolle. Vorurteile verdichten sich zu Feinbildern, die als Bestandteile politischer Ideologien instrumentalisiert werden können (…)“ (S.7). Auch bei Vorurteilen suchen Menschen die Schuld ihrer Enttäuschungen und ihr Unglück oftmals in menschlichen Handlungen und im Verhalten von Minderheiten (Allport, 1971, S.186). Vor allem ethnische Vorurteile sind eng mit dem Begriff Rassismus verknüpft. Zick (1997) betont, dass die Übergänge zwischen Rassismus, Vorurteilen und Stereotypen fließend sind, da jede Form von Rassismus auf eine Reihe von Vorurteilen basiert (S.42)

Zick (1997) fasst die Eigenschaften der ethnischen Vorurteile folgendermaßen zusammen:

1. Die Zielgruppen oder Zielpersonen von Vorurteilen, der/denen gegenüber Personen oder Gruppen Vorurteile äußern, wird von diesen durch wenige Eigenschaften beschrieben (…).
2. Diese Eigenschaften stammen aus einem eng umrissenen Bedeutungsbereich (…).
3. Die charakteristischen Eigenschaften werden allen Mitgliedern der Gruppe zugesprochen. Vorurteile sind Generalisierungen negativer Stereotypen auf Personen und/oder Gruppen (…).
4. Die Charakteristika der Outgroup sind mit stark ausgeprägten, evaluativen Konnotationen versehen (…). Bei ethnischen Vorurteilen und Rassismus sind die Konnotationen in der Regel negativ.
5. Die Outgroup wird deutlich von der eigenen Bezugsgruppe (Ingroup) abgegrenzt (…). (S.38)

Anhand dieser Erörterungen zeigt sich, dass Vorteile, vor allem die ethnischen Vorurteile, durchaus als Grundlage von rassistischen Handlungs- und Denkweisen dienen kann.

2.6 Begriffsabgrenzung

Für eine fundierte Analyse des Rassismus bedarf es einer Abgrenzung von ähnlichen Phänomenen. Hierzu sollen die Begriffe Rechtsextremismus, Antisemitismus und Homophobie näher bestimmt werden, da auch laut Räthzel (2012) die häufigsten Verknüpfungen mit Rassismus unter anderem diese sind (S.200). Homophobie wird hinzugezogen, da Homosexualität einerseits ein tabuisiertes Thema im Fußballbereich ist, andererseits Homophobie jedoch ein Phänomen ist, welches oft in Stadien oder im Internet in Zusammenhang mit Fußball vorkommt.

2.6.1 Rechtextremismus

Eine allgemeine Definition sowie Theorie bestehen beim Rechtsextremismus wie beim Begriff Rassismus ebenfalls nicht. Zunächst lässt sich festhalten, dass dieses Phänomen „(…) ein gängiger Bestandteil moderner Industriegesellschaften (…)“ ist (Stöss, 2010, S.24). Stöss (2004) hebt hervor, dass „(…) die amtliche Terminologie der Verfassungsschutzämter (…) als einigermaßen konzise bezeichnet werden,“ kann (S.14). Es liegen allerdings unterschiedliche Konzepte und Thesen zur Erklärung von Erscheinungsformen des Rechtsextremismus vor (Stöss, 2004, S.73). Dies zeigt wie komplex der Begriff ist. Rechtsextremismus setzt sich einerseits aus einer inhaltlichen (politisch ‚rechts‘ stehend) und anderseits aus einer formalen (Extremismus) Komponente zusammen (siehe Abb.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das Extremismus-Modell des Verfassungsschutzes (Quelle: Stöss, 2010, S.14)

Die Abbildung 2 lässt laut Stöss (2010) die Kritik am Extremismus-Begriff erahnen:

Rechts- und Linksextremismus bilden die entgegengesetzten Endpunkte eines Kontinuums, dessen Zentrum der demokratische Sektor bildet. Zum einen wird befürchtet, dass Links- und Rechtsextremismus damit inhaltlich gleichgestellt werden (…). Zum anderen wird bemängelt, dass Rechtsextremismus damit zu einem Randphänomen erklärt und mithin bagatellisiert wird. Tatsächlich handele es sich dabei aber nicht um Außenseiterpositionen, sondern um ein Phänomen, das in der Mitte der Gesellschaft gedeihe. (S.15-16)

