Der Stummfilm. "Nur" ein Vorläufer des Tonfilms?


Essay, 2017

7 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Der Stummfilm ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, dieser beeinflusste maßgeblich die Film- und Mediengeschichte. Jedoch wechselte die Filmproduktion schnell vom Stummfilm zum Tonfilm und stellte die Produktion von Stummfilmen unverzüglich ein.

Somit stellt sich die Frage, ob der stumme Film nur als ein Vorläufer zum Tonfilm fungierte und durch diesen abgelöst wurde, oder ob beide Produktformen des Films als zwei voneinander unabhängige Medien zu betrachten sind, die gar nicht im Sinne von besser und schlechter vergleichbar sind.1

Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst der Stummfilm in seinen einzelnen Elementen untersucht werden, um anschließend die Position des Stummfilms zum Tonfilm zu erläutern.

Ein Element des Stummfilms ist die Musik, auch wenn der Film an sich stumm war, wurde er von Musik begleitet, aber nicht im Sinne einer Wiedergabe der Akustik.2

Ein Argument für die Musik im Stummfilm sei, dass man dadurch das Geräusch der Projektoren nicht mehr höre. Aber diese Annahme ist nicht zutreffend, da man aus Bestimmungen zum Brandschutz dazu verpflichtet war den Projektor außerhalb des Zuschauerraums, in einem eigenen Raum, aufzustellen. Somit war es ausgeschlossen, dass die Zuschauer von dem Geräusch des Projektors gestört wurden.3 Den Stummfilm mit Musik zu begleiten, beruht auf einer kulturhistorischen Tradition. Zu Beginn war es auch durchaus üblich Filme ohne begleitende Musik zu zeigen, da sie sich von zwei bereits etablierten Aufführungspraxen inspirieren ließen. Die eine ist das Laterna magica – Schauen, die meistens musikalisch begleitet wurde. Das andere sind die Panoramen und Guckkasten – Automaten, die ohne Ton gezeigt wurden.4 Ein weiteres Argument für eine begleitende Musik ist der Ort an dem der Film aufgeführt wurde, nämlich im Varieté. Dort waren die meisten als Musiker angestellt. Zum Beispiel untermalte das Orchester das Heraneilen eines Zuges mit einem so lauten Geräusch, dass die Ohren der Zuschauer betäubt wurden.

Die Kinos verwendeten Musikautomaten für eine musikalische Begleitung. Dabei ging es nicht um eine synchrone Verbindung von Bild und Ton.5 Um Zuschauer zu gewinnen, stellte man die Musikautomaten außerhalb des Vorführungsortes auf. Doch auch die Vorführungen ohne Musik existierten weiterhin.

Eine Vielzahl der Schausteller, die umher reisten, musste auf eine musikalische Begleitung der Vorführung verzichten, da sie es sich aus finanziellen und praktischen Gründen nicht leisten konnten. Im Jahre 1906/07 entstanden in Deutschland ortsfeste Kinos. Aufgrund des Konkurrenzkampfes zwischen den verschiedenen Kinos entstand der Druck den Zuschauern mehr Luxus zu bieten und somit auch die Auffassung man müsse eine akustische Kulisse schaffen.6 Die Darbietung der Kinomusik war sehr verschieden. Man setzte neben Musikautomaten, dem Plattenspieler, dem einzelnen Pianisten oder Geiger auch kleinere Gruppen von Musiker oder ein großes Orchester ein.7 Doch das Einsetzen von Musikern hatte auch seine Schattenseiten. Dadurch, dass nicht jedes Kino ein Orchester hatte und eher mit kleinen Gruppen von Musikern oder sogar nur einem oder keinem Musiker zurechtkommen musste, war das musikalische Niveau nicht überall gleich gut. Dadurch wurde die Musik im Kino viel kritisiert. Um eine unangemessene musikalische Begleitung zu vermeiden, entstand schon früh eine Sammlung von Klängen, an der man sich orientieren konnte, um die Stimmung einzelner Motive in Filmen passend zu unterstreichen.8

Der Stummfilm wurde so konzipiert, dass sich seine Wirkung durch die Begleitung von Musik nicht veränderte bzw. negativ beeinflusste. Manche empfanden die begleitende Musik sogar als störend und vertraten die Auffassung, dass die Musik die Wirkungsästhetik des stummen Films entstellen würde.9

In manchen Stummfilmvorführungen wurde ein Erklärer eingesetzt. Dieser informierte vorab die Zuschauer über den Ort des Geschehens und den Gegenstand, der im Film zu sehen sein wird. Diese Vorankündigung beruht darauf, dass die meisten Filme nicht betitelt waren.

Außerdem konnten durch den Erklärer die Pausen, die man zum Wechseln der Filmrolle benötigte, gefüllt werden. Man unterscheidet zwischen einem Erklärer, der die gesamte Vorführung eines Films moderiert und dem, der nur den Film ansagt und Überleitungen schafft. Im Laufe der Zeit wurden die kurzen Filme, die nur über einige Minuten gingen, von mittellangen Filmen abgelöst. Ein Erklärer wurde nicht mehr benötigt, da der Film so konzipiert wurde, dass der Zuschauer sich den Inhalt eigenständig erschließen konnte.

Außerdem begeisterte man sich immer mehr für die Kinomusik, die die Stimmungen im Film untermalte, sodass ein Erklärer durch Unterbrechungen nur gestört hätte.10 Allerdings war bei Kulturfilmen ein Kommentator erwünscht.

Diese Art von Filmvorführung verfolgte einen pädagogischen sowie bildenden Zweck. Deshalb wurde sie viel in Schulen eingesetzt. Die Kulturfilme wurden vom Lehrer selbst kommentiert. Sogar als die Tonfilme sich etablierten, verwendete man in Schulen weiterhin stumme Kulturfilme im Unterricht.11

Ähnlich wie mit dem Sprechen verhält es sich auch mit der Imitation von Geräuschen in Stummfilmen. Geräuschnachahmung, die von Musikern erzeugt wurden, war starker Kritik ausgesetzt.12 Besonders bei Filmen mit dramatischen oder tragischen Inhalten konnte eine extreme Geräuschimitation die Wirkung des Films gegensätzlich beeinflussen und ihn schnell lächerlich machen.13 Eine Imitation der Geräusche wurde nur in einzelnen Fällen eingesetzt, zum Beispiel, wenn die Geräuschnachahmung die Wirkung des Bildes untermalte, wie bei einem Pistolenschuss oder dem Vorbeifahren eines Zuges. Aber meistens wurde sie vermieden. Doch nicht nur aufgrund der Wirkungsästhetik war die Nachahmung von Geräuschen problematisch, sondern auch, weil Bild und Ton dabei synchron sein mussten. Dies stellte eine große Herausforderung an die Musiker, die sie meistens nicht meistern konnten, da sie vor einer Aufführung nicht genug Zeit zum Proben hatten. Somit war eine Synchronität von Bild und Ton erst durch den Tonfilm möglich.14

Anders als im Tonfilm geht es beim Stummfilm nicht um eine synchrone Übereinstimmung von Bild und Ton, sondern um eine Untermalung des Bildes durch die Musik. Dabei hat die Musik eine unterordnende Funktion.15

[...]


1 Vgl. Müller: Vom Stummfilm zum Tonfilm, S. 48.

2 Vgl. ebd., S. 85.

3 Vgl. ebd., S. 86f.

4 Vgl. ebd., S. 87.

5 Vgl. ebd., S. 88.

6 Vgl. ebd., S. 89.

7 Vgl. ebd., S. 90.

8 Vgl. ebd., S. 91.

9 Vgl. ebd., S. 92.

10 Vgl. ebd., S. 94f.

11 Vgl. ebd., S. 96.

12 Vgl. ebd., S. 97.

13 Vgl. ebd., S. 99f.

14 Vgl. ebd., S. 100.

15 Vgl. ebd., S. 102.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Der Stummfilm. "Nur" ein Vorläufer des Tonfilms?
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
7
Katalognummer
V496128
ISBN (eBook)
9783346007391
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stummfilm, vorläufer, tonfilms
Arbeit zitieren
Ann-Christin Bossuyt (Autor:in), 2017, Der Stummfilm. "Nur" ein Vorläufer des Tonfilms?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496128

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