Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili". Eine Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theodizee
2.1 Begriffsklärung
2.2 Positionen zur Theodizeefrage
2.3 Theodizeethematik in der Erzählung

3 Deutung des Erdbebens
3.1 Rettung der Liebenden
3.2 Paradies
3.3 Göttliche Strafe

4 Umkehr der Deutung

5 Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ wurde im Jahr 1807 in Cottas „Morgenblatt für gebildete Stände veröffentlicht. Kleist änderte den Titel von „Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647“ hin zu „Das Erdbeben in Chili“, welches auch die finale Titelwahl ist.[1] Kleists Erzählung bezieht sich historisch gesehen auf das Erdbeben in Santiago de Chile im Jahr 1647.[2] Kleist schrieb diese Novelle vermutlich im Jahr 1806 während seiner Zeit in Königsberg, wo er als Beamter arbeitete und eine Ausbildung in Kameralistik anfing.[3] Er war in Königsberg vom Jahr 1804 und blieb dort die nächsten drei Jahre. Kleist verfasste „Das Erdbeben in Chili“ nach der sogenannten „Kant-Krise“, die am Anfang des 19. Jahrhunderts war.[4] Er stürzte durch Immanuel Kants Schriften und die Frage ob menschliche Erkenntnis überhaupt möglich sei in eine existenzielle Krise. Kleist lieferte selbst einen Hinweis für die „Kant-Krise“ in einem Brief vom 22. März 1801 an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, dessen Inhalt grob gesagt war, dass er Kant gelesen habe und nun kein Ziel mehr im Leben hat.[5] Des weiteren war zu dieser Zeit auch noch die Theodizee-Debatte sehr aktuell.

In dieser Hausarbeit möchte ich die Erzählung von Heinrich von Kleist dahingehend untersuchen, dass er „Das Erdbeben in Chili“ als Stellungnahme auf die Theodizeediskussion verfasst hat und durch die verschiedenen Deutungen des Erdbebens durch die Personen, die daran beteiligt sind, welche alle im Schluss wieder zunichte gemacht werden implizit der Auffassung ist, dass es auf die Theodizeefrage keine Antwort gibt, beziehungsweise Kleist keine Antwort darauf findet. Meine These ist also, dass Kleist zuerst durch den Aufbau von Sinn eine scheinbare Antwort auf die Frage der Theodizee liefert, jedoch im Schluss wiederum diesen Sinn zerstört und somit eine Antwort auf die Theodizee fehlt.

Zuerst werde ich auf den Aspekt der Theodizee in Kleists Erzählung eingehen und diesen näher erläutern. Daraufhin werde ich drei Deutungen des Erdbebens vorstellen und an zwei aufzeigen, dass diese wieder zunichte gemacht werden. Am Schluss dieser Arbeit werde ich noch eine persönliche Stellungnahme zur Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ hinzufügen und weitere Ausblicke vorstellen.

2 Theodizee

2.1 Begriffsklärung

Unter dem Begriff Theodizee beziehungsweise der Theodizeedebatte versteht man die Diskussion darüber wie ein gütiger Gott, der dazu noch allmächtig ist, so viel Leid und Böses auf dieser Welt zulassen kann. Unter anderem war auch das Erdbeben in Lissabon von 1755 am Allerheiligentag der Auslöser für eine große Debatte über die Theodizee in Europa.[6] An dieser Diskussion waren viele Philosophen beteiligt unter anderem auch Immanuel Kant, Gottfried Wilhelm Leibniz, Moses Mendelssohn und viele weitere.

