Die Legitimation von Sklaverei bei Aristoteles


Essay, 2015
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Die Legitimation von Sklaverei

Aristoteles arbeitet in seinem ersten Buch der Politik verschiedene Formen von Herrschaft heraus und legitimiert diese. So versucht er auch u.a. die Existenz der Sklaverei zu begründen. In folgender Abhandlung sollen die Legitimitätsgründe für Sklaverei herausgearbeitet und kritisch überprüft und hinterfragt werden.

Aristoteles versucht das Wesen eines Staates zu erfassen, indem er es in seine kleinsten Teile zerlegt und untersucht. Erst wenn jeder einzelne Teil seine Funktion erfüllt, dann erfüllt auch das Ganze seinen Sinn und Zweck. Der Mensch kann nicht autark leben und muss deshalb seine Funktion als Teil eines Ganzen ausüben. Als den kleinsten Teil eines Staates identifiziert Aristoteles die Beziehung zwischen Mann und Frau und nennt das daraus entstehende Gebilde das Haus. Zu einem Haus gehören neben dem bereits erwähnten Mann und seiner Frau auch Kinder, Sklaven und Besitz. Aus mehreren Häusern setzt sich dann ein Dorf zusammen und mehrere Dörfer bilden folglich den Staat.1 Soviel zum Aufbau eines Staates.

Interessanter jedoch sind die Formen der Herrschaft, die Aristoteles beschreibt. Er unterscheidet in zwei verschiedene Formen: Die despotische Herrschaft der freien, zur Herrschaft befähigten Menschen über die zur Herrschaft unfähigen Sklaven, sowie die politische Herrschaft von freien Menschen über ebenfalls freie Menschen.2 Widmen wir uns nun primär der despotischen Herrschaft, da diese das Herrschaftsverhältnis zwischen den freien Herren und den beherrschten Sklaven beschreibt. Die Begründung für die Existenz von Menschen, die zur Herrschaft unfähig sind und ergo beherrscht werden müssen, sieht Aristoteles in dem Aufbau der menschlichen Seele und ihrem Zusammenwirken mit dem menschlichen Körper. Grundsätzlich sieht Aristoteles in jedem Ganzen, welches aus Teilen aufgebaut ist (so auch die Hausgemeinschaft) immer ein Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten und es ist immer dort zuträglicher, wo der zum Herrschen Befähigte herrscht. Er unterscheidet den Menschen in Körper und Geist. Immer, wenn der Körper den Geist regiert, sei es schlecht, andersrum aber gut. Es existiere hier also ein despotisches Herrschaftsverhältnis. Der Geist selbst ist wiederum in einen vernunftbegabten und einen leidenschaftsbegabten Seelenteil unterteilt, wobei hier der vernunftbegabte über den leidenschaftsbegabten Teil in politischer Weise herrschen soll. Wer nun also von Natur aus einen gering ausgeprägten, vernunftbegabten Seelenteil besitzt, der ist von Natur aus ein Sklave. Bei denjenigen, bei denen dieser vernunftbegabte Seelenteil allerdings stark ausgeprägt ist, der ist zur Herrschaft geboren. Logischerweise ist es nun besser, dass der zur Herrschaft Befähigte herrscht, damit es zum Wohle aller regiere. Denn der Sklave benötigt die Rationalität des Herrn, um zum Wohle beider seine körperliche Arbeit zu verrichten.3 Ob man nun freier Herr oder Sklave wird, ist also nach Aristoteles von Geburt an determiniert. Dass dieses Verhältnis nicht nur natürlich, sondern auch gerecht ist, wird von Aristoteles ebenfalls so behauptet. Dafür muss man einen Blick in seine Nikomachische Ethik werfen, denn in ihr beschreibt Aristoteles Gerechtigkeit folgendermaßen: „Die Proportionen der verteilten Güter müssen gleich den Proportionen der relevanten Eigenschaften sein.“4 Damit ist es somit gerecht, dass diejenigen, die die Fähigkeit zu herrschen besitzen, auch herrschen müssen. Wer dies nicht einhält, der handelt folglich unrechtsmäßig.

Dass die Argumentation Aristoteles´ ungeklärte Lücken aufweist, ist nicht von der Hand zu weisen. Aristoteles trifft diese Unterscheidung von der Geburt eines jeden Menschen an.5 Doch wie will man einem Säugling seinen Seelenaufbau ansehen? Und selbst, wenn man diese Unterscheidung erst später trifft, so gibt es doch keine objektiven Messgeräte, um den Anteil eines gewissen Seelenteils bestimmen zu können. Weiterhin bleibt ungeklärt, wer dieser Unterscheidung wann, wo und wie trifft. Eine gewisse Willkür ist hier bereits vorprogrammiert. Die theoretischen Ausführungen des Aristotles über die Natürlichkeit von Herrschaft sind noch weitgehend einleuchtend, aber deren Umsetzung ist es nicht mehr. Wenn man nun einmal annehmen würde, dass der von Aristoteles so analysierte Aufbau einer Seele tatsächlich die Zugehörigkeit einer Person zu dem Stand der Sklaven determinieren würde, so ist dennoch nicht geregelt, wie man etwas derartig Metaphysisches greifbar und messbar machen könnte. Sicherlich war Aristoteles ein Theoretiker und man kann an ihn nur bedingt den Anspruch haben, dass er in der Praxis umsetzbare Ratschläge liefert, dennoch stellt er den Leser vor eine kaum überwindbare Lücke in seinen Ausführungen, die ihn an der Sinnhaftigkeit seiner Argumentation zweifeln lassen.

Weiterhin stellt sich die Frage, ob das Fehlen, bzw. das geringe Vorhandensein des vernunftbegabten Seelenteils vererbbar ist. Ist der Nachwuchs eines Sklavenpaares automatisch auch ein Sklave? Aristoteles lässt diese Frage gänzlich unbeantwortet. Dabei kommt ihr eine nicht gerade geringe Bedeutung bei, denn sie entscheidet, ob es prinzipiell möglich ist, aus dem Stand der „Unfreien“ in den Stand der Freien zu wechseln.

Des Weiteren stellt Aristoteles fest, dass die

„Körper der Freien und Sklaven verschieden […] gestaltet [sind], die einen kräftig für die Beschaffung des Notwendigen, die anderen aufgerichtet und ungeeignet für derartige Verrichtungen, doch brauchbar für das politische Leben.“6

Diese Annahme erscheint nach einer genaueren Betrachtung nicht schlüssig, denn es würde bedeuten, dass es einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zu herrschen und der körperlichen Verfassung der jeweiligen Person gäbe. Um dies zu widerlegen, braucht es keine groß angelegten Studien, sondern es genügt ein Blick auf die Menschen, die einen jeden persönlich umgeben. Eine Korrelation von ausgeprägter Rationalität gepaart mit körperlicher Schwäche sowie andersherum ist hier schlichtweg nicht festzustellen.

Ein weiterer Punkt stößt auf Unverständnis. Denn allein die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die nur auf eine Anweisung einer anderen Person hin zum Überleben fähig sind, scheint grotesk. Sicherlich gibt es immer wieder Menschen, die maßgeblich auf die Hilfe anderer angewiesen sind, aber daraus abzuleiten, dass diese Menschen beherrscht und ihrer Persönlichkeitsrechte beraubt werden müssen, ist in keiner Weise einleuchtend. Außerdem ist die Zahl derer, auf die dieser Umstand zutrifft, wohl derartig gering, dass damit nicht die doch große Anzahl an Sklaven in der Antike gerechtfertigt werden könnte. Dass es Menschen gibt, die eine Fähigkeit zum Herrschen besitzen und es wiederum Menschen gibt, die diese Fähigkeit nicht besitzen ist auch heute noch so nachvollziehbar und gesellschaftlich anerkannt. Der Mensch ist nun mal mit unterschiedlichen Fähigkeiten ausgestattet, aber darin liegt erst einmal nichts Verwerfliches, sondern es liegt in der Natur der Sache. Aristoteles erkennt diesen Umstand, doch seine Schlussfolgerungen daraus sind nicht logisch nachvollziehbar. Die unterschiedliche Verteilung der Fähigkeit zu herrschen beweist in Grunde nur, dass es Menschen gibt, die nicht herrschen können und nicht, dass diese zwangsläufig beherrscht werden müssen. Und zwar einer Form der Herrschaft, die sie lediglich zu Befehlsempfängern degradiert und ihnen jegliche Eigenverantwortung (und damit auch die persönlichen Rechte) abspricht. Diese Folgerung ist schwer nachvollziehbar. Wie oben bereits festgestellt wurde, ist die Anzahl derjenigen Menschen, die eine ständige Begleitung von außen benötigen, wohl ziemlich gering. Also wieso sollte ein Mensch, der zwar nicht zur Herrschaft befähigt ist, aber dennoch einen gewissen Anteil an der Vernunft, besitzt zwangsläufig rigoros beherrscht werden?

Vor allem der Blick auf die Notwendigkeit einer Herrschaftsform zwischen den freien Bürgern, die Aristoteles später beschreibt7, stellt er den kritischen Betrachter vor die Frage, wo genau die Grenze zwischen den Freien, die von Freien beherrscht werden, und den Sklaven, die ebenfalls von Freien beherrscht werden, liegt. Während die Erstgenannten zwar prinzipiell zur Herrschaft befähigt sind, die Zweitgenannten aber nicht, die Erstgenannten aber trotz ihrer angeborenen Fähigkeit zu herrschen ebenfalls beherrscht, ihrer Rechte aber nicht beraubt werden, stellt sich doch die Frage, wieso es einen derartig gravierenden Unterschied zwischen den beherrschten Freien und den beherrschten Unfreien, den Sklaven gibt.8 Aristoteles nennt auch hier wiederum keinen triftigen Grund, weshalb die Einen beherrscht werden, ohne ihre Rechte zu verlieren, und die Anderen beherrscht werden und ihre Recht verlieren.

Ein letzter Punkt, der gegen die Argumentation Aristoteles´ einzuwenden wäre, ist seine Abhandlung darüber, dass der Sklave nicht nur beherrscht werden müsse, sondern, dass er vielmehr der „beseelte Besitz“9 des Herrn sei. Das allgemeine Kennzeichen eines Sklaven ist es bekanntermaßen, dass der Sklave einem anderen Menschen vollumfänglich gehört. Besitz wiederum zeichnet sich dadurch aus, dass der Besitzer in der Verfügung seines Besitzes vollkommen frei ist. Wie bereits ausgeführt, ist es die Natur eines Sklaven beherrscht zu werden, da er allein durch die Rationalität seines Herrn seine Arbeitskraft sinnvoll einsetzen und somit seine Funktion als Teil eines Ganzen erfüllen kann. Wenn man dies und die dazugehörige Begründung (den Aufbau der Seele) betrachtet, so fehlt ein stichhaltiges Argument, wieso ein Mensch, der zwar von seinem Herrn beherrscht werden muss, in der Folge auch der Besitz dieses Menschen mit den oben skizzierten Folgen wird. Ebenso wie im vorherigen Abschnitt fehlt hier eine kausale Begründung dieses scheinbaren Zusammenhangs. Wieso soll ein Mensch, der zwar gemäß seiner Natur beherrscht werden muss (dieser Umstand wurde bereits kritisch beleuchtet), automatisch in den Besitz desselben Herrschers übergehen? Aristoteles „begründet“ zwar die Natur des Sklaven, die eine Beherrschung voraussetzt, aber nicht, warum diese scheinbar notwendige Beherrschung als eine hinreichende Bedingung für seinen Status als Besitz eines Herrn gelten soll.

Letzten Endes weisen die Argumentationsstränge des Aristoteles erhebliche Mängel auf. Wie bereits ausführlich erklärt wurde, ist die Herleitung der Notwendigkeit von Herrschaft noch einleuchtend und in sich schlüssig, ebenso wie der Punkt, warum es Menschen gibt, die zur Herrschaft befähigt sind, und es Menschen gibt, die es nicht sind. Dennoch ergibt sich aus dieser Argumentation des Aristoteles kein kausaler Zusammenhang zwischen einer Unfähigkeit zu Herrschen und einer Bevormundung durch einen Herrn. Erst recht erschließt sich dem heutigen, kritischen Leser nicht, wieso diese Menschen als bloßer Besitz (Aristoteles vergleicht Sklaven sogar mit Werkzeugen)10 gelten sollen.

[...]


1 Vgl. Aristoteles (1996): „Politik. Erstes Buch“ In: Ders.: Aristoteles Politik. Hrsg. Gigon, Olof. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. S. 47-50.

2 Vgl. Seel, Gerhard (1987): „Die Rechtfertigung von Herrschaft in der ,Politik‘ des Aristoteles.“ In: Patzig, Günther (Hrsg.): Aristoteles´ ,Politik‘. Akten des XI. Symposium Aristotelicum Friedrichsafen/Bodensee 25.8. – 3.9. 1987. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 36.

3 Vgl. Aristoteles (1996): 52-54.

4 Gerhard (1987): 49.

5 Vgl. Aristoteles (1996): 52.

6 Aristoteles (1996): 54.

7 Vgl. Gerhard (1987): 58-59.

8 An dieser Stelle sei vernachlässigt, dass Aristoteles die Herrschaft zwischen den Freien als eine andere Herrschaft charakterisiert, als die Herrschaft zwischen den Freien und Unfreien. Hier soll es einzig allein um den Umstand des „beherrscht-werdens“ gehen.

9 Aristoteles (1996): 51.

10 Vgl. Aristoteles (1996): 51.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Legitimation von Sklaverei bei Aristoteles
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
6
Katalognummer
V495519
ISBN (eBook)
9783346006424
Sprache
Deutsch
Schlagworte
legitimation, sklaverei, aristoteles
Arbeit zitieren
Andreas Schumacher (Autor), 2015, Die Legitimation von Sklaverei bei Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495519

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