Gendergerechtigkeit in der Sozialen Arbeit

Gesetzliche Grundlagen und Herausforderungen für die Praxis in der Kinder- und Jugendhilfe


Hausarbeit, 2018

12 Seiten

Jazz Leißner (Autor)


Leseprobe

1. Vorwort

Soziale Gerechtigkeit lautet der Titel des Moduls, in dem die vorliegende Arbeit entsteht. Ich möchte mich dem Themenkomplex der Gendergerechtigkeit widmen und mich der Antwort auf die Frage nähern, inwieweit Soziale Arbeit im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe gendergerecht agieren kann.

Was ist unter gendergerechter Sozialer Arbeit zu verstehen und welche Schlüsselkompetenzen erfordert diese von den Beteiligten? Welche Hürden und Herausforderungen, aber auch: welche Chancen sind mit ihr verbunden?

Besonderes Augenmerk wird diese Arbeit auf die bestehenden gesetzlichen Grundlagen für die Ausgestaltung einer gendergerechten, gendersensiblen Sozialen Arbeit im Bereich der Jugendhilfe legen.

Gibt es eine Verpflichtung für Sozialarbeiter*innen, gendergerecht zu arbeiten? Woraus ergibt sich diese?

Die Frage nach Gendergerechtigkeit in Hinblick auf die Zugänge zu Hilfen nach dem KJHG erscheint mir sehr interessant und trieb mich in meinen Recherchen zunächst an.

Ich hatte die Absicht, herauszufinden, wie die prozentuale Verteilung von Mädchen* und Jungen* in Maßnahmen der Hilfen zur Erziehung gestaltet ist und worin diese begründet liegt. In meiner eigenen beruflichen Tätigkeit im Bereich der intensivsozialpädagogischen Einzelbetreuung sowie in der Arbeit mit schuldistanzierten und emotional – sozial hilfebedürftigen Kindern und Jugendlichen ( Tagesgruppenarbeit ) fiel mir auf, dass der Anteil von Mädchen konstant sehr viel geringer ist als der Jungenanteil. Im sehr speziellen Leistungsfeld der Reiseprojekte ( ISE – Maßnahmen nach § 35, SGB VIII ) haben wir als Team in mehreren Gesprächen mit verschiedenen Jugendämtern die Erfahrung gemacht, dass Entscheidungsträger*innen diese spezielle Art der Hilfen eher Jungen gewähren ( zutrauen? ) als Mädchen.

Dass ein Mädchen wochen- oder monatelang durch Wälder wandert oder mit dem Kanu auf dem Waser unterwegs ist, ist weniger vorstellbar und mit größeren Bedenken und Sorgen behaftet als dies bei Jungen unter gleichen kritischen Lebensumständen der Fall ist. Eine statistische Erhebung konnte ich leider zu diesem Thema nicht finden.

In einem anderen Rahmen werde ich dieser Frage nachgehen und Daten sammeln, um meine persönlichen Erfahrungen wissenschaftlich belegen zu können.

In der vorliegenden Arbeit muss ich davon absehen.

Stattdessen werde ich versuchen, zu skizzieren, auf welcher Grundlage Soziale Arbeit in den Hilfen zur Erziehung gendergerecht handeln soll und kann, wie dies umgesetzt wird und welche Hürden, aber auch welche Chancen existent sind.

Ich werde zunächst Begriffsbestimmungen vornehmen, um zu klären, was unter Gender, Gerechtigkeit, Doing und Undoing Gender zu verstehen ist.

Anschließend werde ich die gesetzlichen Grundlagen für eine geschlechtergerechte Soziale Arbeit betrachten. Darauf aufbauend wird die Umsetzung des Auftrages, gendergerecht zu arbeiten, im Fokus stehen – unter Einbezug der Herausforderungen und Chancen für die Soziale Arbeit im Allgemeinen und im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe im Besonderen.

Abschließend fasse ich die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und formuliere offen gebliebene Fragen.

2. Begriffsbestimmungen

2.1 Soziale Gerechtigkeit

Den Begriff der Gerechtigkeit im Allgemeinen und der sozialen Gerechtigkeit im Speziellen zu definieren, hat schon einige große Denker und Schreiber beschäftigt.

Seibel konstatiert in seinem Grundlagentext ( vgl. Seibel 2008 ) die Schwierigkeit, den Gerechtigkeitsbegriff inmitten verschiedenster Gerechtigkeitstheorien klar zu umreissen.

Mit dem Wandel der Zeit geht auch immer eine Veränderung der Wertvorstellungen der Mitglieder einer Gesellschaft einher. Der Begriff der Gerechtigkeit und die dahinter liegenden Vorstellungen sowie die damit verknüpften ethischen Haltungen unterliegen einem steten Wandlungsprozess. "Wie bereits erwähnt, wird erst mit dem Aufkommen der Sozialen Frage im 19. Jahrhundert der Begriff der sozialen Gerechtigkeit ins Spiel gebracht. Es geht also um die

Frage nach der Gerechtigkeit sozialer Ordnungen und Strukturen." ( Seibel 2008, Seite 15 ) Gerechtigkeit wird bei Seibel 2008 wie folgt definiert: " Gerechtigkeit ( lat., iustitia ) ist das abgeleitete Substantiv von gerecht, was etymologisch „angemessen, richtig“ bedeutet. Gerechtigkeit wird heute als Versuch definiert, alle fair und moralisch angemessen zu behandeln." Soziale Gerechtigkeit ist existent, wenn soziale Ungleichheiten verschwunden sind.

Laut Höblich, 2012 zeigt sich soziale Ungleichheit in den Möglichkeiten der Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe in Abhängigkeit von Attributen wie zum Beispiel Gender und sexueller Orientierung.

2.2. Gender und Gendergerechtigkeit

Der aus dem englischen Sprachgebrauch ins Deutsche übernommene Begriff <Gender> beschreibt das soziale, gesellschaftlich – kulturell konstruierte Geschlecht eines Menschen. Dem gegenüber steht das englische Wort <Sex>, was das biologische, angeborene Geschlecht meint.

Laut Czollek, Perko, Weinbach 2009 wurde der Begriff <Gender> im Deutschsprachigen beibehalten, um eben genau diese Unterscheidung möglich zu machen.

"Queer Studies erweitern den Begriff Gender ( Mann, Frau ) hin zur Vielfältigkeit von Genderformen ( Intersexuelle, Transgender, Lesben, Schwule etc. ).

Sie gelten als Ansatz der Infragestellung von festgelegten, normalisierenden, stereotypen Identitäten mit der Zielsetzung der gleichen Möglichkeiten und gleichberechtigten Partizipation an allen gesellschaftlichen Ressourcen für queere Menschen." ( Czollek, Perko, Weinbach 2009, Seite 17 )

Unter Gendergerechtigkeit versteht man die Tatsache, dass Menschen keine Benachteiligungen auf Grund ihres biologischen und ihres gelebten Geschlechtes erfahren.

Im Grunde muss unterschieden werden zwischen Genderegerechtigkeit und Queergerechtigkeit, da sich der Begriff Gendergerecht auf die duale Polarität Mann und Frau bezieht.

Gendergerechtigkeit zielt auf eine Gleichstellung der Geschlechter ab, wobei hier Mann und Frau gemeint sind und der Begriff andere Formen von geschlechtlicher Identifikation wie Intersexualität, fluid gender o.ä. nicht per se miteinschließt.

Will man jedwede Form von Gender einbeziehen, spricht man genauer von Queergerechtigkeit. Im Sinne der Social Justice soll verhindert werden, dass Menschen unterdrückt werden, in dem Fall der Gender- und Queergerechtigkeit auf Grund ihres Geschlechts.

Anerkennungs- und Verteilungsgerechtigkeit zum Beispiel inkludieren quasi den Anspruch, dass in ihr auch queere Menschen nicht benachteiligt werden sollen.

Dennoch ist es notwendig, dies explizit zu benennen, da Diskriminierung von Menschen, die nicht den heteronormativen Geschlechtermodellen entsprechen, häufig verdeckt von Statten geht.

2.3 Doing Gender / Undoing Gender

In den Gender Studies betrachtet man Gender als ein gesellschaftlich – kulturelles Konstrukt aus Vorstellungen und Zuschreibungen bezüglich der Geschlechterrollen.

Unter <Doing Gender> versteht man alle Verhaltensweisen von Menschen, die dem Aufrechterhalten von diesen heteronormativen Denkweisen dienen.

Das Konzept des Doing Gender beruht auf Candace West und Don Zimmerman.

"Geschlechter sind verschieden, weil sie unterschieden werden – d.h. als verschieden betrachtet werden." ( ht tps: / /w ww. uni -d ue.de/ gen der por tal / le hr e_er wac hs enenbild ung _do inggend er. s ht m l ) West und Zimmerman gehen davon aus, dass Geschlecht nichts ist, was einfach "ist", sondern etwas, das man "tun" muss.

Geschlecht ist eine soziale Konstruktion und wird durch entsprechendes Handeln entweder aufrecht erhalten oder kann dekonstruiert werden.

Diese Dekonstruktion stereotyper Geschlechterrollen im Alltagshandeln bezeichnet man als <Undoing Gender>.

Zu erkennen, wo heteronormative Zuschreibungen stattfinden, diese als Problem zu benennen und sie letztlich zu dekonstruieren, gehört zum Prozess des Undoing Gender.

Dekonstruktion meint hiermit, aufzuzeigen, dass Männer und Frauen variable Rollen einnehmen und ausfüllen können, fernab der gewohnten Rollenerwartungen.

2.4 Jugendhilfe

Die Gesamtheit aller Leistungen, die jungen Menschen in der Bundesrepublik durch öffentliche und freie Träger gewährt werden können, bezeichnet man als Jugendhilfe.

( vgl. https://www.juraforum.de/lexikon/jugendhilfe#paradigmenwechsel-durch-reform )

"Das Kinder- und Jugendhilfegesetz mit den entsprechenden Gesetzen und Vorschriften wurde in den Jahren 1990 – 91 reformiert." ( vgl. ebd. )

Geregelt ist der Rahmen für die Ausführung der Kinder- und Jugendhilfe im SGB VIII. Details hierzu finden sich in den Landesausführungsgesetzen, da es Unterschiede in den einzelnen Bundesländern gibt.

Im Paragrafen 85 des SGB VII sind die einzelnen Vorschriften zur Umsetzung festgeschrieben.

Das SGB VIII wurde ständig überarbeitet und angepasst. Mit dem KJHG entstand das so genannte "Gesetz zur Neuordnung des Kinder- und Jugendhilferechts".

Bis zu diesem Zeitpunkt existierte das "deutsche Jugendwohlfahrtsgesetz", das damals über einen längeren Zeitpunkt hinweg schwer kritisiert wurde.

3. Gesetzliche Grundlagen für gendergerechte Soziale Arbeit respektive Jugendhilfe

3.1 UN – Menschenrechtskonvention

"Sozialarbeiter_innen haben die Verantwortung, Social Justice zu fördern, bezogen auf die Gesellschaft im Allgemeinen und in Bezug auf die Menschen, mit denen sie arbeiten." ( Czollek, Perko, Weinbach 2009, Seite 79; Seibel 2008 )

Die UN – Menschenrechtskonvention von 1948 legte den Grundstein für weitere menschenrechtsbezogene Erklärungen und fließt in die Profession der Sozialen Arbeit als Grundhaltung maßgeblich mit ein.

Mit der Charta der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte entstand eine Grundlage für allgemein anerkannte und durchsetzbare Rechte. Zusätzlich zu den Allgemeinen Menschenrechten wurden nach und nach weitere, spezifischere Standards festgeschrieben.

[...]

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Details

Titel
Gendergerechtigkeit in der Sozialen Arbeit
Untertitel
Gesetzliche Grundlagen und Herausforderungen für die Praxis in der Kinder- und Jugendhilfe
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V495168
ISBN (eBook)
9783346008022
ISBN (Buch)
9783346008039
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gendergerechtigkeit, kinder-, beispiel, praxis, herausforderungen, grundlagen, gesetzliche, arbeit, sozialen, jugendhilfe
Arbeit zitieren
Jazz Leißner (Autor), 2018, Gendergerechtigkeit in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495168

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