Das Veränderte Aufgabenspektrum der Sozialen Arbeit aus der Perspektive des Ansatzes der zweiten Moderne nach Ulrich Beck


Bachelorarbeit, 2019
38 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reflexive Modernisierung und Risikogesellschaft in der zweiten Moderne
2.1 Industriegesellschaftliche erste Moderne
2.2 Zweite Moderne
2.2.1 Der Prozess der reflexiven Modernisierung
2.2.2 Risikogesellschaft, Risiken und Globalisierung
2.2.3 Individualisierung
Freisetzungsdimension
Die Entzauberungsdimension
Kontroll- oder Reintegrationsdimension
2.3 Zusammenfassung

3. Die Soziale Arbeit in der zweiten Moderne
3.1 Definition und klassische (industriegesellschaftliche) Funktion der Sozialen Arbeit
3.2 Individualisierung und Soziale Arbeit
3.2.1 Veränderte Risikolagen
3.2.2 Qualitative Ausdifferenzierung und quantitative Expansion
3.2.3 Lebensweltorientierte Hilfe zur Lebensbewältigung
3.3 Ökologisches Modernisierungsrisiko, Globalisierung und soziale Arbeit

4. Fazit und Kritik

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„Die Welt ist aus den Fugen. […] Die eine Feststellung jedoch, auf die wir uns jenseits aller Unterschiede und über alle Kontinente hinweg zumeist einigen können, lautet: ‚Ich begreife die Welt nicht mehr.‘“ (Beck 2017, S. 11)

Ulrich Beck versucht diese Unbegreifbarkeit in einem theoretischen Rahmen zu erfassen. Denn was wäre eine Soziologie, die sich den gesellschaftlichen Entwicklungen verschließen würde? Dieser theoretischen Rahmen stellt das Konzept der zweiten (reflexiven) Moderne dar.

Die Soziale Arbeit hat in diesem Kontext die Aufgabe, der aus den Fugen geratene Welt Sicherheit zu geben. Damit jedoch die Soziale Arbeit ein Verständnis über diese radikalen gesellschaftlichen Wandlungen gewinnen kann, ist sie auf sozialwissenschaftliche Gesellschaftskonstrukte angewiesen (vgl. Rauschenbach und Gängler 1992 a, S.7f.). Denn die Soziale Arbeit steht in besonderer Weise an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft (vgl. Schaarschuch 1996, S. 855). Otto und Seelmeyer betonen, dass die zentrale Funktion der Sozialen Arbeit die Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft ist. Dabei orientiert sie sich stets an den gesellschaftlichen Normalitätsmustern, die ihr bezüglich ihrer Funktionsbestimmung im Koordinatensystem zur Orientierung verhelfen (vgl. Otto und Seelmeyer 2004, S. 45 f.).

Die Frage nach Gesellschaft und Individuum ist für die Soziale Arbeit also fundamental. Um dieses komplexe Wechselspiel zwischen Subjekt und Gesellschaft nachvollziehen zu können ist die soziale Arbeit auf die Soziologie als Bezugswissenschaften angewiesen (vgl. Bereswill und Ehlert 2012, S. 341). Denn im Mittelpunkt der Soziologie steht dieses Wechselspiel. Individuelle Erfahrungen stehen in einen gesellschaftlichen Zusammenhang (vgl. Bereswill und Ehlert 2012, S. 338). In dieser Bachelorarbeit liefert

Ulrich Beck und sein Gesellschaftsmodell der zweiten Moderne den soziologischen Bezugsrahmen.

Diese Arbeit beschäftigt sich daher mit der Fragestellung: „Inwiefern hat sich das Aufgabenspektrum der Sozialen Arbeit in der zweiten Moderne nach Ulrich Beck verändert?“

Das Ziel hierbei ist es, die Auswirkungen des Beck’schen Modells auf die Soziale Arbeit zu analysieren. Zunächst gilt es, den Kontext, in dem sich die Soziale Arbeit als Akteur bewegt, zu beschreiben. Das Gesellschaftsmodell der zweiten Moderne nach Ulrich Beck liefert diesen Kontext. Dazu ist im ersten Strukturpunkt (2.1) auf die zweite

Moderne von Beck einzugehen. Diese Theorie weist auf einen Gestaltwandel der Industriegesellschaft der ersten Moderne hin. Um die zweite (reflexive) Moderne von Beck besser begrifflich abzugrenzen, sind zunächst kurz die Charakteristika der ersten (einfachen) Moderne zu beschreiben. Die zweite Moderne wird anschließend dargestellt (2.2). Diese zweite Moderne bildet sich in einem Prozess der reflexiven

