Das islamische Rechtssystem und die Grundlagen der Scharia


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Das islamische Rechtssystem in seinen Grundzügen

3 DieScharia
3.1 Die Regelungsbereiche der Scharia
3.2 Die Entstehung der Scharia

4 Die Rechtsquellen der Scharia
4.1 Die primären Rechtsquellen
4.2 Die sekundären Rechtsquellen

5 Die Rechtsschulen

6 Die Umsetzung der Scharia heute

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einführung

Die Anwendung von islamischem Recht bestimmt immer wieder die Medien. Es existiert oft kein Wissen über das islamische Recht, dennoch sind nicht selten präzise Vorstellungen davon vorhanden. Weit verbreitete Stereotypen sind Handabhacken, Auspeitschen oder Steinigen von Ehebrechern, Tötung Andersgläubiger und die Benachteiligung von Frauen. Das islamische Recht wird so in das weit verbreitete Bild eines grausamen und rückständigen Orients eingereiht.1 Es vollzieht sich in den letzten Jahrzehnten ein Trend zur Rück- bzw. Neubesinnung auf das islamische Recht, der heute fast alle muslimischen Gesellschaften erfasst zu haben scheint, welche darin eine Lösung für ihre vielfältigen Probleme zu finden glauben.2 Wie sieht aber das islamische Recht überhaupt aus? Und was verbirgt sich hinter der Scharia? Diesen Fragen soll diese Arbeit nachgehen.

Zunächst wird das klassische islamische Rechtssystem in seinen Grundzügen dargestellt. Anschließend werden die Regelungsbereiche der Scharia aufgeführt und dargelegt, wie das islamische Recht in klassischer Zeit entwickelt und festgelegt wurde. Die Scharia beruht auf verschiedenen Rechtsquellen, welche in Kapital vier erläutert werden. Schließlich gibt es Rechtsschulen, die die Scharia auslegen. Die Rechtsschulen, die heute noch dominieren mit ihren verschiedenen Richtungen werden in Kapitel fünf thematisiert. Letztlich wird auf die Umsetzung der Scharia in heutiger Zeit eingegangen.

2 Das islamische Rechtssystem in seinen Grundzügen

Das islamische Recht ist immer geoffenbartes Recht bzw. ,Anordnung Gottes’.3 Das Gesetz (arab. as-sari'a) ist nach muslimischer Auffassung die durch Gott den Menschen auferlegte Ordnung des Ritus und des profanen Lebens und erscheint als Inbegriff des Islams.4 Sich zu dieser Religion zu bekennen, ohne das Gesetz zu bejahen ist unmöglich, denn das Gesetz ist ein wesentlicher Bestandteil der islamischen Heilsbotschaft.5 Über die Anfänge des islamischen Rechtssystems gibt es wenig historische Quellen. Es dürfte feststehen, dass Koran und die rechtsrelevante Praxis des Propheten Mohammed, fortgeführt durch die Prophetengenossen und die ersten Kalifen, leitend für die sich entwickelnde Rechtsordnung waren.6,Islamisches Recht’ an sich gibt es nicht im Sinne eines übergreifenden, einigermaßen klaren Gesetzeswerkes mit kalkulierbaren Lösungen für Rechtsprobleme. Islamisches Recht kann genauso wenig wie europäisches Recht eine einheitliche Lösung von der Antike bis zur Gegenwart bieten. Es ist demnach auch nicht möglich, ein lehrbuchartiges Werk zu verfassen, das alle Bereiche ergebnissicher abhandeln könnte. Das islamische Rechtssystem ist sehr vielgestaltig. Allein schon deswegen, weil sich die einzelnen Rechtsschulen generell und auch im Laufe der Zeit in ihren Ansichten unterscheiden.7 Außerdem bestehen länderspezifische Unterschiede. Was für den vorderen Orient gilt, muss nicht unbedingt auf Malaysia, Indonesien, Kasachstan, Nigeria oder Bosnien übertragbar sein.8 Diversität herrscht auch bezogen auf die Regelungsdichte in den Kernbereichen des islamischen Rechts. Vorhandene Lücken und gänzlich rückständige Regelungen werden mit übernommenen westlichen Rechtsnormen gefüllt oder ergänzt.9 Das islamische Rechtssystem erschließt sich weniger über inhaltliche Einzelregelungen als über seine Rechtsquellen- und Rechtsfindungslehre.10

Auf der Basis der Scharia gründet die wichtigste muslimische Wissenschaft, die gänzlich religiöse Rechtswissenschaft.11 Diese wird als Jurisprudenz (arab. fiqh) bezeichnet. Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff fiqh ,Einsicht’ oder ,Wissen’,12 und umfasst das Forschen am überlieferten Wort Gottes.13 Die Jurisprudenz beschäftigt sich mit den Bestimmungen der Scharia, besonders mit der Frage, wie diese Bestimmungen auf die Handlungen der Menschen anzuwenden sind bzw. wie die Handlungen durch die Scharia zu lenken seien.14 Dies wurde aufgrund erheblicher Gesetzeslücken und Widersprüchen in den heiligen Texten nötig.15 Die islamische Rechtswissenschaft hat die Aufgabe, die heiligen Texte auszulegen und auf neue Situationen anzuwenden. So entstand vor allem zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert ein umfassendes islamisches Rechtssystem16, welches allerdings keineswegs nach seiner grundlegenden Fixierung starr und unflexibel ist. Es veränderte sich vielmehr langsam aber stetig im Wechselverhältnis mit den sich wandelnden sozialen Gegebenheiten.17 Aufgrund der hohen Bedeutung des Rechts im Islam und der fehlenden kirchlichen Organisation, hat der Stand der Rechtsgelehrten (arab. ulama) eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Zu den Ulama gehören alle Imame großer Moscheen, Kadis, Muftis, Lehrer an theologischen Ausbildungsstätten sowie weitere religiöse Würdenträger wie z.B. Prediger. Sie übernehmen die Funktion eines ,Klerusk Innerhalb der Ulama gibt es die Gruppe der Verständigen (arab.fukaha), die sich aufFragen derRechtsauslegung spezialisierten.18

Es gibt im traditionellen Islam keine Trennung zwischen profanem und religiösem Bereich, zwischen Religion, Sozialethik und Politik.19 Die Muslime bezeichnen deshalb ihre Religion traditionell als ,Religion und Staat’. Der Islam versteht sich „als Träger und Erfüller einer göttlichen Offenbarung, die in ihrem Totalitätsanspruch die Menschen in allen Bereichen ihres Lebens erfasst“.20 Die islamische Lebensordnung enthält neben Glaubensgeboten und Normen sittlichen Handels auch gesetzliche Bestimmungen, die das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft regeln.21 Muslime sind aufgefordert, sich dem souveränen Willen Gottes zu unterwerfen und unbedingte Gehorsamkeit zu zeigen. Begründung findet dies im Koran in Sure 33,4: „Gott sagt die Wahrheit, und er führt den (rechten) Weg“.22 Die Befolgung der gesetzlichen Bestimmungen wird im Koran als Ausdruck der Religiosität und der Gottesfurcht gedeutet und immer wieder eingeschärft23. So heißt es in Sure 16,50, sie sollen „tun, was ihnen befohlen wird.24 Dies bedeutet allerdings nicht, dass die islamische Welt heute das islamische Recht befolgt. Meist ist das herrschende Gesetz eine Mischung von traditionellen und modernen Rechtsbestimmungen.25

3 Die Scharia

3.1 Die Regelungsbereiche der Scharia

Der Begriff ,Scharia’ bedeutet im Arabischen ,der (von Gott) gebahnte Weg’ oder ,der Weg zur Tränke bzw. Wasserstelle’26 und impliziert so in seiner Bedeutung bereits die Vorgabe eines zu befolgenden Weges.27 Die Scharia ist nach traditionell gewachsenem Verständnis in ihren Grundlagen gottgegeben und somit unveränderlich.28 Sie umfasst die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung und Interpretationsvorschriften des Islam. Dazu gehören beispielsweise Vorschriften über Gebete, Fasten, Verbot bestimmter Speisen und Getränke, die Pilgerfahrt nach Mekka sowie Vertrags- Familien- und Erbrecht.29 Die Scharia bildet die Grundlage, wenn es darum geht, Handlungen als ,gut’ oder ,schlecht’ zu bewerten. Menschliches Verhalten wird dafür in der Scharia in Kategorien eingeteilt: Zum einen erfolgt eine diesseitsbezogene Bewertung von Handlungen, welche geboten (Pflicht), erlaubt oder verboten sein können. Zum anderen besteht eine jenseitsorientierte Bewertung, die Handlungen empfiehlt oder missbilligt, d.h. Handlungen die ohne diesseitige Wirkungen sind.30 Die Scharia regelt also Fragen des religiösen Ritus, insbesondere die ,Fünf Säulen’ des Islam. So ist seit Urzeiten folgendes festgelegt:31 Die täglichen fünf Gebetszeiten; Die Gebetsrichtung auf Mekka; Der Ablauf des Gebets, die Worte (Gebetsformeln, Koranverse) und die Sprache Arabisch; Die Körperbedeckung der Männer und der Frauen;

Die erforderliche Reinheit. Daneben werden Rechtsfragen, wie Eheschließung und -auflösung, einzelne Straftatbestände, Vertrags-, Gesellschafts-, Delikts-, Erb- und Verfahrensrecht geregelt.32 Es sei erwähnt, dass die Scharia zu keiner Zeit absolute Anwendung gefunden hat. Die Spannung zwischen idealtypischer Scharia und materieller Rechtswirklichkeit gehört zu den Hauptproblemen in der islamischen Geschichte.33 Der Begriff Scharia wird im heutigen Sprachgebrauch für ,islamisches Recht’ verwendet.34

3.2 Die Entstehung der Scharia

Die unverfälschte Anwendung der Scharia beschränkte sich auf die kurze Zeit, in der Muhammad selbst über die muslimische Gemeinschaft wachte.35 Nach der Tradition offenbarte Gott ihm die Verse des Koran, aus denen rechtliche Regelungen abgeleitet werden konnten. Es gab kein Zweifel an der Richtigkeit eines Urteils des Propheten und neue Offenbarungen schlossen vorhandene Gesetzeslücken, sodass kein Bedarf an anderen oder neuen Rechtsquellen bestand.36 Die Gesetzgebung orientierte sich an der damaligen Gesellschaft in Medina und war daher in ihrer Art und Anzahl begrenzt.37 Der Tod des Propheten hinterließ ein unfertiges Rechtsgebäude. Es waren seine Gefährten, die der Gemeinde zur Seite standen, um Rechtsnormen festzustellen und nach den Bestimmungen des Korans und den Anweisungen Muhammads zu entscheiden. Sie wandten dabei die Methode der Übereinstimmung oder des Analogieschlusses an.38 Auf dieser Grundlage übernahmen die ersten rechtgeleiteten Khalifen Abu Bakr (632-634), Umar (634-644), Uthman (644-656) und Ali (656-661) die islamische Gemeinde.39 Das muslimische Reich dehnte sich seit der Mitte des 7. Jahrhunderts rasch aus. Dies brachte die Herausforderung mit sich, die Rechtsvorschriften auch in den eroberten Provinzen durchzusetzen.40 Dies versuchten die Machthaber der Umayyaden-Dynastie (660-750). Sie übernahmen vermutlich in der Regel in den neuen Provinzen lokal vorhandenes Material, welches auch das islamische Recht beeinflusste.

[...]


1 Rohe, Mathias: Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., München 2009, S. 3 f.

2 Agerer, Stefanie: Recht des Koran. Islamisches Strafrecht in der Gegenwart, Saarbrücken 2006, S. 5.

3 Ohlig, Karl-Heinz: Weltreligion Islam. Eine Einführung, Mainz 2000, S. 265.

4 Nagel, Tilman: Das islamische Recht. Eine Einführung, Westhofen 2001, S. 3.

5 Nagel: Das islamische Recht, S. 3.

6 Rohe: Das islamische Recht, S. 44.

7 Ebenda, S.5.

8 Ebenda, S.6.

9 Ebenda, S. 7.

10 Ebenda, S.6.

11 Ohlig: Weltreligion Islam, S. 259.

12 Ebenda.

13 Agerer: Recht des Koran, S. 12.

14 Nagel: Das islamische Recht, S. 6.

15 Agerer: Recht des Koran, S. 12.

16 Ebenda.

17 Müller, Christian [Art.]: Recht, in: Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur, hrsg. v. Ralf Egler, München 2001, S. 258.

18 Ohlig: Weltreligion Islam, S. 260.

19 Khoury, Adel Theodor: Das Gesetz Gottes, in: Handbuch Recht und Kultur des Islams in der deutschen Gesellschaft. Probleme im Alltag - Hintergründe - Antwort, hrsg. v. Adel Theodor Khoury, et. al., Gütersloh 2000, S. 21.

20 Khoury, Adel Theodor: Das islamische Rechtssystem, in: Handbuch Recht und Kultur des Islams in der deutschen Gesellschaft. Probleme im Alltag - Hintergründe - Antwort, hrsg. v. Adel Theodor Khoury, et. al., Gütersloh 2000, S. 37.

21 Khoury: Das Gesetz Gottes, S. 21.

22 Khoury: Das Gesetz Gottes, S. 21.

23 Ebenda, S. 31.

24 Ebenda, S. 33.

25 Khoury: Das islamische Rechtssystem, S. 37.

26 Rohe: Das islamische Recht, S. 9.

27 Agerer: Recht des Koran, S. 11.

28 Rohe: Das islamische Recht, S. 43.

29 Ebenda, S.9.

30 Rohe: Das islamische Recht, S. 10.

31 Schirrmacher, Christine; Spuler-Stegemann, Ursula: Frauen und die Scharia. Die Menschenrechte im Islam, München 2004, S. 56.

32 Rohe: Das islamische Recht, S. 13.

33 Radtke, Bernd: Der sunnitische Islam, in: Der Islam in der Gegenwart, hrsg. v. Werner Ende und Udo Steinbach, 5. Aufl., München 2005, S. 66.

34 Müller, Christian [Art.]: Scharia, in Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur, hrsg. v. Ralf Egler, München 2001, S. 272.

35 Agerer: Recht des Koran, S. 16.

36 Ebenda.

37 Ebenda, S. 17.

38 Khoury: Das islamische Rechtssystem, S. 47.

39 Ebenda.

40 Agerer: Recht des Koran, S. 17.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das islamische Rechtssystem und die Grundlagen der Scharia
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Katholische Theologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Weltreligion Islam. Seine religiösen Ausprägungen und sein politischer Anspruch in Europa
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V495296
ISBN (eBook)
9783346011800
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scharia, Rechtsschulen, Rechtsquellen
Arbeit zitieren
Eva Stoll (Autor), 2011, Das islamische Rechtssystem und die Grundlagen der Scharia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495296

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das islamische Rechtssystem und die Grundlagen der Scharia


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden