Die Bachelorarbeit beschäftigt sich mit der Darstellung der Interpretation Augustinus hinsichtlich der Lanzenstichszene.
Jedes Jahr an Karfreitag wird im Gottesdienst aus der johanneischen Passionsgeschichte, speziell aus der Perikope 19, 31-37, vorgelesen. Johannes ist der einzige von den insgesamt vier Evangelisten, der von einer Öffnung der Seite Jesu durch eine Lanze berichtet. Bereits Augustinus, „ein Meister des Wortes“ und Revolutionär „im Prozess der christlichen Traditionsbildung“, erkannte einen tieferen Sinn in der Durchbohrung der Seite Jesu und dem daraus fließenden Wasser und Blut. Seine Auslegungen zu dieser Perikope haben das Kirchenverständnis verändert und unser heutiges Verständnis von Ekklesiologie und Sakramentenlehre grundlegend bestimmt. Wie Augustinus diese Stelle genau interpretiert und wie er dabei sprachlich sowie stilistisch vorgeht, wird anhand seines 120. Vortrags über das Johannesevangelium in seiner Gemeinde in Hippo Regius untersucht. Die Hinführung bietet einen allgemeinen Überblick auf die Perikope aus der Passionsgeschichte des Johannes und leitet so in die Thematik ein. Nachdem die Bibelstelle inhaltlich wiedergegeben wurde, werden erste Deutungen der Öffnung der Seite Jesu aufgeführt.
Daraufhin folgt der Hauptteil, der sich auf die Lanzenstichszene bei Augustinus konzentriert. Zunächst wird Augustinus Lebensweg kurz dargestellt und ebenso kurz auf seine größten Werke eingegangen. Nach dieser Vorstellung Augustinus folgt eine Einleitung in die augustinischen Traktate über das Johannesevangelium. Neben einer Einordnung der Bedeutung der 124 Traktate über das Johannesevangelium innerhalb seiner exegetischen Arbeiten, beinhaltet dieser Teil auch allgemeine Fakten über die Vorträge zum Johannesevangelium. Der darauffolgende Teil beschäftigt sich mit den Beobachtungen zur augustinischen Rezeption der Perikope 19,31-37. Dies bildet den Kern der Bachelorarbeit. Dabei handelt es sich um die augustinische Vorstellung von der Herkunft der Kirche aus der Seitenwunde Christi.
Im Rahmen dieser Analyse sind nicht nur seine Interpretationsansätze interessant, sondern auch sein stilistisches Verfahren, mit dem er unter anderem die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft konstant aufrecht hält. Somit wird nicht nur die augustinische Deutung einzelner Begriffe und Elemente herausgestellt, sondern auch seine Vorgehensweise, wie er die Zuhörer an die Grundgedanken seiner Auslegung heranführt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hinführung
3 Hauptteil – Die Lanzenstichszene bei Augustinus
3.1 Leben und Werk Augustinus
3.2 In Iohannis evangelium tractatus (Io. ev. tr.)
3.3 Beobachtungen zur augustinischen Rezeption von Joh 19,31-37
3.3.1 Die Bitte an Pilatus
3.3.2 Die Öffnung der Seite Jesu
3.3.3 Der wahre Zeuge und die Prophezeiung der Schrift
3.4 Auswirkungen Augustinischer Überlegungen auf die Kreuzesdarstellung
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption der johanneischen Lanzenstichszene (Joh 19,31-37) bei Augustinus, insbesondere in seinem 120. Traktat zum Johannesevangelium, um herauszuarbeiten, wie Augustinus die Herkunft der Kirche aus der Seitenwunde Christi theologisch deutet und welche stilistischen Mittel er dabei einsetzt.
- Augustinus’ Verständnis von Ekklesiologie und Sakramentenlehre
- Die symbolische Deutung von Blut und Wasser als Sakramente
- Die exegetische Parallele zwischen Adam und Eva sowie Christus und der Kirche
- Augustinus’ rhetorisches Verfahren in seinen Predigten
- Der Einfluss augustinischer Überlegungen auf die christliche Ikonographie
Auszug aus dem Buch
Die Öffnung der Seite Jesu
Den zweiten Abschnitt seiner Predigt beginnt Augustinus, indem er weiter aus der Bibelstelle vorliest und damit an das Vorangegangene anknüpft: „Es kamen nun die Soldaten und brachen dem ersten die Beine, sowie dem andern, der mit ihm gekreuzigt wurde. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er schon gestorben sei, brachen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten öffnete dessen Seite mit einer Lanze, und sogleich floß Blut und Wasser heraus“. Zunächst fällt auf, dass der Soldat nicht die Reihenfolge der drei Gekreuzigten einhält.
Jesus befindet sich zwischen den beiden Mitgekreuzigten, aber erst nachdem die Beine der beiden anderen gebrochen wurden, wendet sich der Soldat ihm zu. Auf diese Weise hat Augustinus wieder die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer, da sie sich fragen, was nun mit Jesus passieren wird. Augustinus beginnt seine Auslegung zu dieser Stelle, indem er das Wort aperire hervorhebt. Im Text steht aperuit, was übersetzt er öffnete heißt. Er bezeichnet aperire als ein „vorsichtiges Wort“ und macht deutlich, dass der Evangelist weder er durchbohrte noch er verwundete schrieb, sondern er öffnete.
Assoziationen mit dem Wort aperire sind, dass etwas nicht willkürlich oder brutal, sondern eher behutsam und bedacht gemacht wird. Außerdem drückt es aus, dass etwas vorsichtig ausgeführt wird. In diesem Kontext könnte es auch ausdrücken, dass durch das Öffnen ein sauberer Schlitz an Jesus Seite entstanden ist. Jesus Seite wurde mit einer Lanze geöffnet; mit dieser assoziiert man Brutalität, Gefahr und Grausamkeit. Aber in der Bibelstelle wird das negativ konnotierte Wort Lanze mit einem positiven, harmlosen Verb öffnen kombiniert. Durch den Lanzenstich ist die Seite Jesu wie ein Tor geöffnet worden. Deshalb wird die Seitenwunde als „Türe des Lebens“ bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert die Bedeutung der Perikope Joh 19,31-37 für das christliche Kirchenverständnis und stellt das methodische Vorgehen bei der Untersuchung des 120. Traktats von Augustinus vor.
2 Hinführung: Dieses Kapitel gibt einen allgemeinen Überblick über die johanneische Passionsgeschichte und analysiert den inhaltlichen Kontext der Lanzenstichszene vor dem Hintergrund der jüdischen Gesetze und der Passionserzählung.
3 Hauptteil – Die Lanzenstichszene bei Augustinus: Der Hauptteil gliedert sich in die Biografie Augustinus, eine Einführung in die Johannes-Traktate, die detaillierte Analyse der Rezeption von Joh 19,31-37 sowie die Untersuchung von deren Einfluss auf die Kreuzesdarstellung.
3.1 Leben und Werk Augustinus: Hier wird der Lebensweg des Kirchenvaters dargestellt und sein literarisches Schaffen in den Kontext seiner pastoralen und theologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit gestellt.
3.2 In Iohannis evangelium tractatus (Io. ev. tr.): Dieses Kapitel erläutert den Entstehungsprozess und den doppelten Zweck der 124 Traktate Augustinus, die sowohl als Predigten als auch als exegetische Kommentare fungieren.
3.3 Beobachtungen zur augustinischen Rezeption von Joh 19,31-37: Hier analysiert die Autorin Inhalt und rhetorischen Stil der augustinischen Predigt, wobei der Fokus auf seiner Deutung der Seitenwunde als Ursprung der Kirche liegt.
3.3.1 Die Bitte an Pilatus: Augustinus erläutert den Hintergrund der Bitte der Juden, die Beine der Gekreuzigten zu brechen, und setzt sich mit der kulturellen und religiösen Bedeutung dieser Handlung auseinander.
3.3.2 Die Öffnung der Seite Jesu: Dieses Kapitel widmet sich der metaphorischen Auslegung des Lanzenstichs durch Augustinus, insbesondere dem Begriff des Öffnens als behutsamem Werk Gottes.
3.3.3 Der wahre Zeuge und die Prophezeiung der Schrift: Die Autorin untersucht hier Augustinus’ Auslegung zur Glaubwürdigkeit des Zeugen des Geschehens und wie er alttestamentliche Prophezeiungen als Erfüllung im Neuen Testament verknüpft.
3.4 Auswirkungen Augustinischer Überlegungen auf die Kreuzesdarstellung: Dieses Kapitel reflektiert, wie die augustinische Theologie die Entwicklung ikonographischer Darstellungen, wie das Auffangen des Blutes in einem Kelch, beeinflusst hat.
4 Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen, insbesondere die Einzigartigkeit von Augustinus’ Gedanken zur Herkunft der Kirche aus der Seitenwunde Christi und seine stilistische Brillanz.
Schlüsselwörter
Augustinus, Johannesevangelium, Lanzenstichszene, Seitenwunde Christi, Ekklesiologie, Sakramentenlehre, Taufe, Eucharistie, Rhetorik, Exegese, Kreuzesdarstellung, Theologie, Kirchenvater, Passionsgeschichte, Adam und Eva.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der augustinischen Auslegung der Lanzenstichszene aus dem Johannesevangelium (Joh 19,31-37) und deren Bedeutung für das Ekklesiologie- und Sakramentsverständnis.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die biblische Exegese im 5. Jahrhundert, augustinische Rhetorik, die symbolische Deutung der Sakramente und die Verbindung zwischen Theologie und Kunstgeschichte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Augustinus die Herkunft der Kirche aus der Seitenwunde Christi durch rhetorische und exegetische Mittel begründet und wie dieser Gedanke die Tradition beeinflusst hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte Textanalyse des 120. Traktats zum Johannesevangelium, ergänzt durch eine Literaturanalyse der Forschung zu Augustinus und biblischen Kommentaren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Biografie Augustinus, die Einordnung seiner Johannes-Traktate, eine detaillierte Untersuchung der Lanzenstichszene und deren Auswirkungen auf die spätere Kreuzesdarstellung in der Kunst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Augustinus, Seitenwunde Christi, Ekklesiologie, Sakramente, Johannesevangelium und rhetorische Stilmittel.
Wie deutet Augustinus den Lanzenstich konkret?
Augustinus interpretiert den Stich der Lanze nicht als Akt der Zerstörung, sondern als ein behutsames „Öffnen“ (aperire), durch das die Sakramente (Blut und Wasser) fließen, welche die Kirche konstituieren.
Welche Bedeutung hat die Parallele zwischen Adam und Christus?
Augustinus sieht in Eva, die aus der Seite des schlafenden Adams entstand, einen Typus für die Kirche, die aus der Seite des „schlafenden“ Christus am Kreuz hervorging.
Warum verwendet Augustinus das Wort „entschlafen“ statt „sterben“?
Augustinus wählt den Begriff „entschlafen“ bewusst, um die Analogie zu Adam zu wahren; so konnte aus dem „schlafenden“ Christus die Kirche als seine „Gattin“ gebildet werden.
Welchen Einfluss hatte Augustinus auf die Kunst?
Durch seine Vorstellung, dass die Kirche aus der Seitenwunde entsprang, beeinflusste er ikonographische Darstellungen, wie etwa das Auffangen des Blutes in einem Kelch durch die Ecclesia oder Engel.
- Quote paper
- Ann-Christin Bossuyt (Author), 2017, Die Lanzenstichszene bei Augustinus. Beobachtungen zur augustinischen Rezeption von Joh 19,31-37, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496124