Analyse zum Film "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" von Stephan Komandarev

Über die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ilja Trojanow


Hausarbeit, 2019
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Ilija Trojanow – Migration und Flucht im Leben des Autors

2. Die Welt ist groß und Rettung lauert überall
2.1 Inhaltszusammenfassung
2.2 Das Leitmotiv der Tandemreise
2.3 Das Leitmotiv des Mädchens

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis

1. Ilija Trojanow – Migration und Flucht im Leben des Autors

'Der Flüchtling ist meist Objekt. Ein Problem, das gelöst werden muss. Eine Zahl. Ein Kostenpunkt. Ein Punkt. Nie ein Komma. Weil er nicht mehr wegzudenken ist, muss er Ding bleiben. Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht. Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch.'1

Dies ist die Meinung des Autors Ilija Trojanow zu dem geflüchteten Menschen und seinem Status als solcher, welcher ihn ein Leben lang begleitet. Der Autor selbst weiß durch seine eigene Biographie sehr wohl, wovon er spricht, da er in jungen Jahren mit seinen Eltern aus seiner Heimat Bulgarien über die Länder Jugoslawien und Italien nach Deutschland flieht. Diese Erfahrung assoziiert er jedoch mit positiven Gefühlen und lässt diese in seinen Werke mit einfließen.2

Fannrich-Lautenschläger erläutert, dass der Autor „[das] Ankommen [...] als einen Prozess der Häutung [beschreibt]. Der Geflüchtete, voller Sehnsucht nach seiner Heimat, bemüht sich, nicht aufzufallen und die alte Sprache abzustreifen.“3 Dies stellt sich jedoch als große Herausforderung für den Flüchtling dar, da unsere Herkunft einen großen Teil unserer Identität ausmacht, welche auf diese Weise ein Stück weit untergraben wird. Trojanow empfindet seine eigene Flucht als positiv und schreibt diese zustimmenden Gefühle auch anderen Menschen zu, welche geflohen sind, indem er die Flucht als eine Rettung charakterisiert, im Zuge derer man das Schlechte hinter sich lässt. Er thematisiert gängige Denkmuster gegenüber der Flucht, während welcher ebendiese als negativ angesehen wird und kritisiert daran4, „nicht zu sehen, dass es tatsächlich die Entlassung ist in eine neue Existenz, in eine Existenz, die per se sehr vielfältig, vielschichtig und komplex ist.“5

Dem Autor zufolge ist es nicht möglich, die alte Heimat vollständig durch eine neue zu ersetzen, da man das Alte nicht einfach von sich legen und das Neue ebenso wenig vollständig akzeptieren und annehmen kann. Ein Geflüchteter lebt folglich in einem Pluralismus, welchen es von seiner Umwelt anzuerkennen gilt.6

In die alte Heimat zurückzukehren, ist nach Trojanow nicht möglich, da diese in der vorherigen Form nicht mehr existent ist. Während der Flucht entwickelt sich das Heimatland in gleichem Maße weiter wie der Flüchtige selbst, weshalb es unmöglich erscheint in die gleiche Heimat zurückzukehren, welche man verlassen hat. Und nicht nur die Heimat selbst entwickelt sich während der Abwesenheit weiter, sondern auch die Vorstellung des Flüchtlings von ebendieser.7 Trojanow führt in diesem Zusammenhang Folgendes an: „Man beginnt im Kopf natürlich ein relativ künstliches entfremdetes Bild zu bewahren, es ist sozusagen eine individuelle Musealisierung.“8

Der Autor verwendet den Terminus des Heimatlandes selbst auch nicht, da er der Meinung ist, ein Land kann nicht jemandes Heimat sein.9 Für ihn „ist die Heimat natürlich ein bestimmter Flecken, bestimmter Sprachklang, vor allem aber die Menschen, die nächsten, diejenigen, die man liebt.“10 Dies kann folglich nicht erneuert werden und so wird man nach und nach selbst in dem eigentlichen Herkunftsort zum Fremden aufgrund der Isolation von dem Vorherigen. Diese Erfahrung muss auch Trojanow machen, als er im Jahre 1989 nach Bulgarien zurückkehrt und ihn dies mit einem Kulturschock versieht.11

Ilija Trojanow vermeidet das Wort Heimatland zudem auch aufgrund seiner politischen Instrumentalisierung.12 Dies erläutert er mit folgender Ausführung: „Das Wort 'Heimatland' ist für mich eigentlich ein Unwort, weil es nur im Sinne einer Ausgrenzung gegenüber anderen benutzt wird.“13 Somit trägt der Terminus, nach Meinung des Autors, eine Aggressivität mit sich, da man sich dadurch anderen gegenüber abgrenzt und selbst profiliert, wohingegen das Heimatgefühl ja alles andere als Aggressivität ausstrahlt und etwas Wunderbares ist14, was er als „etwas Sinnliches, etwas Kulturelles, etwas zutiefst Emotionales“15 beschreibt. Für den Autor ist Heimat etwas nicht geografischverortbares, sondern eher ein Seelenzustand.16

Ilija Trojanow sieht die Heimatlosigkeit und damit den Status der Nichtzugehörigkeit des Flüchtlings nicht als etwas Schlechtes, sondern im Gegenteil als etwas Positives, eine Art Befreiung an, die in der Akzeptanz und Umarmung der Vielfalt liegt, welche einem zuteil wird.17 „Denn: Das ist auch Leben. Leben bedeutet, dass man sich immer wieder herausfordert.“18 Nach Meinung des Autors lebt derjenige folglich weniger, welcher keine Herausforderungen oder Neues in seinem Leben zulässt. Der Flüchtling bereichert sein Leben also durch diesen Umstand des sich Dazwischen-Befindens.19

Im folgenden Punkt soll nun ein verfilmtes Werk Ilija Trojanows näher betrachtet werden, welches ebenfalls von Migration und Flucht handelt.

2. Die Welt ist groß und Rettung lauert überall

2.1 Inhaltszusammenfassung

In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ilija Trojanow aus dem Jahre 2009 durch den bulgarischen Regisseur Stephan Komandarev reisen ein Großvater und sein Enkel auf einem Tandem von Deutschland nach Bulgarien. Der Film beginnt medias in res in Bulgarien mit der Geburt des Jungen Alexander, welcher einer der Hauptdarsteller des Filmes ist. Dem Zuschauer wird deutlich, dass er sich in den 1970er Jahren befindet und es wird schon zu Beginn des Filmes das Backgammon-Spiel, welches sich durch den gesamten Film zieht, thematisiert. So ist etwa Alexanders Großvater Bai Dan der beste Backgammon-Spieler seiner Heimatstadt und zugleich eine rebellische, widerspenstige Persönlichkeit, welche keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber der kommunistischen Regierung macht. Als Alexanders Vater dazu gedrängt wird, seinen Schwiegervater auszuspionieren, fühlt sich die Familie nicht mehr sicher in Bulgarien und so machen sich Alexander und seine Eltern Mitte der 80er auf den Weg nach Deutschland. Während dieser Flucht verbringen sie längere Zeit in einem Flüchtlingslager in Italien, welches sich vor allem durch sein eintöniges, schlechtes Essen auszeichnet und erreichen anschließend ihr Ziel.20

All dies wird in Form von Rückblenden erzählt, welche immer wieder in die Rahmenhandlung eingebettet sind, die in der Jetztzeit spielt. Diese filmische Gegenwart wird durch einen Autounfall eingeleitet, welchen Alexander und seine Eltern erleiden, aus welchem jedoch nur er lebend hervorgeht. So sucht der Großvater seinen Enkel in einem deutschen Krankenhaus auf, wo er ihn jedoch mit einer Amnesie vorfindet, weshalb er sich weder an den Autounfall noch an seinen Großvater erinnern kann. Da Alexander vieles von früher, inklusive des Backgammonspiels, vergessen hat, bringt ihm Bai Dan dies alles Schritt für Schritt wieder bei. Dieser Lernprozess wird anfangs von Widerstand und auch viel Frust vonseiten Alexanders begleitet, wandelt sich dann jedoch in ein positives Erlebnis, welches die Bande zwischen dem Großvater und seinem Enkel wiederherstellt. Da Bai Dan die Erinnerungen an die Zeit in ihrer Heimat Bulgarien wieder aufleben lassen will, beschließt er dorthin eine Tandemreise mit Alexander zu unternehmen und ihm so alles zu zeigen.21

Als Zuschauer fällt einem sofort auf, dass die Rückblenden und somit die Vergangenheit in Sepiafarben wiedergegeben werden, während alle Szenen in Deutschland in einem kühlen blau erzählt werden. Dies führt zusätzlich zu der jeweiligen filmischen Stimmung zu einer direkten Gegenüberstellung des tristen Lebens in Deutschland mit dem fröhlichen, munteren Leben in Bulgarien.22

Ebendiese Kontrastierung des kalten Deutschlands im Vergleich zum warmen und lebensfrohen Bulgarien wird von Funke an dem Film kritisiert. Es mag zwar überzogen wirken, jedoch benötigt der Film möglicherweise genau diese harten Kontraste, um insgesamt einen überbordenden Optimismus hervorzubringen. Man kann allerdings Funkes weiterer Kritik zustimmen, dass die Rückblenden der Vergangenheit im Vergleich zur filmischen Gegenwart deutlich mitreißender erzählt werden.23 Schwickert fügt Folgendes an:

Als überdeutliche Metapher für den wendungsreichen Verlauf des Lebens wird das Backgammon-Spiel herangezogen, in dem es der Großvater zu wahrer Meisterschaft gebracht hat. Das Leben ist eine Melange aus Glück und eigenem Können - so lautet die mehrfach variierte Botschaft des Films […].24

Während die Rückblenden folglich von der Flucht handeln, erzählt die filmische Gegenwart vor atemberaubender, landschaftlicher Kulisse von der Reise zu sich selbst, zur eigenen Identität.25

[...]


1 Isabel Fannrich-Lautenschläger: „Ilija Trojanow über das Ankommen und die unmögliche Heimkehr“, in: Deutschlandfunk (2017) (https://www.deutschlandfunk.de/flucht-ilija-trojanow-ueber-das-ankommen-und-die.1310.de.html?dram:article_id=388225 [17.03.2019]).

2 vgl. Ebd.

3 vgl. Ebd.

4 vgl. Trojanow, Ilija, „'Alte Heimat, neue Heimat – das ist völliger Unsinn!'“, Interview durch Funck, Gisa, in: Deutschlandfunk (2017) (https://www.deutschlandfunk.de/schriftsteller-ilija-trojanow-alte-heimat-neue-heimat-das.700.de.html?dram:article_id=389698 [16.03.2019]).

5 Trojanow, Ilija, „'Alte Heimat, neue Heimat – das ist völliger Unsinn!'“ (2017).

6 vgl. Ebd.

7 vgl. Ebd.

8 Trojanow, Ilija, „'Alte Heimat, neue Heimat – das ist völliger Unsinn!'“ (2017).

9 vgl. Ebd.

10 Trojanow, Ilija, „'Alte Heimat, neue Heimat – das ist völliger Unsinn!'“ (2017).

11 vgl. Ebd.

12 vgl. Ebd.

13 Trojanow, Ilija, „'Alte Heimat, neue Heimat – das ist völliger Unsinn!'“ (2017).

14 vgl. Ebd.

15 Trojanow, Ilija, „'Alte Heimat, neue Heimat – das ist völliger Unsinn!'“ (2017).

16 vgl. Ebd.

17 vgl. Ebd.

18 Trojanow, Ilija, „'Alte Heimat, neue Heimat – das ist völliger Unsinn!'“ (2017).

19 vgl. Ebd.

20 vgl. Thorsten Funke: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall – Kritik“, in: critic.de (2009) (https://www.critic.de/film/die-welt-ist-gross-und-rettung-lauert-ueberall-1832/ [15.03.2019]).

21 vgl. Ebd.

22 vgl. Martin Schwickert: „Heimat, süße Heimat. Mit dem Fahrrad in die sozialistische Vergangenheit“, in: ULTIMO Münster (http://www.ultimo-muenster.de/kr-film/f-diewe.htm [15.03.2019]).

23 vgl. Thorsten Funke: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall – Kritik“.

24 Martin Schwickert: „Heimat, süße Heimat. Mit dem Fahrrad in die sozialistische Vergangenheit“.

25 vgl. Rudolf Worschech: „Kritik zu Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, in: epd Film (2009) (https://www.epd-film.de/filmkritiken/die-welt-ist-gross-und-rettung-lauert-ueberall [16.03.2019]).

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Details

Titel
Analyse zum Film "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" von Stephan Komandarev
Untertitel
Über die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ilja Trojanow
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V495268
ISBN (eBook)
9783346006516
ISBN (Buch)
9783346006523
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, ilja, romans, verfilmung, über, komandarev, stephan, rettung, welt, film, trojanow
Arbeit zitieren
Sara Zschiesche-Calvo (Autor), 2019, Analyse zum Film "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" von Stephan Komandarev, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495268

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