Die Konstruktion der NS-Volksgemeinschaft

Exklusionsprozesse zur Herstellung der Volksgemeinschaft in den Jahren 1933-1939 am Beispiel der Juden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Volksgemeinschaft in der NS-Ideologie
2.1 Entwicklung des Begriffs “Volksgemeinschaft“

3. Exklusionsprozesse in den Jahren 1933-1939 am Beispiel der Juden
3.1 Im Zeitraum von 1933-
3.2 Im Zeitraum von 1935-

4. Die volksgemeinschaftliche Grenze der systematischen Vernichtung

5. Fazit

Quellen- & Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(1) Die Fotografie erschi.en am 24.Juli 1935 inder Ostfriesischen Tageszeitung (OTZ), Julius Wolffund Christine Neumann werden dutch die SttaBen von Norden gettieben, Archiv-So1tau-Kurier Norden

1. Einleitung

Am 24. Juli 1935 erschien die vorliegende Fotografie in der Ostfriesischen Tageszeitung (OTZ). Das Bild zeigt zwei Personen, Julius Wolff und Christine Neumann, die unter den Augen der Bevölkerung durch die Straßen der kleinen ostfriesischen Stadt Norden getrieben werden. Julius Wolff trägt ein Schild um den Hals auf dem in großen Druckbuchstaben geschrieben steht: „Ich bin ein Rasseschänder“.1

Das abgebildete Szenario stellte zur Zeit des Dritten Reichs keinen Einzelfall dar. Der Vorwurf der “Rassenschande“ und die öffentliche Demütigung gehörten zur alltäglichen Praxis der Verfolgung jüdischer Bürger und Bürgerinnen. Neben den uniformierten SA-Mitgliedern sind weitere Personen auf der Fotografie zu erkennen. Wer waren diese Menschen, die den Umzug und die öffentliche Erniedrigung begleiteten? Auch wenn man sie nicht als Täter bezeichnen mag und es sich nicht erschließen lässt, was sie über das Vorgehen in ihren Straßen dachten, so waren sie zumindest Teilnehmer, die dem Umzug ein Publikum boten und eine Wirkungsfläche der politischen Aktion. Das Publikum stellte demnach einen wesentlichen Bestandteil dar auf den die Szenerie ihre Wirkung hatte und gleichzeitig einen Effekt forderte. Den Effekt der Mittäterschaft des Volkes, der die antisemitische Politik auf diese Weise legitimierte. Diese politischen Aktionen waren Teil eines Prozesses, der das Ziel verfolgte eine nach ideologischen Werten reine “Volksgemeinschaft“ herzustellen.2 Denn die Volksgemeinschaft konnte nicht allein durch Verheißung auf Bereicherung, Inszenierung, Anpassungsdruck, Terror, Verordnungen oder Gesetze hergestellt werden. Die Transformation zur “NS- Volksgemeinschaft“ stellte einen sukzessiven, gut durchdachten politischen Prozess dar. Das maßgebliche Instrument zur Erstellung der Volksgemeinschaft und der Zerstörung des Staatsvolkes war die Verfolgung der deutschen Juden als Volksfeind.3

In der vorliegenden Arbeit wird die Fragestellung behandelt, in welchem Zusammenhang die Exklusionsprozesse im Dritten Reich zu Lasten der deutschen Juden mit der Herstellung der „NS-Volksgemeinschaft“ stehen? Es wird die These verfolgt, dass der Prozess der Exklusion sowohl Mittel zur Herstellung der “NS-Volksgemeinschaft“ war, als auch das Volksgemeinschaftsprojekt in Wechselwirkung eine Legitimation zur Verfolgung und Vernichtung der deutschen Juden darstellte. Die Endlösung war in diesem sukzessiven Prozess das gut vorbereitete Ziel der Politik des NS-Regimes.

Die historische Forschung ist sich bis heute nicht einig, ob die nationalsozialistische Volksgemeinschaft wirklich jemals existiert hat. In den früheren Forschungen findet sich der Volksgemeinschaftsbegriff eher als Element der Propaganda wieder. In der wissenschaftlichen Forschungsliteratur wurde die antisemitische Politik der Verfolgung lange Zeit auf die linearen, zielgerichteten, staatlichen Maßnahmen wie Gesetze, Erlasse und Verordnungen beschränkt, die das Mitwirken des Volkes, durch Terror und Gewalt erklärte. Die Praxis des Antisemitismus innerhalb der Gesellschaft wurde dabei fast gänzlich außer Acht gelassen. Ab den 1980ern erschienen erstmals eine Vielzahl an lokalen Studien, die sich mit der wirtschaftlichen Ausbeutung der Juden auseinandersetzten und den gesellschaftlichen Aspekt mit einbezogen. Trotz der Tatsache, dass es schon seit den 1960er und 1970er Jahren immer wieder Ansätze und Thesen über den Zusammenhang zwischen den sozialen Veränderungen der Gesellschaft und dem Volksgemeinschaftskonzept gab, rückte die Thematik erst ab Beginn der 2000er in den Forschungsfokus. Gegenwärtig ist die Debatte um die Bedeutung und Funktion der “NS- Volksgemeinschaft“ fester Bestanteil des Forschungskanons geworden.4

Einleitend wird zunächst die Volksgemeinschaftsideologie der Nationalsozialisten erläutert, sowie die Entwicklung des Begriffs “Volksgemeinschaft“ dargelegt. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf den chronologisch dargestellten Exklusionsmechanismen und wie diese die Gesellschaft des Dritten Reichs in “Volksgenossen“ und “Volksfeinde“ unterteilten und die Herstellung des Mythos “Volksgemeinschaft“ ermöglichten. Die Zäsuren der Exklusion werden dabei in die Zeitabschnitte von 1933 bis 1935 und 1935 bis 1939 unterteilt. Darauf folgt die Herausstellung der volksgemeinschaftlichen Grenze der Akzeptanz gegenüber den systematischen Ermordungen. Die Arbeit wird mit einem zusammenfassenden Fazit beendet. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich aus thematischen Gründen vorwiegend auf die Praxis der Exklusion im deutschen Raum und auf die Opfergruppe der Juden. Dass Juden und weitere Opfergruppen auch an anderen Orten verfolgt wurden wird als obligat angesehen. Die Ausarbeitung nimmt aus Gründen des Umfangs den Teil der Verfolgungspraktiken in den Fokus, der eine maßgebliche Rolle für die Herstellung der “NS-Volksgemeinschaft“ beitrug. Des Weiteren wird zur besseren Lesbarkeit, ausschließlich der männliche Terminus verwendet, welcher vertretend für jede Art des Geschlechts steht.

2. Die Volksgemeinschaft in der NS-Ideologie

Nach der NS-Ideologie wurde das Individuum zum „Volksgenossen“ und die Gesellschaft zur „Volksgemeinschaft“. Das Individuum selbst besaß keinen eigenständigen Wert mehr und kein Recht auf eine eigene politische Meinungsbildung oder den Anspruch darauf seinen geistigen oder materiellen Interessen nachzugehen. Der „Volksgenosse“ galt als ein Bestandteil der „NS- Volksgemeinschaft“ und sein Dasein diente allein den Interessen des Führers und der Nation als Ganzes. Mitglieder der „Volksgemeinschaft“ waren nur die, in dessen Adern „deutsches Blut“ floss und jene hatten ihr Leben, ihre Freiheit und ihr Eigentum in den Dienste des deutschen Volkes zu stellen und ihre Bedürfnisse und Interessen unterzuordnen, auch wenn dies erhebliche Nachteile für den Einzelnen bergen konnte.5

Die „NS-Volksgemeinschaft“ stellte in der Ideologie der Nationalsozialisten die zentrale Größe des Gemeinschaftsgedankens dar und galt als naturgegebenes Bindeelement der Gesellschaft. Das NS-Regime reformierte die staatliche Rechtsordnung indem sie die Rechte und Pflichten der „Volksgenossen“ gegenüber der Gemeinschaft zur gültigen Rechtsform etablierte. Jegliches Gedankengut oder Verhalten, welches sich gegen die nationalsozialistische Weltanschauung oder politische Gesinnung des Regimes wendete oder nur davon abwich, stellte einen Verstoß gegen die Treue und Pflicht dar, die ein „Volksgenosse“ gegenüber der Gemeinschaft zu pflegen hatte. Ein solcher Verrat an Reich, Volk und Führer hatte die Degradierung zum „Volksverräter“ zur Folge und wurde umgehend sanktioniert.6

Die nationalistische Weltanschauung stellte keine inhaltlich festgelegte Lehre dar und auch das Programm der NSDAP war so ausgelegt, dass jede Bevölkerungsschicht ihre Interessen und Bedürfnisse vertreten sah, was den Nationalsozialismus zunächst unverfänglich reizvoll erscheinen ließ. Das Parteiprogramm der NSDAP bestand aus den 25 Thesen, die Hitler am 24. Februar 1920 öffentlich verkündete und war so gestaltet, dass es keine klaren Aussagen traf. Indem er 1926 die 25 Thesen als feststehend und nicht veränderbar erklärte, schaffte er ein konkretes und damit womöglich diskutables Parteiprogramm ab. In den Fokus rückten stattdessen der Antisemitismus und der Erhalt von Volk und Rasse.7

Die Diskriminierung, Kriminalisierung und Ausmerzung aller “minderwertiger“ Gruppen ruhte auf dem Gedanken des „Herrenvolkes“, welches geschaffen werden sollte. Dafür war es in den Augen der Nationalsozialisten nicht nur nötig fremde Völker zu vernichten, sondern ebenso das eigene Volk zu selektieren. Für die Neuordnung der „Volksgemeinschaft“ diente die “Rassenlehre“ als Grundlage und Begründung der Verfolgung. Ausgewählte Kriterien wurden als Rechtfertigung genutzt bestimmte Menschen als „anders“ zu betiteln, sie auszugrenzen und ihnen gleichzeitig das Recht abzusprechen „anders“ zu sein. Wer von der erstrebten gesellschaftlichen Norm abwich, galt als minderwertig. Diese Normen wurden von den führenden Politikern und Wissenschaftlern der NS-Gesellschaft festgelegt. Nach Hitler waren Völker nicht gleich Völker und die Menschen innerhalb eines Volkes von unterschiedlicher Wertung. Die Gesellschaft sollte in ihrer Vielschichtigkeit zu einer „opferbereiten Leistungsgesellschaft“8 formiert werden und jedes Individuum, welches nicht in diese Vorstellung passte, oder passen wollte, sollte ausgemerzt werden.9

Die Funktion der Volksgemeinschaftsideologie war es unter anderem das Verhalten der Gesellschaft zu steuern und verbindliche Normen zu etablieren nach denen jeder „Volksgenosse“ zu handeln hatte. Diese Normen beinhalteten nichts anderes als den Willen des Führers, welcher als allgemeingültige Wirklichkeit anzusehen war. Eine weitere Funktion sollte die Schlichtung der innerpolitischen Spannung darstellen, die sich durch die Zerrissenheit der Weimarer Republik, aufgrund der Gegensätze der Industrie- und Klassengesellschaft entwickelt hatte. Es sollte eine einheitliche und klassenlose „Leistungsgesellschaft“ angestrebt werden, die von politischer und sozialer Gleichheit gekennzeichnet sein sollte.10

Im Allgemeinen erhebt eine Ideologie nicht den Anspruch auf die Realität oder eine einheitliche Definition. Aus diesem Grund spielt der Aspekt, dass es die dargestellte NS-Volksgemeinschaft – so wie sie nach nationalsozialistischem Denken sein sollte – nicht gab, keine Rolle. Die Illusion dieser Gemeinschaft hatte ungeachtet dessen eine enorme Bedeutung und Bindekraft für die Volksgenossinnen und Genossen. Der Gedanke der „NS-Volksgemeinschaft“ befriedigte den Wunsch nach Einheit, Frieden und Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft und das Bedürfnis nach sozialer und existenzieller Sicherheit. In der Realität war die Gesellschaft weiterhin geprägt von sozialen Konflikten einer Klassengesellschaft, kaschiert durch das Konstrukt der “NS-Volksgemeinschaft“. Nur der Mechanismus der Exklusion „minderwertiger“ Gruppen ermöglichte das Konstrukt der inklusiven und homogenen „NS- Volksgemeinschaft“.11 Nicht jedes Mitglied dieser Gemeinschaft musste gleichzeitig radikal antisemitisch sein, um die Verfolgung der Juden zu unterstützen. Durch die Konstruktion eines gemeinsamen Feindes, dessen Vernichtung zum Wohle und Schutz der natürlichen Gemeinschaft des Volkes notwendig war, fand die Exklusionslogik ihren Anklang. Aus diesem Grund spielt der Antisemitismus zur Herstellung der „NS-Volksgemeinschaft“ eine tragende Rolle.12 In dem Moment in dem sich eine Gemeinschaft als ethnisch homogen definiert, ist die Praxis der Ausgrenzung und Vertreibung durch physische Gewalt nicht fern.13 Der Kernsatz des Regimes lautete: „Du bist nichts, das Volk ist alles“.14

2.1 Entwicklung des Begriffs “Volksgemeinschaft“

An Bedeutungskraft gewann der Begriff „Volksgemeinschaft“ nicht erst zu Zeiten des Nationalsozialismus, seinen Ursprung fand der grundlegende Gemeinschaftsgedanke zu Zeiten des Ersten Weltkriegs. Die Worte Wilhelms des II, zur Mobilisierung der Bevölkerung für den Krieg, in denen er proklamierte, dass er von nun an keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kenne, besaßen eine besondere Wirkung. Sie verkörperten den Wunsch der Gesellschaft nach Gleichheit und Inklusion in eine Gemeinschaft. Der Wunsch nach Gleichwertigkeit stand vor allem bei den deutschen Juden und den Sozialdemokraten im Vordergrund. Auch wenn in der Zukunft sowohl die sozialen Konflikte der Klassengesellschaft, als auch die altbekannten antisemitischen Konflikte wiederaufleben würden, verlor der verheißungsvolle Mythos der „Volksgemeinschaft“ nicht seine Attraktivität und Wirkung.15

Der Begriff „Volk“ ließ sich im Gegensatz zum klassischen Begriff „Nation“, welcher ein Bild einer Staatsnation implizierte und enger an den Staat gebunden war, wirksamer ethnisieren. Die deutsche Bevölkerung, welche sich im Hinblick auf ihre Vergangenheit weniger mit dem Konzept Staat identifizieren konnte war für den Volksbegriff, durch welchen sich „[...] imaginierte Abstammungsgemeinschaften, Geschichtsmythen und Phantasmen von gemeinschaftlichem Blut und Boden [...]“16 vermitteln ließen, besonders empfänglich.17

Der Begriff „Volksgemeinschaft“ behauptete sich im politischen Programm auch über die Revolution 1918/19 hinaus, nachdem die Weimarer Verfassung das Volk als “Staatsvolk“ etablierte und als souverän erklärt hatte.18 Der Wunsch nach einer sozialen und exklusiven Gemeinschaft von nationaler Stärke und Einheit entwickelte sich vor dem Hintergrund des verlorenen Ersten Weltkriegs und des Versailler Friedensvertrags, der eine Kränkung für alle Deutschen bedeutete. Die Maßnahmen und Forderungen des Vertrags wurden weitestgehend als Demütigung und Unterdrückung wahrgenommen.19 Der Begriff fand sich – wenn auch mit sehr unterschiedlicher semantischer Bedeutung – in Rhetorik und Programm aller Parteien der Weimarer Republik wieder. Für die Sozialdemokraten war die Arbeiterklasse – das schaffende Volk – zur mehrheitlichen Volksgemeinschaft geworden. Ihnen gegenüber stand die Minderheit derer, die ungerechtfertigt durch Monopolkapitalismus und Großgrundbesitz an ihre Macht gekommen waren. Für die liberalen Parteien stand die klassenübergreifende und sozialharmonische Inklusion im Vordergrund. Auch das katholische Zentrum thematisierte die Gesellschaft als natürlich geordnetes Abbild wie Gott sie geschaffen hatte, standen jedoch dem Konzept des Volkes als souveräne Instanz weiterhin kritisch gegenüber. Allen voran waren es jedoch die Nationalsozialisten, die den Begriff der Volksgemeinschaft erfolgreich für ihre Propaganda einzusetzen wussten. Während jedoch alle übrigen Parteien eine Volksgemeinschaft durch Inklusion als erstrebenswertes Ziel ansahen, nutze vor allem die NSDAP Exklusionsmechanismen zur Ausgrenzung derer, die nicht ihrer Volksgemeinschaft angehören sollten. Im Parteiprogramm 1920 hieß es demnach, dass nur ein Staatsbürger Volksgenosse sein konnte und ein Volksgenosse konnte nur sein in dessen Adern deutsches Blut floss. Die durch die Propaganda angepriesene soziale Gemeinschaft, welche zum nationalen Wiederaufstieg führen, alle Klassenunterschiede überwinden und eine politische Einheit bilden sollte, wurde durch eine gewalttätige Ausgrenzung der “Minderwertigen“ geschaffen.20

Nachdem Hitler 1938 die Auswirkungen des Versailler Vertrags für die Deutschen abgewandt und die Vollbeschäftigung erreicht hatte, hätten sich die Volksgemeinschaft nach einem rein inkludierenden Konzept zufrieden geben können. Doch in die Definition der Volksgemeinschaft, als “natürliche Blutgemeinschaft“, mit ihrer eigenen politischen Ordnung, war der Antisemitismus unweigerlich installiert.21

Im folgenden Kapitel werden die Exklusionsmechanismen der Nationalsozialisten zur Herstellung der “NS-Volksgemeinschaft“, in den Jahren von 1933-1939 am Beispiel der Juden, dargestellt.

3. Exklusionsprozesse in den Jahren 1933-1939 am Beispiel der Juden

3.1 Im Zeitraum von 1933-1935

Nach der Machtübernahme 1933 war die Herstellung der “Volksgemeinschaft“ ein zentrales Ziel der Nationalsozialistischen Politik, sowohl in der Stadt als auch in den ländlichen Provinzen. Die Machtübernahme bedeutete nicht nur die Wahl eines neuen Reichskanzlers, sondern auch die Übernahme der Macht, durch die Feinde des Rechts. Der sukzessive Exklusionsprozess mit all seinen staatlichen Maßnahmen zum Ausschluss “Gemeinschaftsfremder“ und seinen alltäglichen Ausgrenzungspraktiken veränderte nicht nur die Gesellschaftsordnung, sondern auch die Gesellschaft selbst und hinterließ Spuren im gesellschaftlichen Bewusstsein. “Volksgemeinschaftspolitik“ war in erster Linie Politik gegen die Juden in der Nachbarschaft, sowie gegen jegliche Art von “Gemeinschaftsfremden“. Sie zog eine Grenze zwischen dem “Wir“ und dem “Volksfeind“ und wurde von der Bevölkerung nicht nur toleriert, sondern auch mitgetragen.22

Der Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 bot den Nationalsozialisten die Möglichkeit die Opposition öffentlich zu diffamieren und noch am selben Tag eine “Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ vorzulegen, welche wenige Stunden später vom Reichspräsidenten Hindenburg unterzeichnet wurde. Sie griff massiv in die Grundrechte der Verfassung ein und erklärte die Freiheit der Person, die Unverletzbarkeit der Wohnung, das Post- und Telefongeheimnis, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Vereinigungsrecht sowie die Gewährleistung des Eigentums als ungültig. Des Weiteren standen nun Hochverrat, Brandstiftung, Sprengstoffanschläge, Attentate und Beschädigung von Eisenbahnanlagen unter Todesstrafe. Zuvor wurden diese Vergehen mit lebenslangem Zuchthaus geahndet. Kurz nach dem Inkrafttreten der Verordnung begannen unzählige Verhaftungen in den Reihen der politischen Opposition, welche in der Regel die Verschleppung in Lager, Folter und Tod nach sich zogen. Die Reichstagsbrandverordnung legitimierte dem NS-Regime in ihrer gesamten Regierungszeit die Verfolgung und Verhaftung deutscher Staatsbürger durch die Geheime Staatspolizei und stellte demnach eine der Grundlagen zur Verfolgung der deutscher Juden dar.23 Eine weitere Errungenschaft des Reichstagsbrandes zur Selektierung der Volksgemeinschaft war die Schutzhaft. Sie war ursprünglich eine Polizeimaßnahme, die bei Störung und Gefährdung der öffentlichen Ordnung unter strikter zeitlicher Begrenzung gebraucht wurde. In Folge des Reichstagsbrandes wurde sie von der nationalsozialistischen Führung und ihrem Polizeiapparat zur illegalen Freiheitsberaubung reformiert, die weder einer zeitlichen Begrenzung, noch einem richterlichen Haftbefehl folgten, sondern willkürlich gegen Feinde des Regimes eingesetzt wurde. Unter diesen Feinden befanden sich unter vielen anderen auch die deutschen Juden. Offiziell diente diese sogenannte “politische Haft“ dem Inhaftierten vor der “berechtigten“ Wut des Volkes, oder zum Schutz der Volksgemeinschaft vor dem Inhaftierten. Da die Anwendung keinerlei Kriterien unterlag reichte ein bloßer Verdacht aus um eine Inhaftierung vorzunehmen. Durch die rasant ansteigende Zahl der Inhaftierungen wurden SA- und SS-Angehörige zu Hilfspolizisten erklärt, die durch die Maßnahme ihrem Hass und ihrer Brutalität freien Lauf lassen konnten. Die Gefangenen wurden gefoltert und in vielen Fällen auch getötet. Aufkommendes schlechtes Gewissen wurde durch die Zusicherung beruhigt, dass kommunistische und linke Gegner durch diese Maßnahme ihre gerechte Strafe erlangten. Im März und April 1933 wurden 25 000 bis 30 000 Menschen in Schutzhaft genommen.24

Am 23. März 1933 fand durch den Reichstag die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetztes statt. Es verlieh der Regierung das Recht eigenmächtig Gesetzte zu erlassen, auch wenn sie die Änderungen der Verfassung betrafen. Diese Regelung wurde zunächst eingeschränkt auf die nächsten vier Jahre und sollte dann vom Reichstag neu beschlossen werden. Eine weitere Einschränkung stellte der Passus dar, dass die Änderungen nicht die Kompetenzen des Parlaments, des Reichspräsidenten oder der Ländervertretung überschneiden durfte. Das gewählte Parlament, das in Vertretung des Volkes das Monopol auf den Gesetzeserlass und verfassungsändernde Entscheidungen besaß, verlor diese Vormachtstellung. Die herkömmliche Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive wurde somit untergraben. Gegen die Stimmen der SPD erreichten die Nationalsozialisten die notwendige Zweidrittelmehrheit. Ein weiterer Punkt des Ermächtigungsgesetztes war die Unantastbarkeit des Reichspräsidenten und des Reichstags. Dass der nach vier Jahren angesetzte Neubeschluss durch die politischen Entwicklungen niemals stattfinden würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.25

Mit dem am 31. März folgenden Gleichschaltungsgesetz wurde die Regelung auch auf die Länder übertragen, indem die Regierung eines Landes unabhängig von seinem Landesparlament agieren konnte. Kurze Zeit später wurden in nahezu allen deutschen Ländern Reichsstatthalter installiert, die in den meisten Fällen die jeweiligen Gauleiter der NSDAP waren und somit die Landesgewalt innehatten. Zur Inszenierung und Stärkung des Gemeinschaftsgefühls sollte vom 13. März an nicht mehr die Fahne der Weimarer Republik den neuen Staat visuell vertreten, sondern die Hakenkreuzflagge gemeinsam mit der alten schwarz-weiß-roten kaiserlichen Fahne. Dieser Akt sollte symbolisch für die kraftvolle Wiedergeburt der Deutschen Nation stehen. Die gesetzlichen Neuordnungen trugen maßgeblich zur Praxis der Verfolgung der “Volksfeinde“ bei und stellten die Weichen für die folgend dargestellten Exklusionsmechanismen.26

[...]


1 Michael Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 115f.

2 Michael Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919-1939, Hamburg 2007, S. 9-13.

3 Ebd., S. 361.

4 Frank Bajohr/Michael Wildt, Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2009, S. 8ff.; Wildt, Geschichte, S. 171ff.; Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung, S. 11, 15-18.