Jaschke (2001) betont bei der Definition von Rechtsextremismus, dass hier Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen zusammengefasst werden, die entweder organisiert sind oder nicht. Dabei gehen Rechtsextremisten von „(..) der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen (…)“ aus und fordern eine ethnische Homogenität von Völkern (S.30). Zudem lehnen sie das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ab, „(…) die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Weltpluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen“ (Jaschke, 2001, S.30). In Anlehnung an den Rassismus, betont Räthzel (2012), dass Rechtsextremismusforschung am engsten mit dem Begriff des biologischen Rassismus verknüpft ist und daher immer noch ein wichtiger Bestandteil der Rassismusforschung ist. Zudem sind die Ursachen ähnlich: „Deprivation, Armut und geringe Bildung“ (S.202). „Der Rassismus grenzt sich vom Rechtsextremismus insofern ab, als es sich bei diesem um ein politisches Einstellungsmuster handelt, das auf die politische Verfasstheit der Gesellschaft abzielt“ (Rommelspacher, 2009, S.29). Nach Rommelspacher (2009) kann der Rechtsextremismus somit als eine politisierte Form von Rassismus gesehen werden – so möchte der Rechtsextremismus als politische Ideologie ihre gesellschaftlichen Absichten umsetzen, während der Rassismus als kulturelles Phänomen eher durch Normen, Werte und Praxen in der Gesellschaft geprägt ist (S.29).

Stöss (2010) betont zudem, dass sich beim Rechtsextremismus „(…) übersteigerter Nationalismus mit imperialistischem Großmachtstreben verbindet (…)“ und dieser sich „(…) tendenziell gegen parlamentarisch-pluralistische Systeme, die auf der Volkssouveränität und dem Mehrheitsprinzip beruhen“, richtet (S.19). Somit strebt der Rechtsextremismus nach einer politischen Macht, um seine Ziele durchzusetzen. Diese Machtinteressen im Zusammenhang mit den damit verbundenen Vorhaben werden oftmals ideologisch begründet, wobei die Denkweise eine Lehre zur Erklärung der zugehörigen Machtinteressen erklärt. Allerdings interpretieren diese Rechtfertigungslehren die politische, soziale und kulturelle Wirklichkeit oftmals einseitig und es kommt zu einer verzerrten Sichtweise (Stöss, 2010, S.24) In den letzten Jahren gab es immer wieder Veränderung im Rechtsextremismus-Milieu und so verweisen Klärner und Kohlstruck (2006) auf mehrere rechtsextremistische Jugendszenen, die unter anderem in der Fußballfan- und Skinheadszene vorzufinden waren und sich Anfang der 1980er Jahren in Westdeutschland eine Öffnung zu einem Provokations- und Protestverhalten vollzog, was sich vor allem in einer nationalistischen, ausländerfeindlichen und neonazistischen Sprache äußerte (S.20).

Stöss (2010) betont, dass zwischen rechtextremistischen Einstellungen und Verhalten unterschieden wird: „Einstellungen sind in der Regel dem Verhalten vorgelagert. Sie schlagen sich aber nicht zwangsläufig in konkreter Praxis nieder“ (S.21). Dies gilt allerdings nicht nur für den Rechtsextremismus. Zudem ist letztendlich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung politisch aktiv ist und aus diesem Grund ist das Einstellungspotenzial größer als das Verhaltenspotenzial (Stöss, 2010, S.21). Demnach ist es laut Stöss (2010) sowohl pädagogisch als auch politisch sinnvoll, zwischen rechtsextremen Einstellungen und rechtsextremen Verhalten zu unterscheiden. Für Gegenmaßnahmen sowie zur Förderung von Lernprozessen, bedarf es der Beobachtung der rechtsextremistischen Persönlichkeit sowie des persönlichen Umfelds (S.21). Jedoch sind auch Abweichungen zwischen Einstellungsmustern und Verhaltensweisen möglich.

