Die Farblinien in "Der Ring" von Heinrich Wittenwiler als Interpretationshilfe


Referat (Handout), 2011

4 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Dierotdieistdemernstgemain, die grüen ertzaigt uns törpelleben: DieFarblinien als Interpretationshilfe?

1. Die Farben

Symbolik

– nach Mittler aus “Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens”

rot = Zeichen von Ernst

grün = Farbe der Kobolde, Baum- und Wassergeister, des Teufels und der Hexen

– nach Ermatinger

rot = Farbe des Blutes und Todes → Ernsthaftigkeit

grün = Farbe des Grases und Laubes → Humor, Derbheit

Rot und Grün als wichtige Farben des Mittelalters

Farbverteilung

Dar umb hab ich der gpauren gschrai

Gemisched unter diseu ler,

Daz sei dest senfter uns becher,

Geschaiden doch mit varwen zwai:

Die rot die ist dem ernst gemain,

Die grüen ertzaigt uns törpelleben.

(,Ring', V. 36-41)

– 1. Teil: ca. doppelt soviel Grün wie Rot
– 2. Teil: Rot in Mehrheit
– 3. Teil: Ausgewogen

absichtliche Vermischung von Spaß und Lehre, aber deutlich mehr Ernsthaftigkeit!

2. Struktur

Makrostruktur = Findehilfe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

eine Art Nachschlagewerk

Mikrostruktur = Gliederungshilfe

Farbwechsel innerhalb einer Passage – Hervorhebung eines Abschnitts von der im Umfeld dominierenden Farbe

– Einschübe
– Sprecherwechsel
– Perspektivwechsel

z.B. bei Gebetstexten wie: Vater unser, Ave Maria, Credo

3. Theorien der Farbgebung (Puchta-Mähl)

a) Richtige Farbgebung

– Komik (grün) vs. Ernst (rot)

b)Irreführung des Lesers

– Beschreibung von Mätzlis Aussehen (V. 76-96); eigentlich narrativer Abschnitt

ABER Rotmarkierung

→ Auslebung Wittenwilers Spieltrieb (Spottlust)?
– Schreibfehler
– Wittenwiler nahm seine farbliche Unterscheidung nicht ernst
– Gegenteil des höfischen Schönheitsideals
– negatives Spiegelbild → Umkehrung ins Positive
– Strukturhilfe?
→ Ankündigung / genaue Beschreibung / neue Passage

Mätzlis Beschreibung: Parodie oder Strukturmittel?

c)Interpretationsschwerpunkt auf Text

(V. 3810-3817) – Gebete: Ave Maria, Vater unser, Credo

– Farbwechsel: großteils grüne Linien
→ Lehre oder kontrastive Umsetzung?

- Irrtum des Schreibers
- Gebetstext allgemein bekannt
→ also kein lehrhaftes Potential vorhanden
- Wittenwilers Achtung vor Gott
→ 1. Zeile jeweils rot = Gebet ist in der Tat wichtig
→ Rest grün = Bertschi als Bauer spricht Gebet
- Trennung von Erzähltext und Texteinschub → Übersichtlichkeit
- jeweils explizite Betonung (in Rot): „Ich gelaub...“

Laut Christine Putzo: - grün Komik

→ Kontrastierung!
– farbliche Abhebung zur Erzählhandlung
– schneller auffindbar
– ähnlich wie in Michael de Leons „Hausbuch“

d)Falsche Farbgebung

(V. 6333-6344 + V. 6345-6355) – Tanzlieder während der Hochzeitsfeierlichkeiten

1. Lied = grün → keine Abgrenzung
2. Lied = rot → Abgrenzung

-beides gleicher Inhalt!
-keine klare Deutung möglich!
– evtl. fehlerhafte Farbgebung?
– sonst generell farbliche Abhebung der Tanzlieder vom Text

Überlegung: Der Leser soll Informationen über vokstümliche Tanzlieder und Spiele erhalten → eigentlich Rot

4. Der Schluss

- (V. 9632-9671) = grün → Bertschi frisst Heu, Strudel hält ihn für einen Dämon und zieht mit seiner Truppe ab
- (V. 9672-9691) = rot → Bertschis Läuterung; er erwacht aus Ohnmacht und kommt zur Einsicht; er begreift das Vergängliche
- Mahnung an Leser, die ihm auferlegten Lehren zu beachten und zu befolgen
- alles ist vergänglich, außer Gottes Liebe

Ende des Lehrbuchs

- (V. 9692-9695) = grün → Gang ins Exil
– Wittenwiler zeigt, der Mensch kann den ihm auferlegten Aufgaben nicht durch Weltflucht entgehen

Bertschi ist an Narrenwelt gebunden; er muss Narrentum und Schwäche in sich überwinden

– Mensch soll Lehren beherzigen; es bewahrt ihn davor in solch eine Situation zu gelangen und die Welt verlassen zu müssen

Bertschis Exilgang, kein Vorbild → Konsequenz seines verpfuschten Lebens

- (V. 9696-9699) = keine Farblinie → Beendigung Bertschis Lebenslauf = Epilog
- parallel zu Prolog warscheinlich absichtlich ohne Farblinie

Literatur:

Primärliteratur:

Wittenwiler, Heinrich: Der Ring. Frühneuhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Edmund Wießner ins Nhd. übers. u. hrsg. v. Horst Brunner. Durchgesehene u. bibliogr. erg. Ausg. Stuttgart 2003 (= RUB 8749).

Sekundärliteratur:

Funke, Helmut: Die graphischen Hinweise Heinrich Wittenwilers für das Verständnis seiner Dichtung “Der Ring”. Münster 1973.

Hirschberg, Dagmar / Ortmann, Christa / Ragotzky, Hedda: törpel, gpauren und der welte lauff. Zum Problem närrischer Lehre in Wittenwilers Ring. In: JOWG 8 (1994/95), S. 201-219.

Puchta-Mähl, Christa-Maria: Wan es ze ring umb uns beschait. Studien zur Narrenterminologie, zum Gattungsproblem und zur Adressatenschicht in Heinrich Wittenwilers “Ring”. Heidelber 1986. Zugl. Diss. Univ. Kiel 1982/83.

Putzo, Christine: Komik, Ernst und “Mise en page”. Zum Problem der Farblinien in Wittenwilers “Der Ring”. In: Archiv 246 (2009), S. 21-49.

Seibt, Ursula: Das Negative als didaktisches Mittel in Heinrich Wittenwilers “Ring”. Diss. Univ. Bochum 1974.

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Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Die Farblinien in "Der Ring" von Heinrich Wittenwiler als Interpretationshilfe
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik – Ältere Deutsche Literaturwisschenschaft)
Veranstaltung
Seminar: „Heinrich Wittenwiler: ,Der Ring'“ (35467)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
4
Katalognummer
V496099
ISBN (eBook)
9783346006097
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heinrich, wittenwiler, Heinrich wittenwiler, der ring, bertschi triefnas, bertschi, ädl, mediävistik, seminar, handout, farblinien, interpretation, ernst, törperlleben, rot, grün
Arbeit zitieren
Julia Schart (Autor), 2011, Die Farblinien in "Der Ring" von Heinrich Wittenwiler als Interpretationshilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496099

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