Die menschliche Freiheit in Erasmus' "De libero arbitrio"

Detailbetrachtung der Argumente in [III,a,1]


Akademische Arbeit, 2017

18 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bibelstellen

3. ad (A) – [EX. 9,12,16]
3.1 Argumentation Erasmus
3.2 Die Sanftmut Gottes – ein Duldungsprinzip
3.3 Die Schuldfrage
3.4 Einordnung des freien Willens

4. ad (B) – [MAL. 1,2,3]
4.1 Erasmus´ Liebe und Hass

5. Persönliches Resümee

A – 1 Anhang 1 – Abbildungen

A – 2 Anhang 2 – Legende

I Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erasmus gilt als herausragender Gelehrter und als einer der wichtigsten Humanisten der Renaissance.1 Abseits institutioneller liturgischer Praxis, kirchlicher Autoritäten oder Sakramenten tritt er auch für eine ganz persönliche, verinnerlichte Frömmigkeit ein.2 In seiner berühmten Schrift „De libero arbitrio“ widmet sich Erasmus der Frage nach dem freien Willen. In strenger Opposition zu Martin Luther argumentiert Erasmus für die Willensfreiheit des Menschen. Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich detailliert mit den erasmischen Entgegnungsargumenten der Verstockung (Verhärtung) des Pharao und der Worte über Esau und Jakob in [III,a,1ff]. Genauer sollen folgende Fragestellungen erhellt werden:

- Mit welchen Bibelstellen beschäftigt sich Erasmus in Bezug auf den freien Willen?
- Wie geht Erasmus argumentativ vor und welche Bedeutung hat dabei Paulus?
- Was ist die göttliche Sanftmut?
- Ist der Mensch für sein Handeln verantwortlich?
- Hasst Gott auch ungeborene Kinder?

2. Die Bibelstellen

Erasmus erarbeitet seine Argumentation direkt aus Zeugnissen der heiligen Schrift. Anders als man vermuten könnte sucht Erasmus zunächst aber nicht gezielt nach etwaigen Textbelegen zur offensichtlichen Stützung seiner Ansichten. Gerade Bibelstellen, die den freien Willen gänzlich auszuschließen scheinen sollen kritisch untersucht und gründlich widerlegt werden. Er trifft eine Auswahl zweier aus seiner Sicht wesentlicher Bibelstellen:

(A) [EX. 9,12,16]

„Doch der Herr verhärtete das Herz des Pharao, und hörte nicht auf sie.“ 3

(B) [MAL. 1,2,3]

„Ist nicht Esau der Bruder Jakobs 175 ? – Spruch des Herrn –. Aber ich liebte den Jakob und haßte den Esau.“ 4

Die Auswahl Erasmus ist zunächst nicht nachvollziehbar. Die Beispiele aus dem alten Testament sprechen dem Anschein nach völlig gegen einen freien Willen.5 In [EX. 9,12,16] liegt es nahe Gott in einer direkten Ursachenbeziehung zur Wirkung zu sehen. So bewirkt etwa Gott im Herz des Pharao die „Verhärtung“.6 Eine menschliche Einflussnahme ist explizit nicht erwähnt und implizit nicht vorgesehen. Nur der direkte göttliche Einfluss ist relevant. Der menschliche Faktor ist nicht weiter bedeutsam. Die schlichte Logik bei autonomer Betrachtung der Textstelle ist also:

Relation (R):

Gott - Verhärtung des Herzens

Auch [MAL. 1,2,3] ist hinsichtlich des freien Willens problematisch. Jakob und Esau sind noch nicht geboren.7 Deren Tun, Wirken und Wollen ist noch ungeschehen. Eine derartige Beurteilung ohne die Berücksichtigung persönlicher Taten und Handlung auf Grundlage freier Entscheidung erscheint willkürlich und ungerecht. Der freie Wille scheint aber auch hier keinen Platz zu haben.

Offen ist damit warum Erasmus genau diese Textstellen aufgreift um an ihnen den freien Willen des Menschen zu belegen. Einmal ist sicherlich die Behandlung derselben Textstellen bei Paulus ausschlaggebend für Erasmus´ Auswahl. Auch Paulus behandelt und kommentiert die Textstellen in Zusammenhang mit dem freien Willen des Menschen.8 Für Erasmus sind diese damit zwingend in seine Überlegungen miteinzubeziehen. Die besondere Relevanz ergibt sich aus der hervorragenden Wertschätzung Erasmus gegenüber Paulus.9 Dies ist im Übrigen auch an der Sprache Erasmus erkennbar. So nennt er Paulus in [I,a,2] beispielsweise einen „[…] kluge(n) Verwalter des göttlichen Wortes […]“.10 Die paulinischen Schriften sind also von ganz zentraler Bedeutung für die erasmische Theologie allgemein und für das Denken Erasmus im Besonderen.11 Überhaupt ist bei Erasmus die Tendenz zum hermeneutischen Argumentieren im Sinne eines Rückgriffes auf die theologische Tradition sehr stark.12 So beispielsweise zu sehen in [I,b,2] oder [IV,17]. Erasmus gibt seiner Rechtfertigungsstruktur oft die Form schlichter Autoritätsargumente. Der erkenntnistheoretische Wert ist dabei nicht wesentlich. Die Überzeugungskraft sichert die Autorität der jeweiligen Personalie.13 Erasmus ist sich dessen durchaus bewusst.14 Eine vollständige Rechtfertigung allein aus Autoritätsargumenten ist damit nicht zu erzielen. Dennoch – auch eine „Nicht-Autorität“ sichert im Kehrschluss kein Argument! Autoritäten geben in diesem Sinne eine gute Tendenz. Sie sind damit zwingend zu berücksichtigen.15

Weiter hat die Auswahl aus argumentationsstrategischer Sicht einen funktionalpragmatischen Sinn. Die Attackierung genau solcher Bibelstellen, welche ganz explizit dem freien Willen des Menschen zuwiderlaufen ist aus folgendem Grunde nämlich attraktiv. Gelingt gerade die Widerlegung dieser sehr schwierigen Beispiele sind fallen damit auch im Vergleich schwächere Argumente der Gegenpartei. Ganz ähnlich einem juristischen Präzedenzfall, der – einmal gewonnen – ähnlich gelagerte Streitfälle im Gleichgang mitentscheidet. Und obwohl es hierfür keinen konkreten Textbeleg gibt, dass Erasmus seine Auswahl auch in diese Richtung bedachte, ist dieser Zusammenhang nach menschlichem Ermessen nachvollziehbar.

3. ad (A) – [EX. 9,12,16]

Erasmus betrachtet zunächst die Interpretation Paulus in den Römerbriefen. Genau heißt es dort:

„Doch ich ließ dich absichtlich am Leben, um dich meine Macht fühlen zu lassen, und damit man meinen Namen preist auf der ganzen Erde.“ 16

[...]


1 Vgl. Pfister, Jonas: Texte zur Freiheit, S.58

2 Vgl. Walter, Peter: Erasmus von Rotterdam: >>Handbüchlein eines christlichen Streiters<<, S.162f

3 von Rotterdam, Erarsmus: De libero arbitrio, [III,a,1]

4 von Rotterdam, Erarsmus: De libero arbitrio, [III,a,1] iVm. Behrendt, Ethel L.: Luther und Erasmus, S.198

5 Vgl. von Rotterdam, Erarsmus: De libero arbitrio, [III,a,1]

6 Vgl. Behrendt, Ethel L.: Luther und Erasmus, S.195

7 Vgl. von Rotterdam, Erarsmus: De libero arbitrio, [III,a,1]

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. Schockenhoff, Eberhard: Theologie der Freiheit, S.268f

10 von Rotterdam, Erarsmus: De libero arbitrio, [I,a,2]

11 Vgl. Kohls, Ernst-Wilhelm: Luther oder Erasmus, S.7ff

12 Vgl. von Rotterdam, Erarsmus: De libero arbitrio, [I,b,1ff] iVm. Schockenhoff, Eberhard: Theologie der Freiheit, S.268f

13 Vgl. Schockenhoff, Eberhard: Theologie der Freiheit, S.270

14 Vgl. von Rotterdam, Erarsmus: De libero arbitrio, [I,b,3]

15 Vgl. ebd. [I,b,5]

16 Vgl. von Rotterdam, Erarsmus: De libero arbitrio, [III,a,1]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die menschliche Freiheit in Erasmus' "De libero arbitrio"
Untertitel
Detailbetrachtung der Argumente in [III,a,1]
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,00
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V496179
ISBN (eBook)
9783346006264
ISBN (Buch)
9783346006271
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erasmus, Erasmus von Rotterdamm, freier Wille, Wille, frei, libero, arbitrio, de libero arbitrio, Freiheit, Lesowsky, Hass, Liebe, Luther, Martin Luther, Paulus, Fischl, Bastian
Arbeit zitieren
Bastian Fischl (Autor), 2017, Die menschliche Freiheit in Erasmus' "De libero arbitrio", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496179

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die menschliche Freiheit in Erasmus' "De libero arbitrio"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden