In den letzten Jahren erfolgte eine rasante Veränderung der Umwelt deutscher Unternehmen. Durch Internationalisierung und Globalisierung verschärfte sich der Wettbewerb von Unternehmen auf dem Kapitalmarkt um Eigen- und Fremdkapitalgeber immens. Mangelnde Unternehmensberichterstattung, die sich nahezu ausschließlich auf Finanzgrößen und eine vergangenheitsorientierte Betrachtung bezog, führte häufig zu Informationslücken seitens der Kapitalgeber. Fehleinschätzungen des Unternehmenswertes und daraus resultierende Fehlinvestments waren die Folge dieses Berichterstattungssystems.
Aus diesem Grund erfolgte am 6. März 1998 eine Erweiterung des Kontrollsystems des deutschen Aktien- und Handelsrechts durch das KonTraG, so dass sich daraufhin der Anspruch auf Risikoberichterstattung im Lagebericht neu definierte.3Um den gewachsenen Informationsbedürfnissen der Anspruchsgruppen eines Unternehmens noch besser zu entsprechen, erweiterte der Gesetzgeber die Lageberichterstattung am Ende des Jahres 2004 durch das Bil-ReG. Nunmehr muss auch über zukünftige Chancen sowie über nichtfinanzielle Leistungsindikatoren wie für die Lage bedeutende Umwelt- und Arbeitnehmerbelange im Lagebericht informiert werden. Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen muss gefragt werden: Reicht die derzeitige Lageberichterstattung aus, um die langfristige Stabilität des Unternehmens glaubhaft zu kommunizieren? Denn an dieser sind die Stakeholder eines Unternehmens letztlich interessiert, wenn davon ausgegangen wird, dass die langfristige Sicherung der Unternehmensexistenz Grundlage für die langfristige Sicherung der Ansprüche der Stakeholder ist. Eine internationale Entwicklung, die diesen Ansprüchen gerecht zu werden versucht, erfolgt in der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Sie wird auf freiwilliger Basis vorgenommen und soll objektiv die ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen des unternehmerischen Handelns vermitteln. Mit Nachhaltigkeitsberichten werden jedoch nicht nur die Akteure des erwähnten Kapitalmarkts angesprochen, obwohl die „financial community“ laut einer Untersuchung von Klaffke und Krick eine wichtige Zielgruppe der Nachhaltigkeitsberichterstattung darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit
2 Ableitung von Zielen der Nachhaltigkeitsberichterstattung aus den Informationsansprüchen der Anspruchsgruppen an die Berichterstattung des Unternehmens
2.1 Korrelation zwischen Unternehmenswert und Nachhaltigkeit
2.1.1 Identifizierung von Werttreibern des Unternehmenswertes
2.1.2 Auswirkungen nachhaltiger Unternehmenspolitik auf den Unternehmenswert
2.1.3 Zusammenfassung und Teilergebnis
2.2 Informationsansprüche der Stakeholder eines Unternehmens und diesbezügliche Beurteilung der Lageberichterstattung
2.2.1 Informationsbedürfnisse der Stakeholder eines Unternehmens
2.2.2 Aussagekraft des Lageberichts nach § 289 HGB bezüglich der identifizierten Informationsansprüche
2.2.2.1 Zweck und Inhalte der Lageberichterstattung
2.2.2.2 Kritische Beurteilung der Aussagekraft des Lageberichts
2.3 Ziele von Nachhaltigkeitsberichten
2.3.1 Das Hauptziel der Nachhaltigkeitsberichterstattung: Umfassendere Information der Stakeholder eines Unternehmens über die Wahrung ihrer Interessen und die langfristige Stabilität des Unternehmens
2.3.2 Zielbegründung für Stakeholder
2.3.3 Zielbegründung insbesondere für Shareholder und potentielle Investoren
2.4 Zwischenfazit
3 Inhaltlich instrumentelle Ausgestaltung von Nachhaltigkeitsberichten in Ergänzung zum Lagebericht
3.1 Nachhaltigkeitsberichte als ein Signalinstrument zur Kommunikation der langfristigen Stabilität des Unternehmens
3.1.1 Asymmetrische Informationen in Form von Qualitätsunsicherheiten
3.1.2 Signaling in Form von Nachhaltigkeitsberichten
3.2 Prinzipien der Nachhaltigkeitsberichterstattung
3.2.1 Gesamtsystem der Prinzipien
3.2.2 Zentrale Prinzipien zur Erhöhnung der Glaubwürdigkeit und Qualität von Nachhaltigkeitsberichten
3.2.2.1 Einbeziehung von Stakeholdern
3.2.2.2 Vollständigkeit, Neutralität und Relevanz
3.2.2.3 Genauigkeit, Überprüfbarkeit und Vergleichbarkeit
3.3 Informationsinhalte von Nachhaltigkeitsberichten
3.3.1 Gesamtsystem der Inhalte von Nachhaltigkeitsberichten
3.3.2 Zentrale Inhalte eines Nachhaltigkeitsberichts und deren Ausgestaltung
3.3.2.1 Vision und Strategie
3.3.2.2 Profil des Unternehmens
3.3.2.3 Kontrollstrukturen und Managementsysteme
3.3.2.4 Leistungsindikatoren und GRI-Content-Index
3.4 Ausbau betriebswirtschaftlicher Instrumente unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zur Absicherung der Inhalte von Nachhaltigkeitsberichten
3.4.1 Szenarioanalyse als Instrument zur Strategiefindung
3.4.2 Ökoeffizienz-Analyse
3.4.3 Strategieumsetzung mit der Balanced Scorecard
3.4.4 Kennzahlen zur Operationalisierung unternehmerischer Ziele
3.5 Zwischenfazit
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche Ziele Unternehmen mit Nachhaltigkeitsberichten verfolgen und wie diese inhaltlich sowie instrumentell in Ergänzung zur gesetzlichen Lageberichterstattung gestaltet sein müssen, um die langfristige Stabilität des Unternehmens glaubhaft zu vermitteln und bestehende Informationslücken zwischen Management und Stakeholdern zu schließen.
- Analyse der Korrelation zwischen Nachhaltigkeit und Unternehmenswert
- Kritische Beurteilung der Aussagekraft der Lageberichterstattung gemäß § 289 HGB
- Ableitung der Ziele der Nachhaltigkeitsberichterstattung aus Stakeholder-Ansprüchen
- Anwendung der Signaling-Theorie auf Nachhaltigkeitsberichte
- Instrumentelle Absicherung der Inhalte durch Szenarioanalyse, Ökoeffizienz-Analyse und Balanced Scorecard
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Asymmetrische Informationen in Form von Qualitätsunsicherheiten
Schon Hayek hob 1945 in seinem Aufsatz „The Use of Knowledge in Society“100 hervor, dass das Grundproblem der Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten darin besteht, dass niemand über alle Informationen verfügen kann. Ein großer Bereich informationsökonomischer Ansätze befasst sich deshalb mit Situationen, in denen bei zwei kooperierenden Parteien die eine besser informiert ist als die andere.101 Die jeweils besser informierte Partei nennt man Agent, die schlechter informierte Prinzipal.102
Spremann unterscheidet bezüglich asymmetrischer Informationen zwischen drei Grundtypen: Qualitätsunsicherheit, Hold up und Moral Hazard.103 Im Rahmen dieser Arbeit ist in erster Linie Qualitätsunsicherheit von Interesse, weshalb nur auf diesen Typ asymmetrischer Information näher eingegangen werden soll.
Wie am Ende des Abschnitts 2.2.2.2 beschrieben, können auch Informationsasymmetrien bezüglich des Unternehmenswertes bzw. der langfristigen Stabilität des Unternehmens vorliegen. Die informierte Seite (Agent) ist in diesem Fall das Unternehmen, genauer gesagt dessen Management. Die uninformierte bzw. schlechter informierte Seite (Prinzipale) stellen die Stakeholder dar, in deren Interesse das Management tätig wird.
In den grundlegenden informationsökonomischen Ansätzen wird in erster Linie der Kapitalmarkt, insbesondere der um Fremdkapital, betrachtet, geht es um Informationsasymmetrien zwischen Unternehmen und seinen Stakeholdern. Qualitätsunterschiede bei Unternehmen hängen von der Höhe des Unternehmenswertes und der Erfüllung der Zins- und Renditeerwartungen von Kapitalgebern. Als „gute“ Unternehmen sollen diejenigen gelten, welche die Renditeerwartungen von Eigenkapitalgebern und die Zins- und Tilgungszahlungen von Fremdkapitalgebern erfüllen. Bei „schlechten“ Unternehmen werden Renditeerwartungen enttäuscht. Zins- und Tilgungszahlungen fallen früher oder später aus. Im schlimmsten Fall wird das Unternehmen insolvent.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die veränderte Unternehmensumwelt durch Globalisierung und die daraus resultierende Notwendigkeit, über Nachhaltigkeit zu berichten, um Informationslücken der Stakeholder zu schließen.
