Weißer und intersektionaler Feminismus

Begrifflichkeiten und Vergleich zugrunde liegender Ungerechtigkeitskategorien


Essay, 2019
8 Seiten, Note: Bestanden
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Weißer Feminismus

3. Intersektionaler Feminismus

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Schauspielerin und UN Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte Emma Watson 2014 vor der UN eine viel beachtete Rede zum Start der Solidaritätskampagne „HeForShe“ hielt, meldeten sich neben vielen Befürwortern und Medien, die Watson zur neuen Feminismus Ikone ausriefen, auch Stimmen, die Watson als „weiße Feministin“ kritisierten. Watson gab einige Zeit später auf dem Kurznachrichtendienst Twitter auf die Frage einer Nutzerin, ob Watson sich als weiße Feministin identifiziere, eine längere Antwort, in der sie sich zum einen überrascht über die Frage zeigte und zum anderen Gedanken äußerte, die sich mit ihrer Privilegierung, ihrer Rolle als UN Sonderbotschafterin und der durch diese Rolle ermöglichten Einflussnahme und Intention beschäftigten1. Watson sagte weiter, sie könne nicht im Namen von intersektionalen Feministinnen sprechen, aber ihre Plattform dafür nutzen, Menschen mit diesen Erfahrungen eine Bühne zu geben – und wurde daraufhin kritisiert, intersektionalen Feminismus nicht verstanden zu haben.

Vorliegendes Essay unternimmt den Versuch, die in der Einleitungspassage aufgekommenen Begrifflichkeiten des weißen und intersektionalen Feminismus auf ihren Bedeutungsgehalt zu untersuchen und nachzuvollziehen, wodurch diese Begriffe als Gegensatzpaar bestimmt sind. Hierfür soll zunächst eine Begriffsdefinition des weißen Feminismus anhand eines Filmbeispiels erarbeitet werden, um daraufhin das Anliegen des intersektionalen Feminismus verständlicher zu machen. Das Essay schließt mit einem zusammenfassenden Fazit.

2. Weißer Feminismus

Die in diesem Essay verhandelten Begrifflichkeiten weißer und intersektionaler Feminismus implizieren bereits, dass der Feminismus nicht als einheitliche und widerspruchsfreie Theorie zu verstehen ist, bei der sich alle Feminist_Innen bezüglich jedes Gesichtspunktes einig sind. Daher scheint es passender, von Feminismen zu sprechen. Als Grundanliegen aller Feminismen nennt das Gunda Werner Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie „Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit für alle Menschen, die im öffentlichen wie auch im persönlichen Leben verwirklicht werden soll.“2 Mit dieser Grundidee im Hinterkopf möchte ich mich nun dem weißen Feminismus nähern.

In dem Kurzfilm Majorité Opprimée3 (Unterdrückte Mehrheit) der französischen Regisseurin Eléonore Pourriat werden Erfahrungen geschlechtsspezifischer Diskriminierung dargestellt. Allerdings mit einem Haken: Es sind hier Männer, die in diesem Film das erleben, was mehrheitlich Frauen wiederfährt. Der Film zeigt so z.B. nicht wie eine Frau von einem betrunkenen Mann angepöbelt wird, nachdem diese dessen Aufforderung nach Oralsex nicht nachkommt, sondern umgekehrt: Es ist der Mann, der aggressiv angegangen wird, nachdem er der Forderung nach Sex nicht nachkommt, dem anzügliche Bemerkungen zugerufen werden, während er sein Kind zur Kita bringt und es ist der Mann, über dessen Hintern und dessen qualitativer Beschaffenheit offen und laut diskutiert wird. Diese Szenen eint, dass es jedes Mal Frauen sind, von denen die Diskriminierungspraxis ausgeht.

Pourriat ermöglicht durch diesen filmischen Kunstgriff geschlechtsspezifische Diskriminierungsformen denen aufzuzeigen, die sonst nicht an diesen leiden, diese erfahren oder sich dessen überhaupt nicht bewusst sind und verbindet dadurch spannende Aha-Momente mit einer Art Lehrfilm. Der Film bezieht seinen Stoff dabei aus dem Spannungsfeld zwischen mächtigen Männern und machtlose(re)n Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft und kehrt diese Machtdynamik im Film um. Auf die Essenz heruntergebrochen lässt sich sagen, dass der Film mit der Machtkategorie Geschlecht arbeitet. Entlang des Geschlechtes entfaltet sich, wer diskriminiert und wer diskriminiert wird. Die Zuschreibung zum weiblichen Geschlecht ist im Film eine hinreichende Bedingung für Macht. Der millionenfach geklickte Film zeigt so, Gewalt gegen Frauen findet täglich und überall statt.

Allerdings wurde auch Kritik geäußert. So schreibt Mohamed Amjahid in einem Zeit Online Artikel4 dass der Film Rassismen reproduziere. Im Film sieht man bspw. wie Pierre, die Hauptfigur des Films, von einer weiblichen Gang angegriffen wird. „Was dabei auffällt: Die Mädchen haben alle schwarze Haare, sprechen ein migrantisches Französisch, wie in den Vorstädten von Paris und Marseille, sie heißen Samia und nicht Christine.“5 An anderer Stelle zeigt der Film den Kopftuchtragenden Nissar, der auf Nachfrage Pierres, ob er sich denn nicht eingeschlossen fühle, schulterzuckend erwidert, dass es nun mal so sei und er sich dem Gesetz Gottes unterwerfe. Nun lassen sich diese Szenen so deuten, dass es nun mal faktisch arabischstämmige, sexistische Männer gibt und auch Frauen und Mädchen, die gezwungen werden, Kopftuch zu tragen, sind in der Gesellschaft vertreten. Allerdings und dies ist das Charakteristische, es findet sich innerhalb der Mädchenclique keine weiße Frau und auch zeigt der Film keine emanzipierte, selbstbewusste Frau mit Kopftuch. Der Film vermittelt so subtil, dass das Tragen eines Kopftuches mit Unterdrückung und sexualisierte (körperliche) Gewalt mit Migranten einhergeht und bleibt damit in der Darstellung stereotyp verhaftet. Dies lässt sich als das große Manko des Films ausmachen: Pourriat fokussiert sich zwar auf Diskriminierungen entlang der Kategorie Geschlecht und sorgt hierbei für lehrreiche Aha-Momente, blendet aber gleichzeitig die Diversität verschiedenster, ineinander wirkenden Diskriminierungskategorien aus. Der Film kennt die Kategorie Geschlecht und spielt in einer weißen Welt, in der es eben auch irgendwie „die anderen“ gibt.

Dies ist charakteristisch für das, was als weißer Feminismus bezeichnet wird. Ein Feminismus für weiße, oftmals heterosexuelle Frauen, die den Maßstab für Diskriminierungserfahrungen stellen. Die Zuschreibungen von Frau und weißer Hautfarbe sind in der Analyse führend, die Komplexität verschiedenster Diskriminierungspraktiken innerhalb einer patriarchal geprägten Gesellschaft werden dabei vernachlässigt.

3. Intersektionaler Feminismus

Intersektionalität dagegen ist zum einen gekennzeichnet durch verschiedene Kategorien der Diskriminierung, zum anderen durch deren Verhältnis zueinander. So verweist der englische Begriff Intersection bereits auf einen Schnittpunkt oder eine Kreuzung und meint damit, dass verschiedene Kategorien der Ungleichheit sich ineinander verschränken und zu eigenständigen Diskriminierungserfahrungen führen: „Unter Intersektionalität wird dabei verstanden, dass soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen. Additive Perspektiven sollen überwunden werden, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen.“6

Die US-amerikanische Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw führte den Begriff 1989 ein.

In der Analyse von Einstellungspolitiken US-amerikanischer Firmen kam sie dabei zu dem Schluss, „dass amerikanische Antidiskriminierungsgesetze gemäß ihrer Lobbyisten entweder zu Gunsten Schwarzer Männer oder weißer Frauen operieren.“7 Schwarze Frauen werden durch diese Praxis folglich unsichtbar (gemacht).

Als besonders prägnantes Beispiel sei hier ein Gerichtsurteil aus den 1970er Jahren angeführt, das eine Massenentlassung der Firma General Motors betraf. Der Stellenabbau, der fast alle schwarzen Arbeiterinnen betraf, wurde vom Gericht weder als rassistisch, noch sexistisch gewertet, da schwarze männliche Arbeiter sowie weiße weibliche Arbeiterinnen von den Entlassungen nahezu unbetroffen blieben: „Handlungsbedarf sah das Gericht nach eigener Aussage lediglich bei rassistischer oder sexistischer Diskriminierung, nicht aber beim Auftreten einer Kombination von beidem. Aus dieser Perspektive, so Crenshaw, sind Schwarze Frauen nur insoweit vom Recht geschützt, wie ihre Erfahrungen entweder mit weißen Frauen oder Schwarzen Männern zusammenfallen.“8

Die Kategorien Ethnie und Geschlecht wurden demnach berücksichtigt, deren Verschränkung zur Zuschreibung schwarz-weiblich jedoch ausgeblendet. So wird ermöglicht, dass die fehlende Wahrnehmung der Verbindungslinien verschiedener Ungleichheitskategorien eigenständige Diskriminierungsformen unsichtbar macht. Intersektionalität kann demnach auch als das Anliegen verstanden werden, sichtbar zu machen: wer ist sichtbar, wer wird repräsentiert und wem ist es damit möglich, Bedürfnisse, Wünsche und Erfahrungen im öffentlichen Diskurs zu formulieren, um diesen mitzugestalten - und wem wird dies verwehrt? Intersektionalität liefert durch diese Analyse weiterhin einen Beitrag zur Diversität von Gerechtigkeitstheorien und deren praktischer Umsetzung.

Entstanden ist das Konzept der Intersektionalität aus der Kritik an der Eindimensionalität feministischer Bewegungen. So kritisierten Schwarze Theoretikerinnen, „dass bei feministischen Themen wie Sexualität, Gewalt, Arbeitsteilung oder Sprache nur die Erfahrungen weißer Frauen problematisiert wurden. Die Kategorie ‚Frau’ wurde somit als ‚homogen’ bzw. ‚universal’ repräsentiert.“9 Gerade dies scheint die Essenz dessen zu sein, was im 2. Kapitel als weißer Feminismus aufgeführt wurde. Bei diesem bilden die Kategorien weiß und Frau das Zentrum, an dessen Erfahrungsspektrum sich die Erlebnisse von als Frauen gelesenen Menschen abzubilden haben.

Es ergibt sich nun die Frage, welche Kategorien sich denn als gewichtig für die Analyse von Diskriminierungserfahrungen erweisen, wobei sich diese Fragestellung allein schon als problematisch entpuppt, fragt sie doch nach einem Fixieren oder Kern von Ungleichheitskategorien. Ein Festschreiben von vermeintlich wichtigen und in der Folge von wichtigeren Kategorien führt zum Ausschluss oder mindestens zur Marginalisierung von Diskriminierungserfahrungen, soll die Analyse nicht in einem unendlichen Kontinuum an Zuschreibungen enden. Dennoch haben sich bestimmte zentrale Kategorien herausgebildet, die sich für die Analyse von Diskriminierungserfahrungen als unverzichtbar erwiesen haben. Die klassische Triade im US-amerikanischen Bereich ist dabei Race-Class-Gender. Im deutschen Raum sei hier auf Degele und Winker verwiesen, die ihrer Analyse zum einen die Kategorie des Körpers hinzufügen, zum anderen zwischen mehreren Untersuchungsebenen differenzieren: der Makro- und Mesoebene von Sozialstrukturen, der Mikroebene sozial konstruierter Identitäten sowie der Ebene symbolischer Repräsentation. Daraus ergibt sich folgender, produktiver Umgang mit der Frage nach der Relevanz bestimmter Kategorien: „Je nach Untersuchungsebene sind unterschiedliche Kategorien relevant, und erschwerend müssen wir dabei auch Wechselwirkungen zwischen solchen Ungleichheitskategorien über unterschiedliche Ebenen hinweg berücksichtigen.“10

[...]


1 https://twitter.com/EmmaWatson/status/652539534203207680, Stand: 07.04.19

2 https://www.gwi-boell.de/de/2018/05/25/was-ist-feminismus, Stand: 07.04.19

3 YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=kpfaza-Mw4I; Film mit englischen Untertiteln: https://vimeo.com/86495492, Stand: 07.04.2019

4 https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-02/film-unterdrueckte-mehrheit-feminismus-rassismus, Stand: 07.04.2019

5 Ebd. S. 1

6 Walgenbach, Katharina: Intersektionalität als Analyseperspektive heterogener Stadträume. In: Scambor, Elli / Zimmer, Fränk (Hg.): Die intersektionelle Stadt. Geschlechterforschung und Medien an den Achsen der Ungleichheit. Transcript Verlag: Bielefeld 2012. S. 81

7 Walgenbach, Katharina: Intersektionalität - eine Einführung. URL: http://portal-intersektionalitaet.de/theoriebildung/ueberblickstexte/walgenbach-einfuehrung, Stand: 07.04.2019

8 Walgenbach, Katharina: Intersektionalität - eine Einführung. URL: http://portal-intersektionalitaet.de/theoriebildung/ueberblickstexte/walgenbach-einfuehrung, Stand: 07.04.2019

9 Ebd.

10 Vgl. Degele, Gabriele / Winker, Nina: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. 2. unveränderte Auflage. Transcript Verlag: Bielefeld 2010. S. 24

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Weißer und intersektionaler Feminismus
Untertitel
Begrifflichkeiten und Vergleich zugrunde liegender Ungerechtigkeitskategorien
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Gender & Diversity
Note
Bestanden
Jahr
2019
Seiten
8
Katalognummer
V495770
ISBN (eBook)
9783346007230
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weißer, feminismus, begrifflichkeiten, vergleich, ungerechtigkeitskategorien
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Weißer und intersektionaler Feminismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495770

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