2.6.2 Antisemitismus

Antisemitismus ist eine Form von Rassismus und beschreibt die pauschale Ablehnung von Juden aufgrund unterschiedlicher Kriterien wie religiöse und kulturelle Merkmale (Zick et al., 2011, S.46). „Bis hinein in die 1980er Jahre sprach man über und erforschte den Antisemitismus, aber nicht den Antisemitismus in der Gegenwart, sondern den Antisemitismus als etwas, was vergangen war, womit man sich historisch beschäftigte“ (Räthzel, 2012, S.193). Der Antisemitismus kann eine lange Geschichte aufweisen und laut Memmi (1987) sind bei diesem Phänomen nicht die biologischen Merkmale ausschlaggebend, sondern religiöse und nationale Unterschiede (S.153). Glanninger (2009) führt zum Antisemitismus auf, dass in Europa vor allem die Juden von rassistischer Ausgrenzung und Unterdrückung betroffen waren (S.59). Somit ist Antisemitismus eine feindselige Mentalität, die sich auf die jüdischen Gruppen und ihre kulturellen Symbole richtet. Dabei wurden viele Probleme in der Wirtschaft und der Gesellschaft auf die Juden zurückgeführt. Auch die Leugnung des Holocaust zählt zum Antisemitismus dazu (Steger, 2013, S.22).

2.6.3 Homophobie

Der Begriff ‚Homophobie‘ ist laut De Hek (2011) noch teilweise unbekannt und wird zusammengesetzt aus ‚Homo‘ (griechisch homós: gleich) und ‚phóbos (Angst, Phobie) (S. 70). Im Jahr 1972 wurde der Begriff vom „(…) US-amerikanischen Psychotherapeuten George Weinberg für die ablehnende Haltung der Gesellschaft zur Homosexualität eingeführt und bezeichnet eine soziale, gegen gleichgeschlechtlich empfindende Menschen gerichtete Aversion bzw. Feindseligkeit“ (Homophobie, 2018). In Bezug auf Fußball zeigt sich, dass Homophobie stets ein Problem im Sport ist und viele Menschen aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert werden. Laut einer Umfrage der Deutschen Sporthochschule Köln sind neun von zehn Befragten der Ansicht „(…), dass es im Sport ein Problem mit Homophobie und Transphobie gibt. 12% derjenigen, die in den letzten zwölf Monaten sportlich aktiv waren, berichten in Bezug auf ihre Hauptsportart von negativen Erfahrungen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität.“ Dabei sind die häufigsten negativen Erfahrungen homophobe und transphobe Verunglimpfungen (82%) und Diskriminierungen (75%) (Dshs Köln, 2018).

Diese Abgrenzung macht die unterschiedlichen Merkmale der jeweiligen Phänomene deutlich, die für die weiteren Ausführungen von Bedeutung sind.

3 Rassismus und Fußball (-sport)

Bevor sich im weiteren Verlauf dem Phänomen Rassismus im Fußballsport angenähert wird, soll ein Blick auf die gesamte Fußballfanszene gerichtet werden, um die Entwicklung der Fans zu beleuchten. Dabei wird ein Augenmerk auf die unterschiedlichen Fangruppierungen geworfen und sich anschließend dem Rassismus im Fußballbereich genähert.

3.1 Fankulturen – Vom Kutten bis zum Hooligan

So wie die Erfahrungswelten innerhalb des Fußballsports für manche das ‚Tor zur Welt‘ (…) darstellen, so stellt die subkulturelle Fankultur für die überwiegend jungen Männer – und seit einigen Jahren zunehmend auch jungen Frauen – vielfältige Erfahrungs- und Erprobungsräume mit hohen identifikatorischen Potenzialen zur Verfügung, über die sie sich ‚ihre‘ noch junge Welt aneignen können. (Gabriel, 2008, S.35)

Gabriel zeigt damit auf wie wichtig der Ballsport Fußball für viele Menschen ist, vor allem als ein Ort an dem die Zugehörigkeit sehr bedeutsam ist. Im Fußball treffen unterschiedliche Gruppierungen aufeinander – vom ‚normalen‘ Zuschauer zum Ultra, zum Kutten bis hin zum Hooligan und trotz dessen, dass hier die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen, geht ein starkes Gemeinschaftsgefühl beim Anfeuern und Unterstützen der eigenen Mannschaft einher. Das ‚Wir‘-Gefühl wird in erfolgreichen Zeiten großgeschrieben und bei sieglosen und unangenehmeren Zeiten wird schnell ein Sündenbock für das Versagen gefunden.

Mit der Professionalisierung des Fußballs durch die Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 ging ein großer Zuschauerzuwachs einher (Gabler, 2009, S.72). Das momentan größte Fußballstadion (Kapazität 81.369) in Deutschland befindet sich in Dortmund und hat in der Saison 2018/19 einen Zuschauerschnitt von 79.886 Zuschauern (Stand: 10. Spieltag, Statista Zuschauerschnitt, 2018). Lange Zeit war die deutsche Fankultur durch die Arbeiter- und Angestelltenschicht geprägt und die untere sowie die mittlere Gesellschaftsschicht waren überdurchschnittlich präsent – „die genaue soziale Zusammensetzung ist in den verschiedenen Standorten durchaus unterschiedlich“ (Gabler, 2009, S.85). Dies hat sich in den Folgejahren allerdings verändert und viele Studierende und Abiturienten kamen hinzu (Gabler, 2009, S.86). Für die deutsche Fankultur ist vor allem die ‚Kutte‘ charakteristisch, die aus einer Jeansjacke mit vielen unterschiedlichen Aufnähern des jeweiligen Teams besteht. Für die ‚Kutten‘-Fans, die eher unpolitisch und nicht gewalttätig sind, steht vor allem das Fußballspiel im Vordergrund (Gabler, 2009, S.72).

Die sogenannten Ultras sind eine Fußball-Subkultur, die sich seit Mitte der 1990er Jahren in Deutschland etabliert haben (Pilz et al., 2006, S.11). Die Ursprünge der Ultras finden sich in Italien und Spanien und vor allem das leidenschaftliche Anfeuern und das enge zusammenhaltende Gemeinschaftsgefühl begeistert viele jugendliche Fußballanhänger in Deutschland (Pilz & Wölki, 2006, S.71). Laut Pilz und Wölki (2006) kann die Kultur der Ultras als „(…) eine Zuneigungs-, Demonstrations- und Provokationskultur verstanden werden (…)“ (2012). Da sie sich vor allem als ‚Bewahrer der Vereinstradition‘ sehen (Gabler, 2009, S.77).

Pilz et al. (2006) betonen, dass es nicht ‚die‘ eine deutsche Ultraszene gibt, sondern unterschiedliche Gruppen existieren, die intern „(…) über verschiedene Strukturen, Regeln, Schwerpunkte und Vorstellungen, was für sie ‚Ultras‘ bedeutet, verfügen“ (S.12). Auch innerhalb dieser Gruppen gibt es unterschiedliche Vorstellungen und Ansichten, vor allem gegenüber der Politik (Pilz et al., 2006, S.12). Die Gemeinsamkeiten der Ultras bestehen jedoch darin, dass sie ihren Verein sowohl optisch als auch akustisch akribisch unterstützen und bestimmte Aktionen vor dem Spiel vorbereiten und während des Spiels ihre Verbundenheit zum Verein mit Sprechchören und Fanliedern aufzeigen (Pilz et al., 2006, S.12, 13). Pilz et al. (2006) verbinden mit Ultras „(…) besonders leidenschaftliche, emotionale und engagierte Fans (…), die von der südländischen Kultur des Anfeuerns fasziniert sind, und es sich zur Aufgabe gemacht haben, in deutschen Stadien organisiert wieder für bessere Stimmung zu sorgen“ (S.12). Ein wichtiger Aspekt in der Ultrakultur ist vor allem die Selbstdarstellung. Pilz et al. (2006) stellen in diesem Zusammenhang fest, dass die wachsende Distanz zwischen Spielern und Zuschauern dazu führt, „(…), dass die Zuschauer – insbesondere die Ultras – eine immer größere Sensibilität für ihre eigene Anwesenheit entwickeln. Da die Spieler ihnen zu weit entrücken und kaum mehr greifbar sind, beschäftigen sich die Ultras immer mehr mit sich selbst“ (S.12). Die in den letzten Jahren aufkommende Distanz zwischen den Zuschauern und Spielern setzen die Ultras demnach so um, dass sie das Sprachrohr der Fans sind und sich kritisch gegenüber Vereinsthemen sowie der Kommerzialisierung und Eventisierung des Fußballs äußern (Pilz & Wölki, 2006, S.110). Pilz et al. (2006) betonen zudem, dass Ultras „(…) wie ein Seismograf auf vereins- und ligapolitische Probleme (…)“ (S.13) reagieren. Dazu zählen unter anderem Kartenpreiserhöhungen, Spielertransfers oder ordnungspolitische Maßnahmen (Pilz et al., 2006, S.13). Mittlerweile befinden sich in fast jedem Verein, von der Bundesliga bis zu den Amateuren, Ultragruppen. Beispiele für bekannte Ultras sind ‚The Unity‘ von Borussia Dortmund, ‚Ultras Dynamo‘, ‚Harlekins Berlin `98‘ oder die ‚Ultras Frankfurt‘ u.v.m., die zur Selbstdarstellung eine eigene Webseite betreiben sowie Magazine und eigene Fanartikel verkaufen. Erkenntlich sind Ultras vor allem daran, dass sie keine kommerziellen Vereinsartikel tragen, sondern eher dunkle Anziehsachen mit farblichen Elementen des Vereins (Gabler, 2011, S.64).

Ein aktuelles Beispiel dieser Sprechchöre der Ultras ist der Aufruf „Scheiß DFB“, der seit 2017 immer wieder in den deutschen Stadien zu hören ist. Oftmals werden diese Aufrufe noch mit Transparenten unterlegt. Zu den Gründen für diese Beschimpfung zählen verschiedene Aspekte wie die unterschiedlichen Anstoßzeiten der Bundesligaspiele (Der Westen, 2017) oder, dass sich der DFB in den Augen einiger Fans nicht für einen echten Dialog auf Augenhöhe interessiert hat (BZ, 2017). Hinzu kommt das Problemfeld der Kommerzialisierung des Fußballs sowie der Auftritt von Helene Fischer beim Pokalfinale 2017 (BZ, 2017). Auch in jüngster Vergangenheit protestieren die Fans des Bundesligavereins VfB Stuttgart am 21.09.2018 bei einem Heimspiel mit Plakaten gegen die EM-Bewerbung des DFB sowie gegen DFB-Chef Reinhard Grindel (Sport1, 2018).

Es zeigt sich, dass Ultras unterschiedliche Themen kritisch aufgreifen und diese in anderer Form wiedergeben, um ihre Meinungen mitzuteilen. Hinzu kommt, dass Ultras den sportlichen Wettkampf der Mannschaften auf dem Fußballfeld aufnehmen und in den Stadionkurven oder im Internet mit gegnerischen Ultras fortführen (Pilz et al., 2006, S.13). Ein Beispiel für die Verfeindung zweier Ultra-Gruppierungen sind die Bundesligavereine Borussia Dortmund 09 und FC Schalke 04, wo es bei dem Revierderby immer wieder zu Ausschreitungen kommt. Aber nicht nur die gegnerischen Ultras fungieren als Feinbilder, sondern auch die Medien, die Polizei sowie DFB/DFL4 und FIFA/UEFA5, da diese ihnen ihrer Meinung nach die Freiräume nehmen (Pilz & Wölki, 2006, S.135). Ein ausschlaggebender Punkt war dabei vor allem die Fußballweltmeisterschaft 2006 mit denen die Ultras eher negative Aspekte verbunden haben, wie zu viele polizeirechtliche Maßnahmen, Kommerz sowie zu wenig Karten (Pilz & Wölki, 2006, S.136).

Im Zusammenhang mit dem Fußballsport wird oftmals auch der Begriff ‚Hooligan‘6 benutzt, der laut Pilz et al. (2006) jedoch differenziert von den Ultras gesehen werden muss. Ein Unterschied der beiden Gruppierungen zeigt sich vor allem in der unterschiedlichen Auffassung von Gewalt – während die Gewalt von Hooligans als „(…) affektive, expressive und lustvoll betonte Form oder als Mittel zur Schaffung von positiver Identität, Stärkung des Selbstbewusstseins interpretiert werden“, ist die Gewalt der Ultras „(…) eher reaktiv und instrumentell. Reaktive Gewalt auf staatliche Interventionen, instrumentelle Gewalt, als ‚Mittel zum Zweck‘ zur Verteidigung des ‚Reviers‘“ (Pilz et al., 2006, S.14). Mittlerweile dominiert jedoch die Subkultur der Ultras in den Stadien und die Hooligans sind fast gänzlich aus den Stadien verschwunden. Dennoch gibt es auch Ultras, die im Stadion für Gewaltprobleme sorgen (Gabler, 2009, S.78). Es zeigt sich somit, dass neben dem Anfeuern der eigenen Mannschaften auch andere Merkmale wie das Kritisieren und Aufbereiten bestimmter Themen innerhalb des Vereins oder des DFBs stark im Fokus der Ultras stehen. Um zum Ende dieses Abschnitts nochmal alle Fans einer Mannschaft aufzugreifen, ist es wichtig zu betonen, dass Fußball für viele eine emotionale Sportart ist – sei es für Ultras, Hooligans oder Sitzplatzfans. Demnach bietet der Fußball laut Pilz und Wölki (2006) auch „(…) eine geeignete Plattform, um Feindbilder zu produzieren und zu verstärken, weil diese Mannschaftssportart von binären Gegensätzen und Gegnern geprägt ist (…)“ (S.154). Damit steht die enge, gemeinschaftliche Verbundenheit der Fans im Kontrast zu der uneingeschränkten Ablehnung und Distanz der Gegner.

Es bestehen keine quantitativen Erfassungen bezüglich rechtsextremistischer Vorfälle in Fußballstadien, dennoch gibt die qualitative Studie von Behn und Schwenzer diesbezüglich einen Überblick. Auf Seiten der Fußballfans kann es laut der Studie von Behn und Schwenzer (2006) dazu führen, dass Fans während des Fußballerlebnisses in einen sogenannten Rausch ‚verfallen‘ und sich durch die Emotionen der Masse mitreißen lassen (S.356). Dies kann wiederum dazu befähigen, dass Fans sich unschön äußern oder unangepasst verhalten. Weiterhin wird betont, dass auch Alkohol in diesem Zusammenhang als enthemmend wirkt und Fans durch die Gruppendynamik und den Alkohol oftmals andere Verhaltensweisen aufzeigen wie in einer anderen Umgebung (Behn & Schwenzer, 2006, S.356). Andere Befragte der Studie betonten, dass bei rassistischen Liedern oder Ausdrücken oftmals der Stimmungsfaktor im Vordergrund steht, während andere nicht wissen, welche Bedeutungen überhaupt hinter bestimmten Begrifflichkeiten stecken (Behn & Schwenzer, 2006, S.357). Demnach machen viele Fans beim Singen von Liedern oder Rufen von Parolen mit, weil andere auch mitmachen – ob der Text des Liedes oder der Parolen dabei verstanden werden oder nicht, ist in diesem Zusammenhang oft gleichgültig.

Es zeigt sich vor allem, dass beim Fußball sehr unterschiedliche Interessengruppen aufeinandertreffen und sozusagen eine ‚eigene‘ Welt mit ‚anderen‘ Regeln vorherrscht. Menschen können in dieser Umgebung vulgäre, unsittliche und obszöne Ausdrücke verwenden, die in anderen gesellschaftlichen Kreisen nicht akzeptabel sind. Gleichzeitig bietet das Stadion für viele Jugendliche und Erwachsene einen Ort, an dem sie vielseitige Möglichkeiten der Entfaltung, Kreativität, Solidarität und des Engagements sowie Gemeinschaftsgeistes ausleben können.

