Die Verbindung von Kunst- und Reittherapie

Eine gelungene Kombination von zwei eigenständigen Therapieformen


Masterarbeit, 2019
47 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kunsttherapie
2.1 Begriffsklärung
2.2 Meine eigene kunsttherapeutische Positionierung

3. Reittherapie
3.1 Begriffsklärung
3.2 Meine eigene reittherapeutische Positionierung

4. Reittherapie und Kunsttherapie in Verbindung
4.1 Ressourcenorientierung
4.2 Setting / Material / Räume

5. Übungen
5.1 ,,Unmittelbares Zeichnen’’
5.2 ,,Indianerpferde’’
5.3 ,,Innere Bilder’’
5.4 ,,Ausreiten’’
5.5 ,,Achtsamkeit: Körper-, Reiter- & Pferdebilder’’

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

8. Anhang

Um den Textfluss nicht zu stören, wurde zum Teil bei Klienten, Therapeuten, etc. nur die maskuline oder feminine Form gewählt. Natürlich sind in diesen Fällen immer Frauen und Männer gemeint.

Zum Schutz der Patienten wurden die Namen geändert. Alle Bilder, auf denen Therapiesituationen und Patienten abgebildet sind wurden nachgestellt.

1. Einleitung

Die Kunst- wie auch die Reittherapie sind eigenständige Therapieformen mit unterschiedlichen Potenzialen und Möglichkeiten. Meine Idee ist, die Potenziale dieser beiden Therapieformen zu verbinden. Oftmals kommt es in der Reittherapie vor, dass gute Erfahrungen und Wirkungen erlebt werden, diese aber schnell wieder verfliegen, weil sie nicht festgehalten werden können. Durch die Kunsttherapie möchte ich die erlebten Erfahrungen festhalten, so dass etwas bleibt und die Klienten etwas haben, das sie anfassen und mitnehmen können. So kann die Unmittelbarkeit einer sinnlichen Erfahrung fixiert werden. In der Kunsttherapie fehlt oftmals das Spüren des Körpers und die Einbeziehung der Bewegung. Diese fehlende Komponente kann durch die Reittherapie ergänzt werden.

So entsteht ein ganzheitlicher Therapieansatz, der Körper und Geist anspricht und Spiel, Tiere, Kreativität und Beziehung beinhaltet. Dabei lege ich viel Wert auf eine ressourcenorientierte Arbeitsweise.

Die Kombination von Kunst- und Reittherapie wurde im Rahmen eines Studienprojektes meines Masterstudiums Kunsttherapie (Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, Nürtingen) entwickelt und erprobt.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Kombination der beiden Therapieformen und ihre Potenziale beleuchten. Nach der theoretischen Betrachtung der Hintergründe stelle ich die von mir entwickelten Übungen vor.

2. Kunsttherapie

Die Kunsttherapie ist ein weites und buntes Feld mit verschiedenen Ansätzen, Methoden und Standpunkten. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen die Kunsttherapie komplett zu durchleuchten. Deshalb beschränke ich mich auf eine kurze Begriffsklärung und werde dann auf meine eigene kunsttherapeutische Positionierung eingehen.

2.1 Begriffsklärung

Die Kunsttherapie ist eine Therapieform, die mit gestalterischen Mitteln aller Art wie z.B. Farben, Papier, Knet, Ton, etc. arbeitet. Sie ist eng mit anderen Disziplinen wie Pädagogik, Psychologie und Kunstwissenschaft verknüpft.

Die Kunsttherapie selbst ist ein weites Feld und jeder Kunsttherapeut arbeitet mit eigenen Schwerpunkten. Hier gibt es zum Beispiel den psychiatrischen Ansatz, den künstlerisch-kunstpädagogischen Ansatz, den heilpädagogischen Ansatz, den psychotherapeutischen Ansatz, den anthroposophischen Ansatz, den rezeptiven Ansatz oder auch den integrativen Ansatz (vgl. Baukus & Thies, 1997).

2.2 Meine eigene kunsttherapeutische Positionierung

Meine Herangehensweise würde ich dem Feld psychoanalytisch orientierter Kunsttherapie zuordnen. In diesem Fall transportiert eine bildnerische Gestaltung, vergleichbar mit einem Traum, psychisches Material an die Oberfläche. ,,Träume, Phantasien, Tagträume, Ängste, Konflikte und auch Kindheitserinnerungen werden entsprechend in der psychoanalytisch orientierten Kunsttherapie zum Thema der bildnerischen Gestaltung.’’ (Schuster, 1991, S.25).

Die Klienten können die Kunst, die in Material und Methoden beinahe unbegrenzte Möglichkeiten hat, als eigenen Ausdruck nutzen. Oftmals können hier Zustände ausgedrückt und verarbeitet werden, die verbal noch nicht zugänglich sind. Jedes Werk ist ein Spiegel der inneren Welt des Klienten. Jedoch ist es wichtig, dem Klienten zu vermitteln, dass es keinesfalls die Aufgabe des Therapeuten ist, die Werke zu deuten und zu entschlüsseln. Sie sind lediglich ein Teil des Weges, den der Klient geht. Ein Kunsttherapeut ist nicht dazu da, die Bilder zu lesen und Hypothesen über die Werke und den Klienten aufzustellen. Die Bilder sind eine Brücke zur Gefühlswelt des Klienten und erleichtern den Zugang zu Problemen, Konflikten und der gesamten inneren Welt des Klienten. Klient und Therapeut betrachten die Werke gemeinsam und versuchen Brücken zum Alltag zu schlagen.

Außerdem bin ich der Meinung, dass künstlerisches Tun an sich bereits entspannend und heilsam wirkt. Durch die Unterstützung eines Therapeuten können die ablaufenden Prozesse jedoch besser verstanden und verortet werden.

In der Kunsttherapie können sich die Klienten selbst ausprobieren und erhalten ein Übungsfeld, in dem sie nicht bewertet werden. Es soll ein Probehandeln gefördert werden. Das kreative Werk ist hier das Übungsfeld an dem auch unterdrückte und oft unerwünschte Gefühle wie Aggression und Wut Platz finden können.

Wichtig ist auch, dass es in der Kunsttherapie nicht darum geht ein perfektes Werk zu erschaffen. Vielmehr steht der Prozess des Gestaltens im Vordergrund. Ziel ist es für die inneren und äußeren Bilder eines Klienten Ausdruck zu finden.

Durch das dritte Medium, neben Klient und Therapeut, die Kunst, wird den meisten Klienten der Einstieg in die Therapie erleichtert. Ein Beziehungsaufbau zum Therapeuten ist über die Kunst möglich und meist einfacher als ein ausschließlich verbaler Beziehungsaufbau.

Dadurch, dass es in der Kunst kaum Grenzen gibt und beinahe alles Kunst sein kann, erleben die Klienten schnell Erfolgserlebnisse, wodurch ihre Ressourcen aktiviert und gefördert werden.

Eine kunsttherapeutische Vorgehensweise die mich selbst tief berührt hat ist das Serielle Arbeiten nach Gertraud Schottenloher (vgl. Schottenloher, 1994, S. 58-85). Hier dringt man tiefer in das eigene Bewusstsein ein und findet eine Verbindung zu sich selbst. Es wird in einer festgelegten Zeit, z.B. 2 Minuten, jeweils ein Bild gestaltet. Je nach Setting können hier 20 oder mehr Bilder in einer Serie entstehen. Das Material wird vorher festgelegt. Am Besten eignen sich meiner Meinung nach Papiere in der Größe DIN-A-4 und Öl- oder Pastellkreiden. Mit den Kreiden lässt sich das Papier schnell füllen, es können jedoch bei Bedarf auch kleine Details ausgearbeitet werden. Durch das eher kleine Format lassen sich die Werke gut verstauen und handhaben. Gertraud Schottenloher arbeitet mit größeren Formaten und flüssigen Farben. Hierbei ist jedoch viel Platz nötig, da die Werke alle zum Trocknen ausgelegt werden müssen. Im besten Fall kommt man in einen kreativen Flow, der einen nach und nach die Kontrolle über die bewussten Gedanken abgeben lässt. Ebenso arbeiteten auch die Surrealisten, z.B. mit der Methode ,,écriture automatique’’. Ziel dieser Methode ist es eine Verbindung zu seinem inneren Selbst zu festigen und in tiefere Bewusstseinsschichten und Themen vorzudringen. Dies kann sehr anstrengend und auch belastend sein. Ein sicheres Setting und eine gefestigte Beziehung zum Therapeuten sind unabdingbar. Das Medium der Kunst dient in diesem Fall als Brücke zu sich selbst. Das Thema der Kontrolle spielt hier immer wieder eine wichtige Rolle. Je nach verwendetem Material und Setting fällt es einigen Klienten schwerer oder leichter die Kontrolle über ihre bewussten Gedanken abzugeben. Das Gefühl des Kontrollverlustes ist für die meisten Menschen eher schwierig zu ertragen. Deshalb ist ein gewisses Vertrauen zur Therapeutin und in die verwendete Methode notwendig.

Kontrolle und Vertrauen sind für mich in einer Therapie wichtige Punkte. Durch das künstlerische Tun fällt es vielen Klienten leichter die Kontrolle etwas abzulegen und sich auf sich selbst und die Gestaltung einzulassen. Allerdings darf ein Klient niemals gedrängt werden ,,loszulassen’’. Durch den Einsatz verschiedener Materialien ergibt sich das jedoch meist mit der Zeit von selbst. Wichtig bei diesem Prozess ist das Vertrauen zur Therapeutin und in den therapeutischen Rahmen. Dies benötigt ebenfalls Zeit. Der Beziehungsaufbau stellt für mich den zentralen Punkt einer gelingenden Therapie dar.

3. Reittherapie

Die Reittherapie ist ein bisher wenig wissenschaftlich belegtes und erforschtes Verfahren. Auf den folgenden Seiten versuche ich einen groben Überblick über diese Therapiemethode zu geben. Anschließend möchte ich ausführlich auf meinen persönlichen reittherapeutischen Standpunkt eingehen.

3.1 Begriffsklärung

Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) teilt die vielfältigen Ansätze der Reittherapie in vier große Felder ein, wobei sich die einzelnen Felder überschneiden und ergänzen können:

-Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung (orientiert an Leistung und reiterlichem Können, soweit dies möglich ist)
-Hippotherapie (Physio- oder Ergotherapie mit dem Pferd, körperliche Leiden und Bewegung stehen im Mittelpunkt)
-Integrativer Reitunterricht (Gruppe aus diversen Patienten mit und ohne Krankheiten/Störungen, die Gemeinschaft und die Gruppe stehen im Mittelpunkt)
-Heilpädagogisches Reiten (Beziehung und konstruktiver Umgang miteinander steht im Vordergrund, auch Reitpädagogik genannt, psycho-soziale Förderung) (vgl. Deutsches Kuratorium für therapeutisches Reiten (DKThR), www.dkthr.de)

3.2 Meine eigene reittherapeutische Positionierung

Nach dieser Einteilung des DKThR würde ich mich und meinen therapeutischen Ansatz zum heilpädagogischen Reiten zählen. Hierbei wird der Mensch als Ganzheit betrachtet, es wird versucht sowohl Körper als auch Geist anzusprechen. Allerdings finde ich persönlich die Definitionen des DKThR sehr einschränkend, da Pferde für mich noch weitreichendere Potentiale haben.

Für mich ist das Pferd ein Co-Therapeut, es kann helfen ,,aktuelle Konfliktbereiche und somit zentrale krankheisterhaltende Bindungsgefüge, die noch nicht verbalisiert werden können, zu identifizieren.’’ (Opgen-Rhein, Kläschen & Dettling, 2011, S. 17). Pferde sind immer klar und eindeutig in ihrer Kommunikation und verlangen dies auch vom Menschen. Sie können sich von Natur aus nicht verstellen oder täuschen (außer erlerntes Verhalten) und zeigen keine Unstimmigkeiten zwischen Körper und Sprache. Pferde sind außerdem unvoreingenommen und vorurteilsfrei. Genau diese Eigenschaften machen sie für mich zu idealen Co-Therapeuten (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Pferd als Co-Therapeut und Hilfe für den Therapeuten

Die Reittherapie fördert die Gesamtpersönlichkeit und erhöht die emotionale Befindlichkeit. Pferde suggerieren Wärme und vermitteln ein archaisches Gefühl von Freiheit und Lebendigkeit.

In der Reittherapie wird der Körper ganzheitlich angesprochen und bewegt. Dies führt zu einer Schulung der Wahrnehmung und des Körpergefühls (dreidimensionale Schwingungen des Körpers durch Bewegung des Pferdes). Während dem Reiten, vor allem in der Gangart Schritt, wird der Körper des Reiters rhythmisch bewegt. Durch die Bewegung treten Reiter und Pferd in einen Dialog. Allein durch das Sitzen auf dem Pferd entsteht eine Kommunikation der Balance. Das Pferd besitzt einen starken Aufforderungscharakter. Der Reiter muss sich immer wieder neu ausbalancieren und auf die Reaktionen des Pferdes antworten. So wird ein passives Verhalten des Klienten auf dem Pferderücken beinahe unmöglich.

Pferde sind Herdentiere und haben deshalb ein ausgeprägtes Sozialverhalten, welches für manche Klienten als Vorbild dienen kann.

Der Umgang mit dem viel stärkeren und massigen Lebewesen Pferd bietet natürlich auch die Möglichkeit von Erfolgs- und Bewältigungserlebnissen. Ein so großes und starkes Tier als Freund zu gewinnen sowie es bewegen und dirigieren zu können fördert das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit. In diesem Zuge wird natürlich auch eine gewisse Selbsteinschätzung erlernt, da im Umgang mit dem Pferd nicht immer alle Aufgaben auf Anhieb funktionieren und trainiert werden müssen. Hierbei wird ein positiver Umgang mit Angst und Frustration erlernt.

Durch die schnelle und direkte Kommunikation des Pferdes wird beim Klienten eine klare Kommunikation geschult und gefördert. Die Kommunikation des Pferdes mit dem Menschen ist ähnlich wie bei Mutter und Säugling. Bewegung, Mimik und Gestik sind Aktionen, die sofort Reaktionen auslösen (z.B. eigene Gefühle wahrnehmen und regulieren). Jeder von uns kennt schon durch seine früheste Prägung diese Art der Kommunikation und wird durch das Pferd wieder darauf verwiesen.

Ebenso wie in der Kunsttherapie steht für mich in der Reittherapie eine sich aufbauende und gut funktionierende Beziehung aller Beteiligten im Mittelpunkt. Das Pferd trägt hierzu viel bei, da es jeden Menschen annimmt wie er ist und nicht beurteilt. Die Klienten fühlen sich von den Pferden akzeptiert und es fällt ihnen leichter sich zu öffnen.

Sich auf den Rücken eines so großen und starken Tieres zu setzen erfordert viel Mut und Vertrauen, dies wird jedoch vom Pferd sofort gespiegelt und belohnt. Das Gefühl eine Freundschaft mit dem Partner Pferd aufzubauen und sich beinahe blind zu vertrauen ist ein sehr tiefes und bewegendes Gefühl, das die Persönlichkeit prägt.

Besonders faszinierend finde ich persönlich die Möglichkeit der Kommunikation mit Pferden. Durch minimale Gesten und gezielten Einsatz der Körpersprache können wir ein Pferd dirigieren und mit ihm in Kontakt treten. Am deutlichsten wird dies in der Freiarbeit mit einem Pferd. Hier bewegt sich das Pferd in einem abgezäunten Bereich frei ohne Ausrüstung. Durch bloße Körpersprache, z.B. Anspannung oder Zeigegesten kann der Mensch das Pferd kontrollieren und dirigieren. Dies scheint Macht zu suggerieren, die der Mensch gegenüber dem Pferd hat. Dies sehe ich allerdings nicht so. Das Pferd ist dem Menschen körperlich in allen Bereichen (Kraft, Schnelligkeit, Größe, etc.) überlegen. Trotzdem lässt es sich auf die Kommandos des Menschen ein. Es tritt durch seinen Fluchttiercharakter von sich aus gerne in Beziehung und sucht Sicherheit. Durch klare Strukturen und Grenzen wird dem Pferd diese benötigte Sicherheit gewährleistet. Der Mensch hat also mehr oder weniger nur eine Illusion der Kontrolle über das Pferd. Tatsächlich entscheidet das Pferd als lebendiges Wesen selbst, was es tut und wem es folgt, vorausgesetzt es wird keine grobe Gewalt durch den Menschen angewendet. Hierbei spielt auch das gegenseitige Vertrauen eine große Rolle. Das Pferd vertraut dem Menschen und lässt sich auf ihn ein. Ebenso muss der Mensch dem Pferd vertrauen, dass es seine körperliche Überlegenheit ihm gegenüber nicht ausnutzt.

4. Reittherapie und Kunsttherapie in Verbindung

Kunst- und Reittherapie sind zwei eigenständige Therapieverfahren, die auf den ersten Blick scheinbar keine Verbindung zueinander aufweisen. Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch einige Gemeinsamkeiten.

Reit- und Kunsttherapie arbeiten beide mit einem dritten Medium, dem Pferd bzw. der Gestaltung (siehe Abbildung 2). Über dieses dritte Medium ist eine non-verbale Kommunikation möglich, welche den Beziehungsaufbau zum Therapeuten vereinfacht und den Einstieg in die Therapie für die Patienten meist angenehmer macht als eine rein verbale Therapieform. Dennoch spielt in beiden Therapieformen und somit auch in meinem Ansatz die verbale Kommunikation eine Rolle. Meiner Meinung nach genügt es für einen langanhaltenden Therapieerfolg nicht, nur non-verbal zu kommunizieren. Durch die Reflexion der erlebten Prozesse werden diese besser verankert und wahrgenommen und können so langanhaltender wirken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das dritte Medium in Reit- und Kunsttherapie

In beiden Therapieformen steht die Therapie an sich im Mittelpunkt. Der Erwerb von reiterlichen und künstlerischen Fähigkeiten ist ein Nebenprodukt.

In der Kunst- als auch in der Reittherapie wird dem Klienten in vielerlei Hinsicht ein fester Rahmen geboten. Einerseits gibt es einen festen zeitlichen Ablauf, der immer ähnlich ist. Meist sind auch die beteiligten Personen oder Pferde die gleichen. Das Material in der Kunsttherapie bietet seinerseits Grenzen und einen Rahmen (Papiergröße, Eigenschaften des Materials). Die gemeinsame Arbeit mit dem Pferd kann die Grenzen jedoch auch verschieben. Auf dem Rücken des Pferdes können sich Menschen schneller fortbewegen als zu Fuß, man spürt die Kraft und die starken Muskeln des Pferdes unter sich und fühlt sich somit größer und stärker als am Boden. Auch das künstlerische Material kann unsere Grenzen und unseren Horizont erweitern. Teilweise entstehen ungeplant neue Formen und Farben, das Material zeigt uns einen Weg, an den wir vorher nicht gedacht haben. Durch den festen Rahmen, das Setting in der Therapie ist es den Klienten möglich ihre Grenzen in diesen Bereichen neu zu erkunden, da sie immer wieder die Sicherheit spüren, die ihnen das therapeutische Setting bietet. Die Kunst- sowie auch die Reittherapie bieten den Klienten die Möglichkeit immer wieder ihren persönlichen Rahmen zu erweitern und die Grenzen neu auszuloten und zu testen.

Ein weiterer Punkt ist der Rhythmus, der in beiden Therapieformen seinen Platz einnimmt. In jedem Therapiesetting und jedem Ablauf findet sich ein wiederkehrender Rhythmus. Rituale, die sich immer wieder wiederholen und einen festen Rahmen bilden. Beim künstlerischen Gestalten spielt das Thema Rhythmus auch oft eine wichtige Rolle. So gibt es auch hier sich wiederholende Handlungen, z.B. Pinsel ins Wasser, in die Farbe, aufs Papier, Pinsel ins Wasser, in die Farbe, aufs Papier etc. Auch das Malen mit Kreiden kann sehr rhythmisch sein, vor allem auf großen Formaten. Ebenso gibt zum Beispiel auch die Methode des Seriellen Arbeitens einen klaren Rhythmus vor. Beim Reiten werden wir immer von diesem Thema begleitet. Pferde sind Gewohnheitstiere und brauchen feste Abläufe und Regelmäßigkeiten. Ebenso wie wir es von einem guten Therapiesetting kennen. Auf dem Pferd selbst wird der Körper des Reiters in einem wiederkehrenden und immer gleichen Rhythmus bewegt. Auch der Klang der Hufe auf festem Boden hat etwas angenehm rhythmisches. Das Thema Rhythmus taucht in vielen verschiedenen Facetten auf und ist dadurch ständig gegenwärtig.

Wichtig ist mir außerdem, dass die Patienten durch die Kombination beider Therapien, die beide ein weites Spektrum von Erfahrungen bieten, viele verschiedene Erfahrungen sammeln können.

,,Ohne Erfahrungen bleibt auch die Erfahrungsfähigkeit unentwickelt, also die Fähigkeit, Erlebens- und Erfahrungsmöglichkeiten selbstinitiativ aufzusuchen, dabei Handlungs- und Verursachererfahrungen zu machen, aufgrund derer sich selbstbewusste Ich-Identität entwickelt, das Handeln lebenslang strukturiert, das Lebensgefühl gesteigert und Sinnfindung begünstigt wird.’’ (Richter-Reichenbach, 2007, S. 73).

Neben diesen Gemeinsamkeiten gibt es natürlich auch einige Unterschiede. Die Verbindung der beiden Therapieformen stellt für mich eine ideale Symbiose dar, die es erlaubt einen Menschen ganzheitlich zu betrachten und zu behandeln. Meiner Meinung nach gehören Körper und Geist zusammen und nur wenn beide im Einklang sind kann ein Mensch gesund sein. Eine ganzheitliche Betrachtung des Klienten in der Therapie ist für mich essenziell. Deshalb ergänzen sich aus meiner Sicht die beiden Therapieformen Reit- und Kunsttherapie sehr gut in einem ganzheitlichen Therapiesetting.

In der Reittherapie können viele physische Erfahrungen gesammelt werden. Ebenso steht hier das soziale Miteinander und der angemessene Umgang mit dem Lebewesen Pferd im Fokus. Die erlebten Erfahrungen finden immer in der Bewegung statt und sind ständigen Veränderungen unterworfen. Sie verfliegen daher auch wieder sehr schnell. In der Kunsttherapie ist das körperliche Erleben meist nicht so sehr ausgeprägt, aber die Kunst kann als Dokumentation für das Erleben sehr nützlich sein. ,,Die Bewegung ist ihrem Wesen nach fließend; mit ihrer Ausführung löst sie sich bereits wieder auf oder geht in eine nächste über. Malen kann dem gegenüber als das Bestreben bezeichnet werden, Bewegung festzuhalten, Malen ist sinnenhaft umgesetzte Bewegungsspur. (...) Malen führt (...) somit zu einer vertieften Auseinandersetzung mit seiner Bewegungsfähigkeit. Umgekehrt lassen Spuren und malerische Ereignisse Rückschlüsse zu auf stattgefundene Bewegungen (über deren Tempo, Richtung, Krafteinsatz). (...) Malen ist eine Widerspiegelung von Bewegungserfahrungen.’’ (Marbacher Widmer, 1991, S.38). In meinem Ansatz soll also das Erleben, Fühlen und Bewegen, wie es in der Reittherapie stattfindet durch die Kunsttherapie ergänzt und dokumentiert werden.

In beiden Therapieformen ist das Probehandeln und das Spüren der Selbstwirksamkeit eine wichtige Komponente. Da das Pferd jedoch ein Lebewesen ist, ist das Probehandeln hier eher auf das soziale Miteinander fokussiert, während in der Kunsttherapie auch Gefühle wie Aggression und Wut Platz finden können. Das Bild empfindet keinen Schmerz und darf somit auch ein Ventil für die Gefühle sein, die am Pferd nicht herausgelassen werden können. Die beiden Therapieformen ergänzen sich also auch hier sehr gut.

In der Reittherapie lehrt uns das Pferd durch sein spiegelndes Verhalten auch etwas über uns selbst. Allerdings steht hier die Beziehung zum Außen, zum Lebewesen Pferd im Vordergrund. Beim Reiten selbst steht das Miteinander im Mittelpunkt. Der Reiter versucht sich möglichst harmonisch in die Bewegungen des Pferdes einzufühlen und mit ihm eine Einheit zu bilden. Die Erfahrungen beim Reiten sind sehr stark körperlicher Natur während in der Kunst eher der Geist angesprochen wird. Der Fokus in der Kunst liegt meist näher am inneren Erleben, während beim Reiten das äußere Erleben mehr im Fokus liegt.

Pferde sind beeindruckende Tiere, die den Menschen schon seit Jahrhunderten begleiten. Ein Pferd spiegelt den Menschen und bietet somit ein Gegenüber. Anders als das Gegenüber des Bildes, das wir aus der Kunsttherapie kennen. Das Bild kann uns als Gegenüber und als Resonanzobjekt dienen, man kann sich ihm jedoch auch entziehen. Dem Gegenüber Pferd kann man sich nicht entziehen, es fordert eine direkte Beziehungsaufnahme. Sobald man mit einem Pferd arbeiten möchte ist das Eintauchen in die Beziehung unumgänglich. Im Gegensatz zum Bild handelt es sich um ein Lebewesen, das eigene Bedürfnisse hat und eigenständig handeln kann. Das Pferd stellt sich dem Menschen als Spiegel zur Verfügung. Dadurch, dass Pferde Flucht- und Herdentiere sind haben sie eine sehr sensible Wahrnehmungsfähigkeit und eine subtile Körpersprache. Sie nehmen jede Gefühlslage sofort auf, auch wenn dem Menschen diese Gefühle gar nicht bewusst sind reagiert das Pferd darauf. Vor den Pferden können wir uns nicht verstellen, ebenso wie die Pferde zu uns immer direkt sind und sich in ihrer Kommunikation nicht verstellen.

Im Gegensatz zum Pferd bietet uns das Werk in der Kunsttherapie eine feste Konstante. Ein Bild kann jahrelang unverändert bleiben, während das Lebewesen Pferd sich jeden Tag verändert. Das Pferd hat eigene Verhaltensmuster und Bedürfnisse, die immer wieder erfüllt werden müssen. Durch Erfahrungen kann das Pferd lernen und verändert gegebenenfalls auch über die Zeit seinen Charakter bzw. seine Eigenschaften. Ein Bild verändert sich nicht von selbst, es bietet uns eine Konstante, die wir mehr beeinflussen können als das eigenständig denkende Lebewesen Pferd.

Beim Reiten werden oftmals einzigartige Erfahrungen gemacht und Gefühle erlebt, die jedoch schnell wieder verflogen sind. Eine Situation mit dem Pferd kann nie in identischer Weise wiederholt werden. Jedes Erlebnis ist einzigartig. Auch in der Kunst ist jedes Werk einzigartig, jedoch kann ich hier davon ausgehen, dass sich ein grüner Filzstift auf dem Papier heute gleich verhält wie morgen oder in einer Woche. Das Pferd kann heute entspannt einen Weg entlang gehen, morgen könnte es jedoch nervöser sein oder aufgrund von Hunger oder anderen Bedürfnissen wenig motiviert sein mit mir gemeinsam diesen Weg entlang zu gehen. Durch die Kombination von Kunst- und Reittherapie möchte ich versuchen diese beiden Pole zu vereinen: Das Beständige (Bild) und das sich verändernde Fließende (Pferd).

4.1 Ressourcenorientierung

Die Kunst- sowie auch die Reittherapie bieten sich für eine ressourcenorientierte Arbeitsweise an. Da es in der Kunsttherapie nicht darauf ankommt perfekt malen zu können und in der Reittherapie nicht darauf ankommt sehr gut reiten zu können, kann jeder Klient Erfolgserlebnisse in der Therapie verbuchen und dadurch lernen, seine Ressourcen wahrzunehmen.

Psychisch kranke Menschen erleben oft die Einteilung in gesund oder krank. Dies erschwert es den Klienten deutlich positive Anteile in sich selbst zu erkennen und ein Leben abseits der Krankheit zu sehen. In einem ressourcenorientierten Therapieansatz wird der Fokus vor allem auf vorhandene Potenziale, Perspektiven und Kompetenzen gelegt. ,,Im erlebnis- und körperorientierten Ansatz der Pferdegestützten Therapie psychisch Kranker nimmt diese Grundorientierung eine zentrale Rolle ein. Der wertfreie Kontakt mit dem sozial orientierten Herdentier Pferd ermöglicht neue Erlebens-, Erprobungs- und Gestaltungsräume für den Patienten, der vom Tier nicht per se als krank bewertet wird, sondern in seiner aktuellen Befindlichkeit mit den vorhandenen Befähigungen und auch krankheitsbedingten Defiziten gleichermaßen unvoreingenommen akzeptiert wird. Hierin liegt eine ideale Basis für den ressourcenorientierten Therapieansatz (...).’’ (Opgen-Rhein, Kläschen & Dettling, 2011, S. 67/68). Das Pferd hat keine Erwartungen an den Klienten und keine Vorurteile. Ebenso bietet auch die Kunsttherapie genug Erlebens- und Gestaltungraum, in dem wertfreier Kontakt wünschenswert und möglich ist.

,,Die Ressourcenaktivierung gilt als empirisch abgesichertes Wirkprinzip von Psychotherapie. Unabhängig von der jeweils angewandten Therapieform kann ein Patient demnach dann am besten von einer Intervention profitieren, wenn man an seine positiven Möglichkeiten, Eigenarten und Motivationen anknüpft, so dass er sich nicht mehr als nur defizitär erfährt, sondern seine Stärken erleben kann.’’ (Opgen-Rhein, Kläschen & Dettling, 2011, S. 68). Grawe sieht die Ressourcenaktivierung neben der Problemaktualisierung, der Problembewältigung und der motivationalen Klärung als eines der vier Wirkprinzipien erfolgreicher Psychotherapie (vgl. Opgen- Rhein, Kläschen & Dettling, 2011, S. 68/69) (siehe Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Psychotherapeutisches Wirkfaktorenmodell nach Grawe

Jeder Mensch verfügt über eigene Ressourcen. Als Ressource ist hier eine Kraft gemeint, die einem Menschen ermöglicht mit belastenden Lebensumständen oder persönlichen Problemen umzugehen. Dies gilt für Menschen mit und ohne psychische Störungen. ,,Ressourcen sind wichtige Determinanten psychischer Gesundheit und bedeutsame Prädiktoren des Therapieerfolgs. Im Sinne der Konsistenztheorie von Klaus Grawe stellt die Ressourcenaktivierung bei Psychotherapiepatienten ein zentrales Element einer erfolgreichen Behandlung dar. Ressourcenvariablen stehen in einem positiven, meist linearen Zusammenhang zum Gesundheitsniveau.

Die Ressourcenforschung ist ein sehr weites Feld. Es liegt kein einheitliches Konzept vor, wie Ressourcen definiert werden, sodass verschiedene Ressourcen-Definitionen nebeneinander stehen. Generell geht es bei Ressourcen aber um die Frage, wie einzelne Faktoren protektiv bzw. hilfreich bei der Lebens- bzw. Stressbewältigung in Erscheinung treten können. In der Literatur werden meist zwei Arten protektiver Faktoren unterschieden: Schutzfaktoren auf Seiten des Individuums (sog. Personale Ressourcen, auch als Resilienz bezeichnet) und Schutzfaktoren auf Seiten der Umwelt (sog. Soziale Ressourcen).’’ (Tagay S., Düllmann S., Repic N., Schlottbohm E., Fünfgeld F. & Senf W., 2012, S.1).

Eine ressourcenorientierte Arbeitsweise wird sowohl in den Annahmen als auch in der Grundhaltung des Therapeuten im Prozess mit dem Patienten sichtbar. Das bedeutet im Einzelnen:

- ,,Selbstständigkeit und Autonomie fördern, nicht mit dem eigenen Fachverstand Lösungen für Patienten finden
- Den Auftrag des Patienten erfüllen und nicht die Aufträge anderer (z.B. Angehöriger)
- Ressourcen sehen (persönlich, sozial, materiell, infrastrukturell), nicht die Defizite
- Erfolge sehen, nicht die Misserfolge
- Vielfältige mögliche Handlungsschritte sehen, die zur Lösung führen, nicht die eine richtige Lösung
- Die Zukunft sehen mit der Frage ,,Was will der Patient erreichen?’’, nicht die Vergangenheit mit einer langen Problemgeschichte
- Die sozialen Rahmenbedingungen des Problems sehen, nicht die persönlichen Ursachen
- Den Dialog und Austausch pflegen, nicht manipulierendes oder pädagogisierendes Verhalten’’ (Opgen-Rhein, Kläschen & Dettling, 2011, S. 70/71).

[...]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Die Verbindung von Kunst- und Reittherapie
Untertitel
Eine gelungene Kombination von zwei eigenständigen Therapieformen
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen; Standort Nürtingen  (FLUS)
Note
2,1
Autor
Jahr
2019
Seiten
47
Katalognummer
V496036
ISBN (eBook)
9783346011602
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunsttherapie, Reittherapie, Therapie, Pferd, Kunst
Arbeit zitieren
Anna Köhler (Autor), 2019, Die Verbindung von Kunst- und Reittherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496036

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Verbindung von Kunst- und Reittherapie


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden