Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) in seinem Kontext. Aktueller Stand und Grenzen der Forschung


Hausarbeit, 2018
36 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Anlagenverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufmerksamkeit
2.1 Definition
2.2 Auditive Aufmerksamkeit
2.3 Visuelle Aufmerksamkeit
2.4 Komponenten und Dimensionen der Aufmerksamkeit

3. Aufmerksamkeitsstörungen
3.1 Klassifikation der Aufmerksamkeitsstörungen
3.2 Prävalenz

4. Diagnose ADS
4.1 Symptomatik
4.2 Ätiologie und neurologische Aspekte
4.3 Diagnostik
4.4 Behandlung und Therapie

5. Kritische Diskussion
5.1 Kritische Analyse der theoretischen Grundlagen
5.2 Fehldiagnose ADS?
5.3 Wirksamkeit der Behandlungsmethoden
5.4 Umgang mit der Krankheit

6. Fazit und Ausblick

Anlagen

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : Schematische Gegenüberstellung der klassischen Ansätze zur selektiven Aufmerksamkeit

Abbildung 2: Verordnungsprävalenz von Psychostimulanzien bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS in Deutschland nach Geschlecht im Jahr 2016

Abbildung 3: Kritische Darstellung der Behandlung von AD(H)S mit Psychostimulanzien

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Symptome der Unaufmerksamkeit bei ADS nach den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-5

Tabelle 2: Beispiele für Störungen und Erkrankungen, die in der Differenzialdiagnostik von AD(H)S in Betracht zu ziehen sind

Tabelle 3: Häufigkeit einzelner komorbider Störungen in Verbindung mit AD(H)S

Anlagenverzeichnis

Anlage 1: Anzahl der Verordnungen von Methylphenidat, Atomoxetin und Lisdexamfetamin in Deutschland in den Jahren von 2004 bis 2017 (in Millionen DDD*)

1. Einleitung

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (AD(H)S) rufen bis heute stark polarisierende Meinungen hervor. Allein im Internet kursieren scheinbar unendlich viele Informationen über die Aufmerksamkeitsstörungen. Auffällig ist, dass sich Ärzte oder Wissenschaftler oftmals widersprechen und häufig grundsätzlich gegenteilige Überzeugungen vertreten. Kaum einer hat von dieser Krankheit noch nicht gehört und doch scheint es, als existierten große Lücken im Verständnis für AD(H)S. Besonders in gesellschaftlichen Diskussionen schlägt sich Unverständnis nieder und führt schließlich zu einer unüberschaubaren und unglaubwürdigen Argumentation.

In dieser Hausarbeit möchte ich deshalb einen groben Einblick in das Thema geben und den Schwerpunkt besonders auf das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) in seinem Kontext legen. Mein Ziel ist es den aktuellen, wissenschaftlichen Stand darzustellen und ebenso die Grenzen der Forschung in gewissen Punkten aufzuzeigen. Dazu möchte ich in einer Diskussion die Diagnose ADS kritisch analysieren.

Zu Beginn der Arbeit wird das Thema mit einer allgemeinen Definition des Begriffs „Aufmerksamkeit“ eingeleitet und knapp auf die populärsten Theorien und Modelle zur auditiven und visuellen Aufmerksamkeit eingegangen. Nach einer Erläuterung der Dimensionen und Komponenten der Aufmerksamkeit folgt schließlich eine Auseinandersetzung mit dem Spektrum der Aufmerksamkeitsstörungen, in welchem das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit den weiteren Subtypen verglichen wird. Die Grundlage hierfür bilden die Klassifikationsmodelle DSM-5 und ICD-10. Außerdem wird die Prävalenz der AD(H)S kurz erwähnt um anschließend spezifisch das Themengebiet ADS aufzuarbeiten. Dazu gehören eine vollständige Aufzählung der von DSM-5 und ICD-10 genannten Symptome, ein großzügiger Einblick in die Ursachenforschung der Störung, sowie eine Darstellung der Diagnostik. Des Weiteren werden die häufigsten Behandlungsmethoden aufgezeigt und die verschiedenen Therapiemöglichkeiten genannt. Im Anwendungsteil dieser Arbeit soll zuerst die Qualität der wissenschaftlichen Grundlagen und das eigene Vorgehen bewertet werden. Anschließend wird die Diagnose ADS kritisch hinterfragt und die Wirksamkeit der gängigen Behandlungsmethoden geprüft. Zuletzt soll ein möglicher Umgang des Betroffenen, des sozialen Umfelds und der Gesellschaft mit AD(H)S diskutiert werden.

2. Aufmerksamkeit

2.1 Definition

Die Aufmerksamkeit ist ein Aspekt des Bewusstseins und weist einen Zusammenhang zur Wahrnehmung auf. So kann Aufmerksamkeit grundlegend als „psychischer Zustand konzentrierter Bewusstheit, der mit der wachen Bereitschaft einhergeht, auf äußere oder innere Reize zu reagieren“ (Becker-Carus, 2011, S. 229) definiert werden.

Außerdem ist Aufmerksamkeit „ein beschreibender Begriff, der verschiedene Formen der Selektivität der Wahrnehmung bezeichnet.“ (Ansorge, Leder, 2017, S. 9)

So versteht man die Funktion der Aufmerksamkeit als Selektion von Informationen und Reizen, zum Zweck der Vermittlung an das Bewusstsein. Das Ziel ist schließlich das Steuern des Denkens und Handelns, sodass bestimmte Reaktionen, abhängig von den Umweltreizen, erfolgen können.1

In Bezug auf die Ursache der Wahrnehmung als Selektivität duellieren hauptsächlich zwei unterschiedliche Theorien: Nach der Kapazitätstheorie (engl. „capacity theory“) ist die Selektion erforderlich, da die Kapazität des Bewusstseins begrenzt ist. Ein Mangel des geistigen Fassungsvermögens erzwingt also eine Selektion der Informationsflut, welcher der Organismus ausgesetzt ist. Die Tätigkeitstheorie (engl. „selection for action theory“) erachtet die Selektion nicht als Mangel, sondern als Errungenschaft. Es wird davon ausgegangen, dass die Selektion als Fähigkeit dazu dient, Tätigkeiten zu optimieren. So ist nicht eine mangelnde geistige Kapazität die Ursache der Selektivität, sondern die Einschränkung durch den menschlichen Körper. Die Fokussierung auf bestimmte Handlungen, für die nur spezifische Reize von Bedeutung sind, ist daher von Vorteil[D1].2

2.2 Auditive Aufmerksamkeit

Wie bereits erwähnt, dient die Aufmerksamkeit dazu, bestimmte Informationen aus der Fülle der sensorischen Eingangssignale auszulesen. Dieser Vorgang ist für erfolgreiches, zielgerichtetes Verhalten notwendig. Um die zentrale Frage nach der Funktionsweise der Selektion zu veranschaulichen, soll an dieser Stelle knapp auf die bekanntesten Theorien und Modelle eingegangen werden. Die Filtertheorie der Aufmerksamkeit von Broadbent (1958) stellt das erste formale Aufmerksamkeitsmodell dar. Es basiert im Wesentlichen auf der Grundlage von Cherrys (1953) Paradigma des dichotischen Hörens, aus einem Experiment von Broadbent zu simultan dargebotenen Ziffernpaaren und aus Welfords (1952) Untersuchungen zur psychologischen Refraktärperiode (PRP). Seine Filtertheorie besagt letztendlich, dass parallel dargebotene Reize in einen sensorischen Speicher gelangen. Allerdings kann nur ein einziger Reiz den selektiven Filter passieren, um zu einem strikt seriellen Verarbeitungssystem zu gelangen. Nach Ergebnissen des oben erwähnten Experiments von Broadbent, sind hierbei physikalische Merkmale ausschlaggebend. Der abgeblockte Reiz verbleibt für einen eventuell späteren Zugriff im Speicher. Diese strenge Selektion dient dem Schutz des kapazitätslimitierten Verarbeitungssystems. Demnach erfordert geteilte Aufmerksamkeit ein rasches Umschalten zwischen den verschiedenen Kanälen, da ein gleichzeitiges Verarbeiten mehrerer Signale zur Überforderung des zentralen Prozessors führen würde.3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schematische Gegenüberstellung der klassischen Ansätze zur selektiven Aufmerksamkeit (Quelle: Ha- gendorf et al., 2011, S.182)

Aufgrund der Annahme, dass die Weiterleitung der Nachrichten nach dem „Alles-oder-nichts-Prinzip“ erfolgt, wurde die Filtertheorie kritisiert und neue Theorien aufgestellt Dazu führte hauptsächlich die Entdeckung über den Durchbruch nicht beachteter Information durch den Filter, wie es zum Beispiel beim sogenannten Cocktail-Party-Phänomen der Fall ist. Aus diesen und weiteren Erkenntnissen erarbeitete Treisman (1964) die Attenuationstheorie der Aufmerksamkeit. Das Alles-oder-nichts-Prinzip wird in dieser Theorie auf ein Mehr-oder-weniger-Prinzip erweitert. Man geht davon aus, dass nicht beachtete Informationen in abgeschwächter Form ebenfalls weiterverarbeitet werden. Der sogenannte Attenuationsmechanismus ist dabei für das Ausmaß der Abschwächung zuständig. Daraus erschließt sich Treisman eine Art Hierarchie von Verarbeitungsstufen, die eine Eingangsinformation durchläuft. Durch die begrenzte Verarbeitungskapazität entstehen allerdings verschiedene Analyseniveaus. Wenn eine Einheit im nicht beachteten Kanal aktiviert wird, so muss dessen Aktivationsschwelle niedrig sein. Das ist häufig der Fall, wenn die Information (z.B. der eigenen Name) von besonderer Bedeutung ist.4

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Broadbent und Treisman von einer (relativ) frühen Selektion ausgehen, die noch vor der eigentlichen Verarbeitung der Nachrichten stattfindet. Damit können die Filtertheorie und die Attenuationstheorie beide der Idee der perzeptiven Selektion zugeordnet werden. Eine Gegenposition entwickelten Deutsch und Deutsch (1963) mit ihrer Theorie der späten Auswahl. Das heißt, dass die Selektion erst nach der Identifikation der Reize erfolgt. Das der handlungssteuernden Selektion zuzuordnende Konzept beruht außerdem auf der Vermutung der vollständigen Analyse aller Eingangsreize. Des Weiteren ist hierfür ein effizienter Prozess der Gewichtung erforderlich, welcher jene Eingangsreize in einer parallelen Weise nach ihrer Relevanz vergleicht. Denn nur Reize, die für die momentane Aufgabe am wichtigsten sind werden letztendlich weiterverarbeitet.5

2.3 Visuelle Aufmerksamkeit

Neben der auditiven Aufmerksamkeit wandte man sich ebenso den visuellen Aspekten zu. Besonders die Theorien der ortsbasierten, objektbasierten und dimensionsbasierten Aufmerksamkeit sollen im Folgenden knapp angeschnitten werden. Diese stellen die wesentlichen Ansätze zur selektiven visuellen Aufmerksamkeit dar.

Die Basis der Forschung zur ortsbasierten Aufmerksamkeit bilden die Paradigmen räumlicher Hinweis- und Flankierreize . Aus dem Spatial-Cuing-Paradigma von Posner (1980) geht die Entstehung der Lichtkegelmetapher der Aufmerksamkeit hervor. Die visuelle Aufmerksamkeit fokussiert einen bestimmten Ort wie ein Lichtkegel. Demnach werden Stimuli innerhalb dieses attentional illuminierten Orts schneller und gründlicher verarbeitet als außerhalb dieser konstant großen Region. Zu einem anderen Ergebnis führten die Untersuchungen von Eriksen und Eriksen (1986) mittels des Flankierreizparadigmas. Es entwickelte sich die Vorstellung, dass die Aufmerksamkeit in ihrer Funktionsweise dem Prinzip einer „Gummilinse“ ähnelt. Der Fokus der Aufmerksamkeit ist variabel und besitzt einen minimalen Durchmesser von 1° Sehwinkel. Bei minimalem Durchmesser ist die Auflösung des Aufmerksamkeitsfokus hoch (fokussierte Einstellung), während sie bei einem großen Durchmesser gering ist (unfokussierte Einstellung).6

Neben den verschiedenen Theorien der ortsabhängigen Aufmerksamkeit wurden ebenso Vermutungen über eine objektbasierte Selektion angestellt. Duncan (1984) entwickelte dabei eine der einflussreichsten Demonstrationen. Er erkannte, dass die Beobachtung zweier Objekte Schwierigkeiten für Probanden darstellten, auch wenn der Ort der Darbietung einen kleineren Durchmesser als 1° Sehwinkel hatte. Somit stellte man die ortsbasierte Aufmerksamkeit in Frage. Vielmehr schloss man aus diesem Ergebnis, dass man seine Aufmerksamkeit nur auf ein Objekt zu einem gegebenen Zeitpunkt richten kann.

Es ist allerdings auch möglich Objekte, die sich sehr ähnlich sind, auf eine dimensionsbasierte Weise wahrzunehmen. Somit ist die visuelle Aufmerksamkeit durch Merkmale von Attributen wie Größe, Form und Farbe determiniert. Bei Modellen zur dimensionsbasierten Aufmerksamkeit spielt die Methode der visuellen Suche eine bedeutende Rolle. Allerdings wird im Folgenden auf eine genauere Erläuterung verzichtet. 7

2.4 Komponenten und Dimensionen der Aufmerksamkeit

Ein Modell, welches die verschiedenen Komponenten der Aufmerksamkeit zusammenfasst, stammt von van Zomeren und Brouwer (1994). Zunächst wird zwischen Intensitäts-und Selektivitätsaspekten der Aufmerksamkeit unterschieden. Diese bilden die beiden Dimensionen, die jeweils unterschiedliche Funktionen der Aufmerksamkeit umfassen. Die Aufmerksamkeitsaktivierung (Alertness) und längerfristige Aufmerksamkeit (Vigilanz) sind der Intensität zuzuordnen, während die selektive bzw. fokussierte Aufmerksamkeit und die geteilte bzw. verteilte Aufmerksamkeit der Selektivität zugeordnet werden.8

Die Daueraufmerksamkeit (Alertness) wird als allgemeine Reaktionsbereitschaft oder als kurzfristige Aktivierung der Aufmerksamkeit definiert. Hierzu unterscheidet man die tonische von der phasischen Aktivierung. Ersteres meint den Zustand allgemeiner Wachheit, welcher u.a. durch die charakteristische Variabilität im Tagesablauf geprägt ist. Letzteres ist die Bezeichnung für die kurzfristige Steigerung des Aufmerksamkeitsniveaus nach einem Warnreiz.

Um Situationen unter relativ hoher Reizdichte mit längerer Aufmerksamkeitszuwendung bewältigen zu können, ist die Daueraufmerksamkeit nötig. Besonders wichtig ist die spezielle Variante, die sog. Vigilanz. Sie beschreibt die kontinuierliche Aufrechterhaltung des Aufmerksamkeitsniveaus unter extrem monotonen Bedingungen mit sehr geringer Frequenz der relevanten Reize.

Ein Aspekt der selektiven bzw. fokussierten Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, den Fokus auf relevante Merkmale zu lenken und zu halten. Wichtig ist dabei die zusätzliche Unterdrückung von Reaktionen aufgrund ablenkbarer Bedingungen. Des Weiteren wird damit eine Interferenz durch parallel stattfindende Verarbeitungsprozesse verhindert.

Die geteilte bzw. verteilte Aufmerksamkeit stellt das Vermögen dar, mehrere Aufgaben simultan zu bearbeiten, also zwei Informationskanäle parallel zu überwachen. Die Qualität dieser Fähigkeit ist oftmals vom Interferenzgrad zwischen den Aufgaben abhängig. Je mehr sich die Aufgaben gegenseitig beeinflussen bzw. einschränken, desto mehr leidet die Qualität der Reaktionen darunter.9

3. Aufmerksamkeitsstörungen

3.1 Klassifikation der Aufmerksamkeitsstörungen

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen, lassen sich in die beiden hierzulande gebräuchlichen klinischen Klassifikationssysteme einordnen. Das DSM-5 definiert sie als „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ unter der Rubrik „Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung“. Als „hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“ oder als „einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ unter den „Verhaltens- und Erlebensstörungen“ werden Aufmerksamkeitsstörungen im ICD-10 erfasst. Die unterschiedlichen Klassifikationssysteme stimmen damit überein, dass sie einen frühen Beginn von Aufmerksamkeitsstörungen im Kindes- und Jugendalter annehmen, gemeinsame Diagnose- und Ausschlusskriterien festlegen und differenzierte Subgruppen definieren.

Wichtig ist hierbei, dass man die Unterschiede zwischen dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und weiteren Subtypen kennt. Sowohl im ICD-10 als auch im DSM-5 werden die verschiedenen Ausprägungen differenziert.

Das DSM-5 grenzt die drei folgenden Subtypen voneinander ab: Das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild (F90.0) ist vor Allem unter den Namen ADS und ADD (Attention Deficit Disorder) bekannt. Das dominante Symptom, die Unaufmerksamkeit, war während der letzten sechs Monate erfüllt, während Hyperaktivität und Impulsivität klinisch in keinem erhöhtem Maß vorkommen. Betroffene wirken eher introvertiert, passiv, scheu und oft gelangweilt. Daneben existiert das vorwiegend hyperaktiv-impulsive Erscheinungsbild (F90.1), welches meist die Bezeichnung ADHS ( engl. ADHD) erhält. Bei den Symptomen ist hier das Gegenteil der Fall. Die Betroffenen erscheinen eher extrovertiert, aggressiv und ablenkbar, da die Kernsymptome Hyperaktivität und Impulsivität während der letzten sechs Monate besonders dominant sind. Als gemischtes Erscheinungsbild (F90.2) versteht man den Subtyp, der während der letzten sechs Monate deutliche Ausprägungen in allen beiden Symptomgruppen gleichermaßen aufweist. Ergänzend soll erwähnt werden, dass es die Kategorien „Andere Näher Bezeichnete Aufmerksamkeits-defizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (F90.8) und „Nicht Näher Bezeichnete Aufmerksamkeits-defizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (F90.9) gibt. Diese Kategorien werden vergeben, wenn die Kriterien für eine AD(H)S nicht erfüllt sind, aber dennoch erhebliches Leid und Beeinträchtigung für den Betroffenen verursachen. Sie unterscheiden sich darin, ob der Kliniker den Grund angeben möchte, warum die Kriterien für eine AD(H)S nicht gegeben sind (F90.8) oder ob der Kliniker den Grund nicht angeben möchte (F.90.9). Insgesamt sind die Bezeichnungen der Subtypen sehr irreführend, da ADS oder ADHS oftmals als Überbegriff für alle Subtypen verwendet wird. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit „AD(H)S“ als Überbegriff definiert.10

Nach ICD-10 hängt die Unterscheidung in Subtypen außerdem von Merkmalen einer Störung des Sozialverhaltens ab. Bei einer sog. einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung müssen die Kriterien Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gegeben sein, ohne, dass Merkmale einer Störung des Sozialverhaltens zutreffen. Gibt es neben den oben genannte Kriterien doch Anzeichen einer Störung des Sozialverhaltens, ordnet man das Krankheitsbild den Hyperkinetischen Störungen des Sozialverhaltens zu. Daneben gibt es noch die „sonstigen hyperkinetischen Störungen“ als Restkategorie und die „nicht näher bezeichneten hyperkinetischen Störungen“, bei der die Merkmale einer einfachen Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung gegeben sind, sich aber nicht klar von der Hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens abgrenzen lässt.11

3.2 Prävalenz

Da verschiedene Klassifikationsmodelle mit jeweils unterschiedlichen diagnostischen Kriterien existieren, variiert die Prävalenz der AD(H)S teilweise stark. Es ist außerdem zu berücksichtigen, dass die Prävalenz altersabhängig ist. Dennoch sind die Raten in unterschiedlichen Ländern und Kulturen vergleichbar. Die weltweite Prävalenz im Kindes- und Jugendalter lag im Jahr 2017 bei 5.3 %. Nach der KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts liegt die Häufigkeit elternberichteter Diagnosen einer ADHS in Deutschland bei etwa 5%. Für das Erwachsenenalter ergibt sich eine Prävalenz von nur 2.5%. Dieses Ergebnis basiert auf Grundlage von DSM-IV Kriterien in einer Metaanalyse von sechs Studien.12.

[...]


1 Vgl. Jansen (2015), S.121

[2] Vgl. Ansorge & Leder (2017), S. 10

3 Vgl. Hagendorf, et al. (2011), S.180-181, Vgl. Spering & Schmidt (2012), S.65-66

4 Vgl. Hagendorf et al. (2011), S.182-183; Vgl. Jansen (2015), S.123-124

5 Vgl. Spering & Schmidt (2012), S. 66

6 Vgl. Hagendorf et al. (2011), S. 184; Vgl. Ansorge & Leder (2017), S. 79

7 Vgl. Hagendorf et al. (2011), S. 188-189

8 Vgl. Heubrock & Petermann (2001), S. 19; Vgl. Sturm (2006), S. 372

9 Vgl. Sturm (2005), S. 4-5; Vgl. Payk (2015), S. 202-203

10 Vgl. Falkai & Wittchen (2015), S. 40-44; Vgl. Brenecke (2019)

11 Vgl. Heubrock & Petermann (2001), S. 48-49

12 Vgl. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) et al.(2017), S. 12

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) in seinem Kontext. Aktueller Stand und Grenzen der Forschung
Hochschule
SRH Fernhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
36
Katalognummer
V495882
ISBN (eBook)
9783668998582
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, ADS, ADHS, Aufmerksamkeit, Allgemeine Psychologie, Aufmerksamkeitsstörungen
Arbeit zitieren
Daline Ostermaier (Autor), 2018, Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) in seinem Kontext. Aktueller Stand und Grenzen der Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495882

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