Der zweihundertste Geburtstag der Brüder Grimm, 1985 und 1986, schlägt nicht nur in Deutschland hohe Wellen. Auch jetzt noch, einige Jahre später reißen die Diskussionen nicht ab. Märchen – ja oder nein? Das Positive und das Negative stehen sich unversöhnlich gegenüber. So raten Wissenschaftlicher dringend zur Lektüre von Märchen. Es wird davor gewarnt, Kinder Märchen zu enthalten, da sie wesentlich zur Erziehung beitragen würden. Jene Erzählungen gäben Kindern Hilfe, Anregung, Trost und Mut in einer Art und Weise, die auch von jungen Lesern verstanden werden könne. Das Märchen repräsentiert das was es soll. Die kindgerechte Sprache, die Weisheit, der Humor, der Sieg des Guten über das Böse und vor allem die Anregung der Phantasie bilden einen fundamentalen Baustein der kindlichen Erziehung. Des Weiteren stärke das Schicksal der Hauptfigur das Lebensbild des Kindes.
Anfangs noch ein Jüngling, der Dümmste, ein Knecht oder eine Magd in hoffnungsloser Lage, gelangt er oder sie dann dank magischer Helfer zu Glück und Reichtum. Märchen sind modern. Sie transportieren Gut und Böse, Liebe und Hass, Weisheit ebenso wie Grausamkeit. Märchen sprechen in einer bildhaften Sprache und malen gleichsam die Worte für sich. Dinge werden mit symbolreichen und aussagekräftigen Bildern, welche die rationale Sprache mit ihrer Suche nach eindeutigen Begriffen zum Verbleiben brächte, analogisch zum lebendigen Ausdruck gebracht. Bilder schaffen vorstellbare Anschaulichkeit.
Märchenillustrationen werden immer mehr oder weniger gegenständlich gehalten. Die Einheit, die aus Bild und Text entsteht, prägt sich in die Gedächtnisse der Leser ein und trägt deutlich dazu bei, den Inhalt des Geschriebenen zu verinnerlichen. Wilhelm Grimm schrieb 1816, an ein kleines Mädchen einen Brief in Form einer poetischen Erzählung mit Bildern von Maurice Sendak. In diesem Brief beschreibt er zuerst, wie sich an verschiedenen Orten weggeworfene Blumen im Wasser schwimmend zusammenzutun, um am Ende gemeinsam unterzugehen, oder auch, wie sich zwei fremde Vögel treffen und viel zu erzählen haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Märchen – eine Urform synästhetischen Erlebens
2.1 Das Märchen
2.1.1 Die Geschichte des Märchens und die Entstehung der Subgattungen
2.1.2 Märchen, Fantastik, Fantasie und das Besondere am Märchen
2.1.3 Grausamkeiten im Märchen?
2.2 Vom Volks zum Kindermärchen
2.2.1 Die Brüder Grimm und ihre Epoche
2.2.2 Die Entwicklung der Kinder- und Hausmärchen
2.2.3 Die Motive und Wesenszüge der Grimm’schen Kindermärchen
2.3 Märchenforschung
2.3.1 Volkskundliche Märchenforschung
2.3.2 Literaturwissenschaftliche Märchenforschung
2.3.2.1 Strukturalistische Märchenforschung Valdimir Propps
2.3.2.2 Anthropologische Märchenforschung Max Lüthi
3. Ein Einblick in die Welt des Walt Disney
3.1 Die Entstehung eines gewaltigen Unternehmens
3.2 Der erste klassische Märchenfilm: Snow White and the Seven Dwarfs
4. Ein strukturalistischer Vergleich zweier Fassungen des Märchens „Schneewittchen“
4.1 Interpretation und Analyse von Schneewittchen
4.1.1 Analyse der einzelnen Fassungen hinsichtlich des Inhalts und der einzelnen Charaktere
4.1.2 Interpretation des Märchens hinsichtlich der Stilmerkmale nach Lüthi
4.2 Die Konzeptionen des Kindgemäßen
5. Illustrationen
5.1 Die Kinder- und Hausmärchen und ihre Bilder
5.2 Der Stellenwert der Illustration im Verhältnis zum Texten
5.2.1 Entwicklung der Märchenillustration bei den Grimms
5.2.2 Das kindgemäße Bild
5.2.3 Bildnerische Positionen zum Märchen
5.3 Das Wechselspiel von Bild und Text im illustrierten Märchenbuch „Schneewittchen“
5.3.1 Betrachtung der Illustrationen in „Schneewittchen“
5.3.2 Wandel des Märchenbildes: Grimm – Walt Disney
5.3.3 Kritische Blicke auf die Märchenillustrationen
6. Schluss: Sind Märchen für Kinder geeignet? Über das Böse im Märchen und wie das Gute gestärkt wird
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konzeption des Kindgemäßen im Märchen „Schneewittchen“ und analysiert dabei Unterschiede zwischen der Grimm’schen Fassung und der Walt-Disney-Adaption, wobei ein besonderer Fokus auf die Rolle und Entwicklung der Illustrationen gelegt wird.
- Entwicklung des Märchens vom Volksmärchen zum Kindermärchen durch die Brüder Grimm
- Strukturalistischer Vergleich der Grimm’schen Textfassung mit der Walt-Disney-Buchfassung
- Analyse der Funktion und des Wandels von Märchenillustrationen
- Bedeutung von Grausamkeit und Faszination für die kindliche Entwicklung
Auszug aus dem Buch
Die Konzeptionen des Kindgemäßen
„Märchen sind nicht grausam, sondern bereiten auf das Grausame in der Wirklichkeit vor […] Kinder, die dem Märchen nicht begegnet sind, trifft das Grausame des Lebens unvorbereitet.“163 Solms trifft mit dieser Aussage den Kern der Diskussion ziemlich genau. Gerade die grausamen Märchen sind für Kinder ungefährlich, sie sind nützlich, wenn nicht sogar notwendig. Ein Kind ist ein unschuldiges, reines, und argloses Wesen wie Schneewittchen, das erstmals durch Märchen mit dem Grausamen in Berührung kommt.164
„Man achte auf das Kind, besonders in dem Alter, wo es die Sprache bereits in sich aufgenommen hat, aber noch nicht die in der Sprache aufgespeicherten Traditionsgüter. Es lebt bei den Dingen, dazu in der Welt der Dinge, mit dem, was noch wir Erwachsene kenne, und auch mit dem, was wir nicht mehr kennen, was uns durch die Traditionsgüter, durch die Begriffe, durch all das sichere Feststehende verscheucht worden ist …“. [sic]165 Bergmann erklärt, dass nur ein Kind erzählt, was es erzählt. Es gäbe keine andere Bezeichnung dafür, als „mythisch“. Die Beziehung zwischen Kind und Märchen ist eine geistige, die durch die Sprache „im Geiste“ stehe.166
Bezüglich der Betrachtung des Bösen im Märchen betont Bergmann:
„Das Böse ist der Versuch, den Bereich des Menschlichen auf das Unmenschliche hin zu transzendieren, und trotzdem ist es etwas zutiefst Menschliches […] Im Bösen verliert der Mensch sich selbst bei dem tragischen Versuch, sich der Last seines Menschseins zu entledigen.“ [sic]167
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung diskutiert die Relevanz von Märchen in der Erziehung und führt in die Thematik der Untersuchung der Konzeption des Kindgerechten anhand von „Schneewittchen“ ein.
2. Das Märchen – eine Urform synästhetischen Erlebens: Dieses Kapitel definiert den Begriff Märchen, beleuchtet die Entwicklung vom Volks- zum Kindermärchen durch die Brüder Grimm und führt in die wissenschaftliche Märchenforschung ein.
3. Ein Einblick in die Welt des Walt Disney: Es wird die Geschichte von Walt Disney beleuchtet und die Entstehung des ersten klassischen Märchenfilms „Snow White and the Seven Dwarfs“ analysiert.
4. Ein strukturalistischer Vergleich zweier Fassungen des Märchens „Schneewittchen“: Hier erfolgt eine detaillierte Gegenüberstellung der Grimm’schen Fassung und der Disney-Adaption hinsichtlich Inhalt, Charakteren und Stilmerkmalen nach Lüthi.
5. Illustrationen: Dieses Kapitel widmet sich der Entwicklung von Märchenillustrationen, ihrem Stellenwert im Verhältnis zum Text und dem Wandel des Märchenbildes durch Walt Disney.
6. Schluss: Sind Märchen für Kinder geeignet? Über das Böse im Märchen und wie das Gute gestärkt wird: Das Fazit resümiert das pädagogische Potenzial von Märchen und bestätigt ihre anhaltende Bedeutung für die kindliche Entwicklung.
Schlüsselwörter
Märchen, Brüder Grimm, Walt Disney, Schneewittchen, Märchenforschung, Kindgerecht, Illustrationen, Grausamkeit, Faszination, Volksmärchen, Literaturwissenschaft, Pädagogik, Zaubermärchen, Max Lüthi, Symbolik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Märchen als literarische Gattung, insbesondere die Konzeption des „Kindgerechten“ im Märchen „Schneewittchen“ im Vergleich zwischen der Grimm’schen Fassung und der Walt-Disney-Adaption.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Definition des Märchens, die Rolle der Brüder Grimm, die Analyse von Walt Disneys Märchenadaptionen sowie die Untersuchung von Illustrationen als integralem Bestandteil des Märchenerlebens.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Unterschiede zwischen der traditionellen Grimm-Fassung und der Disney-Adaption aufzuzeigen und zu analysieren, wie sich diese auf die kindgerechte Konzeption auswirken.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt Literaturrecherche sowie strukturalistische und anthropologische Ansätze der Märchenforschung, insbesondere nach Max Lüthi und Vladimir Propp, um Texte und Illustrationen zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Märchenbegriffs, die Analyse der Fassungen von „Schneewittchen“ sowie eine detaillierte Untersuchung der Illustrationen in verschiedenen Epochen und Adaptionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Märchen, Kindgerecht, Illustrationen, Grimm, Disney, Schneewittchen und Märchenforschung charakterisiert.
Wie verändert Walt Disney die Darstellung von „Schneewittchen“ im Vergleich zu den Brüdern Grimm?
Disney verkindlicht die Geschichte stark, führt individuell ausgearbeitete Zwerge als humorvolle Nebenfiguren ein, betont die Liebesgeschichte und entfernt grausame Elemente, um eine realitätsfernere, optimistischere Welt zu schaffen.
Welchen Stellenwert haben Illustrationen bei den Brüdern Grimm im Vergleich zu Disney?
Während die Grimms Illustrationen anfangs eher ablehnend gegenüberstanden und sie später eher zurückhaltend und schlicht einsetzten, sind Disneys Illustrationen und visuelle Adaptionen ein zentrales, buntes und stark auf Publikumsattraktivität ausgerichtetes Element.
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- Rebecca Munique (Author), 2017, Die Brüder Grimm. Ein Märchen zwischen Grausamkeit und Faszination, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494787