Verbrecherbiographien waren im 18. Jahrhundert sehr beliebt. Defoe nahm an dieser Gattung Veränderungen vor und entwickelte ein neues Genre, das im Laufe des Jahrhunderts immer mehr Anhänger gewann und bald den Geschmack des Publikums dominierte: den (pikaresken) Roman. Defoe veränderte dafür nur ein Element. Er tauschte reale Personen durch fiktive Helden aus. Genau das hat er auch beim Verfassen des Romans 'Moll Flanders' getan. Moll ist eine fiktive Person, denn eine Diebin namens Moll Flanders ist in den Jahren 1721 oder 1722 nach Kenntnis der Leser des 18. Jahrhunderts nicht hingerichtet worden. Reue und Bekehrung sind Hauptelemente in der Tradition der Verbrecherbiographien und finden sich auch in dem Roman 'Moll Flanders'.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Verbrecherliteratur im 18. Jahrhundert
1.2. Aufbau der Arbeit
2. Definition wichtiger Begriffe
2.1. Repentance
2.2. Gentlewoman
3. Zweifel an Molls Reue
3.1. Handlungsebene
3.2. Charakterebene
3.3. Sprachliche Ebene
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Glaubwürdigkeit der Reue der Protagonistin Moll Flanders in Daniel Defoes gleichnamigem Roman. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, ob Molls Bekehrung ein Ausdruck echter religiöser Umkehr ist oder lediglich eine strategische Anpassung, um ihr übergeordnetes Lebensziel zu erreichen: den sozialen Aufstieg zur „gentlewoman“.
- Die literarische Tradition der Verbrecherbiographien im 18. Jahrhundert
- Die Definitionen der Begriffe „Repentance“ und „Gentlewoman“
- Analyse der Handlungs-, Charakter- und Sprachebene hinsichtlich der Reue
- Die Spannung zwischen moralischem Anspruch und materialistischem Streben
- Molls Fähigkeit zur Rollenadaption zur Selbsterhaltung
Auszug aus dem Buch
3.1. Handlungsebene
Um Molls Reue und Umkehr zu erläutern, ist es nötig, ihren Lebensabschnitt im Newgate-Gefängnis genauer zu betrachten. Denn Molls Reue tritt gerade dann ein, als sie kurz vor ihrer Hinrichtung steht. Vor der Einlieferung in Newgate ist bei ihr selten ein Funken Reue zu erkennen. Als sie mit dem Bankangestellten verheiratet ist, überkommt sie zwar für einen kurzen Moment ein Gefühl von Reue („I was really a penitent“), doch kurze Zeit später beginnt sie ihre „Karriere“ als Diebin. Es kann sich also nicht um wahre Reue gehandelt haben.
Nachdem sie ins Gefängnis überführt wurde, erkennt sie viele Hinweise, die ihr eine rechtzeitige Umkehr nahe gelegt haben. Moll hat diese Zeichen jedoch als Glück oder Schicksal (fortune) gedeutet und ihre wahre Bedeutung ignoriert. Eine ernsthafte Reue über ihr sündiges Leben gelingt ihr auch anfangs im Gefängnis nicht.
Then I repented heartily of all my life past, but that repentance yielded me no satisfaction, no peace, no, not in the least, because, as I said to myself, it was repenting after the power of further sinning was taken away. I seemed not to mourn that I had committed such crimes, and for the fact as it was an offence against God and my neighbour, but I mourned that I was to be punished for it. I was a penitent, as I thought, not that I had sinned, but that I was to suffer, and this took away all the comfort, and even the hope of my repentance, in my own thoughts.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Gattung der Verbrecherbiographie im 18. Jahrhundert ein und erläutert die methodische Herangehensweise zur Untersuchung von Molls Reue.
2. Definition wichtiger Begriffe: Hier werden die zentralen Begriffe „Repentance“ und „Gentlewoman“ definiert, um das theoretische Fundament für die anschließende Analyse zu legen.
3. Zweifel an Molls Reue: Dieser Hauptteil analysiert auf Handlungs-, Charakter- und Sprachebene die Widersprüche in Molls Verhalten und zeigt auf, warum ihre Bekehrung als fragwürdig erscheint.
4. Zusammenfassung: Abschließend werden die Ergebnisse resümiert und die Schlussfolgerung gezogen, dass Molls Streben nach materieller Sicherheit ihre vorgebliche Reue dominiert.
Schlüsselwörter
Moll Flanders, Daniel Defoe, Reue, Repentance, Gentlewoman, Verbrecherliteratur, Bekehrung, Newgate, Moral, Sündenbewusstsein, Kriminalität, Identität, Sozialer Aufstieg, Romananalyse, 18. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Glaubwürdigkeit der Reue der Titelfigur Moll Flanders in Defoes Roman und hinterfragt, ob diese auf einer echten religiösen Bekehrung basiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Tradition der Verbrecherbiographien, die Definition von Reue und den sozialen Status der „gentlewoman“ sowie die Analyse von Scheinmoral und Selbsterhaltung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob Moll am Ende ihres Lebens tatsächlich reuig ist oder ob ihr Handeln weiterhin von egoistischen Zielen bestimmt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Molls Handlungen, Charakterzüge und ihre Sprache anhand von Textstellen auf ihre Konsistenz überprüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Handlungs-, eine Charakter- und eine sprachliche Ebene, um die Diskrepanz zwischen Molls Worten und ihren Taten aufzudecken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Reue, Gentlewoman, Verbrecherliteratur, Sündenbewusstsein und die kritische Distanz zwischen Erzählung und Moral.
Warum wird Molls Sprache als Indiz für mangelnde Reue gewertet?
Die Autorin argumentiert, dass Moll ihre Taten oft verharmlost und sie mit einer Sprache beschreibt, die nicht zu einer Frau passt, die ihr Leben nach einer tiefen religiösen Umkehr grundlegend geändert hat.
Welche Rolle spielt der Wunsch nach dem „gentlewoman“-Status für ihre Handlungen?
Der Traum, als „gentlewoman“ zu leben, treibt Moll dazu, Straftaten auch dann zu begehen, wenn dies nicht mehr zwingend für das reine Überleben notwendig ist, was gegen eine ernsthafte Reue spricht.
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- Sabrina Arndt (Author), 2005, Moll Flanders zwischen Reue und "being a gentlewoman", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49347