Männlichkeitsentwürfe in "Der Verschollene". Wie konstruiert Kafka Männlichkeit im Roman?


Bachelorarbeit, 2019

47 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Geschlechterforschung
2.2 Definitionen
2.3 Die Entstehung und Bedeutung der modernen Mannlichkeit
2.3.1 Das Burgertum und die moderne Mannlichkeit
2.3.2 Der mannliche Stereotyp
2.3.3 Der ,unmannliche" Stereotyp
2.4 Die Krise der Mannlichkeit
2.5 Otto Weiningers Geschlecht und Charakter

3. Mannlichkeitsentwurfe im Brief an den Vater
3.1 Methodisches Vorgehen und Stand der Forschung
3.2 Die Mannlichkeit des Vaters
3.3 Krankheit und Judentum
3.3 Frauen
3.4 Sexualitat

4 Analyse des Romans Der Verschollene
4.1 Stand der Forschung
4.2 Methodik Vorgehensweise
4.3 Mannliche Figuren
4.3.1 Der Heizer
4.3.2. Der Onkel
4.3.3 Herr Pollunder
4.3.4 Herr Green
4.3.5 Robinson und Delamarche
4.4 Weibliche Figuren
4.4.1 Johanna Brummer
4.4.2 Klara Pollunder
4.4.3 Grete Mitzelbach
4.4.4 Therese
4.4.5 Brunelda
4.5 Symbole und Metaphern
4.6 Erzahlverhalten
4.7 Zusammenfassung
4.8 Interpretation im Kontext der Mannlichkeitsentwurfe um
4.9 Interpretation im biographischen Kontext

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Rolle der Geschlechter ist bis heute ein gesellschaftlich relevantes Thema, wes- halb es auch in der Literatur- und Literaturwissenschaft in Erscheinung tritt. Die Debatte, ob Frauen und Manner in unserer Gesellschaft gleichberechtigt sind, scheint bis auf Weiteres nicht abgeschlossen. Besonders deutlich wurde die Aktu- alitat dieses Themas, als die Einfuhrung eines dritten Geschlechts bekannt gege- ben wurde. Dies fuhrte zu einer Diskussion uber die Frage, wie Geschlechtlichkeit uberhaupt zu definieren sei.

Seit den 1990-er Jahren ist das Thema auch zu einem wissenschaftlichen Gegen- stand, in Form der sog. Gender Studies geworden. Aus den Gender Studies resul- tiert die Annahme, dass Geschlecht uber die biologische Determinante hinausgehe und eine soziale Konstruktion sei1. Bei dieser Konstruktion von Geschlecht sind die Literatur und die Literaturwissenschaft auf zweierlei Art beteiligt. Einerseits ent- werfen Autoren in ihren Werken gesellschaftliche Welten, in denen bestimmte Geschlechterverhaltnisse vorherrschen. Andererseits werden durch die Interpre- tation und Rezeption des Werks seitens der Literaturwissenschaft Geschlechter- rollen konstruiert.

In dieser Arbeit soll es um die Mannlichkeitsentwurfe in Franz Kafkas Roman ,Der Verschollene" gehen, mit dem Fokus auf die Leitfrage, wie und aus welchen Griin- den Mannlichkeit im Roman Der Verschollene konstruiert wird.

Der Roman Der Verschollene entstand in mehreren Etappen Anfang des 20. Jahr- hunderts. Deshalb wird der erste Teil dieser Ausarbeitung, die Konstruktion von Mannlichkeit im 19. Jahrhundert und um die Jahrhundertwende thematisieren, wobei insbesondere die sog. Dekadenz oder auch Krise der Mannlichkeit von ent- scheidender Bedeutung ist. Da Franz Kafka nicht nur ein Literaturschaffender, son- dern auch ein Mensch war, der in einer Familie aufgewachsen ist, die sein Leben und auch sein Schreiben beeinflusst haben, wird im 2.Teil dieser Arbeit der Brief an den Vater als biographisches Zeugnis und in Bezug auf Mannlichkeitsentwurfe analysiert, so dass die Leitfrage auch im biographischen Kontext betrachtet wer- den kann. Im dritten und letzten Schritt wird dann Der Verschollene unter dem Aspekt der Mannlichkeitsentwurfe untersucht, mit dem Ziel den Roman in einem neuen Kontext einzuordnen und zu interpretieren.

