Soziale Ungleichheit in der Bildung


Hausarbeit, 2018
18 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Begrifflichkeiten
2.1 Soziale Ungleichheit
2.2 Bildungsungleichheit
2.3 Soziale Schichten
2.4 Milieus, Lebensstile

3 Ursachen der Bildungsungleichheit
3.1 Bildungsexpansion
3.2 3.2 Institutionelle Bildungsungleichheit und Schichtzugehörigkeit

4 Bildung und soziale Herkunft
4.1 Pierre Bourdieu – Die Reproduktion ungleicher Bildungschancen
4.1.1 Ökonomisches Kapital
4.1.2 Kulturelles Kapital
4.1.3 Soziales Kapital
4.1.4 Symbolisches Kapital
4.2 Boudon – primäre und sekundäre Herkunftseffekte
4.2.1 Primäre Herkunftseffekte
4.2.2 Sekundäre Herkunftseffekte

5 Handlungsperspektiven
5.1 Verringerung von Chancenungleichheit
5.2 Schulsozialarbeit

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Soziale Ungleichheiten treten heute in vielen verschiedenen Formen in unserer Gesell- schaft auf. Dabei geht es vorrangig um berufliche Unterschiede, die Wohn-, Arbeits- und Freizeitbedingungen, sowie die wachsende Schere zwischen den armen und rei- chen Bevölkerungsschichten. Die Bedeutung für die von Ungleichheit betroffenen Menschen ist dabei abhängig von ihrem aktuellen Lebensniveau. (vgl. Bolte, Karl Mar- tin; Hradil, Stefan (1984): Soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik Deutschland. 5. Auflage. Wiesbaden: Springer. S.23-24)

Beim Blick auf die unterschiedlichen Aspekte der sozialen Ungleichheit wird deutlich, dass sich diese aktuell weiter ausbreitet und dadurch besonders die Lebenslagen von Menschen aus unteren sozialen Schichten verschlechtert. Das Erlangen einer Berufs- position wird immer schwieriger, die Verteilung von Vermögen und Einkommen gehen weiter auseinander, sowie die damit einhergehende Ungleichheit der materiellen Ver- hältnisse und insgesamt spreizen sich die sozialen Schichten. (vgl. http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine- sozialkunde/138446/ausblick<(Abruf: 02.09.2018))

Diese Umstände machen sich auch im Bildungssystem bemerkbar. Zwar wurden be- reits in den 1960er und 70er Jahren viele Veränderungen im Bildungswesen vorge- nommen, um einer wachsenden Bildungsungleichheit entgegenzuwirken, doch das Ziel der Chancengleichheit konnte dadurch nicht erreicht werden. Das Bildungsniveau in Deutschland ist seitdem angestiegen und insbesondere die Benachteiligung von Mäd- chen und jungen Frauen und Kindern auf dem Land wurde verringert, doch der Zu- sammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Bildungserfolg bestimmt nach wie vor die schulischen Leistungen der Kinder.

Spätestens durch die PISA-Studie im Jahr 2000 ist deutlich geworden, wie prekär die Lage in Deutschland ist im internationalen Vergleich, in Bezug auf die Chancengleich- heit in der Bildung.

Diese Arbeit befasst sich mit der Frage welche Erklärungen es für die Bildungsun- gleichheit in Deutschland gibt und welche Maßnahmen der Verringerung der Chancen- ungleichheit dienen. Dafür werden zunächst wichtige Begrifflichkeiten erläutert und Beispiele für die Ursachen von Bildungsungleichheit aufgezeigt. Anschließend geht es um die Verbindung zwischen dem Bildungserfolg und der Herkunft eines Menschen, welche anhand der Erklärungsmodelle von Raymond Boudon und Pierre Bourdieu dar- gestellt wird. Das letzte Kapitel beinhaltet unterschiedliche Ideen für Maßnahmen, die dem Abbau von Chancenungleichheiten im Bildungssystem dienen.

2 Begrifflichkeiten

2.1 Soziale Ungleichheit

Der Begriff soziale Ungleichheit beschreibt die verschiedenen Möglichkeiten der Teil- habe an wichtigen gesellschaftlichen Ressourcen, welche für die Lebensbedingungen der Menschen entscheidend sind. Durch die besseren oder schlechteren Teilha- bechancen ergeben sich unterschiedliche soziale Positionen im Gesellschaftsgefüge für die Mitglieder dieser Gesellschaft. Erkennen lässt sich soziale Ungleichheit durch Merkmale wie die berufliche Stellung, die Wohn- und Arbeitsbedingungen, die eigene Gesundheit, die Konfessionszugehörigkeit oder die persönliche Verfassung eines Menschen. (vgl. Brake, Anna; Büchner, Peter (2012): Bildung und soziale Ungleichheit. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer. S.10-11)

Der Soziologe Stefan Hradil nennt in seiner Definition sozialer Ungleichheit drei Bedin- gungen, damit diese zustande kommt. Erstens muss es sich um wichtige und knappe Güter einer Gesellschaft handeln wie beispielsweise das Einkommen oder die berufli- che Ausbildung einer Person. Zum Zweiten müssen diese knappen Güter in der Ge- sellschaft ungleich verteilt sein. Wenn nicht jeder Mensch den gleichen Anteil eines knappen Gutes erhält, gilt dies als „ungleich“ in der Soziologie. Die dritte Bedingung besagt, dass zufällige, individuelle oder natürliche Ereignisse keine soziale Ungleich- heit hervorrufen. Demnach ist soziale Ungleichheit die ungleiche Verteilung besserer und schlechter Lebensbedingungen von Menschen. (vgl. Hradil, Stefan (2016): Soziale Ungleichheit, soziale Schichtung und Mobilität. In: Korte, Herman; Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. 9. Auflage. Wiesbaden: Springer. S. 248-249)

2.2 Bildungsungleichheit

Soziale Bildungsungleichheit beschreiben Müller und Haun als „Unterschiede im Bil- dungsverhalten und in erzielten Bildungsabschlüssen von Kindern, die in unterschiedli- chen sozialen Bedingungen und familiären Kontexten aufwachsen.“ (Müller, W.; Haun, D. (1994): Bildungsungleichheit im sozialen Wandel. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozilpsychologie. H. 46. S.3). Der Zusammenhang zwischen dem Bildungserfolg und der Herkunft eines Kindes ruft somit unterschiedliche Teilhabechancen am deut- schen Bildungssystem hervor. (vgl. Schlicht, R. (2011): Determinanten der Bildungsun- gleichheit. Die Leistungsfähigkeit von Bildungssystemen im Vergleich der deutschen Bundesländer. 1. Auflage. Wiesbaden: Springer. S.35)

2.3 Soziale Schichten

Menschen, die einen vergleichbaren Status in einer oder mehreren Dimensionen sozia- ler Ungleichheit haben, bilden eine soziale Schicht, wie beispielsweise eine Einkom- mensschicht. Um die Stellung einer Person innerhalb der verschiedenen Schichten festzustellen, werden Bildungs-, Berufs- und Einkommensstatus verknüpft. Dennoch können Verhaltensweisen der Menschen einer Schicht sehr unterschiedlich sein. (vgl. http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine- sozialkunde/138437/grundbegriffe (Abruf: 27.08.2018))

2.4 Milieus, Lebensstile

Menschen mit übereinstimmenden Werten und Haltungen bilden ein soziales Milieu. Die Mitglieder eines Milieus sehen ihre Umwelt und Mitmenschen auf eine ähnliche Art und Weise und haben daher auch oft ihren Wohn- und Arbeitsort in vergleichbaren Um- und Mitwelten.

Der Begriff Lebensstil bezeichnet die sich wiederholenden Denk- und Verhaltenswei- sen von Menschen. (vgl. http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse- eine-sozialkunde/138437/grundbegriffe (Abruf: 27.08.2018))

3 Ursachen der Bildungsungleichheit

3.1 Bildungsexpansion

Die Bildungsexpansion beschreibt eine Phase in Deutschland, bei der junge Menschen angefangen haben höhere Bildungsziele zu verfolgen und ebenso zu erhalten. Dieser Prozess begann in den 1960/70er Jahren und beinhaltete erste Bildungsreformen. (vgl. http://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/251708/alte-und-neue- ungleichheiten (Abruf: 28.08.2018))

Durch bildungspolitische Debatten entstanden Vorstellungen über eine Reduzierung der Ungleichheit im Bildungssystem. Daher wurden höhere Schulformen ausgebaut, die Gesamtschule wurde in einigen Bundesländern als fünfter Schultyp eingeführt und Bafög wurde als Bildungsförderung etabliert. Durch diese Maßnahmen konnten Un- gleichheiten in regionalen und geschlechtsspezifischen Belangen reduziert werden. (vgl. Dombrowski, R.; Solga, H. (2009): Soziale Ungleichheiten in schulischer und au- ßerschulischer Bildung. Stand der Forschung und Forschungsbedarf. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung. S. 13)

Schichtspezifische Ungleichheiten existieren jedoch nach wie vor, denn obwohl immer mehr SchülerInnen einen höheren Bildungsabschluss erreichen, profitieren Kinder aus unteren Schichten weniger davon, wegen der Bindung des Bildungserfolgs an die sozi- ale Herkunft. Außerdem fand durch die erhöhten Abiturientenzahlen eine Entwertung der anderen Schulabschlüsse statt, wodurch die beruflichen Perspektiven und die Aus- sicht auf einen Ausbildungsplatz für Haupt- und Förderschulabsolventen deutlich er- schwert wird. (vgl. http://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/251708/alte- und-neue-ungleichheiten (Abruf: 28.08.2018))

3.2 Institutionelle Bildungsungleichheit und Schichtzugehörigkeit

Seit dem Pisa-Schock im Jahr 2000 konzentrierte sich die Bildungsforschung genauso wie die Bildungspolitik intensiver auf die Strukturen und Regelungen des deutschen Bildungssystems. Neben der Familie stellt die Schule den wichtigsten Faktor für Bil- dung und Kompetenzerwerb dar. Im deutschen Schulsystem findet aufgrund der insti- tutionellen Aufteilung der Schüler in unterschiedliche Schultypen, eine soziale Selekti- on statt (vgl. Baumert, J.; Stanat, P.; Watermann, R. (2006): Schulstruktue und die Entstehung differenzieller Lern- und Entwicklungsmilieus. In: Baumert, J./ Stanat, P./ Watermann, R. (Hrsg.): Herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungswesen. Vertiefende Analyse im Rahmen von Pisa 2000. Wiesbaden: VS Verlag. S.95.). Somit ist entschei- dend, zu welchem Zeitpunkt welche Schule gewählt wird. Auch findet eine „Etikettie- rung“ von SchülerInnen bezüglich ihres Leistungspotenzials statt. Dies geschieht ei- nerseits durch Barrieren innerhalb des Systems und andererseits durch die Bildungs- aspiration von Eltern und Kindern. So besuchen Kinder aus unteren sozialen Schichten deutlich häufiger als Kinder aus höheren sozialen Schichten Haupt- und Förderschulen und schaffen es seltener auf ein Gymnasium. Hinsichtlich der Barrieren innerhalb des Schulsystems beginnt dies schon mit dem Übergang von der Grundschule in das Gymnasium. Studien belegen, dass SchülerInnen aus einem niedrigen soziökonomi- schen Umfeld, bei gleichem Notenstand, weitaus weniger häufig auf ein Gymnasium wechseln, als SchülerInnen aus einem hohen soziökonomischen Umfeld. Die Bewer- tungen bzw. Empfehlungen der LehrerInnen werden nicht nur nach dem Leistungspo- tenzial der SchülerInnen ausgestellt, sondern es fließen auch Faktoren wie Verhal- tensmerkmal, Sprachbeherrschung, Motivation und Gewohnheiten mit ein. Somit kommt es vor, dass Kinder aus unteren Schichten, um eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, deutlich bessere schulische Leistungen erbringen müssen, als Kinder aus oberen Schichten. (vgl. Dombrowski, R.; Solga, H. (2009): Soziale Ungleichheiten in schulischer und außerschulischer Bildung. Stand der Forschung und Forschungsbe- darf. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung. S.13-15)

4 Bildung und soziale Herkunft

Die Ursachen und Herausforderungen der Bildungsungleichheit wurden bereits in den vorangegangenen zwei Kapiteln dargelegt. Die Ungleichheit im Bildungswesen be- gründet sich jedoch nicht nur durch die Bildungspolitik und das Schulsystem, sondern zugleich auch durch die Bildungschancen im Zusammenhang mit der sozialen Her- kunft. Dabei ist es sinnvoll, den Einfluss der familiären Herkunft auf die Bildungswege und Bildungsentscheidungen der SchülerInnen genauer zu betrachten. In den folgen- den Kapitel soll dazu das theoretische Erklärungsmodell von Raymond Boudon genau- er erläutert werden.

4.1 Pierre Bourdieu - Die Reproduktion ungleicher Bildungschancen

Der Soziologe Pierre Bourdieu entwickelte eine soziokulturelle Theorie, um die Positio- nen innerhalb einer Gesellschaft zu erfassen. Diese Theorie setzt die Verbindung der Positionen im sozialen Raum, dem Habitus und dem Raum der Lebensstile zueinan- der, in Beziehung.

Durch die verfügbaren Ressourcen (kulturelles, soziales, symbolisches und ökonomi- sches Kapital) und die objektiven Existenzbedingungen der Akteure, entsteht der Raum der sozialen Positionen.

Der Habitus verbindet den Raum der Positionen mit dem Raum der Lebensstile. Der Habitus wird beschrieben als spezifisches „Wahrnehmungs-, Klassifizierungs-, Gliede- rungs-, Geschmacks-, Interpretations- und Beurteilungsschema mit bestimmten Praxis- formen und Gütern, die eine stilistische Einheit bilden“ (Jünger, R. (2008): Bildung für alle? Die schulischen Logikenvon ressourcenprivilegierten und -nichtprivilegierten Kin- dern als Ursache der bestehenden Bildungsungleichheit. Wiesbaden: VS-Verlag. S.73). Bourdieu nimmt an, dass ähnliche Konditionierungen das Ergebnis ähnlicher Lebensbedingungen sind. Die Entwicklung der sozialen Identität der Personen erfolgt durch vergleichbare Situationen zu ähnlichen Dispositionen (vgl. Bourdieu, P. (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S.277-280). Der Raum der Lebensstile beruht auf den kulturellen Formen, Handlungen, Werten und Einstellungen der Akteure. In der Familie sieht Pierre Bour- dieu den Auslöser für die Reproduktion sozialer Ungleichheit und verdeutlicht, wie die privilegierten Familien ihre soziale Position innerhalb der Gesellschaft zu erhalten ver- suchen (vgl. Brake, A.; Büchner, P. (2012): Bildung und soziale Ungleichheit. Eine Ein- führung. Stuttgart: Kohlhammer. S.57).

Die Bildungschancen der Kinder werden durch die Ressourcen der Herkunftsfamilie stark beeinflusst. Da jedoch besonders Kinder aus den unteren Klassen nicht über die- se entsprechenden Ressourcen verfügen, sind sie im Verhältnis zu den oberen Klas- sen schon zu Beginn der Schulzeit benachteiligt. Zur Absicherung bzw. Abgrenzung der eigenen Position der oberen Klassen zu den anderen Klassen dient der Erwerb von Bildungsqualifikationen (vgl. Bourdieu, P.; Passeron, J. (1971): Die Illusion der Chan- cengleichheit. Stuttgart: Klett. S.180-182). Diese herkunftsspezifischen Entscheidun- gen und Entwicklungen in den unteren Klassen führen dort oft zu dem verfrühten Aus- scheiden aus dem Bildungssystem, der „Selbsteliminierung“ (Bourdieu, P. (1973): Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S.106).

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Details

Titel
Soziale Ungleichheit in der Bildung
Hochschule
Hochschule Hannover
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V493849
ISBN (eBook)
9783346000088
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, ungleichheit, bildung
Arbeit zitieren
Linda Ziesche (Autor), 2018, Soziale Ungleichheit in der Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493849

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