Der gängige Verlauf einer Novelle des bürgerlichen Realismus' zeichnete die "[t]ragische Verstörung und Scheitern des Einzelmenschen" nach, was sich exemplarisch in dem Roman Fontanes und seiner Titelheldin Effi Briest ebenso nachweisen lässt wie in Theodor Storms Aquis submersus, Friedrich Hebbels Agnes Bernauer und der Erstfassung von Gottfried Kellers Der grüne Heinrich, alles bedeutende Werke des bürgerlichen Realismus. Die Frage, warum die – hauptsächlich weiblichen – Figuren scheitern müssen, ist ebenso interessant wie die Frage, warum Aennchen es nicht tut.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historische Einordnung und Begriffsverwendung
3 Inhalt der Novelle
4 Figurenanalyse
4.1 Die Figurenkonzeption nach Pfister
4.2 Das Handlungsmodell nach Greimas
4.3 Die Figurenbenennung
5 Die Erzählsituation
5.1 Figurencharakterisierung nach Rimmon-Kenan
5.2 Die Außensicht
5.2.1 Erzähler
5.2.2 Die Figuren
5.3 Die Innensicht
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Novelle "Das Skelet im Hause" (1878) von Friedrich Spielhagen mit einem besonderen Fokus auf die Diskrepanz zwischen der Innen- und Außensicht der weiblichen Protagonistin Aennchen. Dabei wird analysiert, wie diese Figur entgegen den gängigen Konventionen des bürgerlichen Realismus eine aktive und starke Rolle einnimmt.
- Strukturalistische Figurenanalyse von Aennchen
- Untersuchung der Erzählsituation und Fokalisierung
- Kontrastierung von Innen- und Außensicht
- Vergleich der Novellen-Struktur mit dem Roman-Genre
- Diskussion der Rollen von Adel und Bürgertum
Auszug aus dem Buch
5.2.1 Erzähler
Der heterodiegetische Erzähler, der eigentlich gar nicht vorhanden bzw. mittelbar sein sollte, kommentiert an einigen Stellen wertend die Figuren und ihr Verhalten. So berichtet er beispielsweise, dass Aennchen „wohlweislich“ nach ein paar „schüchternen, vergeblichen Einreden“ (Erzähler SiH, S. 14) schweigt. Einerseits charakterisiert er Aennchen als „arm“ und „einem Kinde gleich“ (SIH, S. 20), erwähnt „ihr verwöhntes Ohr“ (SIH, S. 17), berichtet aber andererseits eben auch von der Zwiespältigkeit, indem er die Diskrepanz zwischen Innen- und Außensicht offenbart: Aennchen zeigt sich, „eine Ruhe zur Schau tragend, welche die zitternden Knie und das pochende Herz Lügen straften“ (SIH, S. 25). Sie ist einerseits „erschrocken“ (SIH, S. 26) und „starrte blass und verloren“ vor sich hin (SIH, S. 35), ist aber auch kämpferisch, „sich mit allen Kräften ihrer Seele gegen den furchtbaren Gedanken wehrend, sie habe jetzt den Grund für Lebrechts Trübsinn gefunden“ (SiH, S. 37).
Der auktoriale Erzähler gibt die durchaus negative Ansicht Bertrams hingegen unkommentiert wieder: „Der Doktor hatte sich, nach Lebrechts kärglichen Schilderungen, Aennchen als ein kleines, niedliches, immer bewegliches, zu Scherz und Lachen und allerlei Schelmen und Rederei stets bereites, von lustigen Bändern umflattertes Persönchen vorgestellt – ein wenig oder auch ein wenig sehr kokett und – alles in allem – fürchterlich verwöhnt und verzogen, aber doch trotz oder gerade wegen dieser Eigenschaften die rechte Frau für [Lebrecht].“ (SIH, S. 44)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die literaturgeschichtliche Epoche des Realismus und Vorstellung des gewählten Primärtextes.
2 Historische Einordnung und Begriffsverwendung: Definition des Realismus-Begriffs und Erläuterung der Gattungsmerkmale im Kontext der Zeit.
3 Inhalt der Novelle: Zusammenfassung der Handlung von Spielhagens Werk sowie Einführung in das Personal.
4 Figurenanalyse: Theoretische Untersuchung der Charaktere anhand strukturalistischer Modelle von Pfister und Greimas.
5 Die Erzählsituation: Analyse der narrativen Ebene, insbesondere der Perspektivwechsel zwischen Innen- und Außensicht.
6 Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse und Einordnung der Rolle Aennchens im literarischen Kanon des Realismus.
Schlüsselwörter
Friedrich Spielhagen, Das Skelet im Hause, Realismus, Figurenanalyse, Aennchen, Erzählsituation, Innen- und Außensicht, Novelle, Strukturalismus, Erzähltheorie, Bürgerlicher Realismus, Literaturwissenschaft, Fokus, Rollenbild, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Novelle "Das Skelet im Hause" von Friedrich Spielhagen im Hinblick auf die figurenpsychologische Darstellung der Protagonistin Aennchen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Figur durch andere (Außensicht) und ihrer inneren Erlebniswelt (Innensicht) sowie der gesellschaftliche Kontrast zwischen Adel und Bürgertum.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass die Protagonistin Aennchen entgegen den Erwartungen an eine realistische Frauenfigur als starke, handelnde Figur agiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein strukturalistischer Ansatz der Figurenanalyse verwendet, gestützt durch Modelle von Forster, Greimas und Rimmon-Kenan.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Figurenanalyse (Konzeption, Handlungsmodell, Namensgebung) und eine Untersuchung der Erzählsituation (Charakterisierung, Sichtweisen).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Realismus, Aennchen, Erzählsituation, Innensicht, Außensicht und die strukturalistische Figurenkonzeption.
Warum ist die Benennung der Figur Aennchen für die Arbeit relevant?
Der Diminutiv "Aennchen" wird als Indiz für die anfängliche Zuschreibung von Naivität und Kindlichkeit analysiert, die jedoch im Verlauf der Novelle durch das Handeln der Figur widerlegt wird.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Aennchen von klassischen Realismus-Heldinnen?
Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen literarischen Heldinnen, die am Ende scheitern, agiert Aennchen als aktive Kraft, die eine Lösung des zentralen Konflikts herbeiführt.
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- Lisa Gutman (Author), 2016, Das starke, schwache Aennchen. Zur Diskrepanz zwischen Innen- und Außensicht bei Friedrich Spielhagens "Das Skelet im Hause" (1878), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493594