Ständekonflikte bei Jakob Michael Reinhold Lenz´ "Die Soldaten"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ständegesellschaft im 18. Jahrhundert
2.1 Das Bürgertum erhebt sich gegen den Adel
2.2 Der Soldatenstand im 18. Jahrhundert

3. Der Ständekonflikt in „Die Soldaten“

4. Verhaltensanalyse der Figuren im Konflikt

5. Fazit: „Die Pflanzenschule“ als Lösungsmöglichkeit der Ständekontroverse

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Die Entstehungszeit des Stückes fällt in die Zeit der Sturm und Drang Epoche, in der viele Autoren ihre Empfindungen in ihrer Literatur verarbeiteten. Der überwiegende Teil der Bevölkerung teilte das Gefühl des bedrängten und enttäuschten bürgerlichen Menschen. Einige intellektuelle Vertreter der Aufklärung, darunter auch Lenz, äußerten sich kritisch gegenüber dem Söldnerheer. Besondere Streitpunkte waren die Anwerbungspraxis und der Soldatenhandel. Der absolutistische Staat wurde von den Aufklärern nicht mehr als Gegner des Bürgerkrieges und Garant für den Frieden verstanden, sondern vielmehr als Verursacher.1 Lenz favorisierte ein Bürgerherr, das die bürgerliche Ehe und Familie fördern und stützen sollte. Er erhoffte sich davon eine Besserung der Sitten und des gesellschaftlichen Wohlstandes.2

Lenz gewährt in seinem Stück „Die Soldaten“ einen Einblick in das Privatleben und die Lebensatmosphäre eines Menschen aus der Mittelschicht und seine Sehnsucht nach dem sozialen Aufstieg. Ihm wurde von Zeitgenossen häufig vorgeworfen, er würde dabei die Folgen des Zölibats des Soldatenstandes zu stark fokussieren und deshalb das zentrale soziale Problem des Klassenkonflikts umgehen.3 Doch diese Kritik trifft nicht zu, denn gerade durch die Darstellung der Ehelosigkeit wird der Konflikt erst deutlich zum Vorschein gebracht. Das Stück trägt autobiographische Züge. Es rührt von eigenen Erfahrungen und Erlebnissen her. Lenz verbrachte einige Jahre im Dienst der beiden Barone Kleist, wobei er unfreiwillig in eine Beziehungskonstellation verwickelt wurde. Friedrich Georg von Kleist hatte ein Liebesverhältnis zu einer Bürgerstochter, von der er sich aber nach kurzer Zeit befreien wollte und er teilte Lenz während seiner Abwesenheit die Rolle des Aufpassers zu. Lenz entwickelte für das Mädchen starke Gefühle und war hin und her gerissen zwischen seinen Emotionen und seiner verpflichteten Funktion.4 Wenn auch nicht alle Details aus dem Stück auf seine eigenen Erfahrungen zurückzuführen sind, so zeigen sich doch viele Parallelen auf:

Auch Lenz gerät in einen Rollenkonflikt, aus dem es scheinbar kein entkommen gibt.

2. Die Ständegesellschaft im 18. Jahrhundert

Die Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts lebte nach dem Prinzip der drei Stände als gesellschaftliches Ordnungsmodell. An der Spitze standen aus der rechtlichen Macht der Kaiser, König und die Fürsten und aus der Geistlichkeit der Papst und die Bischöfe.

Der erste Stand umfasste mit etwa 0,6 % der Bevölkerung die Gruppe der Geistlichen. Jedoch muss man hier noch weiter differenzieren. So wurden die hohen Bischofsämter mit Adeligen besetzt, den Beruf des Priesters übernahm aber der niedere Klerus. Der zweite Stand wurde mit 1,4% der Bevölkerung von dem Adel gebildet. Diese soziale Schicht reichte vom Hochadel über Grafen und Fürsten bis zum niederen Adel. Die gesellschaftliche Stellung variierte in dieser Gruppe besonders stark. Der gesamte zweite Stand genoss Privilegien, die ihnen ermöglichten sich deutlich vom einfachen Bürgertum abzugrenzen. Der Großteil der gesamten Bevölkerung, etwa 70%, bildete den dritten Stand. Sie stellten die arbeitende Schicht der Gesellschaft dar, überwiegend Bauern und Bürger, und das verschaffte ihnen einen wichtigen Standpunkt in der Gesellschaft. Die anderen Stände waren in gewisser Hinsicht von ihnen abhängig. Auch innerhalb dieser sozialen Schicht herrschte eine deutliche soziale Hierarchie vom Hofbesitzer bis zum einfachen Handwerker. Die besitzlose Landbevölkerung bildete die unterbäuerliche Schicht. Der gesamte dritte Stand war durch das bürgerliche Bewusstsein und traditionelle Werte miteinander verbunden. Die Randgruppen wurden durch einen nicht festzulegenden Teil der Bevölkerung gebildet. Meistens waren es Bettler, Diebe oder verarmte Bürgerliche, die am Rand des Existenzminimums lebten. 5

Die Drei-Stände-Ordnung galt als fester und nicht zu veränderter Bestandteil der Gesellschaft des 18. Jahrhundert. Die Menschen empfanden diese Ordnung als von Gott gegeben und jeder hatte von Geburt an seinen festen Platz in dem System.6

2.1 Das Bürgertum erhebt sich gegen den Adel

Der Anstoß für die Revolution des Bürgertums war die Bewegung des Sturm und Drang. Die Sympathisanten, vor allem junge Autoren, richteten sich gegen die gesellschaftlichen Strukturen, die sie daran hinderten ihre Wünsche und Vorstellungen auszuleben und zu verwirklichen. Sie fühlten sich von dem System mit seinen schichtenspezifischen Vorurteilen unterdrückt. Deutschland war in kleine Staaten aufgesplittert und es gab keine einheitlichen Regelungen oder Gesetze.7 Eine Identifikation mit der „Nation ohne Staat“8 schien für die Bürger unmöglich. Das Bürgertum drängte nach Erweiterung und Lockerung der Standesgrenzen, doch die privilegierten Schichten wehrten sich dagegen.9 Diese Unzufriedenheit wurde durch die wirtschaftliche Abkapselung Deutschlands verstärkt. Einige Folgen dieser Isolierung waren Handelsbeschränkungen und das Fehlen eines nationalen Marktes. Kurzum: Deutschland war gefangen in seinen kleinlichen Verhältnissen. Die Auswirkungen betrafen vorwiegend die Mittelschicht. Ihre beruflichen Aussichten waren äußerst beschränkt und an einen wirtschaftlichen oder sozialen Aufstieg war lange nicht zu denken. Ob als kleiner Kaufmann oder Lehrer, die Bezahlung war schlecht und das gesellschaftliche Ansehen gering. Das bürgerliche Leben lief unter äußerst beengten Umständen ab. Doch so groß auch die Ablehnung des bestehenden Systems war, mindestens genauso groß war die Hilflosigkeit etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Diese zweideutige Einstellung ist charakteristisch für die Epoche.10

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts änderte sich die geistige und soziale Situation des Bürgertums und des Adels. In den großen Städten wurde das Bürgertum wohlhabender und orientierte sich immer mehr an dem Adel. So übernahm es beispielsweise die für den Adel charakteristischen Sitten der Rokoko-Kultur. Bezeichnend für die Oberschicht war außerdem eine gute Bildung und der spielerische Umgang mit der Sprache.11 Das Ende des Siebenjährigen Krieges führte ab 1763 in ganz Europa zu einer politischen Stabilität. Der wirtschaftliche Aufschwung war die Folge. Davon profitierte vor allem das Bürgertum, das sein Vermögen vermehren konnte. Das führte zu einem neuen Selbstverständnis der Mittelschicht. Sie entwickelten ein starkes Besitzstandsdenken und eine nie gekannte Aufstiegsmentalität. Doch der neugewonnene Ehrgeiz und Aufstiegswille erwies sich als nicht kompatibel mit den bürgerlichen Tugenden wie beispielsweise der Moralität.12

Das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch die große europäische Krise des Adels. Die Kritik am Adel reichte vom Vorwurf der unnützen Existenz der Hofleute bis zum Jakobinismus und der Kritik am Militärwesen. Das gesamte absolutistisch-aristokratische System einschließlich der Monarchie wurde von den Gegnern in Frage gestellt. Die hohen Kosten für die Heereshaltung wären eine Belastung und könnten das Land in eine wirtschaftliche Krise führen. Das Heer galt als unkontrolliertes Machtinstrument. Als Auslöser für die zunehmenden Heereskritik galten die „Bill of Rights“ von 1789, bei der die Überordnung der zivilen über die militärische Gewalt gefordert wurde. Diese Abneigung rührte vor allem daher, dass das Bürgertum aus dem Offiziersstand ausgeschlossen wurde. Zugang hatte nur der landsässige Adel.13

2.2 Der Soldatenstand im 18. Jahrhundert

Von einem einheitlichen Soldatenstand kann im 18. Jahrhundert nicht die Rede sein. Mit der Teilung in zwei Gruppen entstanden zugleich zwei soziale Welten. Die gemeinen Soldaten und bürgerlichen Unteroffiziere bildeten das Heer der absolutistisch regierten deutschen Kleinstaaten. Es waren angeworbene Söldner, die fast ausschließlich aus der Unterschicht stammten. Aufgrund ihres gesellschaftlichen Standes hatten sie keine Möglichkeit eine Eheschließung zu finanzieren. Außerdem wurden verheiratete Soldaten erst gar nicht angeworben:14

„Nun ist wol der Zustand eines Soldaten so beschaffen, daß solcher demselben nicht wohl an die eheliche Gesellschaft dencken, und Weib und Kind mit sich führen läst >...@.“15

Auf der anderen Seite gab es die adligen Offiziere. Sie konnten eine bessere gesellschaftliche Stellung genießen und hatten auch mehr Freiheiten. Jedoch wurde auch von ihnen die Ehelosigkeit indirekt abverlangt:

„Die Ober-Officiers sind schon in höheren und grössern Würden und Ansehen, von welchen nicht zu vermuthen ist, daß sie zu ihrer eigenen Desavantage und mit Hintansetzung ihres Characters sich verheyrathen werden >...@.“16

Den jüngeren Offizieren wurde die Heiratserlaubnis erst gar nicht erteilt. Sowohl der Offizier, als auch der Soldat sollte sich mit ganzer Kraft seinem Beruf widmen, ohne dabei Rücksicht auf Frau oder Kind nehmen zu müssen. Obwohl der König kein offizielles Verbot zur Eheschließung erlassen hatte, so gab es doch strikte Vorlagen.17 Die Missstände des Heereswesen waren weitreichend. So gingen sie von Schikane und Gewalt im Soldatenalltag bis zur Verrohung der Sitten.18 Ein weiteres Problem entstand durch die sexuelle Triebhaftigkeit der unverheirateten Soldaten, worauf ich in einem späteren Kapitel noch genauer eingehen werde.

3. Der Ständekonflikt in „Die Soldaten“

Der Ständekonflikt ist das Ergebnis der sich ineinandergreifenden (Fehl-) verhalten der beteiligten Figuren und dem gesellschaftlichen Umfeld: Jeder trägt Schuld an dem Unglück des anderen. Die Figuren und ihre Verhaltensweisen sind miteinander verzahnt und beeinflussen sich wechselseitig. Sie sind ihrem Umfeld und ihrer Situation hörig und nicht in der Lage eine objektive Sichtweise auf die Geschehnisse zu behalten.

Zum einen resultiert der Konflikt aus dem bürgerlichen Mittelschicht-Erbe.19

Die Weseners haben falsche Vorstellungen von einem Leben in der Oberschicht, die über die Jahre durch Bücher, Tratsch und falsche Spekulationen genährt wurden.20 Überspitzt könnte man sagen, dass sie sich nicht gegen ihr Verlangen nach sozialem Aufstieg wehren konnten. Der Konflikt zwischen dem Bürgertum und dem Adel scheint unabwendbar. Die bürgerlichen Weseners verfolgen ihr Ziel konsequent und glauben schon aus der Mittelschicht ausgebrochen zu sein, nachdem sie mutig ein hohes Risiko eingegangen sind. Der Gedanke an die tatsächliche Realisierung ihrer Träume vom sozialen Aufstieg beweist ihre Einfalt und Verwirrung. Weder Marie, noch ihr Vater können dem entrinnen. Sie verlieren die Orientierung und vergessen ihre alten Verhaltensweisen, um sich ihren Sehnsüchten hinzugeben.

[...]


1 vgl.: McInnes, Edward: J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Text, Materialien, Kommentar. München, Wien 1997. S. 68 ff.

2 vgl.: Lützeler, Paul Michael: Interpretationen. Dramen des Sturm und Drang. Stuttgart 1997. S. 144

3 vgl.: McInnes, Edward: J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Text, Materialien, Kommentar. München, Wien 1997. S. 105

4 vgl.: Ranke, Wolfgang: Erläuterung und Dokumente. J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Stuttgart 2004. S. 31 ff.

5 vgl.: http://www1.ku-eichstaett.de/GGF/Landgesch/asyl/scriptor/ges.htm#gesellgrafik

6 ebd.

7 vgl.: McInnes, Edward: J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Text, Materialien, Kommentar. München, Wien 1997. S. 68 ff.

8 McInnes, Edward: J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Text, Materialien, Kommentar. München, Wien 1997. S. 69

9 vgl.: Lützeler, Paul Michael: Interpretationen. Dramen des Sturm und Drang. Stuttgart 1997. S. 137

10 vgl.: McInnes, Edward: J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Text, Materialien, Kommentar. München, Wien 1997. S. 69

11 vgl.: Lützeler, Paul Michael: Interpretationen. Dramen des Sturm und Drang. Stuttgart 1997. S. 134

12 ebd. S. 133 ff

13 ebd. S. 139 ff

14 vgl.: Ranke, Wolfgang: Erläuterung und Dokumente. J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Stuttgart 2004. S. 41

15 Ranke, Wolfgang: Erläuterung und Dokumente. J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Stuttgart 2004. S. S. 40

16 ebd. S. 41

17 vgl.: Ranke, Wolfgang: Erläuterung und Dokumente. J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Stuttgart 2004. S. 39

18 vgl.: Sudau, Ralf: Jakob Michael Reinhold Lenz. „Der Hofmeister/Die Soldaten“. München 2003. S. 99

19 vgl.: McInnes, Edward: J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Text, Materialien, Kommentar. München, Wien 1997. S. 101

20 vgl.: McInnes, Edward: J.M.R. Lenz „Die Soldaten“. Text, Materialien, Kommentar. München, Wien 1997. S. 115

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ständekonflikte bei Jakob Michael Reinhold Lenz´ "Die Soldaten"
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Seminar für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Sturm und Drang
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V494621
ISBN (eBook)
9783668994195
ISBN (Buch)
9783668994201
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sturm und Drang, Lenz, Die Soldaten, Ständekonflikt, Ständegesellschaft
Arbeit zitieren
Lisa Sofie Mros (Autor), 2007, Ständekonflikte bei Jakob Michael Reinhold Lenz´ "Die Soldaten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494621

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