5 Gisela Diewald-Kerkmann, Politische Denunziationen im NS-Regime. Oder die kleine Macht der “Volksgenossen“, Bonn 1995.

6 Ebd., S. 38f.

7 Ebd., S. 37f.

8 Burkhard Jellonnek, Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich. Paderborn 1990, S 20.

9 Ebd., S. 19f.

10 Diewald-Kerkmann, Politische Denunziationen, S. 38-40.

11 Ebd., S. 40f.; Rolf Pohl, Das Konstrukt “Volksgemeinschaft“ als Mittel zur Erzeugung von Massenloyalität im Nationalsozialismus, in: Detlef Schmeichen-Ackermann (Hg.), “Volksgemeinschaft“: Mythos, wirkungsmächtiger soziale Verheißung oder soziale Realität im “Dritten Reich“? (Nationalsozialistische Volksgemeinschaft Bd. 1), München 2012, S. 73f.

12 Pohl, Konstrukt, S. 75-77.

13 Bajohr/Wildt, Forschungen, S. 12; Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung, S.354f.

14 Michael Wild, Volk, Volksgemeinschaft, AfD, Hamburg 2017, S. 76.

15 Ebd., S. 352; Michael Wildt, “Volksgemeinschaft”, in: Zeitgeschichte Digital, 03.06.2014, <https://zeitgeschichte_digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/569/file/docupedia_wildt_volksgemeinscha ft_v1_de_2014.pdf> [Stand: 11.04.2019]

16 Wildt, “Volksgemeinschaft“.

17 Ebd.; Bajohr/Wildt, Forschungen, S. 11; Sascha Howind, Der faschistische Einheitsstrick. Die Suggestion von Einheit und Gleichheit in der Nationalsozialistischen “Volksgemeinschaft“, in: Markus Brunner/Jan Lohl/Sebastian Winter (Hg.), Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen, Gießen 2011, S. 115f.

18 Wildt, “Volksgemeinschaft“; Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung, S.352f.

19 Howind, Einheitsstrick, S.116.

20 Michael Wildt, „Volksgemeinschaft“ als Selbstermächtigung. Soziale Praxis und Gewalt, in: Hans-Ulrich Thamer (Hg.), Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen, Dresden 2010, S. 90; Wildt, “Volksgemeinschaft“; Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung, S. 54-59, 353f.

21 Wildt, „Volksgemeinschaft“ als Selbstermächtigung. Soziale Praxis und Gewalt, S 90.

22 Bernhard Gotto/Martina Steber, Volksgemeinschaft. Ein analytischer Schlüssel zur Gesellschaftsgeschichte des NS-Regimes, in: Uwe Danker/Astrid Schwabe (Hg.), Die NS-Volksgemeinschaft. Zeitgenössische Verheißung, analytisches Konzept und Schlüssel zum historischen Lernen? Göttingen 2017, S. 39; Wildt, „Volksgemeinschaft“ als Selbstermächtigung. Soziale Praxis und Gewalt S. 90; Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung, S. 357, 361.

23 Wildt, Geschichte, S. 76f.; Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung, S. 357.

24 Dieter Pohl, Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933-1945, 3. Auflage, Darmstadt 2011, S. 10f.; Bernd Jürgen Wendt, Deutschland 1933-1945. Das „Dritte Reich“, Hannover 1995, S. 154f.

25 Wendt, Deutschland, S. 88f., 99f.; Wildt, Geschichte, S. 78; Michael Wildt, Machteroberung 1933, in: Informationen zur politischen Bildung 314 (2012), S. 35.

26 Wildt, Geschichte, S. 78f.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion der NS-Volksgemeinschaft
Untertitel
Exklusionsprozesse zur Herstellung der Volksgemeinschaft in den Jahren 1933-1939 am Beispiel der Juden
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Seminar: NS-Volksgemeinschaft: Mythos versus soziale Praxis? Neue Forschungen zur NS-Gesellschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
31
Katalognummer
V493158
ISBN (eBook)
9783668975422
ISBN (Buch)
9783668975439
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Volksgemeinschaft, NS-Volksgemeinschaft, Judenverfolgung, 1933-1938, Herstellung der Volksgemeinschaft
Arbeit zitieren
Paulina Tiepermann (Autor), 2019, Die Konstruktion der NS-Volksgemeinschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493158

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