3.2 Rassismus, Rechtsextremismus, Hass und Gewalt im Fußballumfeld

Fußball gehört zu den meist gesehenen und beliebtesten Sportarten in Deutschland und wird von allen Schichten und Altersgruppen gesehen und gelebt. Auch in den Medien ist der Sport ein allgegenwärtiges und beliebtes Thema. Neben den sportlichen Fußballereignissen rund um die Bundesliga, internationale Turniere, Welt- und Europameisterschaften sowie die Amateure, kommt es auch immer wieder zu Berichterstattungen über rassistische Äußerungen oder Tätigkeiten im Fußballumfeld. Auf der einen Seite steht Sport für Fairness, Respekt und Toleranz – dabei wird vor allem dem Fußballsport oftmals eine große Vorreiterrolle für die gesellschaftliche Integration von Migranten zugesprochen – und auf der anderen Seite ist der Fußballbereich ein Ort, an dem diskriminierende und rassistische Haltungen gegenüber anderen Menschen offensiv ausgetragen werden (Glaser & Elverich, 2008, S.5). Gründe dafür sind unter anderem die Anonymität und das Gemeinschaftserlebnis in der Masse sowie die Freund-Feind-Konstellation während des Spiels und die Möglichkeit der extremen Identifikation mit der eigenen Mannschaft (Glaser & Elverich, 2008, S.5). Das Freund-Feind-Schema ist zu einem festen Bestandteil der europäischen Fußballfankultur geworden und zeigt den binären Gegensatz zwischen den beiden Mannschaften und den Fans auf (Gabler, 2009, S.18). Dabei wird die eigene homogene Gruppe versus das Fremde und Andere als Feind wahrgenommen (Gabler, 2009, S.19). Dies kann in Anlehnung an die Ausarbeitung von Rassismus und Stuart Halls ‚Konstruktion des Anderen‘ als ein rassistischer Diskurs gesehen werden. „Wird dann noch zur Abwertung des Gegners auf äußerliche Merkmale oder die Herkunft des Spielers oder der gegnerischen Mannschaft bzw. deren Fans hingewiesen, wird aus der rituellen Beleidigung eine rassistische Diskriminierung“ (Gabler, 2009, S.20). Gabler (2009) betont, dass diese Erklärung einerseits hilft zu verstehen, warum viele Menschen sich zu solchen rassistischen Beleidigungen hinreißen lassen, auch wenn sich in der eigenen Mannschaft ein Spieler ausländischer Herkunft befindet, andererseits dient dieser Ansatz häufig auch der Entschuldigung und Rechtfertigung rassistischer oder rechtsextremer Äußerungen (S.20). Wagner (2008) betont jedoch auch, dass fremdenfeindliche und rassistische Einstellungsmuster nicht nur im Fußball, sondern auch in anderen Sportarten vorzufinden sind und demnach die Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist (S.75). Hervorzuheben ist allerdings, dass diese Phänomene unverkennbar in der Fußballkultur vorkommen „(…) und Organisationen des rechtsextremen Spektrums seit einiger Zeit mit unterschiedlichen Strategien versuchen, die Attraktivität des Fußballs für ihre Zwecke zu nutzen bzw. zu missbrauchen“ (Wagner, 2008, S.75).

[...]


1 Hiermit sind das weibliche sowie das männliche Geschlecht mitgemeint. In der ganzen Arbeit soll unter keinen Umständen ein Geschlecht diskriminiert werden. Formulierungen mit einem Geschlecht sollen nur der besseren Lesbarkeit dienen.

2 Unter Ultras versteht man besonders radikale Vertreter einer politischen Richtung (Duden, 2018)

3 Deprivation ist der Mangel, Verlust oder Entzug von etwas Erwünschtem (Duden Deprivation, 2018)

4 DFB = Deutscher Fußball Bund / DFL = Deutsche Fußball Liga (national)

5 FIFA = Fédération Internationale de Football Association / UEFA = Union of European Football Associations (international)

6 Ein Hooligan ist ein „meist im Gruppenverband auftretender Jugendlicher, dessen Verhalten von Randale und gewalttätigen Übergriffen bei öffentlichen Veranstaltungen (z.B. Fußballspielen) gekennzeichnet ist. Der Ursprung ist im englischsprachigen Raum und bedeutet übersetzt ‚Schläger‘ oder ‚Raufbold‘ (Duden Hooligan, 2018).

Ende der Leseprobe aus 172 Seiten

Details

Titel
Rote Karte für Rassismus, Homophobie, Rechtsextremismus und Hate Speech im Fußballbereich
Untertitel
Maßnahmen und Gegenstrategien für Vereine, Verbände und die Pädagogik
Autor
Jahr
2019
Seiten
172
Katalognummer
V492794
ISBN (eBook)
9783964870636
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus
Arbeit zitieren
Franziska Sander (Autor), 2019, Rote Karte für Rassismus, Homophobie, Rechtsextremismus und Hate Speech im Fußballbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492794

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