„Über keinen deutschen Nachkriegsautor ist so viel geschrieben worden wie über Heinrich Böll. Und: Über keinen von Bölls Romanen ist so viel geschrieben worden wie über die „Ansichten eines Clowns“ [...] Das liegt vermutlich daran, daß kein Roman Bölls spontan so viel Erbitterung auslöste wie dieser.“ Diese Arbeit befasst sich mit der Gesellschaftskritik und somit auch mit der Frage, warum die „Ansichten eines Clowns“ diese Reaktion hervorgerufen haben. Dazu wird die Adenauer-Ära mit ihren geschichtlichen und politischen Hintergründen betrachtet und untersucht. Was machte die Nachkriegsgesellschaft dieser Zeit aus und in welchen Punkten gab sie Anlaß zur Kritik?
Die hierzu angeführte Forschungsliteratur gibt verschiedenen Themen-Schwerpunkten den Vorrang. Jochen Vogt richtet in seinem Werk „Heinrich Böll“ den Hauptaugenmerk auf „zwei thematische Schwerpunkte“. Zum einen die „Frage, ob und wie Ehe in einer Sozialordnung möglich ist, deren Moralität korrumpiert ist.“ Zum anderen „das Verhalten dieser gegenwärtigen Gesellschaft und insbesondere ihrer ‚Würdenträger‘ zur Vergangenheit, die im Zeichen von Faschismus und Krieg wesentlich schuldhafte Vergangenheit ist.“ Diese Kriterien zu untersuchen erscheint interessant, doch in meiner Arbeit will ich die Kritikpunkte ausweiten bzw. neue hinzunehmen.
Dabei lehne ich meine Analyse im zweiten Teil meiner Arbeit an das Werk von Karl-Heinz Götze „Heinrich Böll. Ansichten eines Clowns.“, der vier „Kernbereiche der Kritik“ unterscheidet. Die Themen „Verdrängte Vergangenheit“, „das große Geld“, „die Kritik der politisch Mächtigen“, sowie der „Katholizismus“ bilden auch die vier Säulen meiner Analyse. Der Clown hat, wie der Titel „Ansichten eines Clowns“ schon vermuten läßt, die wichtigste Rolle. Sein Einfluß auf die Gesellschaft, ob als Clown oder als Hans Schnier, soll Hauptgegenstand der Analyse sein. Inwiefern er Kritik widerspiegelt oder selbst formuliert, wird untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Gesellschaftskritik in Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“
2.1. Verdrängte Vergangenheit
2.2. Das große Geld und seine Wirkung auf die Gesellschaft
2.3. Kritik an den politisch Mächtigen
2.4. Katholizismus
3. Schlußwort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die in Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ enthaltene Gesellschaftskritik. Ziel ist es, die spezifische Reaktion der Nachkriegsgesellschaft auf den Roman zu analysieren, indem die zentralen Themenbereiche im Kontext der Adenauer-Ära kritisch beleuchtet werden, um zu ergründen, warum der Roman seinerzeit so starke Erbitterung auslöste.
- Auseinandersetzung mit der verdrängten nationalsozialistischen Vergangenheit
- Rolle des Geldes und kapitalistisches Prinzip in der Restaurationsgesellschaft
- Opportunismus und moralische Doppelmoral bei politischen Entscheidungsträgern
- Institutionelle Kritik an der katholischen Kirche und deren Machtverflechtungen
Auszug aus dem Buch
2.1. Verdrängte Vergangenheit
Karl-Heinz Götze vermutet: „Vielleicht ist über dieses Thema weniger diskutiert worden, weil es noch weit stärker tabuisiert war“9. Um dies zu verstehen, muß man sich die Hintergründe anschauen. Zur Zeit der Romanveröffentlichung und Rezeption des Romans 1963 lag der zweite Weltkrieg noch nicht lange zurück und die Deutschen versuchten die furchtbaren Geschehnisse des dritten Reiches einfach zu vergessen. Denn sich mit ihnen zu befassen, hätte auch die Auseinandersetzung mit der Schuldfrage zur Folge gehabt.
Ein neuer demokratischer Staat mußte gegründet werden, möglichst aus Demokraten. Doch geeignete, fähige Personen, die wichtige Ämter in Politik und Wirtschaft besetzen sollten, fanden sich nur in den alten Reihen der Nazis. So wurde eine neue Regierung mit alten Nationalsozialisten gegründet. „Dadurch, dass weder die Wirtschaft umstrukturiert noch dauerhaft auf die Armee verzichtet wurde, kamen fast automatisch auf die alten Posten auch deren alte Inhaber oder mindestens solche, die sie im alten Geist verwalteten. Der Kanzler selbst ging der Nation darin voran, alte Nazis auf wichtige Posten des neuen demokratischen Staates zu setzen.“10 In Anlehnung an Amerika entwickelte sich Deutschland zum Wirtschaftswunderland und verdrängte kollektiv die Vergangenheit, die eine Hürde für diese Entwicklung gewesen wäre.
In den ‚Ansichten‘ ist nun die Hauptfigur ein Clown, der den Charakteren des Romans, sowie dem Leser die Vergangenheit vorhält und das Vergessen nicht zuläßt. Die Erzählstruktur ist geprägt durch rückblickende Episoden, die einerseits die Geschichte des Clowns erzählen, andererseits zeigen, wie sehr Hans Schnier in der Vergangenheit lebt. „Sich zu erinnern – oder besser: nicht vergessen zu können – ist [...] nicht nur die erzähltechnisch wichtigste Eigenschaft der Kunstfigur Schnier, sondern auch die eigentliche Provokation, die der Clown einer allzu gern und schnell vergessenden Umwelt zufügt.“11 Der Leser der sechziger Jahre fühlte sich somit persönlich angegriffen und sah sich plötzlich mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Dies erklärt auch die damaligen entsetzten Reaktionen, die bereits im Vorwort erwähnt sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Dieses Kapitel führt in das Thema der Gesellschaftskritik bei Heinrich Böll ein und erläutert die methodische Herangehensweise unter Einbeziehung relevanter Forschungsliteratur.
2. Gesellschaftskritik in Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“: Das Hauptkapitel untersucht detailliert die vier Kernbereiche der Kritik: den Umgang mit der Vergangenheit, die Macht des Geldes, politisches Verhalten sowie die Rolle des Katholizismus.
3. Schlußwort: Das Fazit fasst die Rolle des Clowns Hans Schnier als zentrales Medium der Gesellschaftskritik zusammen und reflektiert sein Scheitern sowie die Rezeption des Romans.
Schlüsselwörter
Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns, Gesellschaftskritik, Nachkriegsgesellschaft, Adenauer-Ära, Verdrängung, Nationalsozialismus, Katholizismus, Kapitalismus, Hans Schnier, Wirtschaftswunder, Opportunismus, Barmherzigkeit, Moral, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Gesellschaftskritik in Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ und untersucht, wie der Protagonist Hans Schnier die Nachkriegsgesellschaft mit ihrem Verhalten konfrontiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die verdrängte nationalsozialistische Vergangenheit, den Einfluss des Geldes, die Kritik an politischen Akteuren sowie die Doppelmoral der katholischen Kirche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, warum der Roman zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung derart starke Erbitterung in der deutschen Öffentlichkeit hervorgerufen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die sich eng an die theoretischen Vorarbeiten von Karl-Heinz Götze sowie weiteren Forschern anlehnt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden vier zentrale Säulen der Kritik detailliert analysiert, wobei der Fokus auf dem Kontrast zwischen dem Clown und der restaurativen Gesellschaft liegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gesellschaftskritik, Verdrängung, Katholizismus, Opportunismus und das Wirtschaftswunder.
Welche Rolle spielt die Figur der Mutter für das Thema Verdrängung?
Frau Schnier dient als Repräsentantin der Restaurationsgesellschaft, die ihre eigene Vergangenheit als Unterstützerin des Nationalsozialismus aktiv verdrängt und sich nahtlos als Demokratin in der neuen Gesellschaft etabliert.
Warum lehnt der Clown die kirchliche Eheschließung ab?
Für Hans Schnier ist die Ehe ein auf Liebe basierender Bund, den er nicht durch staatliche oder kirchliche Institutionen, die er als korrumpiert und unbarmherzig empfindet, reglementieren lassen will.
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- Sabrina Reuter (Author), 2001, Gesellschaftskritik in Heinrich Bölls 'Ansichten eines Clowns', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49300