Der Verschollene geh6rt zwar zu den unbekannteren Werken Franz Kafkas, trotz- dem gibt es einige Forschungsbeitrage, die sich mit diesem Roman auseinander- setzen. Der Fokus liegt dabei allerdings auf einer Interpretation im Kontext des ursprunglich von Max Brod gewahlten Romantitels ,Amerika" und dem Aspekt des Vater- Sohn- Konflikts2. Das Thema ,Mannlichkeit" oder allgemein ,Geschlecht" spielt in der Kafka- Forschung eine eher untergeordnete Rolle, so dass es nur eine geringe Anzahl an Forschungsbeitragen gibt. Zudem werden in der Sekundarlite- ratur haufig nur Teilaspekte des Themas angesprochen. Diese Arbeit baut auf den Erkenntnissen aus der Sekundarliteratur auf, versucht diese allerdings sollen diese auch kritisch zu hinterfragen und daraus neue Schlussfolgerungen zu ziehen.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Geschlechterforschung

Seit den 1990-er Jahren wird auch in Deutschland verstarkt zum Thema Geschlecht bzw. Gender geforscht. Der Kern dieser wissenschaftlichen Untersuchungen sei die ,Analyse und Kritik asymmetrischer Geschlechterverhaltnisse "3, wobei es ins- besondere um ,Weiblichkeit (als mannliche Projektion)"4 gehe. Im Vordergrund stehe die Annahme, das Geschlecht sei eine ,soziale Konstruktion"5 der Gesell- schaft, die bestimmte Normen entwickelt habe und damit unser Handeln beein- flusse.

Die sog. Men's studies beschaftigen sich seit den 1970-er Jahren mit dem Thema Mannlichkeit, die ,als unmarkiertes, unsichtbares Geschlecht gilt- allein die Frau scheint fur Geschlechtlichkeit zustandig"6. Men's studies hatten dabei besonders einen Fokus auf den Aspekt Macht in Bezug zur Mannlichkeit gelegt, wobei das Konzept der hegemonialen Mannlichkeit, welches von Robert W. Connell entwi- ckelt wurde eine wichtige Rolle spiele. ,Hegemoniale Mannlichkeit ist ein Konzept, das die gesellschaftliche Verknupfung von Mannlichkeit und Macht bzw. Herr- schaft betont"7, wobei es sowohl um die Beziehungen zwischen Mannern und Frauen gehe als auch das Verhaltnis von Mannern untereinander. Demnach gebe es in einer Gesellschaft immer eine bestimmte Gruppe von Mannern, die uber mehr Macht verfugen wurden als der Rest der Gesellschaft8. Macht sei hierbei nicht mit der Anwendung oder Androhung von Gewalt gleichzusetzen. Vielmehr gehe es um die Akzeptanz der hegemonialen Mannlichkeit seitens der machtlosen Gruppen. Kritiker bezeichneten das Konzept der hegemonialen Mannlichkeit als zu ungenau. Robert W. Connell merkt hierzu allerdings an, es seien nicht immer die gleichen Faktoren in einer Gesellschaft hegemonial, weshalb sich das Konzepte standig verandere. 9

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Men' studies sei die Erforschung der Familie als ,zentrale Instanz, die Mannlichkeit im 19. Jahrhundert formiert [..)"10. Bis zur Halfte des 19. Jahrhunderts habe es noch keine strikte Aufgabentrennung in Er- werbs- und Hausarbeit zwischen Mannern und Frauen gegeben. Erst danach sei es die Hauptaufgabe der Frau gewesen sich um Haushalt und Kinder zu kummern. Manner hatten sich dagegen zunehmend auf Beruf und Karriere konzentriert, wo- bei auch homosoziale Beziehung an Bedeutung gewannen11.

2.2 Definitionen

Fur den Begriff ,Mannlichkeit" gibt es keine einheitliche und feststehende Defini- tion, denn eine Definition setze immer eine ,kulturelle Bewertung"12 voraus. Der moderne Mannlichkeitsbegriff, wie wir ihn heute kennen, beziehe sich sehr stark auf das Verhalten des Individuums, wobei es mannliches und unmannliches Ver- halten gebe. Grundlage fur eine derartige Definition sei die erst in der Moderne entstandene Annahme, dass menschliches Verhalten individuell sei. AuBerdem ben6tige diese Definition einen gegenteiligen Begriff, in diesem Fall also ,Weib- lichkeit", denn bis zum 18. Jahrhundert sei man davon ausgegangen, dass es nur das mannliche Geschlecht gebe. Zwar seien Frauen und Manner voneinander un- terschieden worden, allerdings hatten Frauen als fehlerhafte Manner gegolten13. Bei der Beschaftigung mit den Mannlichkeitsentwurfen um 1900 erscheint die nor- mative Definition als passend, wonach sich Mannlichkeit dadurch definiert ,wie Manner sein sollten"14. Wie Mannlichkeit definiert wird ist also davon abhangig, welche Normvorstellung in der Gesellschaft vorherrschen. Auch das moderne Mannlichkeitskonzept, welches fur diese Arbeit relevant ist, beruht auf Normvor- stellungen.

2.3 Die Entstehung und Bedeutung der modernen Mannlichkeit

Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 1. Weltkrieges habe sich ein Bild von Mannlichkeit entwickelt, welches noch in unserer gegenwartigen Gesell- schaft erkennbar sei. Diese Entwicklung der sog. ,modernen Maskulinitat"15, sei von gesellschaftlichen und politischen Umstanden beeinflusst worden. Mosse be- schreibt in seinen Ausfuhrungen, dass die moderne Mannlichkeit durch einen Ste- reotyp gepragt sei. Im folgenden Abschnitt soll die Entstehung der modernen Mas- kulinitat, unter besonderer Berucksichtigung dieses Stereotyps, skizziert werden.

2.3.1 Das Biirgertum und die moderne Mannlichkeit

Am Ende des 18. Jahrhunderts habe sich parallel zur burgerlichen Gesellschaft die Vorstellung von einer modernen Maskulinitat herausgebildet. Bis zu diesem Zeit- punkt habe es eine feudale Standegesellschaft gegeben. Ein wichtiger Bestandteil dieser Gesellschaft sei das Duell, also ein ,[..) Kampf zwischen zwei Mannern vor Zeugen"16 gewesen. Manner hatten sich duelliert, um ihre Ehre und ihren Rang in der Gesellschaft zu verteidigen17. Aufgrund von bestimmten gesellschaftlichen Umbruchen, die hier nicht naher erlautert werden sollen, sei die Adelsgesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts schrittweise von der burgerlichen Gesellschaft ab- gel6st worden. Trotzdem habe das Duell nicht an Bedeutung verloren, denn sie seien, nun allerdings mit einer anderen Rechtfertigung, weiterhin ausgetragen worden.

,In einer nicht aristokratischen Gesellschaft kam es nicht zuletzt darauf an, mit wem man ein Duell ausfocht, denn hierbei beschrankte man sich nicht langer auf die gesellschaftli- che Schicht, in die man hineingeboren wurde. Des Duellierens fur wurdig erachtet zu wer- den bedeutete, denselben gesellschaftlichen Status zu haben wie der Gegner".18

In der burgerlichen Gesellschaft sei es beim Duellieren weniger um Rang und Ehre gegangen. Vielmehr habe die individuelle Selbstandigkeit in Vordergrund gestan- den. Zu den Teilnehmern hatten Offiziere, Studenten, Politiker und Geschaftsleute geh6rt. Juden hingegen sei das Duellieren verboten worden. Damit wurde das Du- ell auch zum Symbol fur gesellschaftliche Zugeh6rigkeit. Da die Teilnehmer aus- nahmslos mannlich waren, diente es insbesondere der Erziehung zur Mannlichkeit und der Herausbildung eines mannlichen Charakters bzw. einer ,mannlichen Iden- titat"19.

2.3.2 Der mannliche Stereotyp

Grundlage fur den mannlichen Stereotyp sei ein Sch6nheitsideal gewesen, wel- ches aus der Aufklarung stamme und K6rper und Geist miteinander vereine. Dem- entsprechend habe man Mannlichkeit uber k6rperliche und geistige Sch6nheit de- finiert. Auf dieser Grundlage seien Normen entstanden, die sich auf innere und auBere Eigenschaften von Mannlichkeit bezogen hatten20. Des Weiteren habe man zunehmend zwischen mannlichen und weiblichen Charaktereigenschaften unterschieden.

Das mannliche Sch6nheitsideal sei auf Untersuchungen des Archaologen und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann zuruckzufuhren, der sich mit der Anatomie griechischer Statuen aus der Antike beschaftigt habe. Seine wichtigsten Arbeiten aus dem Jahren 1755 und 1764, befassen sich mit der Darstellung ,[..) ein allgemeingultiges Sch6nheitsideal anhand der Beschreibung griechischer Skulpturen"21 zu definieren. Durch Winckelmanns Untersuchungen sei der Aristo- krat zum Abbild des mannlichen Ideals geworden, welches k6rperlich und seeli- sche Starke miteinander verbinde und als vollkommende Sch6nheit definiere:

,,Die Skulpturen, die Winckelmann als Paradigma nahm, stellten vorwiegend junge Ath- leten dar, die aufgrund ihres K6rperbaus und ihrer Haltung Kraft und Virilitat verk6rper- ten, aber auch Harmonie, Proportion und Selbstkontrolle [..)"22.

Dies fuhrte dazu, dass die sportliche Betatigung bei der mannlichen Bev6lkerung, insbesondere die Gymnastik einen groBen Stellenwert, eingenommen habe.

,Die Ertuchtigung des mannlichen K6rpers hatte eine Bedeutung, die weit uber Gesund- heit und Hygiene, das Aneignen von Starke und motorischen Fahigkeiten hinausreichte. Es schuf mannliche Sch6nheit und einen guten Charakter, schmiedete einen Stereotyp"23. Winckelmanns Vorstellungen seien bis zur Zeit des Nationalsozialismus prasent gewesen. Zwar habe es am Ende des 19. Jahrhunderts einige Veranderungen ge- geben, der Kern des Sch6nheitsideals sei aber erhalten geblieben. So habe Walter Pater kritisiert Winckelmanns Skulpturen seien ,nicht nah genug an der Wirklich- keit des Lebens"24. Gemeint seien damit die durch technische Errungenschaften hervorgerufenen wirtschaftliche und gesellschaftliche Veranderungen, die wiede- rum zu einer rapiden Beschleunigung des Lebens gefuhrt hatten. Diese Beschleu- nigung hatten Aktivitat und Schnelligkeit erfordert, die allerdings durch Winckel- manns Skulpturen nicht verk6rpert worden seien.

Neben Winckelmann habe auch der Pietismus (eine evangelische Bewegung des 18. Jahrhunderts) eine zentrale Rolle, bei der Normierung der modernen Mann- lichkeit gespielt. Fur den Pietismus sei das oberste Gebot die Kontrolle und MaBi- gung von (sexuellen) Leidenschaften gewesen, um die sexuelle und geistige Rein- heit zu erhalten25. Der Sexualtrieb fuhre zur Masturbation, die damals als ,SelbstmiBbrauch" bezeichnet wurde und die wiederum zu Wahnsinn, Nervositat und Homosexualitat fuhre. Da Masturbation zu einem Verlust der Maskulinitat fuhre und Manner ihre Triebe besser beherrschen k6nnten als Frauen, sei die Kon- trolle essenziell fur den Erhalt der Maskulinitat gewesen

2.3.3 Der ,unmannliche" Stereotyp

Wahrend der Mannlichkeit Ideale und Normen zugeschrieben worden seien, habe es Menschen gegeben, die diese angeblich nicht erfullt hatten. Die Herausbildung eines mannlichen Stereotyps habe zwangslaufig zur Entstehung eines sog. ,Anti- Typus"26 gefuhrt. Dazu hatten Menschen geh6rt, die aufgrund von Religion, Her- kunft, Lebensweise oder Sprache nicht der gesellschaftlichen Norm entsprochen hatten:

,Jene die angeblich ohne festen Wohnsitz, ohne Wurzeln waren, wurden fur gew6hnlich als AuBenseiter betrachtet: Zigeuner, Landstreicher und die Juden, die- ohne eigenes Hei- matland- stets dieser Kategorie zugerechnet wurden"27.

Um den Anti-Typus zu beschreiben, habe man analog zur modernen Mannlichkeit, die zwei Kategorien (Aussehen und Charakter) verwendet. Im Gegensatz zum mannlichen Typus zeichne sich der Anti-Typus durch seine auBere und innere Hasslichkeit aus.

Exemplarisch fur diese auBere und innere Hasslichkeit, seien die Juden gewesen. Im 19. Jahrhundert habe sich ein immer starkerer Antisemitismus entwickelt, der auch in Verbindung zum mannlichen Ideal gestanden habe. Indikatoren fur diesen Antisemitismus seien u.a., die Wiederbelebung der Legende des ewigen Juden, zahlreiche rassistische gepragt Illustrationen von Juden und der Ausschluss der Ju- den bei der Teilnahme an Duellen gewesen28. Zudem habe es im 18. Jahrhundert zum ersten Mal Vergleiche von menschlichem Schadel und Gesichtsmessungen gegeben, die Ausgangspunkt der Rassentheorie gewesen seien. Der Antisemtismus habe sich sowohl auf auBere Merkmale und innere Charakterei- genschaften des Juden bezogen, die auch in Verbindung zueinandergestanden hatten. Juden seien als hasslich, schmutzig und krank bezeichnet. Die angebliche Hasslichkeit habe sich auf die allgemein verbreitete Auffassung bezogen, dass sich der K6rper eines judischen Mannes grundlegend von dem eines normalen Mannes unterscheidet. Ein bis heute bekanntes auBerliches Merkmal des Juden sei seine lange Nase, denn sie sei das Gegenstuck zur Nase nach dem Vorbild des griechi- schen Sch6nheitsideals:

,Jedoch gab nicht nur die Nase, sondern der ganze K6rper den Juden zu erkennen [..) die flachen FuBe, der watschelnde Gang (im Gegensatz zum festen mannlichen Schritt, der halslose K6rper, die groBen Ohren und die dunkle Gesichtsfarbe"29.

Juden seien zudem anfalliger fur Krankheiten, da sie eine mangelhafte Hygiene aufweisen wurden. Die lange Nase und dunkle Hautfarbe seien Auswirkungen der Krankheit Syphilis gewesen, fur dessen Ausbreitung die judische Bev6lkerung ver- antwortlich gemacht worden sei. Zudem seien Juden ,[..) von Natur aus mit einem hypersensiblen Nervensystem ausgestattet, und daher schrieb man ihnen [..) die Neigung zu entsprechenden Krankheiten zu"30. Krankheiten und insbesondere Nervenkrankheiten seien ein Zeichen mangelnder Mannlichkeit gewesen. Viele der aufgefuhrten Eigenschaften fur Juden, galten auch fur die anderen AuBensei- ter. Ihnen seien bestimmte k6rperliche und charakterliche Eigenschaften zuge- schrieben worden, die im Kontrast zur Maskulinitat gestanden hatten. Schwarze hatten bspw. k6rperlich stark gebaut und gewalttatig gegolten.

Eine weitere groBe Gruppe der AuBenseiter, seien die Homosexuellen gewesen. Im Obergang vom 19. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert sei das Thema Homosexu- alitat immer weiter in den wissenschaftlichen und medialen Fokus geruckt. Homo- sexuelle Handlungen seien nun als Straftat klassifiziert worden und hatten nicht langer nur im religi6sen Sinne in Verbindung zum Teufel bzw. als Krankheit gegolten31. Homosexuelle Manner seien nicht mehr der Gruppe der Manner zuge- ordnet worden und ,Heterosexualitat wurde [..) zu einem unabdingbaren Be- standteil von Mannlichkeit"32.

2.4 Die Krise der Mannlichkeit

Im Zeitraum zwischen 1870 und dem 1. Weltkrieg sei die hegemoniale Mannlich- keit in eine Krise geraten, die durch mehrere Faktoren hervorgerufen worden sei. Schuhen nennt vier maBgebliche Krisensymptome, die im Obergang von 19. zum 20 Jahrhundert auftreten und das Gerust der hegemonialen Mannlichkeit ins Wan- ken brachten33.

Eines dieser Symptome seien die wachsenden und starker werdenden Frauenbe- wegungen gewesen. Frauen hatten zwar schon langer als Bedrohung fur Manner gegolten, allerdings sei ihr Platz in der Gesellschaft bis dahin immer ein fester ge- wesen und es habe eine strikte nach Geschlechtern getrennte Aufgabenverteilung gegeben, so dass Frauen vom Arbeitsleben ausgeschlossen gewesen seien.34 Frau- enrechtsbewegungen hatten das Ziel gehabt, Grenzen zwischen Geschlechtern aufzul6sen und eine rechtliche Gleichbehandlung (wie z.B. das Frauenwahlrecht, das Recht auf gleiche Bezahlung und Berufschancen) von Frauen zu erreichen. Da- mit wurde ,nicht nur die unbestrittene Fuhrungsrolle der Manner [..) in Frage ge- stellt, sondern auch ihre angestammte Funktion, die gesellschaftlichen Ideale von Ordnung und Fortschritt zu symbolisieren, eine Funktion, die moderne Maskulini- tat seit Winckelmann innegehabt hatte"35. Zusatzlichen Aufwind hatten die Frau- enbewegungen durch den starker werdenden Sozialismus, Arbeiteraufstande und Wirtschaftskrisen bekommen. Auch seien Frauen zunehmend aufgrund ihrer angeblich starker ausgepragten Sexualitat als Bedrohung fur Manner angesehen worden.

Ein weiteres Krisensymptom seien Krankheitsbilder wie Hysterie und Neurasthe- nie gewesen. Krankheiten, insbesondere Nervenkrankheiten, hatten als Anzeichen fur mangelnde Mannlichkeiten gegolten, weshalb Juden auch als besonders anfal- lig fur Krankheiten stigmatisiert worden seien.36

Das Krankheitsbild der Hysterie umfasst sowohl physische als auch psychische Symptome. Dazu geh6ren bspw. ,Zitter- und Ohnmachtsanfalle, sensorische St6- rungen wie halbseitige Nerventaubheit, pl6tzliche Stimmungsumschwunge und die nahezu buhnenreife Inszenierung widerspruchlicher Rollen"37. Hysterie habe als Frauenkrankheit gegolten, da die Symptome mit dem damaligen weiblichen Stereotyp ubereingestimmt hatten. Besonders das theatralischen und schauspiel- hafte Verhalten, sei mit der Unehrlichkeit und dem sexuellen Begehren einer Frau in Verbindung gebracht worden. Befeuert worden seien diese Vorstellungen durch die Thesen von Sigmund Freud, der behauptet habe, Ursache der Hysterie seien die ,sexuellen Fantasien der Frauen"38. Zudem habe er das Krankheitsbild als Kri- tik an der mannlichen Vorherrschaft in der Gesellschaft gedeutet, da die Symp- tome aufzeigten, was eine Frau nicht tun durfe.

Der Arzt Jean-Martin Charcot habe in den Jahren 1872-1873 in seinen Vorlesungen von einer Obertragung der Hysterie auf Manner gesprochen. Diese mannliche Form der Hysterie (Neurasthenie) sei allerdings anders als bei Frauen weniger stark ausgebildet, denn ,[..) angeblich seien in Mannern alle Phanomene, die man mit hysterischer Nervositat in Verbindung bringen k6nne, niemals voll ausge- pragt"39. Obwohl es zahlreiche Fallbeispiele gegeben habe, die das Gegenteil be- wiesen, habe Charcot stets versucht das gesellschaftlich vorherrschende Bild von Mannlichkeit zu schutzen.

[...]


1 Vgl. Sch6Bler, Franziska: Einfuhrung in die Gender Studies. Berlin: Akademie- Verlag, 2010:S.10

2 Engel, Manfred: Der Verschollene. In: Engel, Manfred/ Auerochs, Bernd (Hrsg.): Kafka- Hand- buch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart: Metzler 2010, S.183-189

3 Sch6Bler 2010: S.9

4 Ebd.: S.8

5 Ebd.: S.10

6 Ebd.: S.13

7 Conell, Raewyn: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Mannlichkeiten. Wiesbaden: Springer VS 2015:S.10

8 Vgl.: Sch6Bler 2010: S.138

9 Vgl.: Connell 2015: S.12

10 Sch6Bler 2010: S.141

11 Vgl.: Martschukat, Jurgen/ Stieglitz, Olaf: ,Es ist ein Junge!". Einfuhrung in die Geschichte der Mannlichkeiten in der Neuzeit. Tubingen: edition diskord 2005: S. 115-117

12 Connell (2015): S.119

13 Vgl.: ebd.: S.120

14 Connell 2015: S.122

15 Mosse, George L.: Das Bild des Mannes: Zur Konstruktion der modernen Mannlichkeit. Aus dem Amerikanischen von Tatjana Kruse. Frankfurt am Main: Buchergilde Gutenberg 1997, S.27

16 Ebd., S.27

17 Vgl.: Ebd., S.28

18 Mosse 1997: S.30

19 Sch6Bler 2010: S.139

20 Vgl.: Mosse 1997: S.35 ff.

21 Mosse 1997: S.43

22 Ebd.: S.43

23 Ebd.: S.66

24 Ebd.: S.54

25 Vgl. Ebd.: S.68 ff.

26 Mosse 1997: S.79

27 Ebd.:S.79 f.

28 Vgl.: Ebd.: S.80 ff.

29 Mosse 1997: S.89 f.

30 Ebd.: S.100

31 Vgl.: Connell 2015: S.259 ff.

32 Ebd.: S.259

33 Vgl.: Schuhen, Gregor: Der verfasste Mann: Mannlichkeiten in der Literatur um 1900. Bielefeld: Transcript Verlag 2014: S.8 ff.

34 Vgl. Mosse, 1997: S.76 ff.

35 Ebd.: S. 139

36 Vgl. Mosse 1998: S.109 ff.

37 Sch6Bler 2010: S.37

38 Ebd.: S.40

39 Mosse 1998: S.116

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Männlichkeitsentwürfe in "Der Verschollene". Wie konstruiert Kafka Männlichkeit im Roman?
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,5
Autor
Jahr
2019
Seiten
47
Katalognummer
V494422
ISBN (eBook)
9783668994768
ISBN (Buch)
9783668994775
Sprache
Deutsch
Schlagworte
männlichkeitsentwürfe, verschollene, kafka, männlichkeit, roman
Arbeit zitieren
Lena Soettke (Autor), 2019, Männlichkeitsentwürfe in "Der Verschollene". Wie konstruiert Kafka Männlichkeit im Roman?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494422

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