Das getrennte Ich. Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Innen- und Außenwelt innerhalb der freudschen Psychologie


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1.0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Strukturmodell der Psyche

2. Ich, Es und Körper-Ich
2.1 Exkurs: Körper und Leib
2.2 Exkurs: Leibliche Erfahrung als jenseits von innen und außen

3. Der Ödipuskomplex: Introjektion als Kommunikation mit dem Außen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, die Psychologie Sigmund Freuds anhand des Begriffspaares Innen- und Außenwelt zu untersuchen und deren Verhältnis und Beziehung zueinander zu skizzieren. Besonderes Augenmerk soll dabei auf die Verbindungslinien diesen beiden Welten gelegt, also der Frage nachgegangen werden, wie diese beiden Orte miteinander in Kommunikation stehen können.

Die Arbeit beginnt dabei mit einer allgemeinen Vorstellung des freudschen Strukturmodells der Psyche, die das Ziel hat, in grundlegende Begriffe, als auch das Weltbild Freuds einzuführen. Das zweite Kapitel wird sich daraufhin näher mit dem freudschen Ich und dessen Rolle als Mittler zwischen innen und außen beschäftigen. Hierbei wird insbesondere der Körper und dessen besondere, zweifache Rolle diskutiert, die in einem Exkurs der Leibphänomenologie Hermann Schmitz‘ gegenübergestellt wird. Das dritte Kapitel schließlich wird den Ödipuskomplex vorstellen und dessen zugrundeliegenden Prozess der Introjektion als Kommunikationsform zwischen innen und außen interpretieren, auch sollen hier die sozialen Gefühle als Verbindung von Ich und Wir besprochen werden.

Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Darstellung der Ergebnisse.

1. Das Strukturmodell der Psyche

Im folgenden Kapitel möchte ich einige Grundgedanken Freuds aufführen, die mir zum Verständnis der Vorstellung einer Innen- und Außenwelt notwendig scheinen. Hierbei möchte ich mit dem Begriff der Psyche beginnen.

Freud schreibt im 1940 posthum veröffentlichten „Abriß der Psychoanalyse“: „Von dem, was wir unsere Psyche (Seelenleben) nennen, ist uns zweierlei bekannt, erstens das körperliche Organ und Schauplatz desselben, das Gehirn (Nervensystem), anderseits unsere Bewußtseinsakte, die unmittelbar gegeben sind und uns durch keinerlei Beschreibung nähergebracht werden können.“1 Freud setzt damit das menschliche Gehirn als den Ausgangspunkt seiner Überlegungen und es ist leicht erkennbar, dass hier aus einem naturwissenschaftlichen Weltbild heraus gesprochen wird: das Gehirn ist der Sitz der Psyche. Da Freud Psyche und Seele synonym zu verwenden scheint, wirft dies die Frage auf, inwieweit das Seelenleben hier als, wie seit der platonischen Philosophie üblich, immateriell aufgefasst wird. Klar ist zumindest, dass Freud ein Kausalverhältnis zwischen Gehirn und Seele setzt, so schreibt er: „Wir nehmen an, daß das Seelenleben die Funktion eines Apparates ist, dem wir räumliche Ausdehnung und Zusammensetzung aus mehreren Stücken zuschreiben, den wir uns also ähnlich vorstellen wie ein Fernrohr, ein Mikroskop u. dgl.“2 Damit bildet das materielle Gehirn, der Apparat, die notwendige Bedingung für das noch unbestimmte Seelenleben.

Dieser Apparat nun ist aus mehreren Teilen zusammengesetzt, die, allem Anschein nach, auch mit verschiedenen psychischen Instanzen assoziiert werden. So sind die Vergleiche mit Fernrohr und Mikroskop kein Zufall, deuten sie doch einerseits auf das gleich näher vorgestellte Instanzenmodell (man beachte hier, dass Mikroskop und Fernrohr beides Geräte zur optischen Verarbeitung von Objekten sind), deuten andererseits an, dass, so wie ein Mikroskop aus verschiedenen Teilen mit jeweils verschiedenen Funktionen zusammengesetzt ist, auch die Psyche aus verschiedenen Teilen mit jeweils verschiedenen Funktionen besteht. Interessanterweise legt Freud also die materiellen Teile des Gehirns (Apparat) eng mit den jeweiligen Funktionen (Seelenleben) zusammen. So steht bezeichnenderweise die zitierte Passage auch unter dem Titel „Der psychische Apparat“3 und es deutet sich an, dass Freud sich hier reduktionistisch positioniert, das subjektive Seelenleben also gleich mit den Teilen des Gehirns und Erregungen des Nervensystems setzt. In jedem Fall scheint er in seiner Beschreibung nicht scharf zwischen dem Gehirn als objektiv zugewiesenem Sitz der Psyche und dem Seelenleben als subjektiver Erfahrungswelt zu unterscheiden.

Die Teile oder auch Instanzen des psychischen Apparates sind innerhalb der freudschen Psychologie das Es, das Ich und das Über-Ich. Diesen Instanzen werden jeweils verschiedene Eigenschaften und Merkmale zugeschrieben. Zum Es schreibt Freud: „sein Inhalt ist alles, was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem also die aus der Körperorganisation stammenden Triebe, die hier [im Es] einen ersten uns in seinen Formen unbekannten psychischen Ausdruck finden.“4 Man beachte hier erneut die enge Verbindung von materiellem Körper und Psyche. Das Ich hingegen „hat die Aufgabe der Selbstbehauptung, erfüllt sie, indem es nach außen die Reize kennenlernt, Erfahrungen über sie aufspeichert (im Gedächtnis), überstarke Reize vermeidet (durch Flucht), mäßigen Reizen begegnet (durch Anpassung) und endlich lernt, die Außenwelt in zweckmäßiger Weise zu seinem Vorteil zu verändern (Aktivität) […].“5 In der Bestimmung des Ich wird die Nähe zu den von Freud aufgeführten optischen Geräten am markantesten herausgestellt: das Mikroskop untersucht die jeweiligen Präparate, das Fernrohr erkundet ferne Objekte, das Ich empfängt nach außen hin die Reize. Alle diese Tätigkeiten sind synonym und beschreiben Wahrnehmungsprozesse, also wie etwas von außen an mich herangetragen wird. Das Über-Ich schließlich ist der „Niederschlag der langen Kindheitsperiode, während der der werdende Mensch in Abhängigkeit von seinen Eltern lebt […]“6, im Über-Ich setzt sich der elterliche Einfluss fort.

Festzuhalten ist an dieser Stelle das enge, reduktionistisch anmutende Verhältnis von Gehirn und Seelenleben sowie die Setzung einer dezidierten Außenwelt, aus der Reize in die Innenwelt gelangen. Bemerkenswert auch die Metaphorik optischer Apparaturen.

2. Ich, Es und Körper-Ich

Betrachtet man nun das freudsche Ich, ist dem eine sprachliche Differenzierung voranzustellen. Die editorische Einleitung von „Das Ich und das Es“ macht deutlich: „[E]inmal wird der Terminus »Ich« benutzt, um das Selbst eines Menschen als Ganzes (vielleicht einschließlich seines Körpers) von dem anderer Menschen zu unterscheiden; zum anderen bezeichnet er einen bestimmten Teil der Psyche, der durch besondere Eigenschaften und Funktionen gekennzeichnet ist.“7 Ich betrachte das Ich hier in letzterer Bedeutung.

Dieses Ich ist nach Freud aus dem Es entstanden, welches die älteste Instanz innerhalb des psychischen Apparates darstellt. Das Ich ist somit ein besonders differenzierter Teil des Es: „Unter dem Einfluß der uns umgebenden realen Außenwelt hat ein Teil des Es eine besondere Entwicklung erfahren. Ursprünglich als Rindenschicht mit den Organen zur Reizaufnahme und den Einrichtungen zum Reizschutz ausgestattet, hat sich eine besondere Organisation hergestellt, die von nun an zwischen Es und Außenwelt vermittelt. Diesem Bezirk unseres Seelenlebens lassen wir den Namen des Ich.“8

Diese Passage bietet weitere Informationen zum Verständnis des freudschen Weltbildes, welches anscheinend ein realistisches, d.h. den Realismus als Denkrichtung betreffend, ist. Realismus lässt sich hier folgendermaßen verstehen: „Für den Realisten ist die Welt einfach da, wenn auch vielleicht nicht von selbst und nicht fertig, aber weitgehend ohne Rücksicht auf den Menschen, der in ihr vorkommt.“9 So gibt es in der Psychologie Freuds das Es und diesem Es steht die Welt als Außenwelt gegenüber. Das Außen ist demnach eine Art Objekt, das in bestimmter Weise auf das Es einwirkt und im Zuge dessen das Ich hervorgebracht hat. Die realistische Einstellung geht hier passend mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild einher. So ist es nicht verwunderlich, dass ab diesem Zeitpunkt die psychische Instanz des Es gleichgesetzt wird mit dem Apparat als tatsächlich materiell in der Welt bestehendem Gehirn bzw. Nervensystem, das Es als Rindenschicht mit Organen beschrieben wird.

Zur Beziehung von Ich und Es ist folgendes festzuhalten: „Den Kern unseres Wesens bildet also das dunkle Es, das nicht direkt mit der Außenwelt verkehrt und auch unserer Kenntnis nur durch die Vermittlung einer anderen Instanz zugänglich wird.“10 Das Ich hingegen stellt „kraft seiner Beziehung zum Wahrnehmungssystem […] die zeitliche Anordnung der seelischen Vorgänge her und unterzieht dieselben der Realitätsprüfung. Durch die Einschaltung der Denkvorgänge erzielt es einen Aufschub der motorischen Entladungen und beherrscht die Zugänge zur Motilität.“11 Weiterhin bezeichnet Freud das Ich als „Grenzwesen“, das „zwischen der Welt und dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen dem Es-Wunsch gerecht machen“12 will. Diese Situation ist somit folgende: Das Es ist hat keinen direkten Zugang (mehr), ist folglich getrennt von der Außenwelt, das Ich erlebt die Welt mittels seiner Wahrnehmungskanäle und kann auf diese mittels Muskelaktionen einwirken, die Welt ist da und wirkt auf das psychische Individuum ein. Damit ist das beschrieben, was von Hermann Schmitz als private seelische Innenwelt bezeichnet wird. Dieser Psychologismus lässt sich auch wie folgt charakterisieren: „Jeder Bewussthaber erhält eine private Innenwelt, in die sein gesamtes Erleben eingeschlossen ist, so dass er, wenn er Vernunft besitzt, im eigenen Hause Herr über seine unwillkürlichen Regungen werden kann; sie ist von außen nur über Signale an die Sinnesorgane zugänglich.“13

Damit ist die strikte Trennung von außen und innen besiegelt; bis auf die Sinnesorgane besitzt das psychische Individuum keinerlei Zugang zur Welt. Das Ich (hier als Selbst verstanden) steht der Welt also tatsächlich gegenüber, statt als Teil mit dieser verbunden zu sein. Die Welt ist dem Ich lediglich Objekt, das erkannt und gestaltet werden kann.

Hatte sich im Fortgang der bisherigen Arbeit ergeben, dass Freud das Gehirn als den Schauplatz des Seelenlebens und die psychischen Instanzen als im Gehirn lokalisierbar bestimmte, so erhält diese Materialisierung des Psychischen durch den Körper eine besondere Akzentuierung. So schreibt Freud: „Auf die Entstehung des Ich und seine Absonderung vom Es scheint noch ein anderes Moment als der Einfluß des System W hingewirkt zu haben. Der eigene Körper und vor allem die Oberfläche desselben ist ein Ort, von dem gleichzeitig äußere und innere Wahrnehmungen ausgehen können. Er wird wie ein anderes Objekt gesehen, ergibt aber dem Getast zweierlei Empfindungen, von denen die eine einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann.“14

Freud deutet hier auf die Fähigkeit des Menschen, den eigenen Körper einmal von außen, als auch gewissermaßen innerlich wahrzunehmen; d.i. auf der einen Seite als Objekt unter Objekten, auf der anderen Seite als Subjekt, das dieser Körper ist. Besonders prägnant drückt sich dieses Verhältnis aus, wenn Freud schreibt: „Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche.“15 Das Ich als psychische Instanz, die die Zugänge zur Motilität beherrscht und die der von der Außenwelt besonders differenziert ausgebildete Teil des Es ist, ist also nicht nur der Innenwelt als Psyche zuzurechnen, sondern primär ein körperliches Wesen, das seinen Ausdruck eben auch im Psychischen findet.

Freuds Position besteht somit einerseits daraus, dass er dezidiert eine Innen- und Außenwelt als bestehend voraussetzt, andererseits Ich und Es als psychische Instanzen körperlich bestimmt. Das einzige rein Psychische sind bei Freud somit die Inhalte der psychischen Instanzen, also die subjektiv erlebte Seelenwelt, nicht jedoch die Instanzen selbst, die körperlich bestimmt sind und das Psychische hervorbringen.

[...]


1 Freud, Sigmund: Abriß der Psychoanalyse. 3. Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2014. S. 41

2 Ebd. S. 42

3 Vgl. ebd.

4 Freud, Sigmund: Abriß der Psychoanalyse. S. 42

5 Ebd.

6 Ebd. S. 43

7 Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. In: Sigmund Freud: Psychologie des Unbewussten. Freud-Studienausgabe Bd. III. S. Fischer: Frankfurt am Main 1975. S. 278

8 Freud, Sigmund: Abriß der Psychoanalyse. S. 42

9 Schmitz, Hermann: Gibt es die Welt? Verlag Karl Aber: Freiburg/München 2014. S. 11

10 Ebd. S. 93

11 Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. S. 321

12 Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. S. 322

13 Schmitz, Hermann: Gibt es die Welt? S. 118

14 Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. S. 294

15 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das getrennte Ich. Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Innen- und Außenwelt innerhalb der freudschen Psychologie
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1.0
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V495766
ISBN (eBook)
9783346004697
ISBN (Buch)
9783346004703
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, kommunikation, innen-, außenwelt, psychologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Das getrennte Ich. Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Innen- und Außenwelt innerhalb der freudschen Psychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495766

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