2.2 Positionen zur Theodizee

Zur oben erklärten Theodizeedebatte gab es verschiedene Positionen, die ich nun kurz vorstellen werde. Ein bekannter Vertreter der sogenannten traditionellen oder ursprünglichen Theodizee ist Gottfried Wilhelm Leibniz, der die Ansicht vertrat, dass in der jetzigen Welt der optimale und positive Zustand schon erreicht ist.[7] Außerdem habe alles Gute und Böse dieser Welt letztlich einen positiven Sinn.[8] Eine Weiterentwicklung dieser Auffassung von Leibniz stellt zum Beispiel Immanuel Kant vor, der die jetzige Welt als durchaus voller Übel und Böshaftigkeit sieht, aber auch eine stetige Verbesserung zu einem optimaleren und besseren Zustand sieht, in welchem jedes Übel verschwunden sein wird.[9] Der Mensch leidet unter dem Übel in der jetzigen Welt, jedoch kann er selbst dazu beitragen, dass es besser wird und der positive Zustand erreicht wird.[10] Kant und seine Philosophie sind auf zweifache Weise wichtig für Kleist: einmal war er der Auslöser für die Kant-Krise von 1801 und in den nachfolgenden Werken setzt sich Kleist mit Kants Konzeptionen auseinander, insbesondere mit der „Kritik der Urteilskraft“.[11] Eine weitere Auffassung zur Theodizee-Debatte war, dass eine Belohnung beziehungsweise Bestrafung der Menschen, die gute beziehungsweise böse Taten in ihrem Leben geleistet haben spätestens im Jenseits passieren wird.[12] Kleist war dieses Konzept bekannt, es ähnelt der Erlösungsvorstellung des Christentums.[13]

2.3 Theodizeethematik in der Erzählung

Die Thematik der Theodizee wird von Kleist im „Das Erdbeben in Chili“ verarbeitet. Dies habe ich schon in meiner These am Anfang der Hausarbeit behauptet. Ich möchte diese These nun mit Argumenten stützen.

Es wird allein schon durch den Text ersichtlich, dass Kleist die Thematik der Theodizeedebatte aufgreift, da er die verschiedenen Positionen der Philosophen zu der Zeit im Text behandelt beziehungsweise literarisiert.[14]

Die Theodizeethematik in der Erzählung wird auch durch gewisse sprachliche Besonderheiten und Wörter erkennbar. Kleist verwendet häufig den Zufall im Text durch eben das Wort „Zufall“ oder seine Abwandlungen. Der Zufall, wie er an mehreren Stellen im Text vorkommt, müsste an sich nicht zwangsläufig mit Gott in Verbindung gebracht werden, aber die Häufigkeit und nicht zuletzt das Interpretieren durch die Personen, sind ein Argument dafür, dass es sich hier um die Frage nach Gottes Eingreifen handelt. Kleist benutzt das Wort „Zufall“ und seine Abwandlungen im Text von Anfang an, wie zum Beispiel als er schildert wie Jeronimo durch einen „glücklichen Zufall“ wieder den Kontakt zu Josephe aufnimmt.[15] Weiter in der Erzählung möchte Jeronimo sich das Leben nehmen und findet in seiner Zelle einen Strick, „den ihm der Zufall gelassen hatte“.[16] Schon auf der nächsten Seite kommt der Zufall wieder vor als Jeronimo durch eine „zufällige Wölbung“ eines umstürzenden Gebäudes gerettet wird.[17] Ein weiterer nicht als Zufall deklarierter Zufall ist der sogenannte „unerhörte“ Zufall am Anfang, welcher das Erdbeben darstellt. Dieses passiert nämlich genau in diesem Augenblick als sich Jeronimo erhängen will und seinem Leben ein Ende machen will. Für Jeronimo wird also diese Katastrophe zum Glücksfall.[18] Anzumerken ist, dass in Kleists Texten durch Zufälle für den Leser und die Figuren hermeneutische Prozesse in Gang gesetzt werden, die jedoch immer nur zeitweise in unsicheren Sinnkonstruktionen zum Stehen kommen.[19]

Ein weiteres Argument für die Theodizee in der Erzählung ist, dass Kleist ebenfalls das Wort „Wunder“ und seine Abwandlungen benutzt. Diese Begebenheiten werden von den Personen so interpretiert, dass sie glauben, dass Gott hier eingegriffen hat. Kleist erwähnt einmal die „wunderbare Errettung“[20], dann „ein Wunder des Himmels“[21] und das Tal wird mit Hilfe eines „wundermilden Duftes“[22] noch näher beschrieben.

Eine weitere interessante Sichtweise zur Theodizeethematik im Erdbeben von Chili stellt Gernot Wimmer vor. Er ist der Auffassung, dass im Erdbeben in Chili ein Hinweis auf die Theodizee existiert, weil die Geburt des Philippe die existentielle Bedrohung des wiedergekehrten Gottessohnes darstellt und daraus eine notwendige göttliche Intervention, hier als Erdbeben, folgen muss.[23] Diese Strafe folgt, da die Gesellschaft Josephe umbringen wollte, sie aber die Mutter des wiederkehrenden Gottessohnes ist.[24] Außerdem befreit diese Strafe die Menschen von der Erbsünde.[25] Weiterhin sieht er die Theodizeethematik im Tal. Denn das erneute Erscheinen des Gottessohnes soll die Entsündigung der Menschheit sicherstellen.[26] Kleist will dadurch den ursprünglichen Zustand wiederherstellen. Dieser Zustand ist der des Nicht-Bewusstsein, der Unwissenheit von Gut und Böse.[27] Dieser Zustand ist für Kleist ein erstrebenswerter, das bedeutet Erlösung für ihn.[28] Um diesen Zustand der „Unschuld“ zu erreichen, braucht es eine Verringerung beziehungsweise Reduktion der psychologischen Bewusstseinsphäre, also ein Denken auf tierisch-existentiellem Niveau.[29] Nach dem Wiedersehen im Tal schildert Kleist eine Idylle, die viele Parallelen aufweist zur biblischen Geschichte von Adam und Eva. Der Unterschied ist jedoch, dass Josephe und Jeronimo nicht vom Granatapfelbaum essen, somit nicht den Unterschied zwischen Gut und Böse kennen.[30] Als wichtig erachtet der Autor außerdem, dass Philipp am Fronleichnam geboren wird, dies ist ein metanarrativer Hinweis, da bei dieser Feierlichkeit in der römisch-katholischen Kirche der leibhaften Anwesenheit des Sohnes Gottes in Gestalt von Brot und Wein gedacht wird.[31]

Als letzten Punkt zur Theodizee sei noch die Ironie beziehungsweise die metaphysische Ironie genannt, die sich im Werk auch finden lässt. Ironie hat bei Kleist immer eine kritische und tragische Dimension, wenn sie religiöse verderbliche Illusionsbildungen zum Gegenstand hat, etwa wenn im Erdbeben in Chili religiöse Illusionen in die Katastrophe führen.[32] Die Katastrophe ist in diesem Fall der Tod Josephes und Jeronimos und weiterer Personen. Ironisch sind außerdem mehrere Bemerkungen in der Novelle, wie „die Unglücklichen, die ein Wunder des Himmels gerettet hatte!“[33] Das Wort die „Unglücklichen“ passt hier vom Sinn nicht auf die darauf folgende Aussage, da Jeronimo und Josephe, um die es sich dort handelt ja gerade durch das Erdbeben gerettet worden sind und somit „glücklich“ sein sollten. Es kann natürlich von Kleist auch als Vorausdeutung gemeint sein, da die beiden zum Schluss wieder „Unglückliche“ sind, da sie von einer Menschenmasse ermordet werden. Selbst dann wäre der Ausdruck „Unglückliche“ wieder etwas unpassend, meiner Meinung nach. In der Sekundärliteratur ist man lange nicht von Ironie in Kleists Werk ausgegangen, nur den Schlusssatz verstand man als ironisch.[34] Des weiteren ist man der Meinung, dass es bei Kleist Ironie auf zwei Arten gibt: einmal auf der Handlungsebene, die dadurch entsteht, dass eine Stelle im Widerspruch dazu steht was bisher geschah und die Ironie auf der Ebene der Präsentation, die durch sprachliche Ironiemittel entsteht.[35] Schlussendlich kam man zur Überzeugung, dass es Ironie bei Kleist, wenn vorhanden, nur da gibt wo sie auch von Zeitgenossen verstanden worden wäre.[36]

3 Deutung des Erdbebens

Das Erdbeben hat im „Erdbeben von Chili“ eine zentrale Bedeutung, welches sich allein schon daran erkennen lässt, dass Kleist den Titel von „Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647“ zu „Das Erdbeben in Chili“ ändert und dadurch die wichtige Rolle des Erdbebens noch stärker zur Geltung bringt.[37] Durch das Erdbeben wird die ganze Stadt zerstört, auch Gebäude, viele Menschen kommen dadurch ums Leben. Doch das Erdbeben ist für die zwei Hauptpersonen Jeronimo und Josephe die Chance ihrem Schicksal, der Verurteilung und dem Tod zu entkommen. Ich werde im Folgenden die Sichtweise des Paares und die Bedeutung des Erdbebens für Jeronimo und Josephe darlegen.

[...]


[1] Vgl.: Liebrand, Claudia: Das Erdbeben in Chili. In Breuer, I. (Hrsg.), Kleist-Handbuch. Leben- Werk- Wirkung, Stuttgart, Weimar 2013, S.114.

[2] Vgl. Ebd., S.114.

[3] Vgl.: Gutterman, Julia: Zeittafel. In Breuer, I. (Hrsg.), Kleist-Handbuch. Leben- Werk- Wirkung, Stuttgart, Weimar 2013, S. 7.

[4] Ebd., S. 6.

[5] Vgl. Ciemnyjewski, Gregor: Kampf um Sinn. Theodizee in Kleists Erzählungen, Diss. Herdecke 1999, S. 24.

[6] Vgl. Liebrand, Das Erdbeben in Chili, S. 115.

[7] Vgl. Ciemnyjewski, Kampf um Sinn, S. 6.

[8] Vgl. Ebd., S. 6

[9] Vgl. Ebd., S. 9

[10] Vgl. Ebd., S.9.

[11] Greiner, Bernhard: Kant. In Breuer, I. (Hrsg.), Kleist-Handbuch. Leben- Werk- Wirkung, Stuttgart, Weimar 2013, S. 206.

[12] Vgl. Ciemnyjewski, Kampf um Sinn, S.11.

[13] Vgl. Ebd., S.12.

[14] Vgl. Liebrand, Das Erdbeben in Chili, S.115.

[15] Heinrich von Kleist. Das Erdbeben in Chili. Text und Kontext, Herausgegeben von Martin C. Wald. Stuttgart: Reclam 2019, S.5.

[16] Ebd., S.6.

[17] Ebd., S.7.

[18] Vgl. Schnyder, Peter: Zufall. In: Breuer, I. (Hrsg.): Kleist- Handbuch. Leben- Werk- Wirkung. Stuttgart, Weimar 2008, S. 381.

[19] Vgl. Ebd., S. 381.

[20] Kleist, Hrsg. von Martin C. Wald, S. 8.

[21] Ebd., S.9.

[22] Ebd., S. 11.

[23] Vgl. Wimmer, Gernot: Christliche Erlösungsteleologie in Heinrich von Kleists Erzählungen, Wien 2011, S.37.

[24] Vgl. Ebd., S.40.

[25] Vgl. Ebd., S.40.

[26] Vgl. Ebd., S.44.

[27] Vgl. Ebd., S. 44.

[28] Vgl. Ebd., S. 52.

[29] Vgl. Ebd., S. 52.

[30] Vgl. Ebd., S. 45.

[31] Vgl. Ebd., S. 46.

[32] Schmidt, Jochen: Ironie. In: Breuer, I. (Hrsg.): Kleist- Handbuch. Leben- Werk- Wirkung. Stuttgart, Weimar 2013, S.339.

[33] Kleist, Hrsg. von Martin C. Wald, S. 9.

[34] Vgl. Ciemnyjewski, Kampf um Sinn, S. 36.

[35] Vgl., Ebd. S. 37.

[36] Vgl., Ebd. S. 38.

[37] Vgl.: Liebrand, Das Erdbeben in Chili, S. 114.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili". Eine Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V492978
ISBN (eBook)
9783668986749
ISBN (Buch)
9783668986756
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heinrich, kleists, erdbeben, chili, eine, auseinandersetzung, theodizeefrage
Arbeit zitieren
Ana Barisic (Autor), 2019, Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili". Eine Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492978

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