Zur Rezeptionsgeschichte von Paul Klee


Referat (Ausarbeitung), 1995

14 Seiten, Note: 2

M. Sartorio (Autor)


Leseprobe

Einleitung

Zur Defmition der Rezeptionsgeschichte in der kunsthistorischen Forschung eignet sich ein Zitat aus Walter Benjamins "Begriff der Geschichte"1:

, Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heif3t. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als ware er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starr!. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht often und seine Flugel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muj3 so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablassig Trummer aufTrummer hauft und sie ihm vor die Fuj3e schleudert. Er mochte wohl verweilen, die Toten wecken und das zerschlagene zusammenfiigen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flugeln verfangen hat und so stark ist, daft der Engel sie nicht mehr schliej3en kann. Dieser Sturm treibt ihn unaujhaltsam in die Zukunft, der er den Rucken kehrt, wahrend der Trummerhaufen vor ihm zum Himmel wachst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Diese Interpretation von Walter Benjamin, geschrieben 1940 in seinem

Pariser Exil, ist an sich schon eine Vorgabe bin zur Rezeptionsasthetik.

- Rezeptionsasthetik als Mittel in der Literaturwissenschaft
- Rezeptionsgeschichte als Teil der Kunstgeschichte

beide Begriffe vermischen sich inhaltlich oft, stehen aber auch in einem gewissen Gegensatz.

Die Rezeptionsgeschichte la.Bt sich in drei Hauptstromungen gliedern2:

- Wanderung kiinstlerischer Formulierungen
- literarische Rezeptionsgeschichte
- Geschichte des Geschmacks

AufKlee bezogen ist die Wanderung oder auch Wandlung kiinstlerischer Formulierungen fiir die Zeit nach 1945 interessant.

Die literarische Rezeptionsgeschichte will ich u.a. fiir die NS-Zeit anwenden, sowie fiir theoretische Formulierungen von Klee selbst und fiir Autoren die sich zu Lebzeiten Klees mit ibm beschaftigten.

Die Geschichte des Geschmacks konnte man aus den v.g. Formulierungen ableiten.

Auch tiber die Abgrenzung zur Rezeptionspsychologie definiert sich die Rezeptionsgeschichte bzw. Rezeptionsasthetik, obwohl m.E. diese Abgrenzung fiir Paul Klees Werk nur bedingt zulassig ist. Sein Schaffen insgesamt, also auch sein theoretischer Beitrag, lassen grundlegende psychologische Gegebenheiten erkennen. S. Freud war ein Zeitgenosse Klees.3

Nicht umsonst ist Klee ein Vertreter der Modeme oder vielmehr des Intemationalen Stils, sowie die Psychoanalyse Freuds eine Wissenschaft unseres Jahrhunderts ist. Der Zusammenhang Freud-Klee ist wissenschaftlich noch vollig unerforscht.4

Über diesen AbriB wie Rezeption in der Kunstgeschichte definiert werden kann, nun zu einer kurzen biographischen Obersicht zur Vitae Klees:5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zweeks Obersichtlichkeit habe ich die rezeptionsgeschichtliche Entwicklung in insgesamt vier Phasen aufgeteilt.

Phase I beschreibt Kindheit und familiaren Hintergrund bis zu den ersten groBeren Erfolgen als Maler Ende des 1. Weltkrieges. Diese Zeitspanne von 1879 bis 1919/1920 wird rezeptionsgeschichtlich durch die Herausgabe der Tagebiicher, 1957 abgedeckt6 - Heute kann man davon ausgehen, daB es Paul Klees Absicht gewesen ist, seine Tagebiicher der Offentlichkeit zuganglich zu machen. Nachtragliche Korrekturen durch Paul K.lee und die Anrede an einen imaginaren Leser lassen diesen SchluB zu.

Die handschriftlichen Aufzeichnungen sind transkripiert erschienen. D.h. durch die Einfiihrung zahlreicher Zeichen, erklart in einer Legende, wird auf Anderungen der Form, der Rechtschreibung, der Grammatik usw. hingewiesen.

Die originalen Aufzeichnungen sind schwierig zu lesen. Es besteht insbesondere durch die Einfiihrung dieser Zeichenregelung die Moglichkeit das Original mit der Transkription zu vergleichen.7

Vom Inhalt beschreibt Klee die Zeitspanne zwischen Kindheit und 1918

Von besonderem Interesse ist Klees Entscheidung sich der Malerei und nicht der Musik zu zuwenden. Klees Vater arbeitete wie bereits gesagt als Musiklehrer in Bern. Fundierte musikwissenschaftliche Kenntnisse, sowie die professionelle Beherrschung der Violine rlihren sicher hierher.

Klee spielt als Geiger im Berner Stadtorchester und arbeitet spater als Musiklehrer in Mfinchen.

Nach Klees Ansicht ist die Entwicklung der klassischen Musik um die Jahrhundertwende festgefahren, so daB aus seiner subjektiven Einschatzung kein Fortschritt fiir ihn darin moglich gewesen ware.8

Klee sucht also fiir sich ganz bewuBt die Malerei aus, weil er der festen Uberzeugung ist, diese fiir sich und generell weiterentwickeln zu konnen, was ihm unbestreitbar gelungen ist.

Mit Phase II will ich seinen intemationalen Durchbruch beschreiben. Die Eckdaten sind hier die Berufung ans Bauhaus his hin zu seiner Emigration nach Bern/Schweiz. Seine Bekanntschaften und Reisen aus der Vorkriegszeit und natiirlich das groBe Gluck nicht an die Front gemuBt zuhaben, sind die Basis fiir seinen stetig zunehmenden Erfolg.9

Mit der Berufung ans Bauhaus entsteht das padagogische Skizzenbuch, vergleichbar mit Kandinskys ,Punkt und Linie zur Flache". In dieser Zeit beschaftigt sich Klee auch intensiv mit der Verbindung von Musik hin zur Malerei. Er stellt z.B. GesetzmaBigkeiten auf, vergleichbar mit den Naturwissenschaften, in denen er auch bewandert war und begriindet u.a. eine Farbentheorie. Beachtlich ist der hohe Abstraktionsgrad.

Ferner entwirft Klee eine Notation, in der nicht nur wie bisher iiblich Tempo, Lautstarke usw. angegeben sind, sondem auch "die Farbe der Musik".10

Der Weg zur intemationalen Beachtung fiihrt jedoch iiber Paris. Dort arrangiert der Giidische) Kunsthandler Alfred Flechtheim verschiedene Ausstellungen, in denen Klee neben Picasso vertreten ist.

Paris war die damalige Kunst- und Kulturmetropole wie New York heute.

Klees Bilder wurden in Paris als ausgesprochen nicht ,typisch-deutsch" aufgenommen und diskutiert. Ich betone das an dieser Stelle, da der vermeintliche Zusammenhang national und deutsch in einigen friiheren Publikationen11 zu Klee oft in fast absurder Weise hergestellt wurde.

Damit komme ich zur Phase III. Die von mir hier vorgenommene Einteilung reicht von der Vertreibung Klees aus Deutschland im Jahre 1933 bis zu seinem Tod 1940.

In den 30er Jahren wird Klee als betont deutscher Kiinstler in vielen Kunstkritiken der damaligen Zeit besprochen. Diese Haltung sollte sozusagen eine giitliche Einigung zwischen dem Maler Klee und der Kulturpolitik des 3. Reiches herbeifiihren. 12

Spatestens mit der Ausstellung "Entartete Kunst", 1937, konnte diese Haltung, die aus dem intemational-modemen Klee einen "reinrassig" deutschen Maler gemacht hatte, nicht mehr aufrecht gehalten werden.

Die Zwitschermaschine in der Ausstellung "Entartete Kunst" und der Ausstellungstext zu den Klee Bildem vermitteln einen Eindruck der Kunstauffassung in dem damaligen Deutschland. Klee wird von Rudolf Probst z.B. als "reiner Geistesbesessener" bezeichnet. Probst ist Mit­ verfasser der Kulturideologie des 3. Reiches und hat die Ausstellung ,Enartete Kunst" mit initiiert. 13

SchlieBlich wird Klee sogar als ,Schweizer-Jude" verunglimpft.

Natiirlich bleiht die Machart dieser Ausstellung als eine Art ,Panoptikum der Ohskuritiiten" nicht ohne Wirkung, zumal die Ausstellung ,Entartete Kunst" bei der breiten Bevolkerung gerade durch diesen Charakter der Prasentation einen groBen Zulauf hatte.

Eine ahlehnende Grundhaltung gegeniiber der Moderne wurde somit nicht nur in der breiten Masse verankert, sondern zeigte auch bei einem Teil der intellektuellen Oberschicht his in die spaten 50er Jahre ihre negative Wirkung.

Weltkrieg, Emigration und das lange Einhiirgerungsverfahren in der Schweiz behindern Klee in der Zeit von 1933 his 1940 betrachtlich.

Zwar ist Klee in Bern keinen Repressalien ausgesetzt, jedoch bewirkt die geopolitische Insellage der Schweiz im 2. Weltkrieg, daB internationale Beziehungen nur zogerlich aufrecht erhalten werden konnen.

Die etwas provinziell-kleinbiirgerlich eingestellten Berner neigen zu elementarer Ablehnung gegeniiher der Kunst Klees. Die kleine schweizerische Avantgarde versucht jedoch Klee zu helfen wo immer das moglich ist.

1940 stirbt Klee in Muralto/Locarno/Tecino ohne nach einem 1-jahrigen Einbiirgerungsverfahren die schweizerische Staatsangehorigkeit erhalten zu hahen. Diese zogerliche Haltung der Behorden erweist sich im Nachhinein als groBer Fehler fiir Bern und die Schweiz, da das Gesamtwerk Klees nun nicht mehr als nationales Erhe der Schweiz tituliert werden konnte. Eine Konzentration auf Bern hatte auch fiir die Kunstforschung Vorteile gehaht.

Die Verteilung des Werkes auf verschiedene Stadte macht die Klee­ Forschung u.U. zu einem reiseintensiven Unterfangen.

Phase IV bezeichnet die Zeit nach 1945 his heute. Hier heginnt die relativierende Rezeptions-geschichte; d.h. das eigentlich Interessante ist die Kritik an den Rezeptionsvorgaben zu Klee his dahin. Den Schwerpunkt lege ich hier auf die Aussagen von Werckmeister und Hopfengart.

Werckmeister, von der Weltanschauung ein Marxist, kommt durch seine Analyse zu weiteren Erkenntnissen fiir die Zeit zwischen den heiden Weltkriegen.

Hopfengart stiitzt sich z.T. in ihrer Dissertation auf Werckmeister. Auch de Chapeaurouge greift auf Werckmeister zuriick. Fast unabhangig zu den Genannten arbeitet Regel in seinem Buch, das aus Aufsatzen, Vortragen, Rezensionen usw. besteht.

Zuriick zu Werckmeister.

Das Zitat am Anfang meines Referates ist seinem Buch entnommen und nimmt Bezug auf W. Benjamin, der den ,Angelus Novus" gekauft hatte. Dieses Bild befindet sich heute in Jerusalem (Israel MuseumY4- Benjamin, ein jiidischer Schriftsteller, mufite wegen den deutschen Rassegesetzen emigrieren und veriibte in Port Bou/Katalonien/Spanien/ Selbstmord. An der Stelle wo er sich umbrachte ist zu seinen Ehren vor einigen Jahren ein Denkmal errichtet worden. Benjamin war u.a. eine quasi Kultfigur der West-Deutschen-Linken in den 50er Jahren.

Werckmeister stellt nun die Aussagen Benjamins, insbesondere die zu dem ,Angelus Novus" neben verschiedene Aussagen Klees und kommt aus der Bewegung des Begriffs Geschichte wie Benjamin ihn definiert hat, zu der Feststellung, daB der Maler Paul Klee und der Historiker bzw. Schriftsteller Benjamin in ihren jeweiligen Aussagen kongruent sind.

Ein wichtige Kapitel in Werckmeisters Buch sind die Bemerkungen zu Klees ,kindlicher Kunst". Er diskutiert hier die Kontroverse iiber die Definition, was denn iiberhaupt "kindliche Kunst" sei und ob es so etwas iiberhaupt gibt.

Klees Kunst wurde ja oft im Negativen wie im Positiven als kindlich bezeichnet. So beleuchtet Werckmeister auch die Politisienmg und ldeo­ logisienmg der sog. Kinderkunst im 3. Reich.

Picasso soli einmal gesagt haben: ,Ich male nicht was ich sehe, sondern das was ich denke."15

O.K. Werckmeister sieht die Karriere Klees zu Anfang der 30er Jahre auf dem Hohepunkt, also in der mittleren Schaffenszeit. 1933 ist Klee schon ein moderner Klassiker. Das Spatwerk oder die Spatphase sieht er durch Krankheit und Exil behindert.

Dort wo Werckmeisters "Versuche fiber Paul Klee" aufhoren, will ich mit Christine Hopfengarts Dissertation "Klee vom Sonderfall zum Publikumsliebling" fortfahren.

Hopfengart legt den chronologischen Anfang ihrer Dissertation ins Jahre 1905, wie auch der Untertitel ihrer Arbeit angibt. Durch die klare Vorgabe einer Rezeptionsgeschichte auf literarischer Basis, der Untertitel in voller Lange lautet: ,Stationen seiner offentlichen Resonanz 1905- 1960", bringt es Hopfengart zu einer etwas polemischen Kritik an Werckmeisters Buch, eigentlich erganzt sie ihn.

Sie beschreibt Klees Erfolge in den USA, die offizielle Verfolgung im 3. Reich. Beides sind Stellen, die Werckmeister nicht ausreichend be­ leuchtet oder dies einfach nicht wollte, weil sein Buch anders angelegt ist.

[...]


1 s. Litverz.: O.K. Werkmeister

2 s. Litverz.: W. Kemp

3 s. Litverz.: S. Freud

4 Es besteht hier ein zeitlicher Zusammenhang in der Entstehungsgeschichte, d.h. viele Elemente der Psychoanalyse sind in die Modeme Malerei eingeflossen, so z.B. am deutlichsten in den Surrealismus (Traumdeutung).

5 Auszug in gekUrzter Form aus Regel, G. (s. Literaturverz.)

6 s. Litverz.: Klee Felix (Hrsg.)

7 Seitengleiches Mitverfolgen von Klees handschriftlichen Aufzeichnungen mit der Transkription.

8 Ich finde es aus der heutigen Sicht schade, daB Klee einen John Cage oder A. Braxton nicht mehr erleben durfte. Aber das nur am Rande bernerkt.

9 vgl.: psychische Zerstorung Kirchners durch den I. Weltkrieg. Franz Mares Tod, mit Marc hat Klee im Briefwechsel gestanden. Italienreise, Reise nach Paris, Tunisreise.

10 Litverz.: Runge

11 Diese Haltung findet man in NS-Schriften, urn Klee quasi als Deutschen zu "rehabilitieren" und nach Ende des 2. Weltkrieges in einigen Ausstellungskatalogen, urn Klee als den "guten" Deutschen zu verkaufen.

12 Klee wurde von den Verantwortlichen dieser Art von Kulturpolitik niemals urn eine Stellungnahme gebeten, sondem man versuchte ihn anflinglich filr die ideologischen Zwecke des Nationalsozialismus zu vereinnahmen. Ziel war es, das sog. Deutsche in der Kunst in Position zu bringen.

13 s. Litverz.: Guemther, P.

14 Wieder "Angelus Novus" dorthin gerettet werden konnte, ist noch offen.

15 Ein Kind versucht in seinen Zeichnungen die Realitlit unmittelbar abzubilden, im Gegensatz dazu definiert sich die klassisch-modeme (abstrakte) Malerei u.a. Uber den Ausdruck eines bestimmten Denkens in der bildnerischen Form.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zur Rezeptionsgeschichte von Paul Klee
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Kunsthistorisches Institut)
Note
2
Autor
Jahr
1995
Seiten
14
Katalognummer
V492883
ISBN (eBook)
9783668991712
ISBN (Buch)
9783668991729
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paul Klee, Rezeption
Arbeit zitieren
M. Sartorio (Autor), 1995, Zur Rezeptionsgeschichte von Paul Klee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492883

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