Von der Armenfürsorge zur Armenpolitik. Das Beispiel Straßburg 1523


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wandel gesellschaftlicher Wahrnehmung und erste obrigkeitliche Eingriffe in Armenfürsorge 14. – 16. Jahrhundert

3. Das Straßburger Fürsorgewesen im 15. Jahrhundert

4. Neuordnung der städtischen Armenfürsorge Straßburgs
4.1 Bettelverbot und Beschränkung des Empfängerkreises
4.2 Organisation und Verwaltung
4.3 Bedürftigkeitskriterien und Arbeitspflicht
4.4 Durchführung und Ergebnisse der Armenreform

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der europäischen Armutsgeschichte war die gesellschaftliche Wahrnehmung von Armut einem steten Wandel unterworfen, denn Armut ist kein eindeutig de­finierter, sondern ein relativer Sachverhalt, der seine Bedeutung aus dem je­weiligen kultu­rellen, ökonomischen und sozialen Kontext gewinnt.1 Insbeson­dere Veränderungen der Wahrnehmung des Verhältnisses zwischen Armut und Arbeit sowie die damit einhergehende Wertung der Betroffenen seitens der Nicht-Betroffenen, bestimmten die Geschichte der Armenfürsorge in Europa.

Grundsätzlich bezeichnet Armut einen Mangel. Im Mittelalter bestimmte sich der Armutsbegriff jedoch nicht allein durch materiellen Besitz, sondern auch durch den rechtlich-ständischen Aspekt der personalen Herrschaft. Gemeint ist der Mangel an Privilegien der Armen (pauperes) gegenüber den Mächtigen (potentes). Arme er­füllten innerhalb der bestehenden sozialen Ständeordnung eine Funktion. Reiche übten im Almosengeben christliche Nächstenliebe und die Armen beteten für das Seelenheil der Almosengeber. Das Almosengeben erfolgte unabhängig tatsächli­cher Bedürftigkeit und zielte nicht auf die Beseiti­gung von Armut, die als gottge­wollt galt. In den sich entwickelnden Städten des Mittelalters setzte sich jedoch aufgrund zunehmender Differenzierung wirt­schaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen verstärkt der ökonomisch be­stimmte Armutsbegriff durch. Nicht perso­nale Herrschaft, sondern der Beruf so­wie der daraus resultierende materielle Reich­tum prägten das soziale Anse­hen.2 In der Folge wurde das Verhältnis zwischen Ar­mut und Arbeit neu definiert und Arbeit galt fortan als Mittel gegen Armut.

Seit den 1520er Jahren entwickelte sich die städtische Armenfürsorge überall in Europa weg von unorganisierter dezentraler Almosenvergabe hin zu einer rationa­lisierten „Armenpolitik“ zentraler Institutionen. Die Geschichtswissen­schaft ist sich einig, dass die städtischen Armenreformen des 16. Jahrhunderts in Folge der maßgeblichen Wende in der Beurteilung des Verhältnisses von Armut und Arbeit erfolgten, die konkreten wirtschaftlichen und sozialen Ursa­chen dieser Zäsur sind jedoch umstritten.

Die ersten Forschungsansätze zu den städtischen Armenreformen des 16. Jahrhun­derts stammen aus dem späten 19. Jahrhundert und leiteten diese al­lein aus dem Einfluss der Reformation seit 1517 ab.3 Die neueren vergleichen­den Studien von Thomas Fischer4 und Robert Jütte5 relativierten diesen Stand­punkt jedoch, indem sie Parallelen zwischen reformierten und katholischen Städten aufzeigten. Stattdes­sen erforschten die Sozialhistoriker der 1980er Jahre die Almosenordnungen des 16. Jahrhunderts verstärkt unter dem Ge­sichtspunkt des von Gerhard Oestreich ge­prägten Konzeptes des gesamtge­sellschaftlichen Prozesses der „Sozialdisziplinie­rung“ als Mittel zur Kontrolle und Erziehung der Armen.6 Die Forschung argumen­tierte die Notwendigkeit des disziplinierenden Eingreifens der städtischen Obrig­keiten überwiegend als Folge von Pauperisierungsprozessen des 15. und 16. Jahr­hunderts. Aufgrund von Bevölkerungswachstum, Reallohnverfall und Arbeitslosig­keit kam es zu Massenarmut, die eine Rationalisierung der Armenfürsorge erfor­derte.7 Dage­gen interpretieren Ingomar Bog und Wolfram Fischer die Entwicklung der städ­tischen Räte zu einer öffentlichen Gewalt, einer „Obrigkeit“, unabhängig von den strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft.8

Die vorliegende Arbeit wird diese Entwicklungen beispielhaft anhand der 1523 er­lassenen Almosenordnung der Stadt Straßburg darstellen. Im Folgenden wird zu­nächst aufgezeigt, dass bereits seit Mitte des 14. Jahrhunderts ein Wandel der Wahr­nehmung von Armut und ein verstärktes Eingreifen städtischer Obrig­keiten in die Armenfürsorge zu beobachten ist. Anschließend werden die kon­kreten Maßnahmen der Straßburger Almosenordnung sowie deren Durchfüh­rung und Ergebnisse erläutert. Resümierend sollen anhand eines Vergleichs zu Freiburg im Breisgau die Bedeutung der Reformation für die Armenreformen des 16. Jahrhunderts geprüft werden und abschließende Überlegungen ver­fasst werden.

2. Wandel gesellschaftlicher Wahrnehmung und erste obrigkeitliche Ein­griffe in Armenfürsorge 14. – 16. Jahrhundert

Die offene Armenfürsorge in Form von Almosen war die wichtigste Form sozia­ler Hilfe im gesamten Mittelalter, da die geschlossene Armenpflege in Form von Spitälern und Siechenhäusern entweder nicht allein den Armen oder nur Kran­ken vorbehalten waren. Die geschlossene Armenpflege begann sich ab ca. dem 13. Jahrhundert zu kommunalisieren und verbürgerlichen. Die Almosengabe aber erfolgte im gesamten Mittelalter entweder direkt durch die Bürger an die Armen oder wurde seitens der Bürger zum Zweck der Almosenvergabe an Kir­chen und Klöster überlassen, die Hauptträger institutioneller Almosenvergabe waren.9 Gegenüber den Armutsursachen herrschte weitestgehend Indifferenz. Almosen dienten nicht der Behebung von Armut, sondern allein der Notlinde­rung, wobei die Sicherung des Seelenheils des Almosengebers und die Ver­pflichtung des Almosennehmers zur Fürbitte das Motiv der Almosen bildete. Die Almosenverteilung erfolgte planlos und unabhängig von Unterstützungskrite­rien und trug daher nur wenig zur Notlinderung bei.

Bis Mitte des 15. Jahrhunderts wurden auch arbeitsfähige aber „arbeitsunwil­lige“ Bettler geduldet, die aufgrund einer veränderten gesellschaftlichen Wahr­nehmung des Verhältnisses von Arbeit zu Armut später zunehmend vom Un­terstützungsempfang ausgeschlossen wurden. Ausgangspunkt dieses Wan­dels sind die gesetzgeberischen und administrativen Maßnahmen der staatli­chen und städtischen Obrigkeiten seit Mitte des 14. Jahrhunderts. Als Reaktion auf die Pestwellen ab 1347/48, der etwa ein Drittel der europäischen Bevölke­rung zum Opfer fiel, und die aus dem Bevölkerungsrückgang resultierenden wirtschaftlichen und sozialen Prozesse, die in der Forschung unter dem Begriff „Krise des Spätmittelalters“ zusammengefasst werden, erließen die Obrigkeiten eine umfassende Sozial- und Wirtschaftsgesetzgebung, um die Folgen von Krankheit, Mortalität und Mobilität zu bewältigen.10

Die sozialhygienischen Maßnahmen, wie die Desinfektion von Häusern und Straßen oder die Einrichtung spezieller Spitäler, zielte auf Vermeidung der Ein­schleppung und Verbreitung von Seuchen. Die Wirtschaftsgesetzgebung hatte die Stabilisierung des Lohn-Preis-Gefüges und vor allem die Zuführung aller verfügbarer Arbeitskräfte zum Markt zum Ziel, denn aufgrund des Bevölke­rungsrückganges herrschte auch ein Arbeitskräftemangel. Staatliche Obrigkei­ten in ganz Europa erließen daher Verordnungen der Arbeitspflicht aller arbeits­fähigen Menschen, in dessen Folge sich das Verhältnis zwischen Armut und Arbeit und somit auch das Wesen der Armenfürsorge grundlegend verän­derte.11 Besonders deutlich lässt sich dies an der Entwicklung der städtischen Armenfürsorge verfolgen.

In den Städten kam es bereits seit ihrer Entstehung im 11. und 12. Jahrhundert zu einer positiven Aufwertung von körperlicher Arbeit, da sich das entstehende Bürgertum stark über freie Arbeit definierte.12 Zwar wurde körperliche Arbeit be­reits mit Aufkommen des Christentums aufgrund der neutestamentlichen Ver­urteilung von Reichtum und Wertschätzung von Armut nicht nur ausdrücklich positiv bewertet, sondern darüber hinaus auch bereits eine Arbeitspflicht zum Erwerb des Lebensunterhalts formuliert. Gleichzeitig begründete das Neue Testament jedoch auch die Berechtigung des Klerus, das Lebensnotwendige von Anderen zu beanspruchen. Deutlich zeigt sich dies in der seit dem 11. Jahr­hundert auftretenden freiwilligen Armut aus religiösen Gründen, die ihren Hö­hepunkt um ca. 1200 mit der Entstehung der Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner erreichte. Thomas von Aquin, selbst ein Angehöriger der Domini­kaner, betonte einerseits die Arbeitspflicht und verurteilte den Müßiggang, lei­tete jedoch andererseits aus der neutestamentlichen Gleichstellung der Ver­kündigung des Evangeliums mit körperlicher Arbeit das Recht auf Betteln zur Unterhaltssicherung ab13 In den Städten wurde Arbeit nun jedoch nicht um ihrer selbst willen geschätzt, sondern weil sie den Lebensunterhalt sicherte.14 Die Kehrseite dieser Entwicklung ist die Abwertung von Armut, die durch Müßig­gang bedingt ist. Armut und Arbeit standen sich im Spätmittelalter also diamet­ral entgegen und Arbeit galt nun als Mittel gegen Armut.15

In Folge dieser erstmaligen systematischen Betrachtung der Ursachen von Ar­mut und Bettel, wurden die Armen jedoch zu einem Objekt von Ablehnung. Es kam zu einer Einteilung von Armen in „würdige“, d. h. nicht arbeitsfähige, und „unwürdige“, d. h. arbeitsunwillige, Arme. Da die undifferenzierte Almosen­vergabe die „würdigen“ Armen gegenüber den „unwürdigen“ Armen benachtei­ligte, wurde die gerechte Verteilung der Almosen zu einem drängenden Prob­lem, das sozial- und ordnungspolitischer Maßnahmen bedurfte.16 Seitens der Kirchen und Klöster gab es demungeachtet keine Bemühungen die traditionelle Almosenvergabe zu ändern, da die Unterscheidung der Armen der Idee der Caritas widersprach und die Zuständigkeit in Händen der weltlichen Obrigkeit gesehen wurde. Der Beginn eines Verbürgerlichungsprozesses der Verwaltung der Almosenvergabe setzte in den Städten indessen erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts ein. Erstmals wurden in Testamenten Austeilungsmodalitäten festgelegt und nicht mehr nur kirchliche Institutionen als Stiftungsverwalter, son­dern zunehmend weltliche Pfleger, oftmals Ratsmitglieder unter Oberaufsicht des städtischen Rats, als Almosenverwalter eingesetzt.17

Dieser Wandel im Stiftungswesen, die Neubewertung von Armut und Bettel so­wie die neue Gesetzgebung zur Arbeitspflicht spiegelten die wachsenden poli­tischen und sozialen Interessen der städtischen Magistrate wider.18 Ziel der Ma­gistrate war nicht allein die Kontrolle über die Armenfürsorge, sondern vielmehr die Regulierung der Arbeit der Armen, um diese in die bürgerliche Gesellschaft einzugliedern. Die Armenfürsorge diente hierbei als Mittel, dieses Ziel durchzu­setzen und erhielt somit eine neue Funktion als Instrument der Arbeitserzie­hung.19

Ende des 15. Jahrhunderts kam es im Zuge des einsetzenden Bevölkerungs­anstiegs, des Reallohnverfalls und der Teuerungskrisen erneut zu einer Ver­mehrung der Armen und des Bettlerwesens.20 Die Institutionenbildung und der Aufbau der zentralen Verwaltung der Städte, eine direkte Folge der Pestepide­mien, waren nun soweit fortgeschritten, dass obrigkeitliche Maßnahmen durch­setzbar wurden. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erfolgte die nächste große Wende in der europäischen Armutsgeschichte; der Übergang zu staatli­cher und städtischer „Armenpolitik“, in dem die dargestellten Entwicklungen auf­gegriffen wurden. Charakterisiert waren die Armenreformen der Frühen Neuzeit vom Übergang der Zuständigkeit für die Almosenvergabe von den kirchlichen Einrichtungen auf den städtischen Rat („Kommunalisierung“), der Festlegung von Kriterien des Unterstützungsempfangs und Vereinheitlichung der Finanzie­rung der Armenfürsorge („Rationalisierung“), der Errichtung eines Verwaltungs­apparates zur Finanzierung und Kontrolle („Bürokratisierung“) und der Aufstel­lung von Moral- und Verhaltensnormen für die Armen, vor allem der Arbeits­pflicht („Pädagogisierung“).21

3. Das Straßburger Fürsorgewesen im 15. Jahrhundert

Am Beispiel Straßburgs lassen sich die oben beschriebenen Aus- und Abschlie­ßungsmaßnahmen gegen unwürdige und fremde Bettler, in denen Volker Hun­ecke die „Scheidelinie zwischen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Armuts­geschichte“22 sieht, verdeutlichen. Neben Warnungen des Straßburger Rates vor Betrugsbettlern und Forderungen, bettelnde Müßiggänger zur Arbeitsauf­nahme zu zwingen23, sollten in die gesellschaftliche Stabilität bedrohenden Kri­senzeiten Menschen ohne Bürgerrecht mittels Notstandgesetzten aus der Stadt vertrieben werden. 1464 wurde schließlich die erste Bettelordnung erlassen, die grundsätzlich zwischen rechtmäßigem und unrechtmäßigem Bettel sowie ein­heimischen und fremden Bedürftigen differenzierte.24 Auf die im 14. Jahrhun­dert weitestgehend abgeschlossene Kommunalisierung der geschlossen Ar­menfürsorge25 folgte nun die allmähliche Kommunalisierung der offenen Ar­menfürsorge.26

Nach Erlass der Bettelordnung durften fremde Bettler nicht länger als 3 Tage in der Stadt verweilen und nach Verlassen ein Vierteljahr lang nicht wiederkehren. Auch für Bürger wurde das Betteln eingeschränkt, nur im Fall von Krankheit oder lebensbedrohlicher Armut sollte Almosenheischen gestattet werden. Visi­tationen zur Feststellung von Bedürftigkeit sowie Hausdurchsuchungen bei Ver­dacht von Betrugsfällen konnten seitens städtischer Bediensteter angeordnet werden. Dabei wurden auch arbeitsfähige Kinder gezählt, die ebenfalls vom Al­mosenempfang ausgeschlossen wurden. Ebenfalls 1464 wurde ein Verzeichnis von 44 bettelnden Einwohnern mit Informationen zu Wohnort, Beruf und Ar­beitsfähigkeit, Zahl und Arbeitsfähigkeit der Kinder, bevorzugtem Bettelort und Art des Almosenheischens angelegt.27 Die Bettelordnung beinhaltete noch keine Kennzeichnung der zugelassenen Armen, wie es in Nürnberg schon seit 1370 der Fall war. Diese waren allerdings angewiesen, schäbige Kleidung zu tragen, während dies „starken“ Bettlern verboten wurde. Auch die Vergabe des Schultheißenrechts (Kleinbürgerrecht) wurde stärker reglementiert, um den Zu­gang armer Bevölkerungsschichten zur städtischen Armenfürsorge zu erschwe­ren.28 Die Bettelordnung wurde bis 1506 mehrfach, u. a. durch Einführung eines Bettelzeichens (1481)29, Verkürzung der Aufenthaltsdauer fremder Bettler auf einen Tag und eine Nacht (1506)30, Verweigerung des Bettelzeichens gegen­über Schultheißenbürgern, die nicht mindestens 5 Jahre in Straßburg gearbeitet hatte (1506)31 ergänzt. Die Umsetzung der Bettelordnung durch den Straßbur­ger Rat blieb aufgrund der herrschenden kirchlichen Anschauungen jedoch be­grenzt.32

Wichtige Impulse erhielt die Kommunalisierung in Straßburg durch den einfluss­reichen Münsterprediger Johannes Geiler von Kaysersberg ab Ende des 15. Jahrhunderts, in dessen Werk Armut und Bettelei eine zentrale Stellung einnah­men. Er stand den Zielen des Straßburger Rates, den Herrschaftsanspruch auf die Einwohner der Stadt, einschließlich des Klerus, auszudehnen und die Für­sorge nur den Bürgern zuzugestehen, oft diametral entgegen. Geiler sah Straß­burg gegenüber allen Einwohner, unabhängig von Rechtsstatus, in der Fürsor­gepflicht und lehnte eine strenge Kontrolle der Armen seitens des einzelnen Almosengebers ab, da somit das Prinzip der Almosengabe um Christi willen untergraben werde. Gleichzeitig bemängelte Geiler die Benachteiligung der wahren Armen gegenüber den Berufsbettlern33 und kritisierte offen die mangel­hafte Fürsorgepolitik des Straßburger Rates. Er richtete sich 1501 in einer Denkschrift an den Rat und forderte die Überprüfung der Armen auf individuelle Bedürftigkeit und Arbeitsfähigkeit durch diesen. Er teilte der städtischen Obrig­keit die Zuständigkeit, geradezu die Pflicht, für gerechte Almosenverteilung und somit die Rolle eines Vermittlers zwischen Almosengeber und Almosennehmer zu.34 Geiler legitimierte als Vertreter der Kirche erstmals die im 14. Jahrhundert begonnenen Bestrebungen der städtischen Obrigkeit, das Bettelwesen zu re­gulieren und die Toleranz gegenüber allen Bettler wurde ausdrücklich aufgege­ben.35 Dennoch räumte er der weltlichen Obrigkeit lediglich eine Unterstüt­zungspflicht zu, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass pri­vate und öffentliche Almosen nur an würdige Arme gehen, ohne jedoch die Ur­sachen der Armut zu beheben. Eine Zentralisierung aller Almosen hatte er nicht im Sinn, denn dies war nicht Herrschaftskompetenz des Rates, sondern der geistlichen Institutionen.

Diese erste Phase städtischer Abschließungspolitik gegenüber Fremden wurde von der Abschließung der Handwerkszünfte gegen städtische Arme im 15. Jahrhundert begleitet, einschließlich der damit einhergehenden Abwehrhaltung der Bürgerschaft gegenüber Bettelwesen36, und reichte bis ins erste Viertel des 16. Jahrhunderts. Erst im Zuge der Reformation wurde eine grundlegende Neu­ordnung der städtischen Armenfürsorge möglich, da erst jetzt ein allgemeines Bettelverbot durchgesetzt werden konnte.

[...]


1 vgl. Bräuer, Helmut: „Armut“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, (http://dx.doi.org.ub-proxy.fernuni-hagen.de/10.1163/2352-0248_edn_a0246000, letzter Abruf: 23.01.2019)

2 vgl. Fischer, Thomas: Städtische Armut und Armenfürsorge im 15. und 16. Jahrhundert. Sozialgeschichtliche Untersuchungen am Beispiel der Städte Basel, Freiburg i. Br. und Straßburg. Göttingen: Schwartz, 1979, S. 19f.

3 vgl. u. a. Ratzinger, Georg: Geschichte der kirchlichen Armenpflege. Herder, 1868; Uhlhorn, Gerhard: Die christliche Liebestätigkeit. Stuttgart 1895. Darmstadt: WissBuchges, 1959.

4 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge

5 vgl.Jütte, Robert: Obrigkeitliche Armenfürsorge in deutschen Reichsstädten der frühen Neuzeit: städtisches Armenwesen in Frankfurt am Main und Köln. Köln: Böhlau, 1984.

6 vgl. Sachße, Christoph/Florian Tennstedt: Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland: Vom Spätmittelalter bis zum Ersten Weltkrieg. Stuttgart: W. Kohlhammer, 1980, S. 38; Jütte, Obrigkeitliche Armenfürsorge, S. 341f.; Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 241f.

7 vgl. Geremek, Bronisław: Geschichte der Armut. Elend und Barmherzigkeit in Europa. München: Dt. Taschenbuch-Verlag, 1991, S. 153f.; Jütte, Robert: Arme, Bettler, Beutelschneider: eine Sozialgeschichte der Armut in der Frühen Neuzeit. Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger, 2000, S. 2; Jütte, Obrigkeitliche Armenfürsorge, S. 11; Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 92ff.

8 vgl. Bog, Ingomar: „Über Arme und Armenfürsorge in Oberdeutschland und in der Eidgenossenschaft im 15. und 16. Jahrhundert“, in: Oberdeutschland. Das Heilige Römische Reich des 16. bis 18. Jahrhunderts in Funktion. Bog Ingomar (Hg.), Idstein: Schulz-Kirchner, 1986. S. ; ebenso unter Bezug auf Bog: Fischer, Wolfram: Armut in der Geschichte. Erscheinungsformen und Lösungsversuche der „Sozialen Frage“ in Europa seit dem Mittelalter. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1982, S. 40

9 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 141f.;

10 vgl. Oexle, Armut, Armutsbegriff und Armenfürsorge im Mittelalter, S. 86ff.

11 vgl. ebd., S. 88f.

12 vgl. ebd., S. 92

13 vgl. Oexle, Armut, Armutsbegriff und Armenfürsorge im Mittelalter, S. 75f.

14 vgl. ebd., S. 92

15 vgl. ebd., S. 91

16 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 153f.

17 vgl. ebd., S. 155f.

18 vgl. ebd., S. 161

19 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 162 sowie Sachße/Tennstedt,

Geschichte der Armenfürsorge, S. 35

20 vgl Oexle, Armut, Armutsbegriff und Armenfürsorge im Mittelalter, S. 94; sowie Hunecke, Volker: „Überlegungen zur Geschichte der Armut im vorindustriellen Europa“, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 493ff.

21 vgl. Sachße/Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge, S. 30ff.

22 Hunecke, Überlegungen zur Geschichte der Armut, S. 491

23 vgl. Isenmann, Eberhard: Die Deutsche Stadt im Spätmittelalter: 1250-1500; Stadtgestalt, Recht, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft. Stuttgart: Ulmer, 1988. S. 589; sowie Voltmer, Rita: „Zwischen polit-theologischen Konzepten, obrigkeitlichen Norm­setzungen und städtischem Alltag: Die Vorschläge des Straßburger Münsterpredi­gers Johannes Geiler von Kaysersberg zur Reform des städtischen Armenwesens“, in: Norm und Praxis der Armenfürsorge in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Schmidt, Sebastian, Aspelmeier, Jens (Hg.), Stuttgart: Steiner, 2006. S. 101

24 vgl. Isenmann, Die Deutsche Stadt im Mittelalter, S. 594

25 vgl. allgemein Jütte, Obrigkeitliche Armenfürsorge, S. 356; sowie Isenmann, Die deutsche Stadt im Mittelalter, S. 574; ausführlich zu Straßburg nach wie vor maßgeblich Winckelmann, Das Fürsorgewesen der Stadt Strassburg, S. 5 – 56

26 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 181

27 vgl. Volltmer, Die Vorschläge des Straßburger Münsterpredigers, S. 101; sowie Isenmann, Die Deutsche Stadt im Mittelater, S. 595

28 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 182ff.

29 vgl. Volltmer, Die Vorschläge des Straßburger Münsterpredigers, S. 103

30 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 208f.

31 vgl. ebd., S. 182

32 vgl. ebd., S. 209

33 vgl. ebd., S. 153f.

34 vgl. ebd., S. 158f.; sowie Volltmer, Die Vorschläge des Straßburger Münsterpredigers, S. 121 f.

35 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 160

36 vgl. Fischer, Städtische Armut und Armenfürsorge, S. 174f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Von der Armenfürsorge zur Armenpolitik. Das Beispiel Straßburg 1523
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Geschichte und Gegenwart Alteuropas)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V496074
ISBN (eBook)
9783668990784
ISBN (Buch)
9783668990791
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armenfürsorge, Armut, Arbeit, Armutsgeschichte, Armenreform, 16. Jahrhundert, städtische Obrigkeiten, Stadt
Arbeit zitieren
Sabrina Runge (Autor), 2019, Von der Armenfürsorge zur Armenpolitik. Das Beispiel Straßburg 1523, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496074

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