"Bella Figura" und die Funktion des modernen Dramas


Seminararbeit, 2018
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Funktionswandel des Theaters:

2. Das gefragte Drama
2.1 Yasmina Reza und ihr modernes Werk
2.2 Bella Figura
2.2.1 Diskursive Strukturen
2.2.2 Narrative Strukturen
2.2.3 Aktantenstrukturen
2.2.4 Ideologische und unbewusste Strukturen

3. Menschlicher Konflikt als zentraler Knotenpunkt

4. Literaturverzeichnis

1. Funktionswandel des Theaters

Die Zukunft des Dramas zu diskutieren geht mit der Frage um den Status quo des Dramas einher. Und es scheint - betrachtet man aktuelle Diskussionen zum Sujet - *, diese Frage beinhalte vor allem eine gewisse Unschlüssigkeit, welche Rolle das Institut Theater in der Gesellschaft habe. An diese Rolle geknüpft richtet sich folglich die Notwendigkeit einer Änderung oder Beibehaltung dramatischer Texte in ihrer jetzigen Form.

In Hinblick auf die vergangenen Epochen des europäischen Theaters könnte man nahezu jeder Etappe eine eindeutige Funktion zuschreiben, aus welcher auch eine prägnante literarische Form hervorgeht. Hier soll angemerkt werden, dass eine klare epochale Einteilung ganz Europas natürlich nicht möglich ist und im Folgenden stark vereinfacht dargestellt wird. So bildet die Agora im antiken Griechenland den Kernplatz politischen Handelns und geistiger Auseinandersetzung[1] [2] und der aristotelische Aufbau erzeugte durch Jammern und Schaudern eine reinigende Wirkung der Tragöde[3]. Im 17. Jahrhundert hingegen diente das höfische Festtheater Europas als Statussymbol, zur Repräsentation des jeweiligen Hauses und Unterhaltung des Adels.[4] Die Machtverhältnisse der Fürstentümer wurden im 18. Jahrhundert immer weiter hinterfragt. Gerade auf den Bühnen im Zeitalter der Aufklärung spielte der Themenkomplex der Freiheit die zentrale Rolle. Dramatische Werke enthielten eine sozialkritische Funktion.[5] Im 20. Jahrhundert bot das Theater unter anderem eine Revolte gegen die vorherrschenden Kunstformen, woraus sich das postdramatische Theater herausgebildet hat, das die vorherrschenden Formen des modernen Theaters bestimmt.[6]

Doch Postdramatik[7] als eine Überwindung des Dramas zu betrachten ist hinsichtlich des Faktums, dass Dramen nach wie vor zum Hauptrepertoire großer Theaterhäuser gehören,[8] vermutlich inadäquat. Die Funktion und Gestaltung des Gegenwartsdramas zu hinterfragen ist hingegen eine legitime Überlegung, welche im Folgenden an einem konkreten Beispiel behandelt werden soll.

2. Das gefragte Drama

Um zu erkennen, welchen Gebrauchswert man dem europäischen Drama zuschreiben kann, bedarf es der Feststellung, welche Dramen am Theater gefragt sind. Die Nachfrage großer Häuser spiegelt - aus stringenten ökonomischen Beweggründen heraus - auch die Nachfrage des Publikums wider. Dem Deutschen Bühnenverein beispielsweise ist zu entnehmen, dass neben bewährten Klassikern ,,[z]u den am häufigsten gespielten Stücken [...] Stücke zeitgenössischer Autoren wie Yasmina Reza ("Der Gott des Gemetzels", "Drei Mal Leben") oder Die Grönholm-Methode" von Jordi Galceran [zählen].“[9] Die deutsche Theaterlandschaft ist zwar nicht mit der anderer europäischer Länder gleichzusetzen, soll aber in der vorliegenden Ausführung als Repräsentant dienen. Grund hierfür ist insbesondere das nachfolgend behandelte Auftragswerk, welches in Kooperation mit der französischen Dramatikerin Yasmina Reza in Deutschland inszeniert worden ist.[10]

2.1 Yasmina Reza und ihr modernes Werk

Yasmina Reza ist eine der meistgespielten zeitgenössischen Theaterautorinnen Europas.[11] Mit der Verfilmung ihres Dramas Der Gott des Gemetzels erreicht sie die Etablierung in die europaweite Popkultur.[12] Demnach bietet ihr Werk auch einem weiten Spektrum an Zuschauern einen Zugang. Diese Popularität manifestiert ihren Titel als eine der wichtigsten Vertreterinnen des zeitgenössischen Dramas. Was macht sie jedoch zugänglicher als postdramatische Autoren wie Elfriede Jelinek?

