Das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) erklärte 1995 zum einen das bestehende Transfersystem und zum anderen die bis dahin gültigen Ausländerbeschränkungen für unvereinbar mit dem europäischen Gemeinschaftsrecht. Mit diesem Urteil waren sämtliche Regelungen dieser Art im gesamten Profisport schlagartig hinfällig. Ab diesem Zeitpunkt konnten ausländische Spieler beinahe unbegrenzt eingesetzt werden, und die Transfersummen, die bei einem Vereinswechsel eines Spielers auch nach Vertragsende an den abgebenden Verein gezahlt werden mussten, fielen weg. Es gab in der Folge lautstarke Proteste der Sportverbände. Die Vereine fürchteten steigende Spielergehälter und die Verbände um die Leistungsstärke ihrer Nationalmannschaften. Es würde zu einer Überflutung der inländischen Vereine mit ausländischen Spielern kommen und die besten Spieler der Welt alle zu einigen wenigen Clubs wechseln. Die fehlende Ablösesumme würde das wirtschaftliche Ungleichgewicht verschärfen und die Ligawettbewerbe daher uninteressant machen. Auch die Ausbildung von Nachwuchsspielern würde durch den Wegfall der Transfersummen nach Ablauf eines Vertrages nicht mehr in ausreichendem Maße stattfinden. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich die vorliegende Seminararbeit mit den ökonomischen Auswirkungen des Bosman-Urteils. Dazu wird im folgenden Kapitel zunächst das Bosman-Urteil dargestellt, wobei der Verlauf der Klage sowie weitere im Anschluss an das Urteil folgende Modifizierungen beschrieben werden. Im dritten Kapitel werden die ökonomischen Konsequenzen durch den Wegfall der Transfersummen bei ausgelaufenen Verträgen im Hinblick auf die Allokation der Spieler, die Vertragsgestaltung sowie auf Investitionsanreize untersucht. Das vierte Kapitel beinhaltet eine Erläuterung der aus der Abschaffung der Ausländerklausel resultierenden Folgen. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen dabei neben der Entwicklung des Ausländeranteils vor allem die Auswirkungen auf die Attraktivität der Liga und die Konsequenzen für die Nationalmannschaften. Den Abschluß der Arbeit bildet das fünfte Kapitel mit einer Zusammenfassung der Erkenntnisse aus den vorangegangenen Kapiteln.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Bosman-Urteil
2.1 Sachverhalt
2.2 Verlauf der Klage
2.3 Urteil des EuGH vom 15. Dezember 1995
2.4 Reaktionen und weitere Modifizierungen des Bosman-Urteils
3 Ökonomische Konsequenzen der wegfallenden Transfersummen
3.1 Auswirkungen auf die Allokation von Spielern
3.2 Auswirkungen der veränderten Rentenverteilung auf die Vertragsgestaltung
3.3 Auswirkungen auf die Investitionsanreize
4 Folgen der Abschaffung der Ausländerklausel
4.1 Entwicklung des Ausländeranteils
4.2 Auswirkungen auf die Attraktivität der Liga
4.3 Konsequenzen für die Nationalmannschaften
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die ökonomischen Konsequenzen des Bosman-Urteils von 1995 auf den professionellen Fußball zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich der Wegfall von Transfersummen bei Vertragsende und die Abschaffung der Ausländerklausel auf die Spielermärkte, Vertragsgestaltungen, Investitionsanreize der Vereine und die Wettbewerbsfähigkeit von Nationalmannschaften auswirken.
- Rechtliche Grundlagen und Reaktionen auf das Bosman-Urteil
- Ökonomische Analyse von Spielermobilität und Allokationsprozessen
- Einfluss veränderter Vertragsstrukturen und Gehaltsentwicklungen
- Auswirkungen der Ausländerklausel-Abschaffung auf Ligen und Nationalteams
- Bewertung von Investitionsanreizen in die Nachwuchsförderung
Auszug aus dem Buch
3.1 Auswirkungen auf die Allokation von Spielern
Im Urteil des Europäischen Gerichtshofes wurde als Begründung für die Abschaffung der Transfersummen bei ausgelaufenen Verträgen u.a. angeführt, dass Transferentschädigungen die Mobilität von Spielern beeinträchtigen würden (vgl. SCHELLHAAß/MAY 2002). Ökonomische Analysen zeigen jedoch, dass Transferentschädigungen keinerlei Einfluss auf die Vereinswahl von Profispielern haben (vgl. DEMSETZ 1972, 16). Vereinswechsel finden demnach unabhängig von der Vertragslaufzeit und dem Transfersystem statt, wenn die Produktivität des Spielers in einem anderen Verein höher ist als in seinem ursprünglichen Club (vgl. FEESS 2005, 5).
Das sog. Coase-Theorem besagt, dass bei nur geringem Ausmaß an asymmetrischer Information und nur geringfügigen Transaktionskosten, es unabhängig von der Festlegung der Eigentumsrechte zu Vereinswechseln kommt, da alle Beteiligten sich besser stellen können, solange die Vereine aus dem Spielereinsatz unterschiedliche Erträge erzielen (vgl. BERTHOLD/NEUMANN 2005b, 8). Das Coase-Theorem kann somit als fundamentaler Erklärungsansatz für einen Vereinswechsel aufgefasst werden (vgl. ERNING 2000, 174). Verhandlungen sind laut COASE (1960) immer erfolgreich, sofern alle beteiligten Parteien davon profitieren können, d.h. wenn die Einigungen effizient sind (vgl. FEESS 2005, 15). Transfersysteme und Vertragslängen bestimmen demnach lediglich die Aufteilung der Verhandlungsgewinne, behindern aber nicht effizienzerhöhende Vereinswechsel (vgl. FEESS/MÜHLHEUSSER 2002, 145).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert das Bosman-Urteil von 1995, dessen Auswirkungen auf den Profifußball und umreißt den Aufbau sowie das methodische Vorgehen der Seminararbeit.
2 Das Bosman-Urteil: Dieses Kapitel stellt den juristischen Sachverhalt des Falls Jean-Marc Bosman dar, beschreibt den Verlauf der Klage, das Urteil des EuGH und die anschließenden Reaktionen sowie Modifizierungen des Reglements.
3 Ökonomische Konsequenzen der wegfallenden Transfersummen: Das Kapitel analysiert, wie sich der Wegfall von Ablösesummen bei ausgelaufenen Verträgen auf die Allokation von Spielern, die Vertragsgestaltung und die Investitionsanreize der Vereine auswirkt.
4 Folgen der Abschaffung der Ausländerklausel: Hier werden die Entwicklung des Ausländeranteils in der Bundesliga, die Auswirkungen auf die Attraktivität der Liga und die Konsequenzen für die Nationalmannschaften untersucht.
5 Fazit: Das Fazit fasst die ökonomischen Ergebnisse zusammen und bewertet die Auswirkungen auf den Fußball, insbesondere im Hinblick auf den Zielkonflikt zwischen Vertragslaufzeiten und Nachwuchsförderung.
Schlüsselwörter
Bosman-Urteil, Sportökonomie, Transfersummen, Spielermarkt, Allokation, Vertragsgestaltung, Ausländerklausel, Humankapital, Nachwuchsförderung, Coase-Theorem, Verhandlungsmacht, Europäischer Gerichtshof, Profifußball, Investitionsanreize, Rentenverteilung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der ökonomischen Analyse des Bosman-Urteils von 1995 und dessen weitreichenden Folgen für das Transfersystem und die Struktur des europäischen Profifußballs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen auf die Spielermobilität, die Veränderung der Verhandlungsmacht und Rentenverteilung zwischen Vereinen und Spielern, sowie die Folgen der Abschaffung von Ausländerbeschränkungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, ob das Urteil tatsächlich die vom EuGH intendierte positive Wirkung auf die Spielermobilität hatte und welche ökonomischen Konsequenzen dies für die Struktur des Fußballs, insbesondere bezüglich Nachwuchsinvestitionen und Ligaattraktivität, nach sich zog.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer mikroökonomischen Analyse, bei der theoretische Konzepte wie das Coase-Theorem zur Anwendung kommen, um empirisch beobachtbare Phänomene in der Post-Bosman-Ära zu erklären.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der ökonomischen Konsequenzen wegfallender Transfersummen (Kapitel 3) und die Folgen der Abschaffung der Ausländerklausel (Kapitel 4).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Bosman-Urteil, Transfersystem, Allokation, Verhandlungsmacht, Ausländeranteil und Nachwuchsförderung.
Welche Rolle spielen die "Bindungsstrategien" der Vereine?
Vereine nutzen verstärkt langfristige Verträge, um ihre Investitionen in die Talentausbildung abzusichern und die Rückverhandlungsmacht aufnehmender Vereine zu reduzieren, was als Reaktion auf den Wegfall der Ablösesummen nach Vertragsende zu verstehen ist.
Wie wirkt sich die Liberalisierung auf Nationalmannschaften aus?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die erhöhte Arbeitskräftemobilität zwar zu einem Qualitätsanstieg in den Ligen führen kann, jedoch durch die Substitution von einheimischen Nachwuchsspielern durch ausländische Profis die Basis für Nationalmannschaften in finanzstarken Ligen geschwächt werden könnte.
- Arbeit zitieren
- Gert Schuller (Autor:in), Anja Schmitz (Autor:in), Jan Janzen (Autor:in), 2005, Ökonomische Analyse der Auswirkungen des Bosman-Urteils, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49294