Die Inszenierung von Geschlechtsidentitäten in Conrad Ferdinand Meyers "Gustav Adolfs Page"


Hausarbeit, 2018
16 Seiten, Note: 1,3
Johann Faust (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Hintergründe
2.1 Gesellschaft und Literatur im 19. Jahrhundert
2.2 Werkgeschichte von Gustav Adolfs Page

3. Forschungsgrundlagen zur Geschlechtsidentität
3.1 Historische Befunde
3.2 Zwangsordnung der Geschlechter
3.3 Geschlechtermaskerade

4. Textanalyse zu Gustav Adolfs Page

5. Schlussfolgerungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bereits in Johann Wolfgang von Goethes Trauerspiel Egmont aus dem Jahr 1789 wird die Geschlechterfrage durch Egmonts Geliebte Klärchen wie folgt thematisiert: „Wär' ich nur ein Bube und könnte immer mit ihm gehen, zu Hofe und überall hin! Könnt' ihm die Fahne nachtragen in der Schlacht.“1 Die Identität und Rolle der Geschlechter wurde gesellschaftlich und literarisch jahrhundertelang diskutiert und künstlerisch auf unter- schiedlichste Weisen dargestellt. So ist die Thematik auch in der gegenwärtigen Gender- forschung Gegenstand wissenschaftlicher Debatten und demnach gesellschaftlich äu- ßerst relevant.

Die vorliegende Hausarbeit wird sich in diesem Zusammenhang auf das 19. Jahrhun- dert, spezifischer auf die Epoche des Realismus fokussieren und dabei auf die Inszenie- rung von Geschlechtsidentitäten in Conrad Ferdinand Meyers Gustav Adolfs Page ein- gehen. Die konkrete Fragestellung soll hierbei in zwei Etappen diskutiert werden: Ers- tens soll überprüft werden, wie sich die Geschlechtsidentitäten in Gustav Adolfs Page darstellen. Zweitens werden in diesem Kontext die psychologischen und soziologischen Gründe der Entwicklung der Geschlechtsidentitäten untersucht.

Um die Fragestellungen analysieren zu können, werden vorab Merkmale der Ge - schlechtsidentitäten im historisch-literarischen Kontext des 19. Jahrhunderts dargestellt und analog Informationen zu der spezifischen Entstehungsgeschichte von Meyers Er- zählung präsentiert. Im Anschluss folgt ein Kapitel mit aktuellen Forschungsergebnissen zu der kulturellen Gestaltung von Geschlechtsidentitäten und Geschlechtermaskeraden. Dabei werden neben historischen Befunden Ergebnisse zu der Zwangsordnung von Ge- schlechtern und Merkmale der Maskerade aufgeführt. Die zentrale Untersuchung dieser Arbeit wird die textspezifische Analyse in Gustav Adolfs Page umfassen, wobei im Fo- kus der Analyse die konträren Figuren Gustel und August stehen werden. Abschließend werden sämtliche Ergebnisse kurz zusammengefasst und in den Kontext der Fragestel - lung eingeordnet.

Ziel der Arbeit ist es, eine textanalytische Diskussionsgrundlage im Kontext historischer Begebenheiten und aktueller Forschungsdiskussionen zu liefern. Die vorliegende Haus- arbeit wird diese komplexe Problematik jedoch nicht in ihrer Gesamtheit untersuchen können, da der vorgegebene Rahmen hierfür zu knapp bemessen ist.

2. Historische Hintergründe

2.1 Gesellschaft und Literatur im 19. Jahrhundert

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreicht die binäre Divergenz zwischen dem weiblichen und männlichen Geschlecht in Deutschland ihren Höhepunkt. Vorwiegend in der bürgerlichen Gesellschaft etabliert sich der Gedanke, dass das jeweilige Geschlecht aufgrund natürlicher Gegebenheiten klar zugeordnete Wesensmerkmale besitzt und de- terminiert ist. Die Rollenverteilung der Geschlechter innerhalb der Gesellschaft und Fa- milie ist nach einem klassischen Muster aufgeteilt. Die Frau ist Mutter und Ehefrau und fördert stets die Karriere ihres Mannes. Ohne die Zustimmung ihres Ehemannes kann die Ehefrau keiner Erwerbstätigkeit nachgehen und besitzt auch keinen gesetzlichen An- spruch auf ihre eigenen Kinder. Individuen, die sich nicht in dieses geschlechtsspezifi- sche binäre Modell einordnen lassen, werden als problematisch angesehen. Erste Frau- enbewegungen bilden sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts und führen zu einer allmäh- lichen Verbesserung der Frauenrechte.2

Parallel hierzu erfolgen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fundamentale Verän - derungen in der Literaturproduktion. Aufgrund der Entwicklung neuer Massenmedien, wie beispielsweise der Entwicklung eines Pressewesens und der begleitenden technolo- gischen Erneuerungen durch die Fotografie (1826) und Telegrafie (1837), konvergiert die klassische Literatur mit dem Journalismus und erreicht zunehmend ein größeres Pu- blikum. Besonders der poetische Realismus in Deutschland kann diese Entwicklung für sich nutzen und hierbei die Aspekte von Kunst und Unterhaltung simultan vereinen. Auch nehmen Frauen stärker an der Literaturproduktion teil und verändern durch ihre zunehmende Präsenz als Autorinnen und Leserinnen das Wesen der Literatur. Folglich führt dies zu einer verstärkten weiblichen Kennzeichnung der Schreibkultur. Aufgrund der zunehmenden Existenz des Weiblichen in den zeitgenössischen Romanen und No - vellen verschieben sich auch Geschlechterordnungen.3 Beispielsweise drucken Litera- turblätter im Jahr 1837 folgende Zeilen ab: „Männer lesen nicht mehr Romane, außer um sie zu recensiren. Wer Romane schreibt muß an die Damen denken, wenn er gelesen sein will. Sie herrschen schon jetzt.“4 Literarische Werke werden nicht mehr nach dem klassischen Muster konsumiert, da sie nun dynamischer angeordnet sind und zwischen Autor(in) und anonymen Publikum stattfinden. Auch die inhaltliche Struktur der Werke wird dadurch stark beeinflusst. Die Weiblichkeit fließt nunmehr in die moralische Be- wertung und in die ästhetische Gestaltung der Literaturproduktion mit ein, was wieder- um eine Verschiebung der Geschlechterposition zur Folge hat, da das zuvor passive Weibliche nun aktiv am Literaturbetrieb teilnimmt und gesellschaftlich wahrgenommen wird. Demnach fördert die Epoche des poetischen Realismus in ihre Entwicklung eine populäre Literatur, die nicht mehr den Grundsätzen der Autonomieästhetik folgt, son- dern durch ihre Hybridität die intendierte Abbildung der Realität ermöglicht.5

2.2 Entstehungsgeschichte von Gustav Adolfs Page

Auch Conrad Ferdinand Meyer lässt sich von der Verdrängung des bürgerlichen Idealis- mus beeinflussen und integriert die Erfordernisse einer realistischen Darstellungsweise in seine künstlerische Produktion. Nach dem Scheitern der Revolution 1848 berufen sich viele Autoren des programmatischen Realismus auf die positive Rückbesinnung auf die Wirklichkeit und hinterfragen nicht mehr den Sinn der Welt, sondern beschreiben vielmehr die Problematik, wie die Welt zu formen ist.6 Eine bevorzugte Gattung des programmatischen Realismus ist die Novelle, weil sie für die Gestaltung dieser zeitge- nössischen Themen besonders geeignet ist. Die Novelle ist in ihrer Grundstruktur eine künstlerische Erzählung, die unterschiedliche Formmöglichkeiten und Problemstellun- gen annehmen kann und zeitlich keiner Begrenzung unterliegt. Dadurch kann sie den Anforderungen entsprechen, neue, kuriose und spannende Themen zu behandeln.7

Conrad Ferdinand Meyer hat diese Entwicklungen explizit registriert und entsprechende Merkmale in seine Novelle Gustav Adolfs Page eingebaut. Sein Wohlgefallen an der historischen Figur des Schwedenkönigs Gustav Adolf und sein Ziel, ein Drama in schil- lerscher Größenordnung zu verfassen, verknüpft er mit dem Vorbild des Egmont von Goethe und bezieht somit eine weitere, dramatische Komponente mit ein, indem er ein Gegenbild zu Goethes Klärchen entwirft.8 So berichten Zeitzeugen über folgende münd- liche Aussage Meyers:

Ich las Goethes Egmont und vertiefte mich in den Gedanken: es lohnte wohl, ein Weib zu zeichnen, das ohne Hingabe, ja ohne daß der Held nur eine Ahnung von ihrem Geschlecht hat, einem hohen Helden in verschwiegener Liebe folgt und für ihn in den Tod geht. Der Held müßte freilich sehr kurzsichtig sein, um zu verkennen, daß ein Weib sein Freund ist. Gustav Adolf war hochgradig kursichtig. Ich mache seinen Pagen Leubelfing zu einem Mädchen!9

Meyer fügt dem dramatisch eher eingeschränkten historischen Stoff Gustav Adolfs so- mit eine wertvolle Komponente hinzut und konstruiert das Handlungsgerüst, auch im Kontext der Entwicklungen im 19. Jahrhundert, seinem Zeitgeist entsprechend .

Die aufgezählten historisch-literarischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts sowie die Intention Meyers im Rahmen der Entstehungsgeschichte von Gustav Adolfs Page, sol- len nun im folgenden Kapitel durch aktuelle Forschungsergebnisse zu der kulturellen Gestaltung der Geschlechtsidentität ergänzt werden, um die anschließende Textanalyse argumentativ zu stützen.

3. Forschungsgrundlagen zur Geschlechtsidentität

Die Forschungsgrundlagen zur Geschlechtsidentität sollen in diesem Kapitel in drei Ab- schnitten diskutiert werden. Zunächst werden einige historische Befunde veranschau- licht. Anschließend werden wissenschaftliche Grundlagen zu der Zwangsordnung der Geschlechter dargestellt und schließlich noch einige Aspekte der Maskerade aufgeführt.

3.1 Historische Befunde

Das naturwissenschaftliche Argument, dass die Geschlechter eindeutig definiert und bi- när unterschieden werden, entsteht im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die Medizin hat hier- bei eine zentrale Rolle gespielt, da diesbezüglich medizinische Theorien die gesell- schaftliche Debatte und Wahrnehmung stark geprägt haben. Die Mediziner haben ver- mutet, dass die Unterschiede der Geschlechter tief verwurzelt sind und nicht nur mit dem äußeren Erscheinungsbild zusammenhängen. Die Identität der jeweiligen Person spielt dabei keine Rolle, da aus medizinischer Perspektive das Individuum durch die Keimdrüse Sexualhormone und Zellen bildet und sein Geschlecht dadurch definiert.

Wenn man bei einem Patienten unvollkommene Keimdrüsen des jeweils anderen Ge- schlechts vorgefunden hat, werden diese Personen, unabhängig von ihrer Erscheinung, ihrer Identität und ihrem Ehestand, dem anderen Geschlecht zugeordnet. Diese Auffas - sung bildet im Grunde einen Widerspruch zu der öffentlichen Meinung jener Zeit, da das Resultat dieser Theorie dem Gedanken opponiert, dass das biologische Geschlecht (sex) und die Geschlechtsidentität (gender) zwangsläufig zusammengehören. Die Theo- rie der Geschlechterdefinition durch die Keimdrüse ist erst im Jahr 1915 verneint wor - den. Der Chirurg Blair Bell hat dabei die Subjektivität eines Individuum als wichtigstes Kriterium für das Geschlecht fokussiert und den Zusammenhang zwischen Keimdrüse und Geschlecht als menschenverachtend anerkannt. Die Zusammengehörigkeit von sex und gender hat sich dagegen bis in das 20. Jahrhundert erstreckt und wurde von vielen Forschern sogar als Charakteristikum der Zivilisation definiert. Geschlechterrollenüber- schreitungen richten sich dabei nach der sexuellen Orientierung eines Individuums und konzentrieren sich zugleich auf die Homosexualität, die zunehmend als drittes Ge- schlecht wahrgenommen wird. Eine weitere interessante Komponente in der Geschlech- terwahrnehmung stellen die Frauen in Männerrollen dar. Es ist allgemein bekannt und bewiesen, dass sich in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche Frauen maskiert ha- ben, um typische gesellschaftliche Männeraufgaben oder Berufe anzunehmen. Die männliche Identität dieser Frauen führt dazu, dass sie beispielsweise Funktionen als Priesterin oder im Militär einnehmen. Die Motivation dieser Frauen kann unterschied- lich begründet werden. Einerseits sind es soziale Nöte, die alleinstehende Frauen dazu bewegen an dieser Maskerade teilzunehmen, da es für ledige Frauen unmöglich er- scheint ihren Unterhalt selbständig zu verdienen. Andererseits kommt auch der Wunsch nach einem Abenteuer oder Patriotismus als Motivation der Maskerade infrage. Signifi- kant ist auch, dass Frauen adeliger Abstammung in dem Fall der Demaskierung selten bestraft werden, nur Frauen bürgerlicher oder niedrigerer Abstammung droht eine ernsthafte Sanktion.10

Aus den aufgeführten Punkten resultiert, dass die Geschlechterfrage jahrhundertelang eine emotionale und gesellschaftlich höchst kritische Stellung einnimmt und sich dementsprechend auch seit Generationen als beliebtes Thema in der Literatur etabliert.

[...]


1 Goethe, Johann W.: Egmont. Berlin: Suhrkamp 2012 (= BasisBibliothek 127), S.27, Z.13–15.

2 Vgl. Forssell, Louise: „Du hast dich im Lager in Männerkleidern umgetrieben, dieses ist verboten…“. Verkleidung und Maskerade bei C.F. Meyer und Theodor Storm. In: Moderna språk. Institutionen för mo - derna språk Vol 103 No 1 (2009), S. 48.

3 Vgl. Günter, Manuela: „Ermanne dich, oder vielmehr erweibe dich einmal!”. Gender Trouble in der Li - teratur nach der Kunstperiode. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 30,2 (2005), S. 38.

4 Ebd., S. 52.

5 Vgl. ebd., S. 52–61.

6 Vgl. Cowen, Roy C.: Der poetische Realismus. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler 1985., S. 36–38.

7 Vgl. Korten, Lars: Poietischer Realismus. Zur Novelle der Jahre 1848 – 1888. Stifter, Keller, Meyer, Storm. Tübingen: Max Niemeyer 2009, S. 8–10.

8 Vgl. Meyer, Conrad F.: Sämtliche Werke. Novellen I. Hg. v. Alfred Zäch, Band 11. Bern: Benteli 1959, S. 279f.

9 Ebd., S. 280.

10 Vgl. Schröter, Susanne: Überschreitungsdiskurse. Grenzverläufe und Grenzverwischungen zwischen den Geschlechtern. In: Feministische Studien 21 (1). Hg. v. Sabine Hark. Berlin: De Gruyter 2003, S. 8– 12.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Inszenierung von Geschlechtsidentitäten in Conrad Ferdinand Meyers "Gustav Adolfs Page"
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Erzählungen des Realismus: Storm, Keller, C.F. Meyer
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V494520
ISBN (eBook)
9783346001719
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Conrad Ferdinand Meyers, Gustav Adolfs Page, Geschlechtsidentitäten, Gender
Arbeit zitieren
Johann Faust (Autor), 2018, Die Inszenierung von Geschlechtsidentitäten in Conrad Ferdinand Meyers "Gustav Adolfs Page", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494520

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