Auswirkungen des Speziesismus-Begriffs. Rekonstruktion der Position Peter Singers. Auswirkungen auf Tiere und Menschen


Hausarbeit, 2018
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rekonstruktion der Position Peter Singers
2.1. Auswirkungen auf Tiere
2.2. Auswirkungen auf Menschen

3. Auseinandersetzung mit dieser Position
3.1. Tom Regan: „The Case for Animal Rights”
3.2. Franz Christoph: „(K)ein Diskurs über‚lebensunwertes Leben‘!“

4. Eigene Position zum Thema

5. Schluss

1. Einleitung

Im Folgenden setze ich mich mit der Frage auseinander, ob und inwiefern die Defini- tion des von Peter Singer eingeführten Begriffs des Speziesismus sowie dessen Auswirkungen, vor allem auf die Themen Tierethik und Euthanasie, gerechtfertigt sind. Dabei möchte ich auch Bezug auf Meinungen anderer Autoren zu diesem The- ma nehmen.

2. Rekonstruktion der Position Peter Singers

Zuerst rekonstruiere ich die Position, auf die ich mich in dieser Hausarbeit beziehe. Grundlage für meine Überlegungen bietet das Buch „Praktische Ethik“ von Peter Sin- ger. Darin erläutert er zunächst die seines Erachtens wichtige ethische Theorie des Präferenzutilitarismus, dessen oberstes Ziel die größtmögliche Befriedigung der Inte- ressen von Individuen darstellt. Er ist abzugrenzen vom hedonistischen Utilitarismus, der auf die Maximierung des Glücks in der Gesellschaft abzielt. Den Kernpunkt Sin- gers Ausführungen bildet dabei das Prinzip der gleichen Interessenabwägung, nach dem Gleichheit nicht auf gleiche Behandlung, sondern auf gleiche Berücksichtigung der Interessen bezogen wird.

„Das Wesentliche am Prinzip der gleichen Interessenabwägung besteht darin, dass wir in unseren moralischen Überlegungen den ähnlichen Interessen all derer, die von unseren Handlungen betroffen sind, gleiches Gewicht geben. Dies bedeutet: Gesetzt den Fall, dass X und Y von einer möglichen Handlung betroffen wären und X dabei mehr zu verlieren als Y zu gewinnen hätte, ist es besser, die Handlung nicht auszu- führen. Akzeptieren wir das Prinzip der gleichen Interessenabwägung, so können wir nicht sagen, es sei besser, die Handlung auszuführen, weil uns, trotz der beschrie- benen Fakten, Y mehr angehe als X. Worauf das Prinzip in Wirklichkeit hinausläuft, ist folgendes: Interesse ist Interesse, wessen Interesse es auch immer sein mag.“

- Peter Singer: Praktische Ethik, Cambridge 2011

Dieses Prinzip muss laut Peter Singer für alle empfindungs- und somit leidensfähigen Lebewesen, die Interessen haben, (also auch für Tiere) gelten, was er mit der mora- lischen Gleichheit all dieser Lebewesen begründet.

„Die Tatsache, dass manche Menschen nicht unserer Rasse angehören, berechtigt uns nicht dazu, sie auszubeuten, und die Tatsache, dass manche Menschen weniger intelligent sind als andere, bedeutet nicht, dass ihre Interessen ignoriert oder miss-achtet werden dürfen. Aber das Prinzip impliziert auch folgendes: Die Tatsache, dass bestimmte Wesen nicht zu unserer Gattung gehören, berechtigt uns nicht, sie auszu- beuten, und ebenso bedeutet die Tatsache, dass andere Lebewesen weniger intelli- gent sind als wir, nicht, dass ihre Interessen ignoriert oder missachtet werden dürfen.“

- Peter Singer: Praktische Ethik, Cambridge 2011

Dies widerspricht zunächst der intuitiven Auffassung, dass Menschen an sich mehr Rechte hätten als Tiere. Singer bezeichnet dies als Speziesismus: Bei moralischen Handlungen müssen die Interessen aller leidensfähigen Lebewesen zählen, und wenn man Menschen nur bevorzugt behandelt, weil sie Menschen sind, ist das un- moralisch. Dieser Begriff steht für ihn auf einer Stufe mit dem Rassismus, bei dem Menschen aufgrund ihrer Herkunft unterschiedlich behandelt werden, und mit dem Sexismus, bei dem ein Unterschied aufgrund des Geschlechts erfolgt.

Im Grunde hat diese Einführung und Definition des Speziesismus zwei konkrete Auswirkungen, die ich im Folgenden vorstelle.

2.1. Auswirkungen auf Tiere

Peter Singer lehnt den Verzehr tierischer Produkte ab, weil die Tiere bei der Produk- tion dieser oft unwürdig behandelt werden und somit leiden. Da das Interesse der Menschen an tierischer Nahrung weniger wiegt als das der Tiere an Unversehrtheit, ergibt sich keine Rechtfertigung, die Tiere leiden zu lassen. Eine stärkere Gewich- tung menschlicher Interessen gegenüber tierischen Interessen wäre unzulässiger Speziesismus.

„Betrachten wir den moralischen Aspekt der Nutzung von Tieren als Nahrung in in- dustrialisierten Gesellschaften, so haben wir eine Situation vor uns, in der ein relativ geringes Interesse der Menschen gegen das Leben und Wohl der betroffenen Tiere abgewogen werden muss. Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung gestattet es nicht, größere Interessen für kleinere zu opfern.“

- Peter Singer: Praktische Ethik, Cambridge 2011

Wichtig hierbei ist, dass es Singer nicht so sehr darum geht, dass die Tiere bei- spielsweise für die Fleischproduktion auch getötet werden müssen. Solange der Tod schmerzfrei erfolgt, wäre er erlaubt, da Tiere ihre Zukunft nicht planen können und somit kein Interesse am Weiterleben haben. Für Peter Singer relevant jedoch ist, dass die Tiere beispielsweise bei der Praktizierung von Massentierhaltung bereits leiden und somit in ihrem Interesse eines schmerzfreien Lebens verletzt werden.

2.2. Auswirkungen auf Menschen

Zweitens hat der Begriff des Speziesismus natürlich auch Auswirkungen auf Men- schen: Er sorgt für Probleme bei der Kategorisierung geistig behinderter Menschen oder Neugeborener, die ihre Zukunft ebenso wie Tiere nicht planen können bzw. kein Interesse am Weiterleben haben. Geistig behinderte Menschen genauso zu behan- deln wie gesunde Menschen wäre nach Singer ebenfalls unzulässiger Speziesismus.

Daher behilft er sich mit einer Einteilung in zwei Kategorien: Als „Personen“ bezeich- net er selbstbewusste Wesen, die empfindungsfähig und vernunftbegabt sind und Wünsche für die Zukunft haben. „Bloß empfindungsfähige“ Wesen sind jene, die zwar empfindungsfähig sind, aber nicht selbstbewusst und vernunftbegabt. In die erste Kategorie fallen also alle Menschen ohne geistige Behinderung, in die zweite Kategorie Menschen mit, aber auch Neugeborene und einige Tiere.

„Auf jeden Fall schlage ich vor, ‚Person‘ in der Bedeutung eines rationalen und selbstbewussten Wesens zu gebrauchen, um jene Elemente der landläufigen Bedeu- tung von ‚menschliches Wesen‘ zu erfassen, die von „Mitglied der Spezies Homo Sapiens“ nicht abgedeckt werden.“

- Peter Singer: Praktische Ethik, Cambridge 2011

Diese Einteilung wird besonders relevant, wenn Peter Singer auf das Tötungsverbot zu sprechen kommt. Seiner Auffassung nach haben Lebewesen kein grundsätzli- ches, uneingeschränktes Recht auf Leben, da dies präferenzutilitaristisch nicht be- gründbar wäre. Während hedonistische Utilitaristen das Tötungsverbot noch mit dem Glück, das ein Lebewesen beim Weiterleben erfährt, begründen würden, kann ein Präferenzutilitarist dies nur, wenn das betroffene Lebewesen auch tatsächlich ein Interesse am Weiterleben hat. Bei „Personen“ ist dies nach Singer eine klare Sache, bei „bloß empfindungsfähigen“ Wesen hingegen nicht, da letztere keine Wünsche für die Zukunft haben können. Somit muss Peter Singer für geistig Behinderte und Neu- geborene hier denselben Status wie für Tiere annehmen, nämlich dass sie kein un- eingeschränktes Recht auf Leben haben.

Im Falle der Abtreibungsfrage wäre es demnach erlaubt, ein mutmaßlich behindertes Kind noch bis zur Geburt abzutreiben bzw. sogar danach noch zu töten, zumindest wenn es zur Folge hat, dass die Mutter daraufhin ein anderes, nicht behindertes Kind zeugt und gebärt, das wahrscheinlich ein besseres Leben haben wird und somit die Befriedigung von Interessen in der Gesellschaft maximiert.

„Wenn das Leben eines Kindes so elend sein wird, dass es sich aus der inneren Per- spektive des Wesens, das dieses Leben führen wird, nicht zu leben lohnt, dann folgt sowohl aus der Vorherige-Existenz- als auch aus der „totalen“ Version des Utilitaris- mus, dass es, sofern keine „äußeren“ Gründe vorliegen, den Säugling am Leben zu erhalten – wie etwa die Gefühle der Eltern –, besser ist, ihm ohne weiteres Leiden zum Sterben zu verhelfen.“

- Peter Singer: Praktische Ethik, Cambridge 2011

Diese Auffassung Singers hat vor allem in deutschsprachigen Ländern eine Welle an Kritik, unter anderem von Behindertenverbänden, hervorgerufen. Behindertenver- bände kritisierten die mit der These mitschwingende „Ersetzbarkeit“ von Lebewesen und die damit verbundene Implikation, dass es besser wäre, wenn Behinderte erst gar nicht am Leben wären. Andere sahen darin eine Nähe zur in der Zeit des Natio- nalsozialismus praktizierten Euthanasie, also dem Mord an geistig Behinderten, was schließlich sogar zum zeitweisen Verbot des Buches in Deutschland führte.

3. Auseinandersetzung mit dieser Position

Wie eben bereits erläutert führten diese teils sehr kontroversen Thesen von Peter Singer zu einem entsprechenden Niederschlag des Buches, nicht nur in Deutsch- land. Daher stelle ich im Folgenden zwei Auseinandersetzungen anderer Autoren mit dieser Auffassung bzw. deren Gegenpositionen dazu vor.

3.1. Tom Regan: „The Case for Animal Rights”

Der US-amerikanische Philosoph Tom Regan präsentierte in seinem Buch „The Case for Animal Rights“ seine eigene Vorstellung von Tierethik und kritisierte Singer für seinen Ansatz. Seine Position wird als Abolitionismus bezeichnet und begründet moralische Rechte für Tiere mit ihrem inhärenten Wert. Die Folgerung daraus ist noch extremer als die von Peter Singer: Die Nutzung von Tieren für die Lebensmit- telproduktion soll vollständig abgeschafft werden.

Im Buch positioniert sich Regan zunächst klar als Antiutilitarist. Utilitaristische Denk- ansätze lehnt er vor allem wegen des Aggregationsprinzips ab, bei den positiven und negativen Konsequenzen gegeneinander aufgerechnet werden und am Ende einzig und allein die Summe entscheidend ist. Lebewesen werden somit lediglich als er- setzbare Behälter angesehen und zählen nicht um ihrer selbst willen. Laut Tom Re- gan sollten sie aber gerade das, ihnen sollten moralische Rechte aufgrund ihres in- härenten Werts zukommen.

„Der Utilitarismus bietet keinen Raum für die gleichen Rechte unterschiedlicher Indi- viduen, weil er den Gedanken ihrer inhärenten Gleichwertigkeit nicht zulässt. Was für den Utilitaristen Wert hat, ist die Befriedigung der Interessen eines Individuums, nicht das Individuum, um dessen Interessen es sich handelt. […] Dass der Utilitarismus eine aggregative Theorie ist, die die Momente der Befriedigung oder Frustration von verschiedenen Individuen zusammenzählt, das ist der zentrale Einwand gegen diese Theorie.“

- Tom Regan: The Case for Animal Rights, Berkeley 1983

Auch Regan teilt Lebewesen in zwei Kategorien ein. „Moralische Akteure“ zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbst moralisch handeln (können), während „moralische Objekte“ lediglich Empfänger eben dieser Moral sind. Tiere fallen somit in die letzte Kategorie. Tom Regan definiert allerdings sowohl moralische Akteure als auch mora- lische Objekte als „Subjekte eines Lebens“, denen ein inhärenter Wert zukommt, da sie Gefühle, Wünsche und eine Idee der Zukunft haben. Nach dem Prinzip der Nicht- schädigung darf man sie deshalb nicht in ihrem Wohlbefinden einschränken und nach dem Prinzip des Respekts auch nicht (wie es im Utilitarismus geschieht) als ersetzbare Behälter ansehen.

„Jeder von uns ist das empfindende Subjekt eines Lebens, eine bewusste Kreatur mit einem individuellen Wohl, das für uns von Bedeutung ist, unabhängig davon, wie nützlich wir für andere sein mögen. Wir wollen und bevorzugen Dinge, glauben und fühlen Dinge, erinnern uns an und erwarten Dinge. Und all diese Dimensionen unse- res Lebens – unsere Lust und unser Schmerz, unsere Freude und unser Leiden, un- sere Befriedigung und unsere Frustration, unser Weiterleben und unser frühzeitiger Tod – all das macht einen Unterschied für die Qualität unseres Lebens, wie wir es als Individuen erleben und erfahren. Und da dasselbe für Tiere gilt, die uns etwas ange- hen (die, die wir essen und fangen, zum Beispiel), müssen auch sie als empfindende Subjekte eines Lebens mit eigenem inhärenten Wert angesehen werden.“

- Tom Regan: The Case for Animal Rights, Berkeley 1983

Die Auswirkungen von Regans Theorie sind noch radikaler als die der von Singer: Die Nutzung von Tieren für die Lebensmittelproduktion, für Tierversuche und für den Sport soll vollständig abgeschafft werden, da sie moralisch schlicht nicht vertretbar ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen des Speziesismus-Begriffs. Rekonstruktion der Position Peter Singers. Auswirkungen auf Tiere und Menschen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
PS Peter Singer "Praktische Ethik"
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V496078
ISBN (eBook)
9783346006240
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Ethik, Peter Singer, Praktische Ethik, Tom Regan, The Case for Animal Rights, Franz Christoph, (K)ein Diskurs über "lebensunwertes Leben"!
Arbeit zitieren
Jan André Wieland (Autor), 2018, Auswirkungen des Speziesismus-Begriffs. Rekonstruktion der Position Peter Singers. Auswirkungen auf Tiere und Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496078

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Auswirkungen des Speziesismus-Begriffs. Rekonstruktion der Position Peter Singers. Auswirkungen auf Tiere und Menschen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden