Rassismus, Vorurteile und gescheiterte Integration. "Tiere für Fortgeschrittene - Haie" von Eva Menasse

Analyse einer Novelle


Hausarbeit, 2018
15 Seiten
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Inhaltliche Analyse
Noras Verhältnis zur Familie Malam
Thematisierung Rassismus
Struktur

Bezug zu Eva Menasses Leben

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Raupen“, „Igel“, „Schafe“ und „Schlangen“ sind nur vier der insgesamt acht Novellen, in denen Eva Menasse mit ihrem Buch „Tiere für Fortgeschrittene“ Gesellschaftskritik übt. Tatsächlich geht es hier aber nicht um Tiere, sondern um Menschen, die sehr typische Verhaltensweisen an den Tag legen, bei alltäglichen Themen wie: Einsamkeit, Demenz, politische Korrektheit, Gruppenzwang und Integration.

Die Novellen basieren auf einer jahrelangen Sammlung Menasses von Tiermeldungen aus Zeitungen, welche sie auf die Menschen projiziert.1

Wie die Tiere, die als Titel der Novellen fungieren, unterscheiden sich auch die Hauptcharaktere stark in ihren Eigenschaften. Eva Menasse erzählt in jeder der Novellen aus verschiedenen Perspektiven und zeigt dadurch einen Einblick in verschiedene Lebenswelten, die ihr wahrscheinlich nicht ganz unbekannt sind. Wie zum Beispiel das Leben von Stipendiaten, die zu einer Künstlergemeinschaft gehören, in der Novelle „Schafe“, war schließlich auch Menasse vor einigen Jahren Kunststipendiaten der Villa Massimo.2 Oder auch in „Haie“, in der die Großstadtmutter Nora mit Anfeindungen gegen einen kleinen Jungen und seine Familie mit Migrationshintergrund umzugehen versucht.3

Auffällig ist, dass Kinder in ihren Erzählungen nicht als unschuldige Wesen dargestellt werden. Stattdessen wird ihnen ein volles Schuldbewusstsein wie das eines Erwachsenen zugeschrieben. Dies wird vor allem in der Novelle „Haie“ deutlich.

In dieser Hausarbeit soll diese nun genauer analysiert werden. Hierbei werden u.a. der Rassismus, die dazugehörigen Vorurteile und die gescheiterte Integration als Hauptthema detailliert betrachtet. Es werden die verschiedenen auftretenden Charaktere, ihre Beziehung zueinander und die Struktur der Novelle analysiert. Als zusätzliche Analyse der Erzählung wird diese mit dem Werdegang und dem persönlichen, familiären Hintergrund der österreichischen Autorin Eva Menasse verglichen und somit ein Bezug zwischen wahrem Leben und Geschichte hergestellt.

Der Erzählungsband „Tiere für Fortgeschrittene“ wurde erst im Jahr 2017 veröffentlicht und ausgiebige Rezensionen finden sich online bis dato lediglich zu einzelnen Novellen. Eine wissenschaftliche Betrachtung des Werkes wurde bislang nicht publiziert, ein gegenwärtiger Forschungsstand ist somit aufgrund der Aktualität des Buches nicht vorhanden.

Inhaltliche Analyse

Jede Novelle des Erzählungsbandes, so auch „Haie“, beginnt mit einem kurzen Zeitungsartikel aus der erwähnten Sammlung der Schriftstellerin. Wirft dieser Teil am Anfang zunächst nur Rätsel für den Leser auf, so bringt er ihn zugleich zum Nachdenken, vermittelt irgendwie einen tieferen Sinn und nutzt die Interpretierbarkeit von Tierverhalten. Menasse verwendet diese Zeitungsartikel, wie den folgend zitierten, als Auslöser für ihre Erzählungen.4

„Am Karfreitag brach vor dem „Haus des Meeres“ ein Brand aus. Die Flammen schlugen bis zwanzig Meter hoch. In drei Metern Höhe befindet sich die Entlüftungsanlage für das Haibecken. Ein Ventilator und PVC-Leitungen verschmorten. „Es dürften giftige Dämpfe ins Becken gelangt sein“, klagt der Zoologische Leiter, „kurz darauf begannen die Haie zu torkeln.“ Er zögerte nicht, zog eine Taucherausrüstung an und kletterte ins Becken. Mit Sauerstoffflaschen wurden die Tiere unter Wasser beatmet. Dennoch kam für vier Haie von insgesamt zehn jede Hilfe zu spät.“ 5

These: Nora versucht als Zoologischer Leiter den bereits vorhandenen Schaden der Gerüchte und Vorurteile zu begrenzen – Allerdings zu spät

Spätestens nach dem Lesen der Novelle wird eine Analogie deutlich. Hauptfigur Nora ist der Zoologische Leiter, der versucht den Haien zu helfen, allerdings nicht alle retten kann. Die nicht überlebenden Haie stehen für Frederic und seine Familie und die überlebenden Haie für die anderen Kinder aus der Klasse, sowie ihre Eltern. Der Brand stellt die durch die Eltern verbreiteten Gerüchte und rassistischen Vorurteile dar, die letztendlich Frederics Familie vertreiben bzw. metaphorisch aussterben lassen. Auch der Name Nora wurde von Menasse sicherlich nicht zufällig für die Hauptperson ausgewählt. Er stammt vom irischen Honora und somit „honor“, also der Ehre. Nora versucht durch ihre ehrenwertes Verhalten, zumindest zum Schluss der Novelle, für Gerechtigkeit einzustehen und möchte die Kinder vor dem vorurteilsbehafteten Verhalten der anderen Eltern schützen.

Neben Nora, stehen vor allem der kleine Frederic und sein Vater Mister Malam im Mittelpunkt. Die Familie Malam stammt aus dem Libanon, dem Vater werden Verbindungen zur libanesischen Mafia nachgesagt. In der Novelle basieren diese auf Gerüchten der Eltern der Mitschüler, initiiert unter anderem auch von Noras Ehemann Paul.6 Frederic ist in der Schule ein Außenseiter, zwar ist er ein aufgeschlossenes Kind, aber wird von den Mitschülern ausgegrenzt und nicht akzeptiert, was zusätzlich von der Lehrerin Frau Boldwyn noch weiter unterstützt wird. Besonders Noras Tochter Clara verurteilt Frederic: „Frau Boldwyn schickt ihn fast jeden Tag vor die Tür, sagte Clara, als sie herausgefunden hatte, worum es ging. Sie lächelte dabei zufrieden. Wir sollen Bescheid sagen, wenn er uns wieder ärgert, assistierte Marieke.“7 Hier wird deutlich, dass die Klassenlehrerin Frau Boldwyn Frederic ausschließt und die Mitschüler/innen ebenfalls dazu animiert. Vorfälle werden nicht aufgeklärt, sondern abgetan im Sinne von „es ist eh immer wieder das gleiche Problemkind“. „Die Summe der Vorfälle, meine Liebe, sagte Lydia und verschränkte die Arme unter ihrer großen Brust, die Summe der Vorfälle kann hier schon als Beweis gelten.“8 Lydia ist die Mutter der Mitschülerin Marieke, sie hat eine deutliche Meinung zur libanesischen Familie. „Ich finde durchaus, dass es eine Rolle spielt, falls der Vater kriminell ist, sagte Lydia.“9

Es ist Frederics Eltern durchaus bewusst, dass sich ihr Sohn in der Schule nicht immer vorbildlich verhalten hat, da er durch seine hohe Unzufriedenheit schnell aggressiv wird. Dennoch vermutet der Vater einen Verschwörungsversuch der Mitschüler, deren Eltern und auch der Lehrer.10

Noras Verhältnis zur Familie Malam

Interessant im Verlaufe der Novelle ist die Entwicklung von Noras Einstellung zu der libanesischen Familie bzw. eben Frederic. Bereits bei der ersten Begegnung mit Mister Malam im Gartenlokal scheint sie einen sehr angenehmen, freundlichen Eindruck von ihm zu gewinnen.11 Bei jeder beschriebenen Begegnung mit ihm, wird ihre positive Wahrnehmung des Mannes beschrieben, etwa sein gepflegtes Äußeres, seine unverkennbare Stimme oder sein Geruch. Nora scheint fast fasziniert von Mister Malam zu sein.12

Noras Meinung über Frederic verändert sich im Laufe der Zeit. Die erste Wahrnehmung des Jungen ist sehr positiv. Bei der Einschulung der Tochter betitelt sie ihn als kleinen Prinzen, da er als einziger Hemd und Jackett trägt und zudem außergewöhnlich hübsch aussieht.13 Er stellt sich bei der ersten Begegnung im Gartenlokal persönlich bei Nora vor und zeigt damit für einen Sechsjährigen ein sehr aufgeschlossenes und mutiges Verhalten, was sich auch darin äußert, dass er direkt den Wunsch ausspricht Noras Tochter Clara zu heiraten.14 Als nächstes verdächtigt sie zwar Frederic Claras Schultasche beschädigt zu haben, hat aber im nächsten Moment von ihm wieder das Bild eines netten, herzigen Jungens.15 Bei einer direkten Begegnung in der Schule, vermutet sie aufgrund seines naiven Verhaltens fast eine Entwicklungsstörung Frederics. Man bemerkt, dass er ihr Leid tut. Als er ihr erzählt vor allem von Clara geärgert zu werden, verspricht sie mit ihr darüber zu sprechen. Ihre Reaktion auf Frederics Aussage, sowie ein folgendes klärendes Gespräch mit der Tochter wird offen gehalten, somit kann vermutet werden, dass seine Aussage zum einen wenig überraschend für Nora war und zum anderen das Gespräch mit Clara nicht stattfindet.16

Fast am Schluss der Novelle setzt sich Nora das erste Mal offensiv mit der apodiktischen Lydia auseinander und übernimmt nicht ihre Meinung zum Umgang mit dem Jungen. Sie ergreift Partei für Frederic.17 Zum Ende der Erzählung, als Nora sich auf dem ersten Elternsprechtag der dritten Klasse befindet, setzt sich dieses Verhalten fort. Sie erkundigt sich nach Frederic, der mittlerweile die Schule gewechselt hat. Sie versucht heraus zu finden, was die Gründe dafür sind und möchte noch einmal auf die Gerüchte und Vorurteile gegen den kleinen Jungen und seine Familie eingehen. Allerdings versuchen die Klassenlehrerin und auch die anderen Eltern dieses Thema schnellstmöglich zu beenden und wollen dies nicht weiter diskutieren. 18

[...]


1 Vgl. Peyman, 2017

2 Vgl. Spreckelsen, 2017

3 Vgl. Granzin, 2017

4 Vgl. Gutzeit, 2017

5 Menasse, 2017, S.209

6 Vgl. Menasse, 2017, S.232 & 240

7 Menasse, 2017, S.238

8 Menasse, 2017, S.240

9 Menasse, 2017, S.240

10 Vgl. Menasse, 2017, S.233

11 Vgl. Menasse, 2017, S.215-218

12 Vgl. Menasse, 2017, S.232f.

13 Vgl. Menasse, 2017, S.214f.

14 Vgl. Menasse, 2017, S.216-217

15 Vgl. Menasse, 2017, S.222

16 Vgl. Menasse, 2017, S.237

17 Vgl. Menasse, 2017, S.238f.

18 Vgl. Menasse, 2017, S.240-242

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Rassismus, Vorurteile und gescheiterte Integration. "Tiere für Fortgeschrittene - Haie" von Eva Menasse
Untertitel
Analyse einer Novelle
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V494086
ISBN (eBook)
9783668997035
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rassismus, vorurteile, integration, tiere, fortgeschrittene, haie, menasse, analyse, novelle
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Rassismus, Vorurteile und gescheiterte Integration. "Tiere für Fortgeschrittene - Haie" von Eva Menasse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494086

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