Träume und Prophezeiungen im Nibelungenlied


Seminararbeit, 2012
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Aufbau

1. Bedeutung von Träumen im Mittelalter

2. Träume und Prophezeiungen im Nibelungenlied
2.1 Falkentraum
2.2 Ebertraum
2.3 Bergtraum
2.4 Utes Traum
2.5 Prophezeiungen der Meerfrauen

3. Fazit und Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Aufbau:

Denkt man an den Begriff 'Traumanalyse', so fällt den meisten Menschen sicherlich zuerst ein ganz bestimmter Name ein – Sigmund Freud. In der heutigen Wissenschaft gilt er als einer der renommiertesten Repräsentanten der Traumdeutung. Doch bereits im Mittelalter beschäftigte sich die Menschheit mit der genaueren Betrachtung und der Analyse von nächtlichen Eingebun- gen oder plötzlich auftretenden imaginären Gedankenbildern, die spezielle Auswirkungen auf das Leben einer oder mehrerer Personen haben könnten, so der damalige Glaube.

Auf die gleiche Weise widmet sich auch der unbekannte Verfasser des Nibelungenliedes dieser Thematik und lässt in dem Heldenepos um Kriemhild und Siegfried immer wieder, für den Verlauf bedeutende und maßgebende Träume, Andeutungen, Vorhersagen und Weissagungen mit-einfließen. Stütz man sich näher auf jene nibelungischen Vorahnungen, ist es natürlich von beson-derer Relevanz, nicht nur die Träume bzw. zukunftsweisenden Aussagen an sich zu analysieren, sondern auch die einzelnen Reaktionen der Hauptfiguren des Nibelungenliedes darauf. Ferner gilt es mit dieser Arbeit auch näher zu beleuchten, ob die Handlungsträger den oft mahnenden Träu-men entsprechend richtig agieren, das heißt, inwieweit sie diesen durch ihr Verhalten entgegen-wirken oder diese einfach wortlos akzeptieren und sich somit ihrem Schicksal hingeben. Grund-sätzlich ist es sowieso fraglich, ob der Mensch an sich überhaupt die Möglichkeit erhält sich sei-ner wohl vorherbestimmten Zukunft zu widersetzen. Demnach muss also geklärt werden, inwie-weit sich die jeweiligen zu behandelnden Träume und Prophezeiungen vollständig erfüllen oder nicht. Natürlich ist es aufgrund der umfassenden Materie nicht möglich alle Vorausdeutungen des N ibelungenliedes im Detail auszulegen. Laut Beyschlag handele es sich hierbei nämlich um 105 zukunftsweisende Textstellen.1 Da es vorrangig entscheidend ist darzulegen welche Rolle die Hauptträume dieses Werkes spielen, stützt sich diese Arbeit somit lediglich auf die Träume Kriemhilds, die im ersten Teil auf den Tod Siegfrieds hinauslaufen und jene Träume und Prophe-zeiungen, die im zweiten Teil des Epos auf den letztendlichen Untergang der Burgunden hindeu-ten. Demzufolge stellt sich die entscheidende Frage: Wie verhalten sich die Hauptfiguren der Geschichte den Vorahnungen gegenüber – handeln sie richtig, falsch oder womöglich garnicht und gäbe es überhaupt eine Option den zukunftsweisenden Prognosen in irgendeiner Art und Weise auszuweichen?

1. Bedeutung von Träumen im Mittelalter

Heutzutage versteht man unter der Bedeutung eines 'Traums', laut Duden, eine „im Schlaf auftretende Abfolge von Vorstellungen“, sehnsuchtsvolle Wünsche oder unerfüllte Ereignisse.2 Kurzum, der Mensch verarbeitet im Schlaf- bzw. im träumerischen Wachzustand Gefühle und Gedanken, die ihn seelisch belasten und immer wieder innerlich aufwühlen. Dabei kann es sich beispielsweise auch um, sowohl positive als auch negative Erfahrungen aus der Vergangenheit handeln, die er mit Vorkommnissen aus der Gegenwart verbindet und dadurch ungewollte Visi- onen oder Eingebungen seines Unterbewusstsein hervorruft.

Wirft man jedoch ebenso einen Blick zurück ins Mittelalter, so stellt man fest, dass sich schon die Gesellschaft zur damaligen Zeit intensiv mit dem Thema Träume und Erscheinungen auseinandersetzte. Für sie stellten Visionen und imaginäre Gedankenbilder nicht primär das Ab- bild der eigenen Psyche dar, sondern vielmehr deutete man sie als wichtigen Bestandteile des christlichen Glaubens. So glaubte man, seien es nur besonders auserkorene Personen des Chris- ten- oder Judentums, denen entweder durch Gott selbst oder durch Engel oder Heilige spezielle Botschaften zuteil wurden. Dies bedeutete jedoch nicht zwingend, dass dem 'Erleuchteten' ledig- lich verheißungsvolle Offenbarungen übermittelt wurden und somit blieb er oftmals auch nicht vor negativen Prophezeiungen oder teuflisch, dämonischen Androhungen verschont. Vorherr- schend empfänglich für jene Art von Mitteilungen war man meist in einem Zustand von Krank- heit, Askese, Hypnose, Ekstase oder eben im Schlaf. Da des Weiteren, neben Geistlichen nicht selten auch einfache Menschen aus dem Volk, Objekt solcher 'übernatürlichen' Eingebungen wur- den, machte man diese oftmals zu geschätzen Beratern von Königen oder Kirchenfürsten. Vor al- lem Jungfrauen, die als besonders rein galten, waren nahezu prädestiniert für den Erhalt göttlicher Visionen.

Aristoteles hingegen betrachtete den ganzen Sachverhalt indessen weitaus nüchterner, denn er behauptete, dass „Blut im Schlaf zum Herzen zurückströme und mit ihm die darin enthal- tenen Impulse der Sinnesorgane, die sich als Spuren früherer wirklicher Wahrnehmung vermeng- ten und Erinnerungsbilder und Traumgesichte hervorriefen.“3

2. Träume und Prophezeiungen im Nibelungenlied

Zieht man eine Linie zwischen dem bereits erwähnten allgemeinen Traudeutungsprinzip des Mittelalters und den Träumen und Prophezeiungen im Nibelungenlied, so merkt man, dass auch Kriemhilds Visionen zunächst einen sehr richtungsweisenden und andeutenden Charakter besitzen und in für Träume empfänglichen körperlichen Zuständen, wie Askese oder Ekstase, auftreten. All jene Andeutungen enden schließlich im Tod Siegfrieds, was sich möglicherweise auch auf ein mangelndes Handlungsvermögen Kriemhilds zurückführen ließe. Ferner weisen die zu analysierenden Offenbarungen in Punkt 2.4 und 2.5 auf das vollständige Ende der Burgunden hin. Somit sind die eingebungsvollen Warnungen im zweiten Teil des Heldenepos lediglich eine logische Fortführung der Ereignisse des ersten großen Abschnitts und gleichzeitig auch Warnun- gen vor Konteraktionen Kriemhilds, die bereits den Niedergang der Nibelungen plant.

2.1 Falkentraum

Mit dem Verweis auf eine aus alten maeren (C 1,1)4 überlieferte Heldensage, die von fröuden, hôchgeziten, von weinen und von klagen (C 1,3) handele, eröffnet der Erzähler dieses Epos' die erste Aventiure des Nibelungenliedes. In den ersten zehn Strophen werden dem Rezipi- enten zunächst die familiären Verhältnisse und groben Machtstrukturen im Burgundenreich nä- hergebracht. Ebenso nimmt der Rezitator bereits gleich zu Beginn vorweg, dass Kriemhild einer- seits das edelste Mädchen weit und breit sei und in allen landen niht schoeners mohte sîn (1,2), aber gleichzeitig auch der Grund für das Unglück vieler Ritter werden solle: dar umbe muosen degene vil verliesen den lîp (1,4). Eine weitere Andeutung auf das grausame Ende vieler recken lobelich (2,2) zeigt sich in Strophe vier, in der der Erzähler auf den erbitterten Streit zweier ede- len frouwen (4,4), der beiden Königinnen, Kriemhild und Brünhild hinweist, welcher ebenfalls die spätere Rachsucht König Gunthers und dessen Lehensmann, Hagens, gegenüber Siegfried schürt und somit eine wichtige Rolle für den weiteren Verlauf der Geschichte einnimmt.

All jene Vorwegnahmen sind bisweilen jedoch nur dem Rezipienten und dem Dichter selbst bekannt, die Figuren der Handlung sind zu diesem Zeitpunkt von derlei Gedanken noch weit entfernt. Erst in Strophe zwölf beginnt der tatsächliche aktive Dialog zweier Protagonisten5 des Nibelungenliedes, als Ute zu dem Traum ihrer Tochter Kriemhild Stellung nimmt und ihr bei dessen Auslegung auf die Sprünge hilft. Kriemhild erzählt sodenn wie si zuge einen valken, starc, schoen und wilde, / den ir zwêne aren erkrummen (11,2-3). Da Kriemhild ratlos ist und nicht so-fort deuten kann, was ihr der Traum sagen wolle, in dem der von ihr aufgezogene Falke von zwei Adlern zerfleischt wurde, entgegnet ihr ihre Mutter: >>der valke, den du ziuhest, daz ist ein edel man. / In enwelle got behüeten, du muost in schiere vloren hân.<< (12,3-4) Kriemhild hingegen möchte diese Aussage nicht wahrhaben, denn sie hat bereits für sich selbst beschlossen ihr Leben in strikter Askese, also ohne nähere zwischenmenschliche Beziehungen zu einem Mann, zu führen – âne recken minne, sô wil ich immer sîn. / sus schoen ich wil belîben unz an mînen tôt, / daz ich von mannes minne sol gewinnen nimmer nôt (13,2-4). Ihr ist demnach bewusst, sobald sie sich auf die Liebe eines Mann einlasse, wird ihr Leben nicht mehr frei von Trauer und Schmerz sein. Denn würde ihr irgendwann die wahre recken minne (13,2) zuteil werden, wird sie ihm be-reitwillig ihr Herz öffnen und auf diese Weise leichter angreifbar sein für jede Art von Neid, Hass und Missgunst anderer ihr gegenüber. Des Weiteren zieht jeder Anfang ein zukünftiges Ende, also den Tod, mit sich, der für sie gleichermaßen Schmerz und Trauer bedeuten würde.

Wie bereits von ihrer Mutter richtig interpretiert, bestätigt auch der Erzähler dem Publi- kum die Symbolisierung des Falken als Kriemhilds zukünfigen Gatten: sît wart sie mit êren eins vil küenen recken wîp. / Der was der selbe valke, den si in ir troume sach, / den ir beschiet ir muoter (16,4-17,2). Demzufolge ist dieser sogenannte 'Falkentraum' noch kein direktes, für den Verlauf der Handlung entscheidendes Element, sondern lediglich eine Vorausdeutung6, die besagt, dass es, trotz ihrer tiefen inneren Abwehr von Zuneigung und Trauer (ich sol sie mîden beide, sô-ne kan mir nimmer missegân [15,4]) , Kriemhilds Schicksals sein wird, des küenen Sîvrides wîp (45,4) zu werden. Auch diese konkrete Information bekommt der Rezipient schon in der dritten Aventiure. Für Kriemhild und Ute ist jener oben beschriebene Traum bisher nur eine

Eigeninterpretation, dessen Kern sich für die Figuren im Nibelungenlied erst im späteren Verlauf als wahre und höchstwarscheinlich unumgängliche Vorausdeutung erweisen wird. Zugleich steht ebenfalls die Tatsache einer noch ungewissen Gefahr in Form zweier Adler im Raume. Auch in den folgen-den Träumen Kriemhilds spielt die Zahl Zwei immer wieder eine warnende Rolle und gibt erste Anzeichen darauf, dass ihr späterer Ehemann, Siegfried, durch zwei Rivalen in den Tod getrieben wird. Mit dieser weissagenden Einführung in das Nibelungenlied soll das Publikum durch die Handlung getragen werden, bis zum entscheidenden Höhepunkt7 in Aventuire 16, der Ermordung Siegfrieds, der widerum als Ausgangssituation8 für Kriemhilds charakterliche Wandlung im zwei-ten großen Sinnabschnitt der Heldensage fungieren soll.

2.2 Ebertraum

Mittlerweile hat Kriemhild ihren valken, starc, schoen und wilde (11,2) in Verkörperung des höfischen Musterritters Siegfried gefunden, der genau diese Eigenschaften des Falkens und all jene Tugenden eines perfekten Recken und degen guot (19,1) repräsentiert. Wie es der Dichter zu Beginn des Nibelungenliedes ankündigt, wird der Streit zweier ede- le[r] frouwen (4,4) großes Leid hervorbringen. So kommt es vor dem munster (824,4) in Worms zu verbalen Anfeindungen zwischen Siegfrieds Frau, Kriemhild, und Brünhild, die ihr vorwirft nur die Gattin eines eigendiu (835,4) zu sein. Diese Anschuldigung lässt sich die Burgundentoch- ter nicht gefallen und so zeigt sie Brünhild die Beweise, in Form eines golt vil edele (845,1) und eines gürtel[s] (846,3), die ihr Siegfried eines Nachts abgenommen hatte, als er Gunther behilf- lich war, dessen Ehe mit Brünhild zu vollziehen. Zusammen mit Guntheres man (860,3), Hagen, plant Brünhild infolge dieser persönlichen Erniedriegung einen mörderischen Rachefeldzug ge- gen Siegfried, den man unter dem Vorwand einer Jagd in den Wald lockt, wo er schließlich an seiner verwundbaren Stelle am Rücken von Hagen erstochen wird.

Hagen nutzt demnach ganz geschickt Kriemhilds Vertrauen und Liebe zu Siegfried aus (895,1-3), die durch die Erkenntnis ihres 'Falkentraums' alles dafür tun würde ihren Ehemann zu beschützen und so verrät sie ihm das Geheimnis seiner verwundbaren Stelle zwischen den Schulterblättern (899,3-4). Zu guter Letzt markiert sie diese Stelle auf Siegfrieds Kleidung, um so Hagen den Bereich seines Körpers zu offenbaren, den er vorgäbe zu schützen.

[...]


1 BEYSCHLAG, SIEGFRIED: Die Funktion der epischen Vorausdeutungen im Aufbau des Nibelungenliedes. In: PBB (Tü-bingen) 76 (1955 [recte 1954]) S. 38-55.

2 DUDENVERLAG: Stichwort Traum. http://www.duden.de/suchen/dudenonline/traum (7.9.2012).

3 RÖCKELEIN, HEDWIG: Erscheinungen, Visionen, Träume. In: MELVILLE, GERT / STAUB, MARTIAL (Hrsg.): Enzyklopädie des Mittelalters. Bd. 1. Darmstadt 2008. S.400-401.

4 Das Nibelungenlied. Mhd. / Nhd. Nach der Handschrift B hrsg. v. URSULA SCHULZE. Ins Nhd. übersetzt u. komm. v. SIEGFRIED GROSSE.Stuttgart 2011 (= RUB; 18914).

5 WACHINGER, BURGHART: Studien zum Nibelungenlied. Vorausdeutungen. Aufbau. Motivierung. Tübingen 1960. S. 33.

6 Vgl. Ebd., S. 33.

7 FRAKES, JEROLD C.: Kriemhild's Three Dreams. A Structured Interpretation. In: ZfdA 113 (1984) S. 173-187. Hier: S.176.

8 Vgl. WACHINGER, BURGHART: S. 33.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Träume und Prophezeiungen im Nibelungenlied
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik – Ältere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: „Nibelungenlied“
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V496100
ISBN (eBook)
9783346007261
ISBN (Buch)
9783346007278
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, heldenepik, mediävistik, äd, mittelalter, träume, prophezeiungen, falkentraum, ebertraum, bergtraum, utes traum, meerfrauen, kriemhild, siegfried, epos, die nibelungen, aventiure
Arbeit zitieren
B.A./B.Sc. Julia Schart (Autor), 2012, Träume und Prophezeiungen im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496100

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