"Geist und Kosmos" von Thomas Nagel. Eine kritische Analyse seiner Argumente gegen den naturalistischen Materialismus


Hausarbeit, 2015

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anforderungen an eine gute Theorie

3. Nagels Kritik am naturalistischen Materialismus

4. Kritische Reflektion der Argumente

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Buch „Geist und Kosmos“ kritisiert Thomas Nagel die vorherrschende Meinung, dass der naturalistische Materialismus die Entstehung des Lebens und die Entwicklung zu bewussten Organismen ausreichend erklären könnte. Für ihn ist es nicht nachvollziehbar, wie Wissenschaft und Gesellschaft das Mentale leugnen können, da diese Leugnung der Alltagsintuition der meisten Menschen widerspricht. Ob es so etwas wie das Mentale gibt oder ob alle Phänomene letztlich physischer Natur sind, ist eine der zentralen Fragestellungen der Philosophie des Geistes. Das Verhältnis von mentalen und physischen Eigenschaften zueinander ist auch als Leib-Seele-Problem bekannt. In diesem sogenannten Trilemma wird versucht drei Aussagen über mentale und physische Eigenschaften miteinander in Einklang zu bringen, die sich widersprechen. Als Konsequenz muss eine der Aussagen als falsch deklariert werden. Momentan wird aus diesem Trilemma von den Naturwissenschaften auf einen reduktiven Materialismus geschlossen, nach dem alle mentalen Phänomene auf physische Phänomene zurückgeführt werden können. Die Existenz des Mentalen wird also abgestritten. Neben dieser Form des Monismus könnte man aus dem Leib-Seele-Problem allerdings auch auf einen Dualismus schließen, der die Existenz des Mentalen bejaht.

Mit seinem Werk „Geist und Kosmos“ will Thomas Nagel nun die aktuelle Position

des naturalistischen Materialismus angreifen. Dabei geht es ihm weniger darum einen Lösungsvorschlag für das Leib-Seele-Problem vorzustellen, sondern vielmehr darum die Probleme der allgemein akzeptierten Theorie aufzuzeigen und eventuelle Alternativen vorzustellen. In der vorliegenden Hausarbeit wird sich mit dieser Kritik am naturalistischen Weltbild auseinandergesetzt. Zunächst werden dafür Nagels Anforderungen an eine gute Theorie herausgearbeitet, um darauf aufbauend seine Kritik am naturalistischen Materialismus darzustellen. Anschließend soll überprüft werden, inwieweit diese Kritik gerechtfertigt ist. Nagel bezieht sich in seinen Ausführungen oft auf die Intuition, Überzeugungen und die Wahrscheinlichkeit, sodass seine Kritik häufig von einem sehr subjektiven Standpunkt erfolgt. Es erscheint fraglich, ob er die wissenschaftlich fundierten Theorien über die Entstehung des Lebens und der Evolution damit überzeugend schwächen kann.

2. Anforderungen an eine gute Theorie

Wie schon der Titel von Nagels Buch verrät, „Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“, will er die Position des naturalistischen Materialismus kritisieren. In diesem Zusammenhang wendet er sich besonders gegen die Erklärung des Ursprungs von Leben und dessen Entwicklung zu bewussten Lebewesen nach der Evolutionstheorie. Er selbst schreibt zwar, dass er keine zufriedenstellende Lösung für diese Frage vorschlagen kann, führt aber im Laufe seines Buches immer wieder wesentliche Punkte auf, die eine gute Theorie seiner Meinung nach erfüllen muss. Da teilweise auf Basis dieser Anforderungen der naturalistische Materialismus von ihm kritisiert wird, werden seine Anforderungen an eine zufriedenstellende Theorie nun im Folgenden zunächst einmal herausgearbeitet.

Für Nagel ist die Entstehung des Lebens und die Entwicklung zu bewussten Lebewesen so bemerkenswert, dass sie nicht durch den Zufall erklärt werden darf, wenn man ein echtes Verständnis der Welt anstrebt (Vgl. Nagel 2013: 17f.). Eine Theorie sollte diese Prozesse mit „nicht unwesentlicher Wahrscheinlichkeit“ (Nagel 2013: 15) wahr machen. Auch sollte sie soweit möglich nicht dem Common Sense oder der Intuition des Einzelnen widersprechen, da diese doch zumindest richtungsweisend für eine gute Theorie sein können. So schreibt Nagel schon zu Beginn seines Buches, dass der wissenschaftliche Konsens über den naturalistischen Materialismus „vernünftigerweise nicht abverlangen [kann], die Ungläubigkeit des Alltagsverstandes abzuwerten“ (2013: 16). Dieser Aspekt der Intuition wird im weiteren Verlauf des Buches immer wieder aufgegriffen und spielt besonders bei Nagels persönlichen Ansichten eine große Rolle. Neben diesen beiden Punkten geht Nagel bei seinem vorgestellten Ansatz, wie die Entstehung und Entwicklung des Lebens erklärt werden kann, davon aus, dass es in der Welt eine zusammenhängende Naturordnung gibt, die Welt an sich also intelligibel ist und der Mensch diese Intelligibilität entdecken und verstehen kann (Vgl. ebd.: 17f.). In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass Nagel eine Erklärung des Typs „warum“ anstrebt (Vgl. 2013: 72). Er fordert eine kausale Erklärung, die Ursachen für die Geschehnisse nennt. Nagel sucht eine Erklärung, warum Leben und Bewusstsein entstanden sind und nicht wie es prinzipiell möglich gewesen ist. In den Naturwissenschaften wird auch mit der Kausalerklärung gearbeitet. Diese besteht allerdings aus drei Teilen: 1. Der Beschreibung des Phänomens, 2. Der Beschreibung der Ursache und 3. Aus der Angabe eines passenden allgemeinen Naturgesetzes (Vgl. Elster et al. 1988: 159). Nagel legt bei seiner angestrebten Erklärung allerdings nur Wert auf die ersten beiden Punkte. Des Weiteren wird in der Biologie häufig noch mit der Funktionalerklärung gearbeitet, bei der ein Phänomen durch ein anderes erklärt wird (Vgl. ebd.: 150). Diese Rückkopplung wird in der Biologie meistens nicht ausgeführt, da es die allgemeine Theorie, der natürlichen Auslese gibt (Vgl. ebd.: 158). Es wird erklärt, dass etwas passiert oder theoretisch passieren kann, aber nicht warum. Dieses Modell scheint für Nagel aber unzureichend zu sein. Eine zufriedenstellende Erklärung des Bewusstseins muss seiner Meinung nach verständlich machen, warum Organismen das bewusste Leben haben, das sie haben, und warum bewusste Organismen entstanden sind (Vgl. Nagel 2013: 77f). Hier zeigt sich auch, dass eine gute Erklärung für das Bewusstsein sowohl eine konstitutive als auch eine geschichtliche Darstellung haben muss. In der konstitutiven Darstellung sollte dabei nach Nagel gezeigt werden, wie komplexe physikalische Organismen ebenfalls mental sein können. Damit ist sie das Ergebnis der geschichtlichen Darstellung, da hier erklärt werden soll, wie solche Organismen im Universum entstehen konnten (Vgl. ebd.: 82). Für jede dieser Darstellungen sieht Nagel unterschiedliche Optionen, die er für mehr oder weniger wahrscheinlich hält. Aber Nagels Anforderungen an eine gute Theorie reichen noch weiter. Sie muss nicht nur die Entstehung von Leben und dessen Entwicklung zu bewussten Organismen erklären, sondern auch zeigen, wie diese Organismen über die erfahrbare Welt hinausgehen können. Sie muss erklären, wie sich das Bewusstsein zu einem Instrument der Transzendenz entwickelt hat, mit dem man objektive Wahrheiten und Werte erfassen kann. In diesem Zusammenhang bezieht Nagel sich wieder auf das Streben nach Intelligibilität. Die Naturordnung bringe Wesen hervor, die in der Lage sind diese grundlegende Ordnung der Welt zu erkennen (Vgl. Nagel 2013: 126).

Eine gute Theorie über die Entstehung des Lebens und die Entwicklung des Bewusstseins muss nach Nagel also diese beiden Prozesse wahrscheinlich machen, sodass es sich nicht um einen Zufall handeln kann. Diese Theorie muss sowohl einen konstitutiven als auch einen historischen Teil haben, in denen die Ursache für die erklärten Prozesse klar benannt wird. Des Weiteren sollte sie nicht der Intuition der Menschen widersprechen, dass das Mentale vom Physischen unterschieden werden muss. Nachdem nun geklärt wurde, welche wichtigen Punkte eine Theorie nach Nagel in diesem Fall erfüllen muss, wird sich im Folgenden genauer mit seiner Kritik am naturalistischen Materialismus auseinandergesetzt.

3. Nagels Kritik am naturalistischen Materialismus

In seinem Buch „Geist und Kosmos“ will Nagel das Weltbild des naturalistischen Materialismus kritisieren, da es das Mentale mit dem Physischen gleichsetzt, dessen Existenz also leugnet. Ausgangspunkt für Nagels Argumentation ist dabei „das Scheitern des psychophysischen Reduktionismus“ (2013: 13). Dieser vertritt die Auffassung, dass die physikalischen Wissenschaften alles in der Welt erklären könnten. Obwohl Nagel philosophisch argumentiert, ist er doch der Meinung, dass auch empirische Gründe aufgeführt werden können, um den naturalistischen Materialismus zu widerlegen (Vgl. Nagel 2013: 14). So geht Nagel im Laufe des Textes immer wieder auf den Aspekt der Wahrscheinlichkeit und des Zufalls ein. Im naturalistischen Materialismus wird die Entstehung des Lebens als Zufall dargestellt, da die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus toter Materie Leben entwickelt, sehr gering ist. Nagel verweist darauf, dass je mehr man über die Komplexität des Gen-Codes und die Steuerung der chemischen Prozesse des Lebens weiß, desto unwahrscheinlicher werden die gebildeten Szenarien des naturalistischen Materialismus (Vgl. 2013: 19f.). Eine gute Theorie sollte nach Nagel diese Prozesse allerdings wahrscheinlicher machen und nicht dem Zufall überlassen. Nagel gesteht an diesem Punkt allerdings auch ein, dass, wenn erst einmal Leben entstanden ist, die natürliche Auslese eine gewisse Rolle bei der Entwicklung von Leben spielen könnte (Vgl. 2013: 20f.). Bis zu einem gewissen Punkt könnte die Evolution reduktionistisch erklärt werden. So sieht Nagel zumindest für die Entwicklung des Menschen unterschiedliche Stufen. Bei den anfänglichen Stadien des Lebens könnte die natürliche Auslese grundlegend die Entwicklung des Lebens beschreiben, wobei das Mentale für Nagel auch hier schon vorhanden ist, sodass er die Evolutionstheorie ergänzt. Die natürliche Auslese würde nicht mehr nur durch biologische und physikalische Gesetzmäßigkeiten bestimmt werden, sondern auch durch teleologische Beeinflussung (Vgl. Nagel 2013: 133). Durch die Naturteleologie würden die verschiedenen Prozesse wahrscheinlicher werden, da nach Nagel ein Wertezuwachs angestrebt werden könnte. Diese Position, eine Form des neutralen Monismus, ist Nagels Favorit unter den Alternativen zum naturalistischen Materialismus (Vgl. Nagel 2013: 13). Allerdings spielt die natürliche Auslese hier nur eine begrenzte Rolle, da es für Nagel keine Erklärung dafür gibt, warum sich durch die natürliche Auslese der Geist entwickelt haben sollte (Vgl. 2013: 71). Zwar machen die Wahrnehmung, das Empfinden von Emotionen und das Streben nach gewissen Dingen den Menschen anpassungsfähiger, doch alle Aspekte des Mentalen, die darüber hinausgehen wie beispielsweise das Erlangen von Wahrheiten und der Sprache, können so, laut Nagel, nicht zufriedenstellend erklärt werden (Vgl. ebd.: 107f.). Da der Geist für Nagel kein Zufall sondern ein grundlegender Aspekt des Menschen ist, muss die Erklärung des Bewusstseins aber mit in eine allumfassende Theorie der Welt aufgenommen werden (Vgl. ebd.: 68f.). Geistige Fähigkeiten hängen zwar vom Körper ab, sie sind für Nagel aber nicht nur physisch. Daraus folgt für ihn, dass eine Theorie, die die Existenz von Organismen erklärt, auch die Existenz des Mentalen erklären muss. Das können die physikalischen Wissenschaften und somit auch das naturalistische Weltbild nicht leisten (Vgl. ebd.: 28). Um diese These zu untermauern führt Nagel im weiteren Verlauf das Problem der Irreduzibilität des bewussten Erlebens gegenüber dem Physikalischen auf (Vgl. 2013: 102). Nur weil man gewisse Faktoren wissenschaftlich nachvollziehen kann, kann man trotzdem nichts darüber aussagen, wie es sich für das Subjekt anfühlt, wenn es etwas schmeckt, hört oder sieht. Dieses Problem hat Nagel bereits in einem früheren Aufsatz „What is it like to be a bat?“ thematisiert (Nagel 2011), greift den Punkt in diesem Buch allerdings nur kurz auf. Doch Nagel sieht nicht nur das Problem der Subjektivität des Denkens, sondern auch das Problem, dass der Mensch mit seinem Denken, seiner Vernunft, diese Subjektivität übersteigen kann, um zu objektiven Wahrheiten zu gelangen (Vgl. Nagel 2013: 106).

„So wie sich das Bewusstsein nicht als eine bloße Erweiterung oder Komplikation der physikalischen Evolution erklären lässt, so lässt sich die Vernunft nicht als bloße Erweiterung oder Komplikation des Bewusstseins erklären.“ (ebd.: 119).

Besonders die Vernunft ist für Nagel etwas „radikal Emergentes“ (Vgl. 2013: 124).Sie tritt zwar erst lange nach der Entstehung bewusster Lebewesen auf, scheint aber eine Entwicklung des Bewusstseins zu sein, da sie ebenfalls vom physischen Leben abhängig ist und direkt auf das Handeln einwirken kann. Die Vernunft ist in dem Sinne ein wichtiger Schritt für Nagel, weil sie zu einer objektiven, weltumfassenden oder auch intersubjektiven Perspektive verhilft (Vgl. 2013: 125). Wenn man allerdings die Position des materialistischen Naturalismus vertritt, wird die Autorität der Vernunft geschwächt. Da versucht wird die Naturordnung ohne einen externen Bezug verständlich zu machen, wird die Verlässlichkeit der Vernunft untergraben. Für Nagel handelt es sich um einen Zirkelschluss, weil bestimmte kognitive Fähigkeiten verwendet werden, um andere kognitive Fähigkeiten zu korrigieren (Vgl. Nagel 2013: 47). Bei Sinnestäuschungen beispielsweise verlässt man sich auf die Vernunft, obwohl die Sinnesorgane durch die natürliche Auslese eigentlich zu wahren Überzeugungen führen müssten. Es wird nach Nagel nicht erklärt, warum einige kognitive Dispositionen andere korrigieren dürfen, obwohl beide durch die natürliche Auslese geprägt sind. Und besonders wird nicht erklärt, wie der Überlebenskampf das Vertrauen in unsere Vernunft und in theoretische Erklärungen rechtfertigen kann, da in der Natur die Sinneswahrnehmungen eine größere Rolle für das Überleben spielen und besonders theoretische Erklärungen nur bedingt einen direkten Zusammenhang mit der natürlichen Umgebung haben (Vgl. Nagel 2013: 46f). Wie zuvor bereits erwähnt wurde, sieht Nagel keine Möglichkeit die Vernunft hinreichend mit der natürlichen Auslese zu erklären. Dieses Problem wird auch bei normativen Urteilen deutlich, da hier ebenfalls Instinkte korrigiert werden. Der naturalistische Materialismus erklärt das Vertrauen in die evolutionstheoretische Erklärung durch die kognitiven Fähigkeiten. Wenn man dieses Prinzip aber auf das Vertrauen in diese Fähigkeiten anwendet, wird es zirkulär (Vgl. ebd.: 41f.). Wenn ein materialistischer Monismus diese späteren Stadien der Evolution nicht erklären kann, so Nagel, kann man nicht davon ausgehen, dass er die früheren Stadien in der Evolution richtig beschreiben und erklären kann (Vgl. ebd.: 130).

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Geist und Kosmos" von Thomas Nagel. Eine kritische Analyse seiner Argumente gegen den naturalistischen Materialismus
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V495885
ISBN (eBook)
9783346005397
ISBN (Buch)
9783346005403
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Nagel, Philosophie, Naturalistischer Materialismus, Geist und Kosmos, Gegen Naturalistischer Materialismus, Leib-Seele-Problem
Arbeit zitieren
Lena Schneider (Autor), 2015, "Geist und Kosmos" von Thomas Nagel. Eine kritische Analyse seiner Argumente gegen den naturalistischen Materialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495885

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