2 Ableitung von Zielen der Nachhaltigkeitsberichterstattung aus den Informationsansprüchen der Anspruchsgruppen an die Berichterstattung des Unternehmens: Dieses Kapitel identifiziert Werttreiber und Stakeholder-Ansprüche, bewertet die Lageberichterstattung als unzureichend und leitet daraus die Ziele für eine umfassende Nachhaltigkeitsberichterstattung ab.
3 Inhaltlich instrumentelle Ausgestaltung von Nachhaltigkeitsberichten in Ergänzung zum Lagebericht: Das Kapitel erläutert die Anwendung der Signaling-Theorie sowie Prinzipien für glaubwürdige Berichte und stellt betriebswirtschaftliche Instrumente wie Szenarioanalyse, Ökoeffizienz-Analyse und Balanced Scorecard zur Absicherung der Inhalte vor.
4 Fazit: Das Fazit stellt fest, dass durch eine fundierte Nachhaltigkeitsberichterstattung, basierend auf klaren Prinzipien und Instrumenten, die Glaubwürdigkeit und Qualität der Unternehmenskommunikation gesichert und damit langfristige Stabilität signalisiert werden kann.
Schlüsselwörter
Nachhaltigkeitsberichterstattung, Lageberichterstattung, Stakeholder, Shareholder Value, Unternehmenswert, Informationsasymmetrie, Signaling-Theorie, GRI-Richtlinien, Szenarioanalyse, Ökoeffizienz-Analyse, Balanced Scorecard, Nachhaltigkeit, langfristige Stabilität, Unternehmensführung, Kennzahlen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Konzeption und Ausgestaltung von Nachhaltigkeitsberichten, um eine Ergänzung zur gesetzlich vorgeschriebenen Lageberichterstattung in deutschen Unternehmen zu schaffen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Identifizierung von Stakeholder-Informationsbedürfnissen, die ökonomische Fundierung von Nachhaltigkeit (Shareholder Value) sowie die inhaltliche und instrumentelle Qualitätssicherung von Berichten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Unternehmen ihre Ziele bezüglich Nachhaltigkeit definieren können und wie Nachhaltigkeitsberichte inhaltlich so gestaltet sein müssen, dass sie die Informationslücke zwischen Management und Stakeholdern wirksam schließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Ableitung aus informationsökonomischen Ansätzen (Signaling-Theorie) und verknüpft diese mit betriebswirtschaftlichen Instrumenten zur Strategieumsetzung und Performance-Messung.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Ableitung der Berichtsziele aus den Stakeholder-Ansprüchen und die detaillierte Beschreibung der inhaltlich-instrumentellen Ausgestaltung, inklusive spezifischer Analyse- und Steuerungsinstrumente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Nachhaltigkeitsberichterstattung, Stakeholder, Unternehmenswert, Signaling-Theorie und GRI-Richtlinien.
Warum reicht der Lagebericht laut der Autorin nicht aus?
Die Autorin argumentiert, dass der Lagebericht zu vergangenheitsorientiert ist und wesentliche zukunftsorientierte, strategische sowie stakeholderbezogene Informationen vermissen lässt, die für die Beurteilung der langfristigen Zukunftsfähigkeit notwendig sind.
Wie kann die Balanced Scorecard zur Nachhaltigkeit beitragen?
Durch die Integration ökologischer und sozialer Kennzahlen in die klassischen Perspektiven der Balanced Scorecard können Nachhaltigkeitsziele operativ operationalisiert und die Umsetzung der Unternehmensstrategie messbar gemacht werden.
- Quote paper
- Rebecca Weiß (Author), 2005, Ziele und inhaltlich instrumentelle Ausgestaltung von Nachhaltigkeitsberichten in Ergänzung zur Lageberichterstattung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49384