Die Figur Gabriel in Raymond Queneaus "Zazie dans le métro"


Seminararbeit, 2018

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Personen im Roman

III. Die Figur Gabriel
III.1 Gabriels „Scheinnormalität“
III.2 Gabriel – ein „hormosessuel“
III.3 Gabriella

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Sprache, die Raymond Queneau verwendet, steht in allen seinen Wer- ken im Vordergrund, auch in Zazie dans le métro. „Zazie dans le métro blieb zeitlebens Raymond Queneaus erfolgreichster Roman. Er soll dop- pelt so viel Argot enthalten wie jedes seiner übrigen Werke […] und der Roman sei aus der Sprache entstanden“.1 Der poetische und stilistische Er- findungsreichtum, sowie der Humor Raymond Queneaus wurde bereits vielzählig analysiert und kommentiert.2 So hat beispielsweise Christoph Hornung, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg, die Sprache im Roman in seiner Publikation “Stadtbeschreibung und Weltlo- sigkeit der Sprache in Raymond Queneaus Zazie dans le métro” analysiert. Marie Hartmann bezeichnet den Roman als „[…] un roman insolent à l'é- gard de la belle langue française. Il introduit un autre rapport au langage, irrespectueux des commandements de la grammaire, de la syntaxe et de l'orthographe.“.3

In allen Romanen Queneaus ist die Handlung in der Regel unbedeutend, schreitet langsam voran und wird ständig von Episoden unterbrochen, die in keinem logischen Zusammenhang mit der Handlung selbst stehen4, so auch in Zazie dans le métro. Obwohl die Figuren so viel erleben, entwi- ckeln sie sich nicht weiter, lernen aus dem Erlebten nichts für die Zukunft. In Zazie dans le métro wird der Leser nicht nur durch die vielen verschie- denen Handlungen, die ein gewisses Chaos erzeugen, verwirrt, sondern auch durch die Personen selbst, die in ihrem Verhalten ambivalent sind. Wenn man bedenkt, dass Queneau Mitbegründer der Oulipo ist, so über- rascht es nicht, dass die geometrische Figur der Umkehrung neben der Sprache im Zentrum seines Werkes steht.

Um dieses Spiel mit Inversion und Austauschbarkeit von Gegenteilen auf- zugreifen, beschäftigt sich diese Arbeit mit der Art und Weise, wie die Fi- gur Gabriel, die mehrere Gegenteile in ihrer Persönlichkeit mitsich trägt, dargestellt wird. Der Fokus liegt hierbei auf seinem Leben als „normaler“ Bürger, auf seiner Sexualiät und auf seinem Beruf als Travestiekünstler. Zu Beginn möchte ich jedoch kurz darauf eingehen, wie die Personen im Roman generell dargestellt werden.

II. Die Personen im Roman

Dieses Kapitel trägt den Titel „Die Personen im Roman“ und nicht etwa „Die &Charaktere im Roman“. Queneau versucht nicht, ein Portrait oder einen Charakter zu erstellen, mit dem sich der Leser identifizieren kann. Vielmehr versucht er, Romanfiguren zu erschaffen, die in einer Fantasie- welt leben aber trotzdem einen Schein von Realität in sich tragen.5

Die Personen sind definiert über ihre Sprache, auf der, wie bereits in der Einleitung erwähnt, neben der Inversion der Hauptfokus des Romans liegt. Sie neigen dazu, vom Autor festgelegte Rollen einzunehmen, die fest in ihrem Repertoire verankert sind. So zum Beispiel Gabriel, „en prenant un air majestueux trouvé sans peine dans son répertoire“ (Zazie, 19) oder Trouscaillon, der sagt:„ [M]oi, mes trucs, je les varie constamment“ (Za- zie, 212). Da keine Parameter zur Festlegung der Charaktere gegeben sind, erscheinen die Figuren dem Leser wie Marionetten, die ganz mechanisch vom Autor bewegt werden. Die Personen sind daher in ihrem Verhalten weder konstant noch vorhersehbar. So schreibt Andrée Bergens: „Comme il n'y a pas de lien entre les comportements successifs des personnages, ceux-ci agissent de façon inattendue: ils sont donc essentiellement im- prévisibles“.6

Im Laufe der Erzählung treten viele einzelne, immer wiederkehrende Per- sonen auf und auch der Menschenmenge, die variiert und aus diversen Un- bekannten &besteht, &kommt &des &Öfteren &eine &besondere& Bedeutung &zu. Durch den häufigen Wechsel der ambivalenten Figuren, die den Leser mit ihrem immer wieder überraschenden Verhalten verwirren, wird das Ver- wirrspiel des Autors in Gang gesetzt. Die verschiedenen Personen treten episodenweise auf, was an ein Theaterstück erinnert, in dem die Akteure hinter der Bühne auf ihren Auftritt warten. Die Menschenmenge kann auch als das Theaterpublikum verstanden werden. Das, was die „Fremden“ sagen, ist nicht relevant für den Fortgang der Handlung, aber es zeigt dem Leser, wie erfolgreich das „Schauspiel“ der Marionetten Queneaus ist. Die Menschenmenge agiert ähnlich wie ein Theaterpublikum, das den Schau- spielern anhand von Applaus zu verstehen gibt, dass sie das Gespielte glaubwürdig darstellen. Fédors Touristen hängen erwartungsvoll an den Lippen des „archiguide“ Gabriel, der seine Rolle so begeisternd spielt, dass diese nicht bemerken, dass er eigentlich kein Guide ist.7

III. Die Figur Gabriel

III.1 Gabriels „Scheinnormalität“

Gabriel ist ein zweiunddreißigjähriger Mann (Zazie, 109), der vom Leser auch als solcher wahrgenommen wird. Er ist groß gewachsen und von kräftiger Statur (Zazie, 161). Er verabscheut Gewalt, möchte aber dem ihm aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes von der Gesellschaft aufer- legten Zwang der Gewalttätigkeit Folge leisten. Deshalb inszeniert er zu Beginn der Erzählung eine Schlägerei, da er von einem „ptit type“ (Zazie, 12) provoziert wird. „Et il leva le bras comme s'il voulait donner la beigne à son interlocuteur. Sans insister, celui-ci s'en alla de lui-même au sol, par- mi les jambes des gens. Il avait une grosse envie de pleurer“ (Zazie, 12f.). In dieser Szene wirken die Hauptakteure wie Slapstickfiguren, die hier non-verbal mithilfe ihrer Körper kommunizieren. Durch diese körperbezo- gene, mechanische Kommunikation wirkt die Szene komisch. Auch in Ka- pitel V, als Pédro-surplus die entlaufene Zazie wieder zurück in Gabriels Wohnung bringt, gerät dieser erneut in einen Konflikt mit dem gesell- schaftlichen Zwang und seinem wahren Ich. Pédro-surplus beschuldigt ihn der Prostitution kleiner Mädchen. Der Leser erwartet in dieser Situation, dass Gabriel, der zu Unrecht eines solchen Deliktes beschuldigt wird, mit Empörung und Entsetzen reagiert. Um diese (gesellschaftliche) Erwartung zu erfüllen, verhält sich Gabriel wie folgt: „Gabriel fait semblant de se dresser pour un geste de théâtrale protestation, mais se ratatine aussitôt“ (Zazie, 78). Er gibt vor, sich für einen theatralischen Protest aufzurichten, schrumpft aber sofort wieder zusammen. Die Formulierungen „fait sem- blant“ und „théâtrale protestation“ (Ibd., 78) verdeutlichen, dass Gabriel hier versucht, in die Rolle des typischen Mannes seiner Zeit zu schlüpfen und sein eigenes Wesen zu unterdrücken. Dieses Vorhaben gelingt ihm al- lerdings nicht, sodass er unmittelbar danach seine inszenierte Größe wie- der verliert. Im anschließenden Dialog mit Pédro-surplus beantwortet Ga- briel die ihm gestellten Fragen murmelnd und hängt seinen Antworten die Anrede „msieu“ an, wodurch er sogar eingeschüchtert wirkt (Zazie, 78). Er arbeitet im „Mont-de-Piété“ als „danseuse de charme“, behauptet aber seiner Nichte Zazie gegenüber, er sei Nachtwächter von Beruf (Ibd., 79). Gabriel ist verheiratet mit Marceline, mit der er auch zusammenlebt. Mar- celine gibt in der Erzählung überwiegend das typische Frauenbild der fünf- ziger Jahre ab, sie geht nie ohne ihren Mann aus dem Haus (Ibd., 31) und drückt sich insgesamt achtundvierzig mal „doucement“ aus8. Sogar wenn sie lügt, tut sie dies „doucement“ (Zazie, 81). Nach Jean-Pierre Damour ist diese systematische Wiederholung des Adverbs „doucement“ auch als eine Art Maske zu verstehen, hinter der diese gütige Person sich versteckt, um ihr wahres Ich und die damit verbundenen männlichen Züge des Marcel nicht zu enthüllen.9

In der Szene, in der Marceline und Madeleine alleine sind (Ibd., 182f.), wird das konventionelle Bild, das der Leser von Marceline hat, zum ersten Mal erschüttert: Marceline und Madeleine machen sich gegenseitig Kom- plimente und beide scheinen implizit dem Lesbianismus nicht abgeneigt.10 In der Befreiungsszene (Kapitel XVIII, Zazie) werden erste Hinweise auf Marcelines Ambivalenz bezüglich ihres Geschlechts gegeben. „Le mani- pulateur du monte-charge, plongé dans l'obscurité, leur dit doucement, mais avec fermeté, de le suivre et de se grouiller.“ (Zazie, 236). Das Leit- motiv „doucement“, das bisher ausschließlich Marceline zugeordnet wur- de, gibt dem Leser hier zu verstehen, dass es sich um Marceline handeln muss, die vorher das Telefon nicht abgehoben hat, da sie bereits nicht mehr &zuhause war &(Ibd., &233). &In &dieser Szene wird &die &Identität des „[L]ampadophore[s]“ jedoch nicht aufgedeckt, sondern bleibt mehr oder weniger „plongé dans l'obscurité“ (Ibd., 236).

Queneaus Verwirrspiel wird hier vorangetrieben, weil das Leitmotiv „dou- cement“ in Verbindung mit männlichen Bezeichnungen steht, so zum Bei- spiel „Le manipulateur“ und „le lampadophore“ (Ibd., 236). Im letzten Ka- pitel holt Jeanne Lalochère ihre Tochter Zazie, die von einem Typ beglei- tet wird, der ihr den Koffer trägt, am Bahnhof ab. Sie begrüßt diesen Ty - pen mit „Tiens,[...] Marcel.“ (Ibd., 240). Jeanne zeigt hierbei keinerlei Verwunderung und erkennt Marcel sofort. Der Leser fragt sich daher, ob Jeanne sowohl Marceline als auch Marcel kennt, da sie zu Beginn nach Marcelines Wohlbefinden fragt (Ibd., 14). Betrachtet man nun die Szene zwischen Marceline und Madeleine erneut, jedoch unter Berücksichtung von Marcelines männlicher Seite, könnte man diese auch als heterosexuel- le Erotik verstehen, so auch Michel Bigot.11

III.2 Gabriel – ein “hormosessuel”

Gabriel, dessen Name auf den Erzengel Gabriel und damit auch auf das undefinierte Geschlecht hinweisen könnte,12 erscheint bereits ab der ersten Seite als ambivalente Figur. Sowohl Spuren von Weiblichkeit als auch eine primitive Männlichkeit wohnen in Gabriel inne und koexistieren; sind diese zwei Eigenschaften noch so gegensätzlich. Gabriel ist im Besitz ei- nes lilafarbenen Einstecktuchs. Die Farbe dieses Tuchs hat Queneau wahr- scheinlich nicht willkürlich ausgewählt: Lila wurde bereits zu Zeiten der Weimarer &Republik &mit &Homosexualität &in &Verbindung &gebracht. &Das „Lila Lied“, aus dem Jahre 1920, ist die erste Hymne der Homosexuellen13 und steht für deren Freiheitskampf. Statt dieses Tuch in seiner extra dafür vorgesehenen Westentasche aufzubewahren, trägt Gabriel es in seinem hierfür ungeeigneten Ärmel mit sich herum. Die Übertreibungen „extirpa“ und „s'en tamponna“ (Zazie, 11) unterstreichen hier die primitive Männ- lichkeit im Wesen Gabriels, die im Zusammenspiel mit dem lilafarbenen Einstecktuch besonders unangemessen ist. Das familiäre Register „tarin“ ([Zinken], Ibd. 11), hebt diese Primitivität erneut hervor.14 &Michel Bigot merkt an, dass „être de la manchette“ oder „être chevalier de la manchette“ eine veraltete Bezeichnung für einen Homosexuellen ist.15

[...]


1 Dvorecky, Ivor Joseph: „Du quasselst, du quasselst, das ist alles, was du kannst!“ http://www.signaturen-magazin.de/ivor-joseph-dvorecky—zuraymond-queneau--zaziein- der-metro.html [Stand: 10.12.2018].

2 &Hartmann, &Marie: &„Zazie &dans &le &métro. &Impertinences et &désenchantements“. In: Roman 20-50. Bd. 56, Heft 2 (2013), S.157-167.

3 Ibd., S.157.

4 Bergens, Andrée: „Les personnages de Queneau“. In: ders.: Queneau, Paris,Editions de L’Herne 1975, S. 88-97.

5 Ibd., S. 90

6 Ibd., S. 90

7 Queneau, Raymond: emZazie dans le métro. emParis, Gallimard, 2012, emFolioplusem emcememlassiques,emS. 121f.. Im Folgenden werden alle Angaben aus dieser Ausgabe entnommen und emZazie emgenannt.

8 Bigot, Michel: Zazie dans le métro de Raymond Queneau. Paris, Gallimard, 1994, Folio, S. 114.

9 Damour, Jean-Pierre: Raymond Queneau, Louis Malle, Zazie dans le métro: 40 questions, 40 réponses, 4 études. Paris, Edition Ellipses, 2012, S.32.

10 Bigot, S.116

11 Ibd., S. 116

12 Bigot, S. 113

13 CSG- Centrum Schwule Geschichte: „Wir sind, wie wir sind. 100 Jahr Homosexualität auf Schallplatte“.htta href="http://www.csgkoeln.org/ausstellungen/wie-sind-wie-">p://www.csgkoeln.org/ausstellungen/wie-sind-wie-a> wir-sind [Stand: 13.12.2018].

14 Bigot, S. 109

15 Ibd., S. 110

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Figur Gabriel in Raymond Queneaus "Zazie dans le métro"
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V493868
ISBN (eBook)
9783668994669
ISBN (Buch)
9783668994676
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figur, gabriel, raymond, queneaus, zazie
Arbeit zitieren
Melissa Mielke (Autor), 2018, Die Figur Gabriel in Raymond Queneaus "Zazie dans le métro", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493868

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