Ein Zusammenhang besteht möglicherweise darin, dass Yasmina Reza Stücke aus dem modernen Leben heraus schreibt, die sich keiner komplexen Sprache bedienen oder Vorkenntnisse erfordern.[13] Ihre Stücke sind nicht abstrakt, sondern erforschen die Abgründe menschlicher Psyche und Kommunikation. Dies geschieht ohne zu verkomplizieren, man trifft auf eindeutige Figuren anstatt repräsentativer Chöre, wie sie häufig bei postdramatischen Werken zu sehen sind.[14] Behandelt werden Themen wie Moral, Liebe, Beruf oder Erziehung.[15] Treue und Moral sind auch zentral in Bella Figura. Dieses Drama schrieb Reza für Thomas Ostermeier, woraufhin es 2015 auf der deutschen Schaubühne uraufgeführt worden ist.[16] Anhand von Bella Figura sollen Merkmale und somit eine Funktion des Werkes - abseits der puren Unterhaltung - als Vertreter moderner Dramen untersucht werden. Die Analyse ist dabei an Patrice Pavis analytisches Modell aus Das französische Theater der Gegenwart angelehnt.[17]

2.2 Bella Figura

„Far Bella Figura“ lautet eine italienische Lebensphilosophie, die besagt in jeder Situation einen guten Eindruck zu machen. Den Drang nach außen hin stets vornehm zu wirken bestimmt auch die Motivation der fünf Figuren dieser Komödie in sechs Akten (siehe 2.2.3).

Hinsichtlich der Stilistik des Theatertextes sticht zunächst ins Auge, dass dieser, abgesehen vom Nebentext, in reiner Dialogform erscheint. Man trifft weder auf Monolog noch auf Prolog oder Exodus. Die Anweisungen Rezas im Nebentext sind insbesondere zu Beginn der Akte recht ausführlich. Auch die Angaben zu Bewegungen und Gesten der Schauspieler sind an mancher Stelle sehr spezifisch (Siehe Akt I: „Boris geht widerwillig mit und gibt Andrea diskret seine Missbilligung zu verstehen.“)[18]. Die Sprache ist insgesamt an manchen Stellen ordinär oder gar vulgär („...Oder wir [...] vögeln gleich... [...]“), womit sie näher am Alltag ist.

2.2.1 Diskursive Strukturen

Die im ersten Akt offenbarte Affäre zwischen Boris und Andrea ist begleitet von der Präsenz seiner Frau, die wiederholt erwähnt wird. Dabei wird sie jedoch nicht namentlich genannt („[...] das dir deine Frau empfohlen hat?“, „Sie hat es mir nicht empfohlen, sie hat nur gesagt, [...]“). Dies entpersonifiziert Boris Frau, wodurch sie von beiden weniger als Mensch, gegenüber dem sie ein schlechtes Gewissen haben, betrachtet wird. Dass Andrea „deine Frau“ und Boris „sie“ sagt, zeugt davon, dass Andrea die Situation im Vergleich zu ihm beim Namen nennt.

Die Verflechtung in eine Intrige entwickelt sich durch den Zusammenstoß mit einem Boris bekannten Paar und deren Mutter. Die Kohärenz entsteht dabei, als Boris die Frau beim Namen nennt („Francoise?!“) und diese Boris Frau darauf namentlich nennt („Boris. Der Mann von Patricia.“). Somit werden Andrea und Boris auf ihr ungerechtes Verhalten hingewiesen und auch ihr Freund Eric wird indirekt über die Sachlage informiert wird.

Boris und Francoise wollen die, für sie unangenehme, Situation daraufhin beenden. Bei Boris deutet sich das durch die Bedeutungsebene „Abschied“ an („Wir fahren gerade.“, „[...] wir müssen los.“, „Nein, leider...“). Bei Francoise geschieht dies mithilfe der an Boris gerichteten Appelle anständig zu handeln, die die Bedeutungsebene „Empathie“ mittragen („[...] dass du mir zumutest [...]“, „[...] taktvoll sein [...]“, „[...] nur ein bisschen Verständnis.“). Eric und Yvonne erfreuen sich im Gegensatz dazu der Möglichkeit einer größeren Geburtstagsgesellschaft („Ich habe heute Geburtstag.“, „[...] Abend gegessen?“, „[...] auf ein Glas?“, [...] Gläschen auf den Geburtstag [...]“

2.2.2 Narrative Strukturen

Eines der narrativen Hauptaugenmerke in Bella Figura besteht in der humoristischen Aufarbeitung der Intrige. Die Komik des Dramas entsteht, trotz der, für die Figuren, unbehaglichen Situation, durch die absurde Erzählkonvention.

Beispielsweise heißt es im zweiten Akt seitens Eric „Ich teste sie noch. [...]“, wobei die Selektion von „testen“ an den Produkttest eines Objekts erinnert. Lediglich die vorhergehende Aussage Francoise („Zweieinhalb Jahre. Aber nicht verheiratet.“) verdeutlicht, dass sich „testen“ auf sie als Frau bezieht. Dieses gegenseitige abwerten der Nahestehenden zieht sich durch das gesamte Drama und wirkt widersprüchlich zu den nach außen getragenen Beziehungen.

Zudem tragen unerwartete Reaktionen zum gewitzten Charakter des Dramas bei.

[...]


[1] Siehe Tagung zur Zukunft des Dramas vom 27.01.2017.

[2] Günther Erken: Theatergeschichte. Stuttgart: Reclam, 2014, S. 9.

[3] Aristoteles: Poetik. Übers. Manfred Fuhrmann, Ditzingen: Reclam, 1987.

[4] John von Düffel: »Kleine Theatergeschichte. Ein Schnelldurchlauf«. In: Deutscher Bühnenverein [Hg.]: Mass Theater sein? Fragen. Antworten. Anstöße. Köln: 2003.

[5] Von Düffel 2003.

[6] Erken 2014, S. 242 ff..

[7] post = nach.

[8] WWW: o.A.: »Theater- und Orchesterlandschaft«. Entn. Deutscher Bühnenverein.

[9] WWW: o.A.: »Theater- und Orchesterlandschaft«. Entn. Deutscher Bühnenverein.

[10] WWW: o.A.: »Bella Figura«. Entn. Theatertexte.

[11] WWW: o.A.: »Yasmina Reza«. Entn. Hanser Literaturverlage.

[12] WWW: o.A.: »Der Gott des Gemetzels«. Entn. Das Erste.

[13] Vgl. Der Gott des Gemetzels und Kunst.

[14] WWW: Laages, Michael: »Scharfe Kritik an Einwanderungspolitik«. Entn. Deutschlandfunk Kultur.

[15] Vgl. Der Gott des Gemetzels und Kunst.

[16] WWW: o.A.: »Bella Figura«. Entn. Schaubühne.

[17] Patrice Pavis: Das französische Theater der Gegenwart. Übers. Heinke Wagner u.A., München: epodium, 2008 (Aesthetica Theatralia, Bd. 5).

[18] Akte werden im Text angegeben. Soweit keine neue Angabe erfolgt, wird gleicher Akt behandelt.

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Details

Titel
"Bella Figura" und die Funktion des modernen Dramas
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V496082
ISBN (eBook)
9783346010414
ISBN (Buch)
9783346010421
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Modernes Theater, Modernes Drama, Yasmina Reza, Kunst, Bella Figura, Thomas Ostermeier, Theater, Der Gott des Gemetzels, Französisches Drama, Europäisches Theater, Schaubühne, Patrice Pavis, Das französische Theater der Gegenwart, Analytisches Modell
Arbeit zitieren
Dayana Hristova (Autor), 2018, "Bella Figura" und die Funktion des modernen Dramas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496082

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