Goethes Iphigenie. Eine Idealgestalt der Weimarer Klassik?


Essay, 2016
6 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Die Weimarer Klassik wird als die Blütezeit der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte bezeichnet. Viele bedeutende Werke werden zu der Zeit der Weimarer Klassik verfasst, ein zentrales Stück ist Goethes Drama Iphigenie auf Tauris.

Das vorliegende Essay legt seinen Schwerpunkt auf die Gestalt Iphigenie und ihre Funktion als Idealgestalt im Kontext der Weimarer Klassik. Der erste Teil stellt einen allgemeinen Überblick über die Weimarer Klassik dar. Der folgende Teil ist der Hauptteil, welcher zunächst kurz auf den Inhalt des Dramas und auf den Atridenfluch, der auf Iphigenies Familie liegt, eingeht. Daraufhin wird das Verhalten und Auftreten der Iphigenie in Bezug auf das Humanitätsideal genauer untersucht. Anschließend folgt ein Resümee, indem sowohl das Verhältnis zwischen Iphigenie und dem Humanismus als auch die Bedeutung des Ideals für die Gegenwartskultur herausgestellt wird.

Goethe und Schiller gelten als die Begründer der Weimarer Klassik. Sie erstreckt sich von Beginn der Italienreise Goethes (1786) bis hin zu Schillers Tod (1805). Das gemeinsame Wirken Goethes und Schillers in Weimar hat die Epoche der Weimarer Klassik maßgebend geprägt. Beide haben eine kritische Haltung gegenüber der französischen Revolution, dies könnte eine Begründung für den Beginn der Weimarer Klassik sein. Im Zentrum der Weimarer Klassik steht die Wahrheit und die Schönheit im humanistischen Sinn. Ziel ist es, eben diese in die Literatur einzubauen und genau dies gelingt Goethe in seinem Drama Iphigenie auf Tauris.1 Gegen die Unruhen der Zeit, u.a. die Französische Revolution, positioniert die Klassik Harmonie und Humanität als Leitideen. Durch die Aufnahme der moralischen Gebote in den eigenen Willen erlangt der Mensch sowohl Freiheit als auch Autonomie.2

Das Drama Iphigenie auf Tauris beruht auf einer antiken Mythenwelt. Die Rückwendung auf die Antike ist charakteristisch für die Weimarer Klassik. Durch die klassizistische Strenge der Form und das modellhaft Humane des Inhalts gilt das Werk Iphigenie auf Tauris als „ganz verteufelt human“3.4 Iphigenie stammt aus der Familie der Atriden, die mit einem Fluch belegt ist.5 Der Fluch geht auf den Ahnherrn der Atriden Tantalos zurück, der von Zeus an den Tisch der Olympier geladen wurde und daraufhin die Allwissenheit der Götter auf die Probe stellt. Er setzt den Göttern seinen eigenen Sohn Pelops zum Essen vor. Als die Götter die List erkennen, verbannt Zeus ihn in die Unterwelt und legt einen Fluch auf seine Nachkommen.6

Aufgrund des Fluches entstehen unzählige Verwandtenmorde bis hin zu Iphigenies Opferung durch den eigenen Vater.7

Iphigenies Vater Agamemnon will seine Tochter der Göttin Diana opfern, um bei dem Feldzug gegen Troja auf den Beistand der Göttin hoffen zu können. Jedoch wird Iphigenie gerettet, vermutlich durch die Göttin selbst und gelangt daraufhin zu den Taurern.8 Bei den Taurern dient Iphigenie dem König Thoas als Priesterin der Göttin Diana. Iphigenie gelingt es, die landesüblichen Menschenopfer abzuschaffen. Als sie allerdings Thoas Heiratsantrag ablehnt, droht er damit das Menschenopfer wiedereinzuführen und das an den gerade ankommenden Fremden zu vollziehen. Die Fremden, die sich in der Nähe des Tempels aufhalten, sind Orest, der Bruder Iphigenies, und der gemeinsame Cousin Pylades. Sie haben vor, das Bild der Göttin Diana zu stehlen, da ihnen Apoll prophezeit hatte, wenn sie die Schwester nach Griechenland zurückbringen, damit der Atridenfluch gelöst sei. Nachdem Iphigenie die beiden Fremden erkannt hat, befindet sie sich in einem sittlichen Konflikt. Auf der einen Seite sind Orest und Pylades, die mit List und Gewalt das Bild stehlen wollen und dann nach Griechenland zurückkehren wollen. Auf der anderen Seite ist Thoas, dem sie dankbar ist, dass er ihr Asyl gewährt hat. Schließlich entscheidet sich Iphigenie für die Wahrheit und erzählt Thoas von dem Plan das Standbild der Göttin Diana zu stehlen. Thoas, beeindruckt und berührt von Iphigenies Ehrlichkeit und Tugendhaftigkeit, stellt sich ihr nicht in den Weg und lässt sowohl Iphigenie als auch ihre Verwandten gehen. Am Ende des Dramas ist der Atridenfluch gelöst, da Orest das Orakel umdeutet: es habe gemeint Orest solle seine eigene Schwester Iphigenie und nicht die des Apolls nach Griechenland zurückbringen. Somit kann das Kultbild der Göttin Diana bei den Taurern bleiben und die Nachfahren des Tantalos sind von dem Fluch befreit.9

Wie bereits erwähnt, befindet sich Iphigenie in einem inneren Konflikt. Sie steht zwischen ihrer Verpflichtung als Priesterin der Göttin Diana und der Sehnsucht in das Land Griechenland, ihre Heimat, zurückzukehren. Ihr Befinden ist von dem Konflikt zwischen Pflicht und Neigung sowie Sittlichkeit und Sinnlichkeit geprägt.10 Am Anfang des Dramas gelingt es Iphigenie mit ihrem sittlichen Einfluss auf die Taurier, besonders auf den König Thoas, die Menschenopfer auf Tauris abzuschaffen.11 Das Menschenopfer wird durch das Gebet der Priesterin ersetzt. Dadurch wird das Gewaltritual durch Humanität abgelöst.12 Iphigenie fordert ihren Bruder Orest auf, den Mord an der Mutter zu erinnern und somit das Trauma zu überwinden.13 Iphigenie verkörpert reine Menschlichkeit, die vor allem als menschliche Reinheit erfasst wird.

Aufgrund ihrer Menschlichkeit und Reinheit gelingt es ihr, Orest von seiner seelischen Krankheit, nämlich dem Begangenen Muttermord, zu heilen.14 Iphigenie entscheidet sich gegen den Plan Orests, mit ihm und Pylades sowie mit dem geraubten Standbild der Göttin Diana zurück nach Griechenland zu fliehen. Obwohl sie sich sehnlichst wünscht in die Heimat zurückzukehren, lehnt sie Gewalt und List als Mittel der Konfliktlösung ab und wählt Wahrheit und Menschlichkeit.15 Sie wendet sich an den Taurerfürsten Thoas und sagt ihm die Wahrheit, indem sie ihm von dem Plan Orests erzählt.16 Iphigenie lässt freiwillig ihren Wunsch in die Heimat zurückzukehren außer Acht und gibt sich und ihre Verwandten in die Gewalt des Königs.17 Anstatt des betrügerischen Stehlens des Standbildes und der Flucht gelingt es Iphigenie, eine gewaltfreie Kommunikation zwischen den Beteiligten durchzusetzen.18 Durch den Verzicht auf den Gewaltakt wird die Kette vom Erbzwang des Bösen durchbrochen und der Atridenfluch entsühnt. Somit dient der Akt der Wahrheit als Befreiung vom Fluch.19

Iphigenie stellt das Bild des guten Menschen dar, weil sie autonom handelnd und der Stimme ihres Herzens folgend den Menschen mit Wahrheit und Menschlichkeit gegenübertritt, d.h. sie achtet die Menschenwürde jedes Einzelnen.20 Der friedliche Ausgang der Tragödie gründet nicht in einem Zufall, sondern beruht auf Iphigenies Vermittlungs- und Verständigungsleistung. Die menschliche Humanität der Iphigenie ist für das gewaltfreie Ende verantwortlich. Durch ihre Aufrichtigkeit und Tugendhaftigkeit gegenüber Thoas entscheidet dieser sich für ein gewaltfreies Handeln und lässt Iphigenie mit ihren Verwandten ziehen. Sie bewirkt, dass die Griechen aufrichtig sind.21 Iphigenie vollzieht einen inneren Wandel. Sie handelt aus ihrem Gefühl heraus und hält am moralischen Gebot der Wahrheit fest. Sie entwickelt eine „vollkommene und absolute Wahrheitsliebe“22.23 Iphigenie verkörpert das Humanitätsideal, ihre Werte orientieren sich an Recht, Wahrheit, Menschlichkeit und Autonomie.24

Das Drama Iphigenie auf Tauris wird sowohl als Drama der Autonomie als auch als Drama der Humanität bezeichnet, da es aufzeigt, dass erst der autonome Mensch Humanität verwirklichen kann.25 Goethe schafft mit seiner Iphigeniegestalt ein neues Frauenbild. Dass eine Frauengestalt als Idealgestalt gilt, ist für die damalige Zeit untypisch. Der Mann wird durch die Frau angehalten sein Handeln an Wahrheit und Menschlichkeit auszurichten.

[...]


1 Vgl. Der grosse Brockhaus, 1118.

2 Vgl. http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/klassik.htm (abgerufen am 22.06.16)

3 Dörr: Weimarer Klassik, 121; Mythos Iphigenie, 76.

4 Vgl. Dörr: Weimarer Klassik, 121.

5 Vgl. Ebd., 123.

6 Vgl. Hermes: Interpretationshilfen Ideal und Wirklichkeit, 73; Wember, Schönheit und Erkenntnis, 11f.

7 Vgl. Dörr: Weimarer Klassik, 123.

8 Vgl. Ebd., 122.

9 Vgl. Hermes: Interpretationshilfen Ideal und Wirklichkeit, 75f.

10 Vgl. Dörr: Weimarer Klassik, 122.

11 Vgl. Wilson: Humanität und Kreuzzugsideologie um 1780, 95.

12 Vgl. Bonn: Vom Schönen, 93.

13 Vgl. Dörr: Weimarer Klassik, 124.

14 Vgl. Wilson: Humanität und Kreuzzugsideologie um 1780, 87.

15 Vgl. Dörr: Weimarer Klassik, 124f; Hermes, Interpretationshilfen Ideal und Wirklichkeit, 79.

16 Vgl. Wember: Schönheit und Erkenntnis, 7.

17 Vgl. Hermes: Interpretationshilfen Ideal und Wirklichkeit, 106.

18 Vgl. Ebd., 82.

19 Vgl. Wember: Schönheit und Erkenntnis, 7; Dörr, Volker C., Weimarer Klassik, 125.

20 Vgl. Hermes: Interpretationshilfen Ideal und Wirklichkeit, 79. 105.

21 Vgl. Bonn: Vom Schönen, 95.

22 Ebd., 116.

23 Vgl. Ebd., 116.

24 Vgl. Ebd. 129.

25 Vgl. Matuschek: Mythos Iphigenie, 88.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Goethes Iphigenie. Eine Idealgestalt der Weimarer Klassik?
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
6
Katalognummer
V496127
ISBN (eBook)
9783346007384
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goethes, iphigenie, eine, idealgestalt, weimarer, klassik
Arbeit zitieren
Ann-Christin Bossuyt (Autor), 2016, Goethes Iphigenie. Eine Idealgestalt der Weimarer Klassik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496127

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Goethes Iphigenie. Eine Idealgestalt der Weimarer Klassik?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden