Der neu aufflammende Fremdenhass in Deutschland und Europa, fast täglich neue Meldungen von Gräueltaten der Terrormiliz "Islamischer Staat" und ähnlicher Organisationen, aber auch der verheerende Anschlag des 11. Septembers sind drei von etlichen Beispielen, die die "tiefgreifende Instabilität der Welt" widerspiegeln. Eine Instabilität, die durch das Aufeinanderprallen zweier religiöser Fronten entstanden ist und die nicht allein durch die Reduzierung auf den christlichen beziehungsweise islamischen Fundamentalismus erklärt werden kann . Die vorliegende Hausarbeit beleuchtet die Entstehung eines religiösen Feindbildes in der Geschichtsschreibung des abendländischen Frühmittelalters. Um den Ursprung dieses Feindbildes und dessen Entwicklung bis in unsere heutige Zeit zu verstehen, bietet es sich an, die Untersuchung in der Zeit zu beginnen, aus der uns erste detaillierte Berichte über das christlich-islamische Feindbild erhalten sind – dem Frühmittelalter. Dieser Themenbereich ist von der Forschung zwar schon behandelt worden, aber bisher wurden hauptsächlich Quellen aus dem direkten Umfeld des Islams untersucht.
Zur Darstellung eines detaillierteren Sarazenenbildes müssen daher auch Quellen, die nicht im direkten Einflussgebiet des Islams entstanden sind, aber diesen dennoch teilweise thematisieren, in die Untersuchung miteinbezogen werden. Ob sich auf diese Weise ein differenzierteres Sarazenenbild ergibt und sich daraus die Entstehung eines religiösen Feindbildes herleiten lässt, soll im Folgenden an Hand des Vergleichs zweier frühmittelalterlicher Quellen, die nicht im direkten Einflussbereich des Islams entstanden sind, untersucht werden. Bei der ersten handelt es sich um die Annales Bertiniani, eine Fortsetzung der karolingischen Reichsannalen, und bei der zweiten um die von Rodulf Glaber verfassten Historiarum libri quinque. Diese beiden Quellen lassen sich gut miteinander vergleichen, da sie sich einerseits nicht explizit mit dem Islam auseinandersetzen, sondern die Sarazenen und ihre Religion "lediglich" in Konfrontation mit dem Christentum Erwähnung finden und da sie andererseits im geographischen Raum des Frankenreiches entstanden sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Annales Bertiniani
2.2 Kritische Interpretation
2.3 Historiarum libri quinque
2.4 Kritische Interpretation
2.5 Vergleich
3. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung eines christlich-islamischen Feindbildes im Frühmittelalter anhand eines vergleichenden Analyserahmens von zwei Quellen, die außerhalb des direkten Einflussbereichs des Islams entstanden sind. Ziel ist es, herauszuarbeiten, inwieweit diese Texte ein religiöses Feindbild konstruieren oder ob sie differenziertere Wahrnehmungen der "Sarazenen" zulassen.
- Analyse der Annales Bertiniani hinsichtlich ihrer Sarazenendarstellung.
- Untersuchung von Rodulf Glabers Historiarum libri quinque und seiner Wahrnehmung muslimischer Akteure.
- Gegenüberstellung beider Quellen zur Identifikation von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Beschreibung des "Anderen".
- Diskussion der Rolle religiöser Differenzen versus kriegerischer Realitäten für das Bild des Islam.
- Einordnung der historischen Ergebnisse in den Kontext langfristiger Entwicklungen christlich-islamischer Feindbilder.
Auszug aus dem Buch
2.2 Kritische Interpretation
Der westfränkischen Fortsetzung der karolingischen Reichsannalen wurde in den letzten Jahrzehnten eine große Bedeutung zugesprochen, da neben der chronologischen und sehr detaillierten Darstellung der Vergangenheit vor allem das Christentum als die „wahre“ Religion im Mittelpunkt steht. In diesem Zusammenhang erscheint die Erwähnung der andersgläubigen Sarazenen in Abgrenzung zum Christentum plausibel. Auf welche Art und Weise und in welchem Ausmaß die Muslime in den Annales Bertiniani dargestellt werden, soll die folgende Interpretation erläutern.
Die erste Erwähnung der Sarazenen findet sich in dem Bericht zum Jahr 838 n. Chr., welcher dem Bischof Prudentius zuzuordnen ist; in einem kurzen Abschnitt wird hier über die Verwüstung Marseilles durch sarazenische Seeräuberflotten berichtet. Auffällig ist, dass trotz dieser knappen Passage die Entführung unschuldiger Nonnen und Geistlicher sowie der Raub der christlichen Kirchenschätze betont werden. Der Autor stellt die kriegerischen Handlungen der Sarazenen gegen die wehrlosen Christen hier eindeutig in den Mittelpunkt, verzichtet aber auf diffamierende Bemerkungen bezüglich ihrer religiösen „Andersartigkeit“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema im Kontext aktueller gesellschaftlicher Debatten über religiöse Feindbilder und definiert das Ziel, den Ursprung dieser Wahrnehmungen im Frühmittelalter zu erforschen.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert detailliert die Annales Bertiniani sowie die Historiarum libri quinque, interpretiert die jeweiligen Autoren und stellt die Ergebnisse in einem vergleichenden Abschnitt gegenüber.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass bereits im Frühmittelalter ein christlich-islamisches Feindbild existierte, das maßgeblich durch kriegerische Konflikte geprägt war.
Schlüsselwörter
Frühmittelalter, Sarazenenbild, Annales Bertiniani, Historiarum libri quinque, Rodulf Glaber, Prudentius von Troyes, christlich-islamische Beziehungen, Feindbild, Religionsgeschichte, Mittelalter, Interkulturelle Wahrnehmung, historiographische Quellen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die frühmittelalterliche Wahrnehmung der "Sarazenen" (Muslime) durch christliche Autoren anhand zweier spezifischer Quellen, um den Ursprüngen religiöser Feindbilder auf den Grund zu gehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Annales Bertiniani und der Historiarum libri quinque, der Interpretation der Autorenintentionen sowie der vergleichenden Darstellung der Sarazenen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob sich aus den untersuchten Quellen ein differenziertes Bild der Muslime ableiten lässt oder ob diese bereits im frühen Mittelalter primär als religiöse Feindbilder konstruiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Quellenanalyse durchgeführt, die die Berichte der Autoren in ihren historischen und inhaltlichen Kontext einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Verfasser, die kritische Interpretation der jeweiligen Quellenstellen bezüglich der Sarazenendarstellung und einen anschließenden Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Frühmittelalter, Sarazenenbild, christlich-islamische Beziehungen, Feindbild, Historiographie und religiöse Wahrnehmung.
Welche Rolle spielen die "Annales Bertiniani" in der Analyse?
Sie dienen als eine der beiden Hauptquellen, wobei besonders die Berichte von Prudentius von Troyes daraufhin untersucht werden, wie er Muslime als politische Akteure oder militärische Gegner darstellt.
Warum spielt die Zerstörung der Grabeskirche eine besondere Rolle?
Dieses Ereignis dient als Fallbeispiel, an dem Glabers Darstellung von Christen und Muslimen sowie seine Tendenz, Juden für Konflikte verantwortlich zu machen, exemplarisch untersucht werden können.
- Quote paper
- Philipp Scheerer (Author), 2015, Zur Entstehung eines religiösen Feindbildes in der Geschichtsschreibung des abendländischen Frühmittelalters, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495303