Tragen deutsche Massenmedien zur medialen Integration von ethnischen Minderheiten bei?

Eine diskursanalytische Betrachtung


Bachelorarbeit, 2017

62 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Erkenntnistheoretischer Rahmen und methodisches Vorgehen
3.1 Diskurstheorie nach Michel Foucault und Jürgen Link
3.1.1 Der Diskursbegriff – zur Funktion der Herstellung von Beziehungen
3.1.2 Wissen, Macht und Herrschaft – der Diskurs als regulierende Instanz
3.1.3 Das „Sysykoll“ – Kollektivsymbolik als diskurstragendes und -stützendes Element
3.2 Kritische Diskursanalyse nach Siegfried Jäger
3.2.1 Der politische Einsatz der Diskursanalyse
3.2.2 Diskursstruktur
3.2.3 Verlauf einer Kritischen Diskursanalyse

4. Kritische Diskursanalyse: Beitrag von ‚Rechts-Mitte-Links‘ Onlinemedien zur medialen Integration ethnischer Minderheiten – exemplarisch untersucht an der „Nafri“-Debatte
4.1 Diskursiver Kontext
4.2 Strukturanalyse
4.3 Feinanalyse
4.3.1 Rechts-Spektrum – „Junge Freiheit“
4.3.2 Links-Spektrum – „Die Tageszeitung“
4.3.3 Mitte-Spektrum – „Süddeutsche Zeitung“
4.4 Gesamtanalyse

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

1. Einleitung

„Die Wahrheit ist von dieser Welt; in dieser wird sie aufgrund vielfältiger Zwänge produziert, verfügt sie über geregelte Machtwirkungen. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Ordnung der Wahrheit, ihre ‚allgemeine Politik‘ der Wahrheit: d.h. sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktio­nieren lässt; es gibt Mechanismen und Instanzen; […] es gibt einen Status für jene, die darüber zu befinden haben, was wahr ist und was nicht.“ (Foucault 1978: 51)

Was wahr ist und was nicht – mit anderen Worten Wahrheit – steht in direkter Verbin­dung mit Wirklichkeit. Wirklichkeit kann jedoch stets auf unterschiedliche Art und Weise gedeutet und interpretiert werden. Sie ist abhängig davon, wie Interessenlage, Zielvor­stellungen, Traditionen und Geschichte des entsprechenden Diskurses und der deutenden Subjekte sind. Aus Wirklichkeit kann somit keine Wahrheit entnommen werden – es bleibt die Deutung von Fragmenten der Wirklichkeit. Wir befinden uns also in einem ständigen Kampf um Wahrheit, in dem es die Geltung von Normen, Werten und Gültigkeiten immer wieder neu zu erschließen gilt (Jäger 2007: 9ff.). Eine zentrale Rolle bei der Deutung von Wirklichkeit und Bildung von Wahrheiten spielen die Massenmedien in unserer Gesellschaft. Das Individuum von heute lebt in einer derart hoch komplexen Umgebung, dass sie vom Einzelnen nur noch fragmentarisch erfahr- und wahrnehmbar ist. Massenmedien übernehmen immer mehr die Funktion, der äuße­ren Welt Kontur und Struktur zu verleihen. Die „pictures in our heads“ von den Struk­turen der Welt außerhalb können dabei völlig anders aussehen, als die äußere Realität selbst – die „features in the world outside“ (Geißler 2000: 132)1. Ganz besonders gilt dies auch bei der Meinungsbildung gegenüber ethnischen Min­derheiten in Deutschland. Denn: „If men define situations as real, they are real in their consequenses“ (ebd.: 131) - was bedeutet, dass die Definition einer Situation durch die Akteure entscheidend für deren Einstellungen und Handlungsweisen ist2. Die Einstellung zu in Deutschland lebenden Minoritäten hängt demnach nicht so sehr davon ab, wie sich diese real verhalten, sondern viel mehr davon, was Deutsche über deren Rolle und Funk­tion wissen und denken (vgl. ebd.). Das Bild von ethnischen Minderheiten in den Köpfen der deutschen Gesellschaft, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Präsentation derselben in deutschen Massen­medien, wodurch deutlich wird, dass Medien unweigerlich ein elementarer Bestandteil dessen sind, inwieweit Integration gelingen kann oder nicht.

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, inwiefern deutsche Massenmedien zur Integration ethnischer Minderheiten beitragen oder dieser im Wege stehen. Exemplarisch wird dies an jeweils einem ausgewählten Kommentar/Artikel des Rechts-, Links- und Mittespektrums in Onlinemedien untersucht, welche über die „Nafri“-Debatte nach der Silvesternacht 2016 in Köln3 berichten. Die Medienberichterstattung zu diesem diskursiven Ereignis kann ebenso als eine machtwirkende Instanz gesehen werden, welche uns Fragmente zur Deutung von Wirklichkeit liefert und diese wiederum zu einem Segment der eigenen Wahrheit – zu Selbstverständlichkeit – werden lässt. Doch „[m]uss das, was selbstverständlich ist, wirklich selbstverständlich sein?“ (Foucault 2003b: 928). Die gewählte Methode zur Beantwortung der Fragestellung dieser Arbeit setzt genau an diesen Gedanken an. Kritische Diskursanalyse stellt Selbstverständlichkeiten in Frage; sie problematisiert sie und ermöglicht wiederum Kritik an den herrschenden Diskursen. Anhand ihrer können Vorschläge zur Veränderung von Seh- und Deutungsgewohnheiten erarbeitet werden und eine Grundlage für fruchtbare Diskussion liefern (vgl. Jäger 2007: 7f.). Die Prüfung diskursiver Mittel bei der Berichterstattung des jeweiligen Onlinemediums in folgender Arbeit erfolgt durch das methodische Vorgehen einer Kritischen Diskursanalyse und zielt darauf ab dem/der BetrachterIn eine annähernd differenzierte Perspektive auf den Diskurs zu ermöglichen sowie offenzulegen wie mediale Integration gelingen kann.

Nach einer kurzen Einführung in den Stand der Forschung zum vorliegenden Unter-suchungsgegenstand folgt die genaue Betrachtung des theoretischen Fundaments der folgenden methodischen Arbeit. Um die exemplarische Anwendung der Kritischen Diskursanalyse zur Beantwortung der Fragestellung im Detail nachvollziehen zu können, ist es von elementarer Wichtigkeit, sowohl die theoretischen Gedanken der Diskurstheorie als auch die für die Arbeit relevanten Elemente zur methodischen Vorgehensweise der Kritischen Diskursanalyse zu erläutern. Da sie den gesamten Rahmen darstellen, haben sie für die vorliegende Arbeit gleichen Bedeutungs- sowie Füllgehalt. Aufbauend auf diese Grundlage wird eine Kritische Diskursanalyse anhand drei exemplarisch ausgewählter Diskursfragmente zur „Nafri“-Debatte durchgeführt, um dadurch herauszuarbeiten, welche Mittel bei der Berichterstattung integrationsfördernd oder –hemmend wirken. Ihren Abschluss findet die Arbeit im Fazit, worin die Ergebnisse der Analyse mit der Fragestellung in Verbindung gesetzt werden und Theorie sowie Methode eine kritische Betrachtung erlangen.

2. Forschungsstand

Multiethnizität ist ganz offensichtlich ein Element der gesellschaftlichen Modernisierung. So entwickelte sich die Bundesrepublik Deutschland im letzten halben Jahrhundert – wie andere europäische Gesellschaften auch – von einer überwiegend monoethnischen zu ei­ner immer stärker multiethnischen Gesellschaft. Das multiethnische Segment der deutschen Gesellschaft wird ohne Zweifel in den nächsten Jahrzehnten weiter wachsen (vgl. Geißler 2005: 7, 15) – insofern wird man sich auf lange Sicht mit der Frage beschäftigen müssen, „wie die demographisch und ökonomisch notwendige Einwanderung sinnvoll gesteuert werden kann“ (ebd. 2010: 8), um ethnische Minderheiten in Deutschland erfolgreich zu integrieren. Wie bereits in der Einleitung erläutert, ist hierbei die mediale Integration von zentraler Bedeutung, welche beabsichtigt, ethnische Minderheiten in das Mediensystem und die Öffentlichkeit einzugliedern (vgl. ebd. 2000: 131). Das Konzept der medialen Integration4 wurde zunächst im Wissenschaftsbetrieb von dem Soziologen Rainer Geißler 2001 erfunden und gewann fortan auch in der Politik und Medienkultur zunehmend an Bedeutung5. Der Beitrag der Massenmedien zur Integration ethnischer Minderheiten und deren Darstellung zählen zu einem von drei Aspekten des Konzeptes – auf eben diesen wird sich folgende Arbeit fokussieren (vgl. ebd. 2010: 8). Auch in der Wissenschaft hat sich seit der Jahrtausendwende ein wachsendes Forschungsfeld herausgebildet, in welchem sich unterschiedliche Disziplinen, wie die Sozialwissenschaften, aber auch Kommunikations- und Medienwissenschaften mit dem Thema „Immigration und Massenmedien“ auseinandersetzen. Die Forschungsgruppe „Mediale Integration ethnischer Minderheiten“ der Universität Siegen und Dortmund – welcher auch Geißler angehört – und die der Friedrich-Schiller-Universität Jena zählen zu den federführenden Vertretern im Forschungsfeld. Die Inhaltsanalyse ist dabei mit Abstand die meist gewählte empirische Methode. Aber auch dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) kann mit seinen Forschungsschwerpunkten im Bereich Rassismus, Einwanderung, Exklusion und Antisemitismus eine bedeutende Rolle beigemessen werden. Mit dem Theorien- und Methodenkonzept der Kritischen Diskursanalyse legt das Institut seinen Schwerpunkt besonders auf gesellschaftskritische Themen und hat zum Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit bereits eine Vielzahl an Forschungsprojekten unternommen (vgl. Zauner 2012). Die Brisanz der Einwanderungsdebatte im gesellschaftlichen Diskurs legt die Relevanz teleologisch orientierter Forschung in diesem soziokulturell wie politisch hochrelevanten Feld nahe und zeigt ebenso auf, wie weitgreifend und hochaktuell das Forschungsgebiet ist. So ergeben sich aus der rasanten Entwicklung der Debatte in den vergangenen Jahren, in einem ohnehin recht neuen Forschungsfeld, erhebliche Forschungsdefizite bezüglich des Zusammenhangs von Medienverantwortung und Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Die Darstellung von MigrantInnen in deutschen Printmedien und der Fernsehunterhaltung war bereits Analysefeld zahlreicher Studien, die allesamt zu übereinstimmenden Ergebnissen kamen: Die Berichterstattung über ethnische Minderheiten und ihre Situation in Deutschland fällt vergleichsweise mager aus, und wenn, wird häufiger in negativen, als in positiven Kontexten über sie berichtet (vgl. Geißler 2010: 11). Die Rolle von Onlinemedien, die zunehmend an Attraktivität gewinnen, und deren Beitrag zu Integration ist allerdings weitestgehend unerforscht. Des Weiteren ist festzustellen, dass den unterschiedlichen politischen Positionen in der Berichterstattung über die Einwanderungsdebatte in der Forschung zwar erheblicher Bedeutungsgehalt zukommt, diese jedoch selten aus diskursanalytischer Sicht differenziert und exemplarisch vergleichend betrachtet werden. Dementsprechend erweist sich nach intensiver Überprüfung des Forschungsstandes zu medialer Integration in Deutschland der vorliegende Untersuchungsgegenstand und die damit verbundene Fragestellung als innovativ und für das Forschungsfeld aufschlussreich. Gewiss stellt die folgende Arbeit lediglich eine exemplarische Betrachtung der medialen Debatte zum Einwanderungsdiskurs dar – dennoch erhebt sie den Anspruch, dem Leser/der Leserin die Bedeutsamkeit der Onlinemedien für integrative Prozesse in der Mehrheitsgesellschaft ein Stück weit näher zu bringen.

3. Erkenntnistheoretischer Rahmen und methodisches Vorgehen

Jede Diskursanalyse bedarf einer explizierten Diskurstheorie. Diese ermöglicht ein annä­hernd elaboriertes Verständnis davon, was den zu analysierenden Untersuchungsgegen­stand darstellt und welcher Stellenwert ihm im gesellschaftlichen Kontext zukommt. Während man unter Diskurs theorie eine eher wissenschaftliche Unternehmung versteht, bei welcher es „um die systematische Ausarbeitung des Stellenwertes von Diskursen im Prozeß der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstitution geht“, konzentriert sich eine Dis­kurs analyse mehr auf „forschungspraktische methodische Umsetzungen [und] auf die empirische Untersuchung von Diskursen“ (Keller 2001: 15). Wie zuvor erläutert, gestaltet sich die Kritische Diskursanalyse von Siegfried Jäger als adäquate Methode für die Bearbeitung der Fragestellung. Diese orientiert sich eng am diskurstheoretischen An­satz des Philosophen und Poststrukturalisten Michel Foucault. Jäger greift dabei weitge­hend auf die von Foucault geprägten analytischen Begrifflichkeiten zurück. Für das Ver­ständnis und die Nachvollziehbarkeit der in dieser Arbeit verwendeten Methode ist es essentiell zunächst die Kernbegriffe von Foucaults theoretischem Ansatz zu erläutern. Darauf aufbauend werde ich das Verfahren der Kritischen Diskursanalyse genauer be­trachten. Neben Foucaults Werken sind darüber hinaus die Arbeiten des Kultur- und Literaturwissenschaftlers Jürgen Link wichtiger Bezugspunkt der Kritischen Diskursanalyse.

3.1 Diskurstheorie nach Michel Foucault und Jürgen Link

„Aber ein Buch ist dazu da, um Zwecken zu dienen, die von dem, der es geschrie­ben hat, nicht festgesetzt sind. Je mehr neue, unvorhergesehene Verwendungen möglich sind und wirklich sein werden, umso zufriedener werde ich sein. Alle meine Bücher […] sind […] kleine Werkzeugkisten. Wenn die Leute sie aufma­chen wollen und diesen oder jenen Satz, diese oder jene Idee oder Analyse als Schraubenzieher verwenden, um die Machtsysteme kurzzuschließen, zu demon­tieren oder zu sprengen, einschließlich vielleicht derjenigen Machtsysteme, aus denen diese meine Bücher hervorgegangen sind – nun gut, umso besser“ (Foucault 1976: 53).

Wie Foucault selbst bereits nahelegt, möchte ich einige seiner theoretischen Überlegun­gen als Werkzeugkiste meiner Vorgehensweise verwenden. Da seine Diskurstheorie je­doch im Einzelnen und in all ihren Verzweigungen und Veränderungen eine überaus komplexe darstellt, werde ich lediglich einige Grundgedanken seiner Theorie und die für meine weiteren theoretischen Ausführungen relevanten Schraubenzieher seines breit auf­gestellten Werkzeugkastens heranziehen und erläutern.

3.1.1 Der Diskursbegriff – zur Funktion der Herstellung von Beziehungen

Der Begriff ‚Diskurs‘ geht auf das altlateinische Wort ‚discursus‘ zurück und wurde ab dem 16. Jahrhundert meist als Bezeichnung für „gelehrte Abhandlungen“ verwendet. Als wissenschaftlicher Begriff trat er erstmals Ende des 19. Jahrhunderts im philosophischen Pragmatismus auf – speziell im französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus gab es für das heutige wissenschaftliche Diskursverständnis wichtige Entwicklungen (vgl. Keller 2011: 14). Der wohl wirkmächtigste Diskursbegriff in den Sozialwissen­schaften ist jener Michel Foucaults. Mit seinen beiden einflussreichen Schriften ‚Archäologie des Wissens‘ (1981) und ‚Die Ordnung des Diskurses‘ (1974) verortet er den Begriff in einer allgemeinen Diskurstheorie – obgleich er paradoxerweise keine konsistente, klar gefasste Definition dessen veröffentlichte.

Einer seiner bekanntesten Definitionen zufolge, sind Diskurse ein „Feld von Regelmä­ßigkeiten für verschiedene Positionen der Subjektivität“ (Foucault 1981: 82). Dieses Feld der Regelmäßigkeiten sollte jedoch nicht als statisch, sondern vielmehr als eine diskontinuierliche Praxis verstanden werden. Subjekte gestalten zum einen ihre Welt und werden zum anderen von den Regeln des Diskurses sowohl geleitet als auch beschränkt. (vgl. Sarasin 2005: 105). Er bezeichnet sie zudem als eine „anonyme Konfiguration von Aussagemustern, in deren Rahmen Subjekte handeln und sprechen müssen“ (ebd.). Sie weisen konkrete Ordnungsstrukturen thematischer Felder auf und beschreiben die Gren­zen, innerhalb derer über Themen gedacht und gesprochen werden kann. Außerhalb jener Ordnungsstrukturen ist, Foucault zufolge, Denken nicht möglich (vgl. ebd.: 97). Denken und Sagen kann demnach keineswegs auf die Intention eines sich bewusst äußernden Individuums rückführbar sein, denn dieses denkt oder sagt wiederum in Be­ziehung zu anderem Gedachtem oder Gesagtem. Vielmehr sind es die den Gedanken und Äußerungen zugrunde liegenden Ordnungsstrukturen sowie Klassifizierungen und Grup­pierungen von Wissen, innerhalb derer individuelle Überzeugungen eingenommen werden (vgl. Wellgraf 2008: 16). Ein Diskurs ist nicht als isolierbare Einheit zu begreifen sondern vielmehr als Funktion zur „Herstellung von Beziehungen, die die diskursive Praxis selbst charakterisiert“ (Foucault 1981: 70, 126). Die Verwendung des Diskursbegriffs „richtet sich immer auf die Analyse von Sprachge­brauch bzw. von mündlichen oder schriftlichen Texten und untersucht diese im Hinblick auf (formale) Regelstrukturen oder inhaltliche Strukturierungen“ (Keller 2001: 9). Ziel der Analyse ist es „formale Bedingungen der Produktion von Wissenscodes (Aussagenkorpi), die Regeln der Produktion und Kontrolle von Diskursen, der Erzeugung, Aufrechterhaltung und Transformation von gesellschaftlichen Wissensbe­ständen, den Zusammenhang von Wissen und Macht sowie die institutionellen und diskursiven Formen der Subjektkonstitution“ (ebd.: 12) offenzulegen. Dabei ist die zu untersuchende Wissensordnung nicht als eine Abbildung der Wirklichkeit zu ver­stehen, sondern vielmehr die Materialität der Diskurse selbst zu betrachten. So können Aussage- und Zeichensequenzen, die innerhalb diskursiver Praktiken entstehen, sichtbar und im weiteren Schritt analysierbar gemacht werden. Denn durch deren Wiederholung wird die Wirklichkeit der Welt erst konstituiert und zu allgemeiner Wissensordnung generiert (vgl. ebd.).

Diskurse spiegeln für Foucault also nicht Wirklichkeit wider, sondern sind vielmehr entscheidend für die gegenwärtige oder auch zukünftige Gestaltung von Wirk­lichkeit. Mit dieser Definition misst er dem Diskurs einen immensen Stellenwert bei, indem er ihn als gesellschaftliche und die Gesellschaft bewegende Macht versteht (vgl. Jäger 2004: 23). Unter diskursiver Praxis versteht Foucault das gesamte Ensemble einer speziellen Wissensproduktion, dazu zählen beispielsweise Institutionen, Verfahren der Wissenssammlung und –Verarbeitung und autoritative Sprecher oder Autoren. Ebenso können Regelungen der Versprachlichung, Verschriftlichung und Medialisierung Teil diskursiver Praxis sein. Ein Diskurs stellt lediglich die sprachliche Seite von diskursiver Praxis dar (vgl. Jäger 2004: 125). Bei der diskurstheoretisch orientierten Analyse legt Foucault den besonderen Fokus auf „die Korrelation zwischen Wörtern und Dingen bzw. zwischen Diskursen (als spezifischen Aussageformationen) und ihren Gegenständen “ (ebd.). Dabei betont er, dass historisch-soziale Gegenstände nicht etwa prä­diskursiv bereits vorhanden seien und lediglich mehr oder weniger verzerrt oder exakt wahrgenommen werden würden. Nein, die diskursive Praxis müsse vielmehr als materi­elles Produktionsinstrument wahrgenommen werden, mit welchem erst historisch-soziale Gegenstände produziert würden (vgl. ebd.). Dieser Ansatz unterliegt jedoch mancher Kritik, welche sich darauf beruft, Foucault würde demzufolge behaupten: „Die Welt, sie war nicht, ehe der Diskurs sie schuf“ (Lemke 1997: 11ff.). Jener widersetzt sich Foucault, indem er außerdem von nicht-diskursiven gesellschaftlichen Praxen schreibt, die bei der Bildung von Objekten/Sichtbarkeiten eine Rolle spielen. In diesem Zusam­menhang betont er die Relevanz von ‚diskursiven Verhältnissen‘ (vgl. Jäger 2001: 88). Diese vermutet er „irgendwie an der Grenze des Diskurses: sie bieten ihm [dem Diskurs, S.J.] die Gegenstände, über die er [der Diskurs, S.J.] reden kann, oder vielmehr (…) sie [die diskursiven Verhältnisse, S.J.] bestimmen das Bündel von Beziehungen, die der Diskurs bewirken muss, um von diesen oder jenen Gegenständen reden, sie behandeln, sie benennen, sie analysieren, sie klassifizieren, sie erklären zu können“ (Foucault 1981: 70).

Nicht ganz deutlich wird hierbei was genau Foucault unter ‚Gegenständen‘ versteht – vermuten lässt sich jedoch, dass er damit rein diskursive ‚Gegenstände‘, also beispiels­weise Themen, Theorien, Aussagen und keine ‚Sichtbarkeiten‘ meint. Somit umkreist er „das Problem des Verhältnisses von Diskurs und Wirklichkeit, ohne es schon restlos zu lösen“ (vgl. Jäger 2001: 88). Er geht jedoch weiter darauf ein, indem er dieses Umkreisen als „Dispositiv“ (Foucault 1978: 119) benennt, welches aus einem Notstand heraus entspringt und dessen Hauptfunktion es ist, „zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt“ darauf zu antworten (ebd.: 120). Weiter definiert er dieses als „ein entschieden heterogenes Ensemble, das […] Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfaßt. […] Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann“ (ebd.: 119f.). Dem Dispositiv kommt dementsprechend eine überwiegend strategische Funktion zu; es greift den Dua­lismus von Diskurs und Wirklichkeit auf indem es eine Verknüpfung von Wissen dar­stellt, welches eine Art rotierenden und historisch prozessierenden Kreis von diskursiven und nicht-diskursiven Elementen und den damit verbundenen Sichtbarkei­ten/Vergegenständlichungen darstellt (vgl. Jäger 2001: 106f.). Vereinfacht kann man sagen, dass Dispositive nicht nur auf gesagtes oder geschriebenes Wissen (Episteme) eingehen, sondern dass sie darüber hinaus Wissen umfassen, welches sich in Handlungen oder in Gegenständen zeigt, die auf der Grundlage von Wissen produziert werden (vgl. ebd.: 90). Dispositivanalyse hat demzufolge das Ziel, den prozessierenden Zusammen­hang von Wissen, der sich in Sprechen/Denken – Tun – und Gegenständlichkeiten mate­rialisiert, zu rekonstruieren (vgl. Jäger 2001: 108/Jäger 2015: 73).

3.1.2 Wissen, Macht und Herrschaft – der Diskurs als regulierende Instanz

Jürgen Link und seinem Team geht es bei ihrem Ansatz im Besonderen um die Analyse aktueller Diskurse und ihrer Machtwirkung auf gesellschaftliche Wirklichkeit. Ihre Auf­merksamkeit richtet sich darauf, sprachliche und ikonographische Wirkungsmittel sicht­bar werden zu lassen und speziell auf Kollektivsymboliken einzugehen, welche zur Vernetzung unterschiedlicher Diskursstränge beitragen. Auf die Rolle der Kollektivsym­boliken werde ich anschließend im Besonderen eingehen, da diese eine elementare Rolle in dem von mir ausgewählten diskursiven Ereignis spielen. Link und sein Team sehen in Diskursen die Funktion herrschaftslegitimierender und –sichernder Techniken, welche die Macht haben individuelles und kollektives Handeln in der bürgerlich-kapitalistischen modernen Industriegesellschaft zu determinieren (vgl. Link 1982: 6ff.).

Als Herausgeber der seit 1982 erscheinenden Zeitschrift für Diskurstheorie „kultuRRevolution“ definiert Link Diskurs als „eine institutionell verfestigte Redeweise, insofern eine solche Redeweise schon Handeln bestimmt und verfestigt und also auch schon Macht ausübt“ (Link 1983: 60). Des Weiteren kann Diskurs als „Fluß von Wissen bzw. sozialen Wissensvorräten durch die Zeit“ begriffen werden (vgl. Jäger 2004: 132). Der Zusammenhang zwischen Diskurs und Macht ist jedoch so komplex, dass Link zu Folge, auch umgekehrt eine Macht über Diskurse existiert. Denn innerhalb des Feldes des Sagbare n werden, durch eine diskursive Formation, „mögliche andere Aussagen, Fragestellungen, Blickrichtungen, Problematiken usw. […] ausgeschlossen. Solche, sich bereits notwendig aus der Struktur eines Spezialdiskurses 6 ergebenden Ausschlie­ßungen (die ganz und gar nicht als manipulative Intention irgendeines Subjekts […] miß­gedeutet werden dürfen!), können institutionell verstärkt werden“ (Link/Link-Heer 1990: 90). Dies verweist auf einen kritischen Aspekt der Diskursanalyse, denn eine Diskursana­lyse erfasst das jeweils Sagbare in seiner qualitativen Bandbreite, allerdings auch Strategien, wie etwa Verleugnungsstrategien, Relativierungsstrategien, Enttabuisierungs­strategien etc. Diese machen auf Aussagen aufmerksam, die zu einem bestimmten Zeit­punkt in einer bestimmten Gesellschaft nicht oder nicht mehr sagbar sind, da sie beispielsweise negativ sanktioniert werden könnten. Das Erscheinen solcher Strategien deutet darauf hin, dass Diskurse als regulierende Instanz wahrgenommen werden können, welche Bewusstsein formieren, ja sogar Realität bestimmen, und somit die Norm für Subjektbildung und die Strukturierung sowie Gestaltung von Gesellschaften schaffen (vgl. Jäger 2001: 84).

Wichtig zu erwähnen ist, dass Diskurse bzw. Diskursstränge sehr eng miteinander ver­flochten sind. In ihrer Verschränktheit bilden sie ein diskursives Gewimmel, welches aus wuchernden Diskursen besteht. Die Diskursanalyse macht es sich zur Aufgabe dieses diskursive Gewimmel zu entwirren und dabei das Augenmerk auf den gegenseitigen Einfluss der Diskursstränge zu legen und zu erfassen, welche Überschneidungen, Überlappungen und Verschränkungen dabei entstanden sind und ob sich daraus mögliche Folgen ergeben (vgl. Jäger 2004: 132). Aus diesem Gewimmel an Diskursen und Diskurssträngen ergeben sich sogenannte „diskursive Ereignisse“, die nicht etwa das wahre, reale Ereignis an sich darstellen, sondern vielmehr den breit entfalteten Diskurs über solche Ereignisse auffassen und weiterführen. Das bedeutet, dass das Ereignis nicht direkt mit dem diskursiven Ereignis gleich gestellt werden kann – im Gegenteil, ein Ereignis muss nicht zwingend zum diskursiven Ereignis werden und umgekehrt muss ein diskursives Ereignis nicht unbedingt dem realen Ereignis entsprechen (vgl. ebd.).

3.1.3 Das „Sysykoll“ – Kollektivsymbolik als diskurstragendes und -stützendes Element

Ein wichtiges Bindemittel einzelner Diskursstränge und ein grundlegendes Instrument von Diskursanalysen stellt das System der Kollektivsymbolik dar. Siegfried Jäger greift in seiner Theorie der kritischen Diskursanalyse das theoretische Konzept der Kollektivsymbolik von Jürgen Link auf, da er dieses für seine diskursanalytische Metho­dologie als unentbehrlich erachtet. Nach Link teilen alle Mitglieder einer Gesellschaft einen Vorrat an Kollektivsymbolen, der das nötige Repertoire an Bildern zu Verfügung stellt, um sich ein Gesamtbild von gesellschaftlicher Wirklichkeit bzw. der politischen Landschaft der Gesellschaft zu machen, welches wir wiederum auf eine bestimmte Art und Weise deuten und – insbesondere durch die Medien – gedeutet bekommen (vgl. Link 1982, Drews/Gerhard/Link 1985). Er versteht unter „ Kollektivsymbolik die Gesamtheit der sogenannten Bildlichkeit einer Kultur“ (Jäger 2010: 55), welche für ihn „kulturelle Stereotypen (häufig Topoi genannt) [verkörpert], die kollektiv tradiert und benutzt werden“ (Drews/Gerhard/Link 1985: 165). Durch institutionalisierte und verfestigte ge­sellschaftliche Redeweisen bestimmen Diskurse sowohl Wissen, als auch die sich darauf stützenden Handlungsstrategien von Personen und Institutionen. Insbesondere zwei Eigenschaften von Kollektivsymboliken ermöglichen diese Stabilisierung und Normalisierung von Diskursen. Sie stellen eine Art interdiskursiv wirkendes Regelwerk dar. Mit interdiskursiv sind jene Elemente gemeint, die unterschiedliche Spezialdiskurse miteinander verbinden (vgl. Jäger 2010: 70). Zum einen ist es ihr spezifischer Symbolcharakter, durch welchen sie sowohl rationales als auch emotional gefärbtes Wissen gestalten, indem sie eine Simplifizierung komplexer Wirk­lichkeiten vornehmen, diese plausibilisieren und wiederum einer präzisen Deutung unter­ziehen. Zum anderen stellen sie ein wichtiges diskurstragendes Element innerhalb eines Systems dar, da sie durch das Produzieren von Wissen bestimmte Logiken und (Handlungs-)Optionen nahelegen, welche für alle Mitglieder eines Kulturkreises Sinn machen und kollektiv internalisiert werden (vgl. Jäger 2007: 39). Speziell in Konfliktdis­kursen treten jene beiden Eigenschaften hervor, denn hier können „durch den Einsatz der Kollektivsymbolik bestimmte Zustandsdeutungen dramatisiert und de-normalisiert werden“, wobei parallel dazu „die Notwendigkeit produziert wird, die so wahrgenomme­nen Zustände wieder zu normalisieren und in geregelte Bahnen zu führen. Dies gilt ins­besondere (aber nicht nur) für den Mediendiskurs“ (ebd.).

Dabei sind die wichtigsten Verkettungsregeln der Kollektivsymbolik sogenannte Katach­resen bzw. Bildbrüche, durch welche Zusammenhänge zwischen verschiedenen Diskursen bzw. Diskurssträngen hergestellt und stabilisiert werden. Sie verstärken die Macht der Diskurse, indem sie Verknüpfungen zwischen Aussagen und Erfahrungsberei­chen herstellen, dadurch Plausibilitäten und Akzeptanzen erzeugen und Widersprüche überbrücken. Jäger führt folgendes Beispiel an: „>Die Lokomotive des Fortschritts kann durch Fluten von Einwanderern gebremst werden, so daß unser Land ins Abseits gerät.< Hier liegt ein sogenannter Bildbruch (Katachrese) vor, da die Symbole Lokomotive (=gemeint ist Fortschritt) und Fluten (=gemeint ist Bedrohung von außen) unterschiedli­chen Bildspendebereichen entnommen sind, nämlich zum einen dem Bereich Verkehr und zum anderen dem Bereich Natur. Die Analyse der Kollektivsymbolik inklusive Katachresen stellt demnach ein weiteres kritisches Moment der Diskursanalyse dar“ (Jäger 2001: 84). Denn sie zeigt auf, dass sich mit Hilfe des Systems kollektiver Symbole jede Veränderung, egal wie dramatisch sie auch sei, symbolisch integrieren lässt (vgl. Jäger 1996: 24). Der gesamtgesellschaftliche Diskurs wird somit von einem „synchronen System kollektiver Symbole“ – dem sogenannten Sysykoll – durchzogen und zusammen­gehalten (Drews/Gerhard/Link 1985: 265). Dieses kann wie folgt visualisiert werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Sysykoll – synchrones System von Kollektivsymbolen (Jäger 2015: 60)

Link spricht hier auch von Katachresen-Mäandern, die sich wie ein mäanderndes Band durch einen Text schlängeln (vgl. Jäger 2004: 137f.). Das Sysykoll wird von ihm als Kitt der Gesellschaft bezeichnet; „es suggeriert eine imaginäre gesellschaftliche und subjek­tive totalität für die phantasie. während wir in der realen gesellschaft und bei unserem realen subjekt nur sehr beschränkt durchblick haben, fühlen wir uns dank der symboli­schen sinnbildungsgitter in unserer kultur stets zuhause.“ (Link 1982: 11)7. Komplexe Sachverhalte werden durch Katachresen-Mäandern als Verknüpfung allgemein verständ­licher Kollektivsymbole dargestellt; dadurch können verschiedene Spezialdiskurse plau­sibilisiert werden – der „eindruck kultureller einheit“ entsteht (ebd.). Zu betonen ist hierbei, dass Link Systeme kollektiver Symbolik als historisch veränderbar und interkulturell verschieden ansieht. Er beschreibt in diesem Zusammenhang ein Grund­schema der politischen Kollektivsymbolik der Bundesrepublik, welches ausschließlich für moderne Industriegesellschaften gilt – gleichzeitig unterstreicht er jedoch, dass es solche Systeme durchaus auch in anderer Gestalt für andere Zeiten und andere Gesell­schaften geben kann (vgl. Link 1984: 12ff.). Auf der Grundlage eigener Medien- und Literaturanalysen führt Link dieses Grundschema weiter aus und stellt einen dreidimensionalen Entwurf des topischen Systems kollektiver Symboliken vor, welches die unter­schiedlichen gesellschaftlichen Positionen in einer modernen (Industrie-) Gesellschaft zu erklären versucht. Es stellt ein weiteres wichtiges Werkzeug meiner methodisch folgenden Arbeit dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Topik der Kollektivsymbolik (Link 1984: 14)

Das kugelförmige Grundschema der Kollektivsymbolik lässt sich horizontal, vertikal und diagonal teilen. Die Rechts-Mitte-Links-Skala bildet eine gesellschaftlich hegemonial ge­wordene Einordnung von politischen Einstellungen ab. Sie trägt auch die Symbolik der Waage und wird demnach aufgrund ihrer ‚Stabilität‘ hoch gewertet. Durch die vertikale Oben-Unten-Achse wird die hierarchische Gliederung des Symbol-Systems hervorgehoben. Gleichzeitig kann diese auch als Körper topografiert werden, wonach der Kopf oben, das Herz in der Mitte und die Genitalien im unteren Bereich zu lokalisieren sind. In der dritten Dimension wird Fortschritt und Rückschritt des Systems charakterisiert. Die Trennung nach Außen zeigt die Grenze des sozialen Systems auf. Sie symbolisiert, wo bei deren Überschreiten Handlungsbedarf besteht und nach Normali­sierung gestrebt wird. Es existieren fünf verschieden gestaffelte Grenzen, die nach außen hin an Gefahr und Bedrohung gewinnen (vgl. Jäger 2007: 40ff.). Link zu Folge sind diese Symbole ganz besonders für Konfliktdiskurse wichtig, denn so können die Bereiche des Innen und Außen – des Freund oder Feind – codiert werden. Für die Symbolserien ist es daher wesentlich, dass sich erhebliche Unterschiede zwischen beiden Bereichen festhalten lassen. Die Welt des Inneren, also ‚Deutschland‘ oder des ‚Westens‘, wird oftmals als Land, Körper, Schiff, Haus etc. codiert, während die Außen­welt symbolisch mit Chaos, Krankheiten, Ungeziefer und Naturgewalten dargestellt wird. „Entscheidend dabei ist […], dass das eigene System stets Subjektstatus besitzt, ‚Subjekt‘ im engen Sinne einer autonomen, zurechnungsfähigen, quasi-juristischen Person“ (Link 1990)“. Dem außersystemischen Chaos wird hingegen der Subjektstatus aberkannt (vgl. ebd.). Dementsprechend sind Kollektivsym­bole immer semantisch sekundär, was bedeutet, dass sie eine indirekte Bedeutungsfunk­tion innehaben und das Bezeichnete selbst immer eine zweite Bedeutung aufweist. Ihre visuelle Darstellbarkeit ermöglicht die Strukturierung von Diskursen und lässt sie einfacher erfassen (vgl. Jäger 2015: 60f.). Durch diese Eigenschaften entfalten Kollektiv­symbole eine Logik, welche über die bloße Symbolik hinausgeht und an Strategien des Handelns appelliert. (vgl. Link/Link-Heer: 44ff.). Hinsichtlich des Grundschemas der Kollektivsymbolik wird daraus erkennbar, „dass durch das Sysykoll das Eigene und Ver­traute in der Tendenz positiv, das Fremde aber negativ kodiert wird“ (Jäger 2015: 62). Link schreibt hierzu, „daß alle Kollektivsymbole stets schon elementar-ideologische Wertungen implizieren. Eine Flut ist für den Überfluteten natürlich negativ konnotiert, ein Deich entsprechend positiv“ (Link 1988: 48). Daran anschließend können sich gesell­schaftliche Feindbilder entfalten und verfestigen. Link leitet aus dem „eindruck kultureller einheit“ (Link 1982: 11) die Herausbildung nationaler Identitäten und National­stereotypen ab, denn nach ihm hängen Sysykoll und Kultur eng zusammen (vgl. Link 1991: 16ff.).

An diese Erkenntnis anknüpfend möchte ich als Resümee der zuvor erläuterten theoreti­schen Ansätze feststellen, dass sich Dispositive aus spezifischen gesellschaftlichen Problemlagen, wie beispielsweise dieser – der Konfrontation des Vertrauten mit dem Fremden – bilden. Indem das Dispositiv versucht, auf einen gegebenen Notstand zu rea­gieren, verursacht es oft negative oder auch ungewollte Effekte, die sich wiederum gegen diesen Versuch richten und somit weitere Notstände induzieren – ursprünglich im Dispositiv jedoch gar nicht „vorgesehen“ waren. Dabei schließen sie nicht nur, wie zuvor beschrieben, die „sprachlich-gedanklich performierten diskursiven Praxen“ (Jäger 2015: 73) mit ein, sondern verstehen sich als „Macht-Wissens-Komplexe“ (ebd.: 72) – gleicher­maßen berücksichtigend, dass Diskurse Macht ausüben und somit ausschlaggebend für die Gestaltung und Deutung von Wirklichkeit sind. Die Diskursanalyse stellt dementsprechend das Herzstück der Dispositivanalyse dar (vgl. ebd.: 72f.).

Im Folgenden werde ich die Kritische Diskursanalyse von Siegfried Jäger und ihre metho­dische Vorgehensweise erläutern. Für die Darstellung der Bedeutung und Macht von Diskursen und der damit verbundenen Diskursanalyse war es wesentlich, den Zusammen­hang des Diskurses und des Dispositivs im Näheren zu betrachten, da dadurch das Aus­maß der gesellschaftlichen Tragweite erst zum Vorschein kommt. Jäger hat die Ausei­nandersetzung mit dem Dispositiv erst in seiner überarbeiteten Auflage der „Kritischen Diskursanalyse“ (2015) begonnen. Das Konzept des Dispositivs ist nach wie vor umstrit­ten und in seinen empirischen Analysen noch recht jungfräulich – zumindest was die deutsche Forschung betrifft (vgl. Jäger 2015: 75). Da ich mich in meiner Vorgehensweise an den bereits durchgeführten empirischen Analysen des DISS orientiere und mich allein auf sprachliches Material beziehe, werde ich im Folgenden nur noch von Diskursanalyse sprechen.

[...]


1 Der Politikwissenschaftler und Kommunikationsforscher Walter Lippmann geht bei dem „Lippmann Theorem“ der Frage nach „Wie entsteht das Bild der ethnischen Minderheiten in den Köpfen der Deutschen?“ (Geißler 2000: 132). Siehe dazu ausführlich Lippmann 1922: Public Opinion.

2 Der Soziologe und Interaktionist William Isaac Thomas geht bei dem „Thomas-Theorem“ davon aus, dass Handlungsorientierungen und die Handlungen selbst entscheidend davon abhängen, wie die Handlungssituation und die daran beteiligten Menschen wahrgenommen werden (vgl. Geißler 2000:
131).

3 Bei der exemplarischen Untersuchung der Berichterstattung zur „Nafri“-Debatte gilt die besondere Beachtung der ethnischen Minderheit Nordafrikaner. Nordafrikaner werden im Folgenden bewusst nicht gegendert, da es sich im Rahmen der Debatte ausschließlich um Männer handelt.

4 Weitere Erläuterungen zum Konzept der medialen Integration nachzulesen in Geißler 2010.

5 So gehört das Konzept medialer Integration bspw. zu einem von zehn Themenfeldern des Nationalen Integrationsplans aus dem Jahr 2007 (Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 2007: 157 171).

6 Grundsätzlich unterscheidet Link zwischen Spezialdiskursen und dem Interdiskurs. Mit Spezialdiskursen sind Wissenschaften gemeint, die spezielle empirische Gegenstände besitzen, welche sie als Korrelat ihres
Wissens einsetzen können. Alle nicht-wissenschaftlichen Diskurse werden hingegen als Bestandteile des Interdiskurses aufgefasst. Dieser ist ein „stark selektives kulturelles Allgemeinwissen“, welcher als „flukturierendes Gewimmel“ verbildlicht werden kann (vgl. Jäger 2004: 131f.). In der folgenden KDA wird hauptsächlich interdiskursiv analysiert.

7 Die von Link im Zitat verwendete Kleinschreibung wird beibehalten.

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Tragen deutsche Massenmedien zur medialen Integration von ethnischen Minderheiten bei?
Untertitel
Eine diskursanalytische Betrachtung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
62
Katalognummer
V493232
ISBN (eBook)
9783668991538
ISBN (Buch)
9783668991545
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethnische Minderheiten, Silvsternacht 2015, Silvesternacht 2016, Berichterstattung, Rolle der Medien, Meinungsbildung, Kritische Diskursanalyse, "Nafri"-Debatte, Wirklichkeit, Rassismus, Einwanderung, Multiethnizität, Öffentlichkeit, Massenmedien, Integration, Köln, Michel Foucault, Jürgen Link, Siegfried Jäger
Arbeit zitieren
Bachelor Sabeth Schwarz (Autor), 2017, Tragen deutsche Massenmedien zur medialen Integration von ethnischen Minderheiten bei?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493232

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Tragen deutsche Massenmedien zur medialen Integration von ethnischen Minderheiten bei?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden