Bertschi Triefnas Weltflucht in Heinrich Wittenwilers "Der Ring" unter Berücksichtigung der Farblinien


Seminararbeit, 2012
15 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Aufbau

1. Die Bedeutung der Farblinien

2. Bertschis Weltflucht
2.1 Belagerung und Rückkehr nach Lappenhausen
2.2 Klagen und Einsicht
2.3 Flucht in den Schwarzwald

3. Fazit und Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Aufbau:

Es ist die Geschichte des Bauern Bertschi Triefnas, der sich unsterblich in seine Angebetete Mätzli Rüerenzumph verliebt. Als er im Laufe der Handlung letztendlich bemerkt, dass er tagein tagaus nur noch an sie denken muss, setzt der Jüngling alle Hebel in Bewegung, um Mätzli mit einer Heirat für sich zu gewinnen. Doch bis schließlich das große Fest naht, gilt es eine ganze Reihe guter Lehren über sich ergehen zu lassen, die beabsichtigen, das Paar auf sein gemeinsames Zusammenleben vorzubereiten. Diese oftmals sehr trocken wirkenden Ratschläge sollen, sowohl für die Protagonisten als auch für die Leser des Werkes, als anschauliche Anhaltspunkte für den täglichen Hausgebrauch dienen, so die Intention Heinrich Wittenwilers - des Autors des Rings. Er bzw. ein späterer Minator, also Handschriftenver­fasser, nämlich versah fast die komplette Geschichte mit zweierlei Farblinien. Ausgewählte Passagen wurden abwechselnd mit einer der beiden Farben markiert, quasi als eine Art Lesehilfe für den Rezipienten, wie Wittenwiler im Prolog konstatiert. So solle Rot ein Signal für das Ernste sein und Grün als Zeichen für das Unterhaltsame dienen. Auf diese Weise wollte der Autor seinem Publikum eine abwechslungsreiche Mischung aus Vergnügen und nicht zu vernachlässigenden wichtigen Prinzipien bieten. Ob jenes eben genannte Schema jedoch durchgängig bis zum Ende einem logischen Verlauf folgt bleibt teilweise umstritten. Speziell im Bezug auf den Schluss des Rings weist die Wittenwiler'sche Farbgebung für den unbedarften Leser auf den ersten Blick einige Unstimmigkeiten auf. So ist man zunächst geneigt dem Text vermeintliche Falschfärbungen zu unterstellen oder wundert sich gar über scheinbar komplett außer Acht gelassene Passagen.

In der mediävistischen Forschung wurde das Kolorationsproblem, ebenso wie das Leben des Bauernjungen Bertschi Triefnas und sein naives Verhalten der Welt gegenüber, bereits mehrfach analysiert und von allen Seiten beleuchtet. Nichtsdestoweniger lohnt es sich nach wie vor die gewählte Farbgebung, ob absichtlich oder unabsichtlich sei vorerst dahingestellt, in Kombination mit der letztendlichen Weltflucht Bertschis genauer zu betrachten. Im Zuge dessen, stellt sich somit auch die Frage: Sind die finalen Farbwechsel in den rund 70 letzten Versen, bzw. die Nichtmarkierung des 4-zeiligen Epilogs nun wirklich lo­gisch gerechtfertigt oder eben nicht und inwieweit entwickelt sich dabei Bertschis Charakter in diesem Teil?

1. Die Bedeutung der Farblinien

Wie bereits zu Beginn erwähnt, konfrontiert Heinrich Wittenwiler den Leser sofort im Prolog mit seinem ausgeklügelten und doch augenscheinlich recht simplen Farbliniensystem in Form einer kurzen Einweisung. Das heißt, Wittenwiler erläutert dem Leser wie er den vor sich liegenden Text zu deuten habe. Bis manjedoch erst richtig ins Geschehen einsteigen darf, heißt es im noch ungefärbten Prolog des Autors: Die rot die ist dem ernst gemein, /Die grüen ertzaigt uns törpelleben (V. 40-41)1. Dies bedeutet also, dass alle rot markierten Passagen einen sinnvollen Mehrwert für den Rezipienten der Geschichte bieten und ihn somit aufklären, was man besser tuon und lassen schol (V. 12). Im Gegensatz zu den ernsten Lehren sollen die grüngefärbten Textstellen die lebensnahe Praxis des einfachen Volkes schildern - denn um nicht zu sehr mit erhobenem Zeigefinger auf das Volk herabzupredigen, entschloss sich Wittenwiler, den didaktischen Stoff mit etwas gpauren gschrai (V. 36) aufzulockern und nahm durch deren Veralberungen dem puren Ernst der Lehrhaftigkeit so etwas Wind aus den Segeln. Es sei jedoch ebenso angemerkt, dass Wittenwiler keinesfalls beabsichtigte jene Gesellschaft, die durch Landwirtschaft versucht ihren Lebensunterhalt zu verdienen, auf irgendeine Art und Weise zu veralbern, sondern möchte lediglich alljenen eine kleine Lektion erteilen, die selbstherrlich über ihre Verhältnisse leben und sich selbst für schlauer, mächtiger und erhabener halten, als es ihr eigentlicher einfacher sozialer Status vorgibt zu sein. Denn, wie es Heinrich Wittenwiler auf den Punkt bringt,

[...] ist ein gpaur in [s]einem muot, der unrecht lept und läppisch tuot, Nicht einer, der aus -weisem gfert Sich mit trewer arbait nert; Wan der ist mir in den äugen Sälichvil, dazschültirglauben. (V. 43-48)

Demnach ist ein standesgemäßer Bauer also ein tüchtiger Mensch, der es verdient, hoch­geschätzt und respektiert zu werden, und niemand, der durch bauernschlaue Reden nach außen hin den schönen Schein bewahren müsse.

2. Bertschis Weltflucht

Kehrt man jedoch wieder zu der eigentlichen Fragestellung dieser Arbeit zurück, so dreht sich das Hauptaugenmerk hierbei um Bertschis leidvolles Schicksal am Ende des Rings, sowie dessen Weltflucht. Im Zusammenhang damit gilt es ebenso die drei, dem Epilog voran­gehenden, Textpassagen zu analysieren, die einen Farbwechsel von Grün auf Rot und schließ­lich von Rot auf Grün aufzeigen. Die genaue Betrachtung jener Abschnitte solle darlegen, ob Wittenwilers einleitende Leseanleitung nun auch auf genau diese Textteile einwandfrei an­wendbar sei oder ob sich die Markierungen dennoch als etwaige Falschfärbungen auslegen ließen. Des Weiteren bleibt zu deuten, warum die 4 letzten Verse des Rings überhaupt keine Farbgebung tragen.

2.1 Bertschis Belagerung und Rückkehr nach Lappenhausen

Der dritte Teil des Rings setzt sich mit der kriegerischen Auseinandersetzung der Nach-bardörfer Lappenhausen und Nissingen auseinander. Ausgelöst durch einen nichtigen Grund artet das zunächst fröhliche und sehr exzessiv zelebrierte Hochzeitsfest des Paares Bertschi Triefnas und Mätzli Rüerenzumph in ein blutrünstiges Gemetzel aus, bei dem am Ende nichts mehr so ist, wie es einmal war. Da die Nissinger bereits das ausufernde Gefecht für sich entscheiden konnten, wollen sie schließlich ihr katastrophales Werk vollenden und zu guter Letzt auch noch Bertschi Triefnas in Beschlag nehmen. Dieserjedoch zieht es vor einige Tage lang in einem Heustadl geschützt auszuharren, um nicht seinen Feinden aus dem Nachbardorf in die Arme zu laufen. Denn vor alter veinten süessen botten / und vor fischen zwir gesotten / Hüete dich an alles spotten! (V. 9629-9631), so seine Devise. Einfach ausgedrückt, bedeutet dieses Sprichwort, er solle sich vor derart ausgekochten und bauernschlauen Gesellen in Acht nehmen, da ihre 'Waffen' ausgeklügelter seien als man glaubt. Dass diese durchaus ernstzuneh-mende und somit auch zurecht rot markierte Redewendung ebenso für den Lappenhausener Triefnas gilt, bekommen die Gegner bald darauf zu spüren.

Denn wäre Bertschi nicht ebenso zwir gesotten (V. 9630) und tollkühn wie seine Gegner, hätte er sicherlich nicht als einziger Lappenhausener den Kriegskampf überlebt. Doch er, der von dem streit geflohen was, / Sass auf einem birlinch hoch (V. 9542-9543), schaut auf die Nissinger herab und zeigt, dass er sich zu helfen weiß. Denn ohne ein Überleben Bertschis würde der bedeutende Kernpunkt dieses letzten Abschnittes, nämlich Triefnas' Weltfllucht, hinfällig werden. Das heißt demzufolge, der Hauptprotagonist des Rings darf nicht sterben.

Des chamen seu da überain, Das seu allesampt gemain Laiten sich hin umb das haus, Bis der hunger trib hin aus. (V. 9632-9635)

Da die Nissinger nicht mit der geistigen Wendigkeit des Bauern Bertschi rechnen, glauben sie ihr handfester Plan, die Scheune mit ihren Truppen zu belagern bis er sich ihnen schließlich selbst freiwillig stelle, würde aufgehen. Aufgeteilt in der scharen drei (V. 9636) umzingeln sie sein Versteck und harren dort hin bis an die vierden nacht (V. 9639) aus. Sie üben sich zu­nächst in Geduld und Ausdauer, da sie fest darauf bauen, dass ein natürliches Bedürfnis wie Hunger jeden Menschen zweifelsohne früher oder später zum Aufgeben zwingen müsse. Triefnas hingegen besitzt einen entschlossen starken Willen und do hungert Pertschin hart (V. 9640). Um jeden Preis versucht er es zu umgehen, sein Versteck zu verlassen und sich seinem Hungergefühl hinzugeben. Da sich weit und breit nichts wirklich essbares in greifbarer Nähe befindet muss der Belagerte einen Weg finden, sein Fortbestehen auf irgendeine Art und Weise aufrechtzuerhalten. Doch der zwir gesotten (V. 9630) zeigt durch sein schnelles Handeln, er sei doch nicht faul (V. 9644) und stopft sich kurzerhand des häwes in sein maul / Und baiss dar in, er cheuwet ser (V. 9645-9646). Bertschi sieht also das Heu und das Stroh somit nicht di-rekt als tatsächliche Nahrung an, sondern eher als Mittel zum Zweck. Indem er sich selbst vor-gaukelt irgendwelche getrockneten Gräser zu verspeisen bzw. sie einfach nur versucht lange genug zu kauen, scheint es ihm, könne er womöglich seinen ausgehungerten Magen wieder et-was beruhigen und dadurch die lange Belagerungszeit der Nissinger unbeschadet überbrücken.

[...]


1 Wittenwiler, Heinrich: Der Ring. Frühneuhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Edmund Wießner ins Nhd. übers, u. hrsg. v. Horst Brunner. Durchgesehene u. bibliogr. erg. Ausg. Stuttgart 2003 (=RUB 8749).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Bertschi Triefnas Weltflucht in Heinrich Wittenwilers "Der Ring" unter Berücksichtigung der Farblinien
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik – Ältere Deutsche Literaturwisschenschaft)
Veranstaltung
Seminar: „Heinrich Wittenwiler: ,Der Ring'“
Note
3,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V496066
ISBN (eBook)
9783346011183
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mediävistik, Der Ring, Heinrich Wittenwiler, Bertschi Triefnas, Mätzli Rüerenzumph, Weltflucht, Farbgebung
Arbeit zitieren
Julia Schart (Autor), 2012, Bertschi Triefnas Weltflucht in Heinrich Wittenwilers "Der Ring" unter Berücksichtigung der Farblinien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496066

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