Das System der Konzentrationslager im NS-Staat. Das KZ Drütte in Salzgitter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom unsystematischen Terror zum nationalsozialistischen Repressionssystem: Ein Überblick über das KZ-System im Dritten Reich.

3. Das nationalsozialistische Lagersystem im Salzgittergebiet
3.1 Das Konzentrationslager Drütte: Aufbau und Organisation
3.2 Alltag im Lager: Angst, Hunger und Gewalt
3.3 Vernichtung durch Zwangsarbeit
3.4 Befreiung der Terrorstätte

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Kaum Erreichbare, ihr!

In den Konzentrationslagern begraben abgeschnitten von jedem menschlichen Wort unterworfen den Mißhandlungen Niedergeknüppelte, aber nicht Widerlegte!

Verschwundene, aber nicht Vergessene!"1

Bertolt Brechts Gedicht über Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern beschreibt treffend den Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit: Die Lager der Nationalsozialis- ten, in denen Menschen isoliert von der Außenwelt unter Gewalt und Terror ihr Dasein fristeten. Bevor das grausame Schicksal der ÄVerschwundenen³ in den Konzentrations- lagern beschrieben werden kann, müssen vorerst die Umstände geklärt werden, die dazu führten. Dafür werde ich im ersten Kapitel die Entstehung und Entwicklung des natio- nalsozialistischen Konzentrationslagersystems in Deutschland darstellen, einschließlich der Bedingungen in den Lagern. Der Abschnitt soll einen Überblick über die Konzentra- tionslager als Ausdrucksmittel des nationalsozialistischen Terrors seit Machtantritt Hit- lers bis Kriegsende geben. Nach der übergreifenden Ausführung wird im Kapitel 3 das Lagersystem im Salzgittergebiet dargestellt. In diesem Abschnitt wird kurz auf die wirt- schaftliche Situation in Salzgitter und die Hermann-Göring-Werke ±Auftraggeber des Außenkommandos Drütte ± eingegangen. Dies ist notwendig, um die Entstehung des Konzentrationslagers Drütte im Zusammenhang verständlich zu machen. Die nachfol- genden vier Kapitel beschäftigen sich schließlich mit dem Konzentrationslager Drütte, der Entstehung und Organisation im Lager, den Häftlingen sowie den Arbeits- und Le- bensbedingungen. Aufgrund des Vorwissens über das nationalsozialistische KZ-System erfolgen hin und wieder Rückgriffe, um Drütte im Kontext des nationalsozialistischen Terrors richtig einordnen und verstehen zu können.

2. Vom unsystematischen Terror zum nationalsozialistischen Repressionssystem: Ein Überblick über das KZ-System im Dritten Reich.

Die Konzentrationslager waren das zentrale Herrschaftsinstrument des nationalsozialis- tischen Regimes. Insgesamt wurden zwischen 1933 und 1945 mehr als sechs Millionen Menschen in die Lager verschleppt, von denen nur etwa 500.000 überlebten. Viele star- ben an Hunger, Kälte, körperlichem Versagen, durch Hinrichtungen oder in den Gas- kammern.2 Doch wie konnte ein derart mörderisches System überhaupt entstehen? War es von Anfang an geplant? Generell lässt sich die Entwicklung des Systems der Kon- zentrationslager in fünf Phasen einteilen. Die gewaltsame Durchsetzung des nationalso- zialistischen Herrschaftssystems kennzeichnete die erste Phase. In der zweiten wurde der Terror gegen widerständische Personen systematisiert und durch Verordnungen formal legalisiert. Die anschließende Phase ist ebenfalls noch vor Kriegsbeginn zu ver- zeichnen und richtete den Fokus auf die Gleichschaltung des Polizeiapparats als Macht- zentrum der Nationalsozialisten. 1939 setzte schließlich die vierte Phase ein, die durch die Einführung der Zwangsarbeit in wirtschaftlichen Betrieben gekennzeichnet ist. Die fünfte und letzte Phase reichte von 1942 bis zum Kriegsende. Die Gefangenen wurden nun fast ausschließlich für den wachsenden Arbeitskräftebedarf in der Kriegsproduktion eingesetzt.3 Das Lagersystem im Salzgittergebiet ist vor allem durch die Phasen vier und fünf geprägt, wie in Kapitel 3 deutlich wird.

Die Herrschaft der Nationalsozialisten zeichnete sich bereits vor Amtsantritt Hitlers durch Gewalt und Mord aus. Nach der Machtübernahme begann der gezielte öffentliche Terror gegen die politische Opposition. Dabei wurde kein Geheimnis daraus gemacht, wie gegen eventuelle Gegner des Regimes vorgegangen werden sollte. So ließ Goebbels bereits 1934 im Völkischen Beobachter verlauten: ÄMeckern darf, wer keine Angst hat, ins KZ zu kommen."4 Die KZs waren Institutionen des maßlosen politischen Terrors der Nationalsozilisten. In den ersten Jahren sollten die Lager vor allem als Straf- und Son- derlager für politische Andersdenker dienen, als Änationalpolitische Erziehungsanstalten besonderer Art"5, wie Himmler erklärte. Doch in Wirklichkeit ging es den Nationalsozi- alisten um die vollständige Unterdrückung der politischen Opposition, den Kommunis- ten und Sozialdemokraten, aber auch der Gewerkschaftler und anderen Widerständler. Sie sollten von der Außenwelt und ihren politischen Tätigkeitsbereichen isoliert, gede- mütigt und schließlich in ihrem Willen gebrochen werden. Ein weiterer, wichtiger Fak- tor in dem nationalsozialistischen System war neben den KZs die Gestapo, die am 30. April 1933 zu einem selbstständigen Zweig der inneren Verwaltung wurde. Die öffent- liche Justiz hatte sich lange vehement gegen die Übernahme der Nationalsozialisten gewehrt, doch ihre Rolle wurde zunehmend geschwächt. So zum Beispiel durch die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933, mit der Äzum Schutz von Volk und Staat politische Gegnerinnen und Gegner des Regimes präventiv verhaftet und ohne Justizurteil festgehalten werden konnten"6. Was bei der Rechtsordnung noch mit an- fänglichen Konflikten und Auseinandersetzungen verbunden war, schaffte Hermann Göring bei der preußischen Polizei nahezu spielend leicht. Fortan teilten sich SA und SS die Leitung der Konzentrationslager. Die verhafteten Menschen wurden meistens in alten Fabrikgebäuden, Kellerräumen oder anderen improvisierten Haftstätten unterge- bracht und dort misshandelt oder gefoltert. Ohne richterliches Urteil wurden in mindes- tens 70 Lagern viele tausend Menschen ermordet, weshalb die Einrichtungen in der Be- völkerung schnell zu Synonymen für Terror wurden.7

1934 wurde das ungeregelte Lagersystem schließlich systematisiert und es erfolgte eine Reorganisation. Mit dem Schutzhaft-Erlass bekam die Haft einen einheitlichen Rahmen und nach dem Röhm-Putsch war nun außerdem die SA aus dem Konkurrenzkampf um die zentrale Leitung der KZs ausgeschieden. Himmler ernannte Theodor Eicke zum Inspekteur der KZs, dem alle Lager organisatorisch unterstanden. Gemeinsam mit der SS, die mittlerweile wichtigstes und machtvollstes Organ im NS-Staat war, wurde sys- tematisch die Perfektionierung des Unterdrückungssystems angestrebt. SS-Leute wur- den in den KZs in der Lager-Kommandantur, in der Verwaltung und als bewaffnete Wachverbände eingesetzt. Aufgrund systematischer Umstrukturierungen wurden viele der früheren Haftanstalten geschlossen und die übrigen nach den einheitlichen Verwal- tungsstrukturen und Strafbestimmungen der Inspekteure umgestaltet. Dachau in der Nähe von München galt als Vorbild für alle ordentlichen Stammlager.8 Aus der Lager- ordnung für die KZs Dachau und Esterwege heißt es:

,,Es bleibt jedem Schutzgefangenen überlassen, darüber nachzudenken, warum er in das KZ gekommen ist. Hier wird ihm Gelegenheit gegeben, seine innere Einstellung gegen Volk und Vaterland zu Gunsten einer Volksgemeinschaft auf nationalsozialistischer Grundlage zu ändern, oder, wenn es der Einzelne für wertvoller hält, für die schmutzige 2. oder 3. Judeninternationale eines Marx oder Lenin zu sterben."9

In noch grausamerer Art und Weise wurde fortan gegen widerständische Menschen vorgegangen.10 Obwohl das eigentliche Ziel - Zerschlagung der Gewerkschaften und Verbot der Parteien ± erreicht war, erlebte der Terror eine neue Dimension. Die SS ver- haftete willkürlich Menschen, um sie in die Lager einzuweisen. Besonders betroffen waren politische Gegner des Regimes, Homosexuelle, Berufsverbrecher, Angehörige religiöser Sekten, Wehrdienstverweigerer, Arbeitsscheue, geistliche beider Konfessio- nen, Angehörige minderwertiger Rassen - zu denen vor allem Polen und Russen zähl- ten -, Menschen mit Behinderungen, Asoziale und Querulanten.11 Die Einordnung in diese Kategorien erfolgte nach dem nationalsozialistischen und rassenideologischen Denkmuster der Nationalsozialisten. Nach 1939 kamen noch zahlreiche Kriegsgefange- ne aus vielen europäischen Ländern hinzu, vorwiegend jedoch aus der Sowjetunion. Ihnen wurde jeglicher Schutz des Kriegsvölkerrechts untersagt. Eugen Kogon, Ehema- liger Häftling im KZ Buchenwald, beschreibt das Leben im KZ als Äeine Welt für sich" wo Äeine Ordnung ohne Recht (herrschte), in die der Mensch geworfen wurde, der nun um die nackte Existenz und das bloße Überleben kämpfte."12 In seiner Beschreibung des Konzentrationslagersystems von 1946 heißt es weiter:

,,Wer von der Außenwelt durch den Kommandaturbereich in ein solches Lager eingelie- fert wurde, für den stand über dem Tor Dantes Inferno-Inschrift ¶Durch mich geht¶s ein zur Stadt der Schmerzerkorenen...LaBt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren', - Statt dessen trug das Tor des KL Dachau die Aufschrift: ÃArbeit macht frei!¶, und über dem Tor von Buchenwald stand: ÃRecht oder Unrecht ± mein Vaterland'"13

Bis zum Kriegsbeginn 1939 gab es in Deutschland bereits sechs große Stammkonzent- rationslager - Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück und Dachau - und zahlreiche weitere Lager mit insgesamt mehr als 60.000 Häftlingen. So waren allein während der Juden-Pogrome im November 1938 mehr als 30.000 Bürger jüdischer Abstammung in Schutzhaft genommen und in Lager verschleppt worden. Von Kriegsbeginn bis zum Frühjahr 1942 stieg die Zahl der Gefangenen auf fast 100.000 an. Bereits ein Jahr später verdoppelte sich die Zahl und 1944 befanden sich über eine halbe Millionen Häftlinge in Konzentrationslagern. Nach Kriegsausbruch wurde die Arbeits- kraft der Häftlinge systematisch für nationalsozialistische Zwecke ausgenutzt. Ein Großteil musste ohne Bezahlung in der Rüstungsindustrie arbeiten, der andere Teil wurde für lebensgefährliche Kommandos eingesetzt, wie etwa Räumung von Schutt oder Entschärfung von Bomben. Seit 1942 wurden die Häftlinge gegen eine Gebühr an Privatfirmen verliehen, die sie für ihre Arbeit missbrauchten. Dies wird in einem späte- ren Kapitel am Beispiel der Zwangsarbeit bei den Reichswerken Hermann-Göring im KZ Drütte noch eingehender beschrieben. Kurz nach Kriegsbeginn entstanden in den von deutschen Truppen besetzten Ländern zunehmend mehr Vernichtungslager, in de- nen zahlreiche Juden gemäß der nationalsozialistischen Endlösung ermordet wurden. In den Todeslagern gab es Vergasungs- und Krematoriumseinrichtungen, mit deren Hilfe ganze Völker ausgelöscht wurden. Dabei selektierte die SS zwischen arbeitsfähigen Häftlingen, die durch Zwangsarbeit vernichtet wurden, und den übrigen, wie Alte und Schwache, die sofort ermordet wurden. In der zweiten Kriegshälfte entstand durch das gezielte Töten der SS-Ärzte und grausamen medizinischen Experimenten eine neue Form von Mord und Gewalt. Dieser systematische Genozid in den Konzentrationslagern erreichte kurz vor der Befreiung durch die Alliierten seinen Höhepunkt, als gezielt ge- fährliche Personen ermordet wurden.14

Dieses Kapitel macht deutlich, dass das KZ-System nicht von Beginn an nach einer sys- tematischen Planung und Umsetzung erfolgte, sondern aus einem Machtkampf hervor- ging. Dennoch ist auch offensichtlich, dass das unorganisierte Konzentrationslagersys- tem alsbald von SS und anderen Nationalsozialisten systematisch gesteuert und weiter- entwickelt wurde. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Nationalsozialisten die Abkürzung KL für 'Konzentrationslager'in KZ umwandelten. Der scharfe, bedrohliche Klang bei der Aussprache wurde bewusst zur Abschreckung gewählt.15 Die bereits dar- gestellte Ordnung und Organisation der Lager wird im folgenden Kapitel am Beispiel des Lagersystems in Salzgitter näher betrachtet, um anschließend das Konzentrationsla- ger Drütte im Kontext darzustellen.

[...]


1 www.exil-archiv.de/html/biografien/index_biografien.htm

2 Vgl.: Hrdlicka, Manuela R.: Alltag im KZ. Das Lager Sachsenhausen bei Berlin. Opladen 1992. S.34.

3 Vgl.: Suhr, Elke: Das KZ Pfarrgarten. Oldenburg 1984. S.73ff.

4 Ebd. S.74.

5 Hrdlicka, Manuela R.: Alltag im KZ. Das Lager Sachsenhausen bei Berlin. Opladen 1992. S.34.

6 www.bpb.de/themen/V6PHOC,0,0,Das_System_der_nationalsozialistischen_Konzentrationslager.html

7 Vgl.: www.bpb.de/themen/V6PHOC,0,0,Das_System_der_nationalsozialistischen_Konzentrationslager. html

8 Vgl.: Hrdlicka, Manuela R.: Alltag im KZ. Das Lager Sachsenhausen bei Berlin. Opladen 1992. S.31.

9 Suhr Elke: Das Konzentrationslager im Pfarrgarten. Oldenburg 1984. S.73.

10 Vgl.: Hrdlicka, Manuela R.: Alltag im KZ. Das Lager Sachsenhausen bei Berlin. Opladen 1992. S.30.

11 Ebd. S.36.

12 Ebd. S.22.

13 Brukner: ,, Arbeit macht frei". Opladen 1998.6.17.

14 Vgl.:www.bpb.de/themen/V6PHOC,0,0,Das_System_der_nationalsozialistischen_Konzentrationslager. html

15 Vgl.: Suhr, Elke. Das Konzentrationslager Pfarrgarten. Oldenburg 1984. S.74.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das System der Konzentrationslager im NS-Staat. Das KZ Drütte in Salzgitter
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Nationalsozialistische Herrschaftssysteme in Südostniedersachsen. BS-WOB-SZ
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V494618
ISBN (eBook)
9783346039460
ISBN (Buch)
9783346039477
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, NS, NS-Zeit, Konzentrationslager, Häftlinge, KZ Drütte, Dritte Reich
Arbeit zitieren
Lisa Sofie Mros (Autor), 2008, Das System der Konzentrationslager im NS-Staat. Das KZ Drütte in Salzgitter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494618

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