Modernisierung heraus (2.2.1). Dabei sind die Merkmale Risiken, Globalisierung (2.2.2) und Individualisierung (2.2.3) deshalb besonders hervorzuheben , da sie im zweiten Teil (3.) dieser Bachelorarbeit besonders im Fokus stehen. Um auf das veränderte Aufgabenspektrum einzugehen, ist zunächst die klassische Funktion der sozialen Arbeit in der ersten Moderne zu erläutern. Wie sich die von Beck beschriebene Individualisierung in der zweiten Moderne auf das Aufgabenspektrum der Sozialen Arbeit auswirkt wird darauffolgend dargelegt (3.2). Wie die Soziale Arbeit mit den weiteren Aspekten der zweiten Moderne, den ökologischen Risiken und der Globalisierung umgeht wird nachfolgend erörtert (3.3).

2. Reflexive Modernisierung und Risikogesellschaft in der zweiten Moderne

Um das theoretische Grundgerüst der zweiten Moderne von Ulrich Beck zu veranschaulichen, ist zunächst eine begriffliche Präzisierung der zweiten Moderne vorzunehmen. Dazu bietet es sich an diese von ihrer vorherigen Stufe, der ersten Moderne, abzugrenzen. Beck spricht von der industriegesellschaftlichen ersten Moderne, die sich in einem Prozess der einfachen Modernisierung aus der

Agrargesellschaft gebildet hat (vgl. Volkmann 2007, S. 24). Wie zuvor die Agrargesellschaft befindet sich die daraus hervorgegangene Gesellschaft, die erste Moderne, in einem Prozess der reflexiven Modernisierung, der wiederum zur risikogesellschaftlichen zweiten Moderne führt (vgl. Beck 2001, S. 11).

2.1 Industriegesellschaftliche erste Moderne

Die industriegesellschaftliche erste Moderne ist an einer nationalstaatlichen Logik orientiert. Die Gesellschaften der ersten Moderne sind territorial gebunden. Dabei ist die Industriegesellschaft der ersten Moderne als Großgruppen- und Kollektivgesellschaft zu sehen. Sie zeichnet sich durch eine programmatische Individualisierung aus. Die Kollektive und Großgruppen begrenzen, programmieren in gewisser Weise die Lebensmuster der Individuen. Die Individuen in der ersten Moderne gelten als frei und gleich. Die Vergemeinschaftung in Kollektiven wird nicht als Zwang, sondern als Wahl verstanden. Dennoch findet die Freiheit und Gleichheit ihre Grenzen in der Rollenverteilung. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist nur eine Form des Ausdrucks dieser Rollenverteilung und der Organisation der Erwerbsarbeit. Auch sind die Kollektive, die ständisch geprägten proletarischen bürgerlichen Milieus die

Voraussetzung für die charakteristische Klassenbildung der ersten Moderne (vgl. Beck 2001, S.20ff.). Die Institutionen und Subjektgrenzen (soziokulturelle, institutionelle und in technischer Hinsicht) werden in der ersten Moderne als begrenzt, eindeutig und nichtwidersprüchlich gedacht. Dabei unterliegen diese Grenzziehungen einer eindeutigen konstanten Grundlage, auf dessen die Individuen und Institutionen hausen (vgl. derselbe 2001, S.46).

Die Gesellschaft der ersten Moderne ist eine kapitalistisch geprägte

Erwerbsgesellschaft, mit der Vollzeitbeschäftigung als dominierende Arbeitsform. Auch die Differenzierung von Gesellschaft und Natur, das strikte trennen dieser beiden Systeme prägte die erste Moderne. Wobei der Mensch in dieser Beziehung die Zähmung und Nutzbarmachung der Natur plante. Die Natur scheint als eine neutrale Ressource, die unbegrenzt zu Verfügung steht.

Die Funktion des wissenschaftlichen Teilsystem der ersten Moderne lag darin, über instrumentelle Kontrolle die Natur zu beherrschen. Die Wissenschaft wurde als Entzauberung der Welt gedacht, also die Berechenbarkeit, Beherrschbarkeit der Natur und das lüften ihrer Geheimnisse. In der ersten Moderne kommt dem wissenschaftlichen System noch ein Begründungsmonopol zu. Diskurse werden durch wissenschaftliche Begründungen geschlossen (vgl. derselbe 2001, S.41). Auch versteht die Gesellschaft der ersten Moderne ihre Entwicklung als Prinzip der funktionalen Differenzierung. Gesellschaftliche Teilsysteme grenzen sich zunehmend ab und Entwicklung wird als

Komplexitätszuwachs verstanden (vgl. derselbe 2001, S.21). Ökonomie, Politik, Verwaltung, Kultur und Wissenschaft werden als getrennt und hierarchisch erfahren. Dabei vollzieht sich eine Aufwertung des Theorie- und des Überprüfungswissen, bei gleichzeitiger Abwertung des Berufs- und Erfahrungswissen. Dadurch setzt sich eine Hierarchie zwischen den Experten und den Laien durch. Die erste Moderne, so Ulrich Beck, sieht ihre Entwicklung und Strukturen als selbstverständlich an, als naturalisiert, als unveränderbar (vgl. derselbe 2001, S.22). In der ersten Moderne werden ihre produzierten Nebenfolgen und nicht-behebbare Ungewissheit vorerst ausgeblendet (vgl. derselbe 2001, S.41). In der klassischen Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts dominiert die Logik der Reichtums Produktion die Logik der Risikoproduktion (vgl. derselbe 1986, S. 17).

Diese erste Moderne hat sich in einem Prozess der einfachen Modernisierung herausgebildet. Dabei gab es klare Konflikte zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen oben und unten. Auch stellte der Motor, die Motivation der einfachen Modernisierung, neue Gesellschaftslehren dar, gegen die sich die Herrschenden lehnen, um die alte Ordnung aufrecht zu erhalten (zum Beispiel Sozialismus nach Marx, Engels und Lenin). Zudem bildete sich eine neue herrschende Klasse, neue Eliten von unten, die bereit waren, diese Utopien durchzusetzen (vgl. derselbe, 2001 S.18f). Der Prozess der einfachen Modernisierung stellt die Auflösung der Traditionen der Agrargesellschaft dar und ihr liegt die bewusste Entscheidung gegen die Traditionen und für den Fortschritt zu Grunde. Diese prozesshafte Entwicklung führte zur Phase der Industriegesellschaft (vgl. Volkmann 2007, S. 24). Sie meint die Rationalisierung der Traditionen (vgl. Beck 1992, S.186).

2.2 Zweite Moderne

Das zentrale Thema der Beck’schen Werke ist der Gestaltwandel der ersten Moderne. Die Zweite Moderne ist von globalisierungs- Tendenzen geprägt. Diese Globalisierung ist in Industrie, Kultur und Politik zu bemerken. Sie untergräbt das nationalstaatliche, naturalisierte Selbstverständnis der ersten Moderne (vgl. ders. 2001, S.23). Anstelle des Kollektivs tritt die zunehmende Individualisierung. Seit den sechziger Jahren ist eine

Erosion der Kollektivgesellschaft, der Klassen zu bemerken, ausgelöst durch ein Individualisierungsschub auf der Basis der Modernisierung des Wohlfahrtstaates. Die Geschlechterrevolution als Teil der Individualisierung ist ebenfalls ein wichtiges Merkmal der zweiten Moderne und bringt die Strukturen des Arbeitsmarktes, aber auch der Familie durcheinander (ebd.). Auch die Vollzeitbeschäftigung ist am Erodieren. Zunehmend flexible Unterbeschäftigung werfen die Verhältnisse durcheinander.

Dadurch wird die finanzielle Absicherung in der zweiten Moderne immer prekärer. Die Differenzierung von Natur und Gesellschaft ist ohne weiteres nicht mehr möglich. Die Risikoproduktion nimmt z.B. in Form von ökologischen Krisen und großtechnischen Risiken (Modernisierungsrisiken) zu. Es ist nunmehr kaum noch möglich die Natur als eine unendliche, neutrale Ressource zu begreifen. Ulrich Beck redet in diesem

Zusammenhang von einer „Revolution der Nebenfolgen“ (ebd.). Die institutionalisierten Antworten der ersten Moderne, durch mehr und bessere Technik auf ihre selbst erzeugten Probleme greifen nicht mehr (ebd.). Ulrich Beck sieht das Ende der klassischen Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts mit „ihren Vorstellungen von nationalstaatlicher Souveränität, Fortschrittsautomatik, Klassen Leistungsprinzipien, Natur, Wirklichkeit, wissenschaftlicher Erkenntnis usw.“(vgl. derselbe 1986, S. 10).

Zudem dient der Begriff der zweiten Moderne zur begrifflichen Abgrenzung von der Postmoderne. Während die Postmoderne die Dekonstruktion und das Ende der Moderne betont, ist die zweite Moderne als Rekonstruierung gedacht. Zudem soll die Unterscheidung zwischen erster und zweiter Moderne deutlich machen, dass die Moderne nicht linear ist und von Brüchen und Entwicklungsschüben geprägt ist (vgl. derselbe 2001, S. 17). Während die Postmoderne die neue Offenheit und Pluralität der

Grenzen behauptet, zeichnet sich die zweite Moderne durch neue Ab- und Eingrenzungspraktiken aus (vgl. derselbe 2001, S. 39). Die Postmoderne unterliegt einer geringen Begründungsnotwendigkeit und einer Beliebigkeit der Grenzziehung. In der zweiten Moderne besteht diese Begründungsnotwendigkeit weiterhin, sie wird jedoch dahingehend erweitert, dass auch alternative Begründungen akzeptiert werden (vgl. derselbe 2001, S. 41). Die zweite Moderne eröffnet ein neues Spielfeld, während die Postmoderne eher als ein Abschied vom Spielfeld, als eine De-Konzeptionalisierung oder De-Strukturierung zu sehen ist (vgl. derselbe 2001, S. 14). So eröffnet die zweite Moderne das neue Spielfeld, indem neue Rationalitätskonzepte entworfen werden. Überall wo Entscheidungen getroffen werden müssen, ist es im Sinne der zweiten Moderne, konsensfähige Verfahren zu entwickeln (vgl. derselbe 2001, S. 36).

2.2.1 Der Prozess der reflexiven Modernisierung

Aus einem Prozess der reflexiven Modernisierung bildet sich die risikogesellschaftliche zweite Moderne. Die reflexive Modernisierung ist die Rationalisierung dieser Rationalisierung (vgl. derselbe 1992, S. 186). Die aus der einfachen Modernisierung entstandene Vernunft wird nun reflektiert und hinterfragt. Sie soll dabei diesen Wandel von der ersten (einfachen) Moderne in eine andere (zweite) Moderne analysieren (vgl. Schroer 2009, S.493). Reflexion meint hier „Selbstkonfrontation: Der Übergang von der Industrie- zur Risikoepoche vollzieht sich ungewollt, ungesehen, zwanghaft im Zuge der verselbständigten Modernisierungsdynamik nach dem Muster der latenten Nebenfolgen“(Beck 1993, S. 38).

Dies reflexive Modernisierung unterscheidet sich dahingehend von der einfachen Modernisierung, als dass sie nicht durch eine Revolution eingeleitet wird, sondern sie ist vielmehr ein unbewusster, unreflektierter Prozess (vgl. Schroer 2009, S.494). Dieser Wandel geschieht unvorhergesehen und ungewollt (vgl. Beck 2001, S.13).

Die zentralen Merkmale dieses Prozesses beinhalten die „reflexartige Selbstgefährdung industriegesellschaftlicher Grundlagen durch erfolgreiche gefahrenblinde Weitermodernisierung einerseits und das Bewußtsein, die Reflexion dieses Verhältnisses“(derselbe 1993, S. 44).

Mit „reflexartiger Selbstgefährdung industriegesellschaftlicher Grundlagen“ ist die Auflösung der im Prozess der einfachen Modernisierung hervorgerufenen traditionellen industriegesellschaftlichen Gesellschaftsformen gemeint. „Reflexive Modernisierung meint die Modernisierung der Moderne: Die westliche Moderne wird sich selbst zum Thema und Problem“ (derselbe 2001, S. 11). Die Basisprinzipien und die Grundstrukturen lösen sich im Zuge dieser reflexiven Modernisierung auf. Der gesellschaftliche Rahmen verändert sich und muss neu verhandelt werden: Die Auffassung von Gesellschaft und Nationalstaat als unzertrennliche Einheit, industrielle Beziehungen, die Arbeitsformen, die standardisierten Erwerbsbiografien und klare Geschlechterrollen sind nur einige Beispiele dieses Verhandlungsprozesses (vgl. derselbe 2001, S. 12 f.). Beck spricht von einem Epochenbruch der ersten Moderne (vgl. derselbe 2001, S. 25). Reflexive Modernisierung wird als Folge der Modernisierung verstanden und betrifft alle Bereiche der Gesellschaft. Sie wendet sich gegen die Nachkriegsmoderne, die nun zur begründungsbedürftigen Tradition wird (vgl. derselbe 2001, S. 31).

Dabei vollzieht sich diese reflexive Modernisierung radikal. Mit ‚radikal’ meint Beck die Ganzheitlichkeit, nachdem dieser Prozess vonstattengeht. So gab es beispielsweise in der ersten Moderne immer noch Schutzzonen, die von der Logik der Modernisierung nicht tangiert wurden und somit nicht von der marktorientierten Rationalisierung und vom Leistungsprinzip betroffen waren. Hier sind die Kleinfamilien, die marktferne Frauenrolle und die ständische Vergemeinschaftung zu nennen. Diese geschaffenen Traditionen, diese Schutzzonen, sind nun der reflexiven Modernisierung ausgeliefert. Sie werden gestaltbar und neu definierbar (vgl. derselbe 2001, S. 34). Durch diese Radikalität der reflexiven Modernisierung wird auch das rationale Selbstverständnis der ersten Moderne dieser Neudefinition ausgeliefert. Was in der ersten Moderne als rational galt, wird während der reflexiven Moderne neu reflektiert. Dadurch kommen alternative Wissensformen ins Spiel, die früher nicht in das Rationalitätsmodells passten. Die unmittelbare Konsequent ist eine Vervielfältigung der alternativen

Lösungsmöglichkeiten. (vgl. derselbe 2001, S. 35 f.). Die Wissenschaft verliert ihre lineare Definitionshoheit. Vielmehr liefert sie miteinander konkurrierende Forschungsergebnisse, die widersprüchlich und anzweifelbar sind. Die Individuen in der zweiten Moderne stehen einem Dilemma gegenüber. Einerseits sind die Subjekte auf die Definition der Expertensysteme angewiesen, die jedoch andererseits keine eindeutigen Lösungen mehr liefern (vgl. Schroer 2009, S.500). Dadurch ist das Expertensysteme als Lösungslieferanten nicht mehr zuverlässig und die Laiensysteme als alternative Lösungslieferanten gewinnen zunehmend an Relevanz (vgl. Beck 1986, S. 255ff.). Beck redet in diesen Zusammenhang von Subpolitiken, was so viel meint wie: „Gesellschaftsgestaltung von unten“ (Beck 1993, S. 164, zit. n. Schroer 2009 S.508). Durch diesen Relevanzgewinn der Laien wächst plötzlich ihrerseits das politische Veränderungspotential. Die Bedeutung von Bürgerinitiative, sozialen Bewegungen und Nichregierungsorganisationen wächst (vgl. Schroer 2009, S.508).

Zudem kann erst dann von einer reflexiven Modernisierung die Rede sein, wenn das „ erfolgreiche gefahrenblinde Weitermodernisierung einerseits und das Bewußtsein, die Reflexion dieses Verhältnisses“ Thema in öffentlichen und privaten Debatten wird (Beck 1993, S. 44). Die reflexive Moderne beginnt dort, wo Risiken für eine öffentliche Reflexion bisheriger technischer Sicherheitsversprechen sorgen (vgl. derselbe 2001, S. 33). Der Antrieb dieses gesellschaftlichen Wandels stellen vor allem „Risiken, Gefahren, Individualisierung und Globalisierung“ dar (Beck 1996a S.40, zit n. Schroer 2009, S.494).

2.2.2 Risikogesellschaft, Risiken und Globalisierung

Ausschlaggebend für die reflexive Modernisierung sind vor allem die von Menschen in der Industriegesellschaft erzeugten Nebenfolgen. Als symbolisches Ereignis für den Umschwung von der Industriegesellschaft zur industriellen Risikogesellschaft sieht Beck die Tschernobyl Atomwerkkatastrophe, auf die er zu Anfang seines 1986 erschienenes Buch gleich zu Beginn eingeht (vgl. 1986 Beck, S.7). Unter Risikogesellschaft versteht Beck das Hervortreten der von Menschen geschaffenen Risiken (vgl. Beck 1988, S.109). Dabei differenziert Ulrich Beck zwischen Reichtum, welche er als erstrebenswerte und knappe Ressource wie Bildung, Einkommen und Konsumgüter definiert. Risiken hingegen sind ein Beiprodukt der Modernisierung und stellen eine Bedrohung dar (vgl. Volkmann 2007, S.26).

Die Risikogesellschaft der zweiten Moderne beginnt nach Beck dort, wo die von der Industriegesellschaft produzierten latenten Risiken in Erscheinung treten. Indem die Nebenfolgen Thema öffentlicher und privater Debatten werden, wird ein Prozess der Aufklärung in Gang gesetzt (vgl. Beck 1993, S. 44).

Diese unsichtbaren Gefahren zeichnen sich durch ihre Globalität aus, sie können das ganze Leben auf dem Planeten Erde betreffen und gefährden, diese Risiken machen keinen halt vor Klassen, alle sind gleichermaßen betroffen (vgl. Beck 1986, S.48). Denn „Schadstoffe im Trinkwasser machen auch nicht halt vor den Trinkwasserhähnen der Generaldirektoren“ (derselbe 1992, S. 195). Die Risiken sind nicht mehr lokal begrenzbar und gruppenspezifisch wie noch im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie sind global, überschreiten nationale Grenzen und sind klassenunspezifisch (vgl. Beck 1986, S. 15 f). Beck redet hier von Globalisierung. Diese Globalisierung zeigt sich in Industrie, Kultur und Politik. Sie bezieht sich nicht nur auf ökonomische Faktoren, wodurch sie das nationalstaatliche und naturalisierte Selbstverständnis der ersten Moderne untergräbt (vgl. Beck 2001, S. 23). Globalisierung nach Beck meint: „Die Einheit von Nationalstaat und Nationalgesellschaft zerbricht; es bilden sich neuartige Macht- und Konkurrenzverhältnisse, Konflikte und Überschneidungen zwischen nationalstaatlichen Einheiten und Akteuren einerseits, transnationalen Akteuren, Identitäten, sozialen Räumen, Lagen und Prozessen andererseits“(Beck 1997, S.47)

Die industriegesellschaftlich dominierende Reichtumsproduktion gab den Menschen noch vor, was er tun sollte, um dieser Logik zu entsprechen. Die dominierende Risikoproduktion gibt den Menschen lediglich vor, was es zu unterlassen gilt (vgl. Volkmann 2007, S. 27). In der Risikogesellschaft der zweiten Moderne dominiert die Risikoproduktion die Reichtumsproduktion, dass Verhältnis kippt um (vgl. Beck 1986, S.17).

Die Risikoproduktion nimmt in Form von ökologischen Krisen und großtechnischen Risiken (Modernisierungsrisiken) zu. Es ist kaum noch möglich, die Natur als eine unendliche neutrale Ressource zu begreifen, da die vom Menschen geschaffenen Risiken unmittelbaren Einfluss auf die ökologische Umwelt haben. Beck spricht hier von einer „Revolution der Nebenfolgen“ (vgl. derselbe 2001, S. 23). Diese ökologischen

Risiken können zudem nicht mehr mit gewährten Methoden bekämpft werden. Das alte Prinzip, Probleme mit besserer Technik zu bekämpfen greift nicht mehr (ebd.).

Diese Modernisierungsrisiken stellen die Nebenprodukte mehrerer gesellschaftlicher

Teilsysteme dar. Sie sind nicht auf die Politik, Wissenschaft oder Wirtschaft reduzierbar

(vgl. Volkmann 2007, S. 31). Die Wissenschaft produziert Risiken, da deren Erkenntnisse zur Naturbeherrschung im wirtschaftlichen System umgesetzt werden (vgl. dieselbe 2007, S. 29). Somit kann die Wirtschaft als direkter Produzent von

Modernisierungsrisiken angesehen werden, jedoch nicht als alleiniger Verantwortlicher (vgl. dieselbe 2007, S. 30). Die Wissenschaft ist das einzige System, welches die Komplexität der Risiken erfassen kann. Damit erfüllt sie eine paradoxe Funktion. Neben der Risikoproduktion ist sie ebenso für die Risikobewältigung unabdingbar. Ihre Erkenntnisse über die kausalen Zusammenhänge der wirtschaftlich-industriellen Produktion und über die ökologischen Nebenfolgen resultieren in Umwelttechnologien.

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Das Veränderte Aufgabenspektrum der Sozialen Arbeit aus der Perspektive des Ansatzes der zweiten Moderne nach Ulrich Beck
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
2
Autor
Jahr
2019
Seiten
38
Katalognummer
V495333
ISBN (eBook)
9783668999893
Sprache
Deutsch
Schlagworte
veränderte, aufgabenspektrum, sozialen, arbeit, perspektive, ansatzes, moderne, ulrich, beck
Arbeit zitieren
Hendrik Maushake (Autor), 2019, Das Veränderte Aufgabenspektrum der Sozialen Arbeit aus der Perspektive des Ansatzes der zweiten Moderne nach Ulrich Beck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495333

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