Neue Mädchen hat das Land! Sozialpädagogische Mädchenarbeit auf dem Weg von der Geschlechterdifferenz zur Geschlechterreflexion


Diplomarbeit, 2005
94 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mädchenarbeit in der Tradition der Feministischen Theorien
2.1 Kurze Entstehungsgeschichte
2.2 Zentrale, handlungsleitende Begriffe der außerschulischen Mädchenarbeit
2.2.1 Prinzipien der außerschulischen Mädchenarbeit
2.2.2 Gender Mainstreaming in der Jugendarbeit
2.3 Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht
2.3.1 Die soziale Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit
2.3.2 Dekonstruktion von Geschlecht

3. Die Lebenswelt der Mädchen heute
3.1 Wissenschaftliche Ergebnisse zur Lebenssituation von Mädchen
3.1.1 Schule und Bildung
3.1.2 Familienorientierung
3.1.3 Werteorientierung
3.1.4 Politik und soziales Engagement
3.1.5 Selbstzufriedenheit
3.2 "Modernisierte Mädchenwelten"
3.2.1 Weibliches Selbstvertrauen
3.2.2 Weibliche Bewältigungsstrategien

4. Das Verhältnis von Theorie und Praxis
4.1 Der geforderte Paradigmenwechsel
4.1.1 Neue Mädchen – alte Konzepte?
4.1.2 Kritische Betrachtung der gängigen Mädchenarbeit
4.1.3 Kritische Betrachtung der dekonstruktivistischen Denkweise
4.2 Möglichkeiten und Notwendigkeiten für eine veränderte Mädchenarbeit
4.2.1 Erwartungen der Mädchen
4.2.2 Erwartungen an die (Sozial)Pädagoginnen

5. Ausblick: Mädchenarbeit ist auf dem Weg!

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Feminismus, Quote und Frauenbeauftragte – All dies halten junge Frauen für steinzeitlich. Sie sind frei. Die Töchter der Frauenbewegung lassen sich von keinem Mann etwas vorschreiben. "Sexy" ist für eine Studentin, die ein Auslandsstipendium in der Tasche hat, kein Schimpfwort. Soweit die Eliten. Für die weibliche Unterschicht haben sich schon die Traditions­feministinnen der 70er Jahre nie sehr interessiert; heute hat sie erst recht keine Lobby."[1]

Diese provokante Aussage von Susanne Gaschke war der Ausgangspunkt einer Diskussion im Rahmen der zeit-Serie "Was haben die Frauen in Deutschland erreicht?". Die 28-jährige Schriftstellerin Jana Hensel hält in der gleichen Ausgabe der zeit den Erfolg der Emanzipation für ein Märchen und klagt an, dass in Zeitschriften und Büchern für Frauen ein Rollen­verständnis von vorgestern propagiert würde.[2] Gerade die mediale Festschreibung von absolut traditionellen Rollenmustern hält sie für eine wesentliche Grundlage für das breite Desinteresse von gerade jungen Frauen an feministischen Themen. Sie fordert "eine Rückgewinnung des weiblichen Bewusstseins"[3]. Die Fragen nach Unabhängigkeit und Gleichberechtigung junger Frauen müssen aus ihrer Sicht entsprechend beantwortet werden, um zu verhindern, "wie eine Mädchen­generation nach der anderen, darin ungeschult und ungeübten Verstandes, in erschreckender Zahl an den wichtigen Punkten scheitert."[4] Die durchweg von jungen Frauen auf diesen Artikel hin verfassten Leserbriefe konnten Hensels Klage nicht nachvollziehen. So schrieb die Völkerrechtlerin und Schriftstellerin Juli Zeh unter der Überschrift "Lieber Wellness als Karriere? Dann lassen wir sie doch" in ihrer Stellungnahme: "Alle meine Freundinnen arbeiten oder nicht, haben Kinder oder nicht, einen Freund oder Ehemann oder eben nicht – und keine von ihnen fühlt sich unterdrückt, diskriminiert und von der brigitte gehirngewaschen."[5]

Junge Frauen, ungefähr gleichen Alters, sind sich über die Erfolge der Ende der 60er Jahre entstandenen zweiten Frauenbewegung uneins. Sie spiegeln eine winzige Facette aus den vielfältigen Erscheinungsformen des heute mit "Frau" bezeichneten Geschlechts wider. Doch nicht nur bei den jungen Frauen herrscht Verwirrung, Unsicherheit und Ratlosigkeit hinsichtlich solcher Fragen: Was haben wir erreicht? Haben wir das bekommen, was wir wollen, und wenn wir es bekamen, ist es heute noch das, was wir vor Jahrzehnten angestrebt haben und nutzt es uns noch? Und zu alledem: Wer ist sie eigentlich, „die Frau“? Vor dem Hintergrund dieser – nicht zuletzt durch die Modernisierungstendenzen und den Wertewandel in unserer Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten erzeugten – Fragen liegt es auf der Hand, dass gerade jungen Mädchen im Rahmen ihrer Adoleszenz, die sich als Lebensphase der Orientierungssuche und allgemeinen Verunsicherung auszeichnet, Antworten angeboten werden müssen. Für die Mädchen sind die Freiheiten heute größer geworden, leider aber auch die Illusionen. Formal sind Mädchen heute genauso frei wie Jungen, zumindest wird es ihnen suggeriert oder sie glauben es auch.[6] Alice Schwarzer hat sehr gut erkannt, dass sich die Lebenswelten der Mädchen in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten so eklatant geändert haben, dass die Frauenbewegung nicht immer die passenden Antworten auf die Fragen der heute heranwachsenden jungen Frauen hat. "Die Töchter spüren das. Sie durchschauen die Halbherzigkeit ihrer Mütter und wenden sich enttäuscht und ratlos ab. "[7]

Ausgehend von der Entstehungsgeschichte der außerschulischen Mädchenarbeit wird diese Arbeit die Lebenswelten der Mädchen heute auf der Grundlage neuester Jugendstudien beleuchten. Sie wird die neuen theoretischen Fachdiskussionen aufzeigen und ihre Übertragbarkeit auf die praktische außerschulische Mädchenarbeit überprüfen. Insbesondere wird die Diskussion innerhalb der Theoretikerinnen, aber auch zwischen Theoretikerinnen und Praktikerinnen dargestellt werden, u. a. um die Frage zu beantworten, ob Mädchenarbeit überhaupt noch notwendig ist und wenn ja, wie sie praktisch durchzuführen ist.

Dabei ist vorauszusetzen, dass trotz der überall propagierten erreichten Gleichheit der Geschlechter, nach wie vor in unserer Gesellschaft soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern festzustellen sind. Deshalb werden in dieser Einleitung ein paar Zahlen zur tatsächlichen Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen angeführt, um zu klären, dass das oft sehr theoretisch anmutende Thema dieser Arbeit durchaus auch pragmatische Gründe hat. Allgemein bekannt ist mittlerweile die Tatsache, dass nicht nur mehr Mädchen heute eine bessere Ausbildung haben als noch vor 20Jahren und dass sie dabei die Jungen in der Qualität ihrer schulischen Leistungen hinter sich lassen. So stellt eine Studie der Bundesagentur für Arbeit hinsichtlich der Schulabschlüsse von Bewerberinnen um einen Ausbildungsplatz in der Zeit von Oktober2003 bis September2004 fest, dass z.B. 15% der gemeldeten Bewerberinnen über die Hochschul- bzw. Fachhochschulreife verfügten, wogegen vergleichbare männliche Bewerber dies nur zu 9% ausweisen konnten. Im Bereich der mittleren Abschlüsse konnten 52% der jungen Frauen einen entsprechenden Abschluss vorweisen, im Gegensatz zu 45% der männlichen Bewerber. Einen Haupt­schulabschluss hatten 30% der Bewerberinnen, hier waren es 38% der Männer. Über keinen Schulabschluss verfügten nur 4% der Bewerberinnen im Vergleich zu 8% der jungen Männer.[8] Demgegenüber steht allerdings die Tatsache, dass die Verknappung des Ausbildungsplatzangebotes sich größtenteils bei den jungen Frauen auswirkt, 86% des Rückgangs des Ausbildungsplatzangebotes betrifft weibliche Arbeitsplatzsuchende.[9] Sieht man sich die Zahlen für Arbeitslosigkeit in Deutschland an, sind es ebenso die meist besser ausgebildeten Frauen, die z.B. eine deutlich längere Arbeitslosigkeitsdauer aufweisen als Männer; 40,5% aller weiblichen Arbeitslosen waren im Jahresdurchschnitt 2004 von Langzeitarbeits­losigkeit betroffen, bei den Männern waren dies 36,7%. Ihre Arbeitslosigkeit durch die Aufnahme einer Beschäftigung beenden konnten Frauen darüber hinaus weniger oft als Männer.[10] Auch wenn man sich die Karrierewege deutschsprachiger Führungskräfte in den letzten Jahrzehnten ansieht, kommt man zu dem Ergebnis, dass Herkunft und Geschlecht für den Aufstieg immer noch eine entscheidende Rolle spielen. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien stellte u. a. fest, dass Manager mit der meisten Führungsverantwortung größtenteils aus Akademikerfamilien kommen.

"Für Männer gibt es zudem einen direkten positiven Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und dem durchschnittlichen Jahreseinkommen. Je höher die Bildung des Vaters ist, desto mehr verdient der Sohn. Für Frauen gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und der Zufriedenheit mit dem beruflichen Vorankommen. Je höher die Bildung des Vaters ist, desto unzufriedener ist die Frau mit ihrer beruflichen Entwicklung, desto schmerzhafter erlebt sie die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie."[11]

Diese Ergebnisse zahlen sich auch aus: Männer verdienen durchschnittlich nach 10Berufsjahren 18.000 Euro jährlich mehr als Frauen, während sie gleichzeitig größere Teams führen.[12]

Fraglich ist, ob sich unsere Gesellschaft auf die Dauer dies so "leisten" kann, ebenso wie die Tatsache, dass sich gut ausgebildete Frauen zunehmend gegen Kinder entscheiden, oder – was derzeit in den Medien als “Wachstumsbremse unserer Wirtschaft“ diskutiert wird – dass qualifizierten Fachfrauen nach einer Familienpause keine adäquate Rückkehr in ihren Beruf möglich ist.

Daher liegt es auf der Hand, dass die Frauenforschung die Ursachen und die Gründe für die immer noch bestehenden sozialen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen erfragt. Gerade in den letzten 10Jahren war die wissenschaftliche Diskussion im Rahmen der feministischen Theorien, der Frauen- und Geschlechterforschung so lebhaft und laut wie selten zuvor. Trotzdem scheinen die vielfältigen Perspektiven, unter denen die Lebensbedingungen von Frauen, bzw. hier im speziellen Fall Mädchen, betrachtet werden, und die Gründe für das Zustande­kommen dieser Lebenslagen nicht zu einem einheitlichen Konzept zusammengefasst werden können. Zentrale Fragen dieser Arbeit werden daher sein: Brauchen Mädchen Unterstützung durch außerschulische Mädchenarbeit, damit sie sich zu einem selbstbestimmten, gleichberechtigten und starken Subjekt entwickeln können und damit sie im Prozess der Berufswahlorientierung und im Rahmen ihrer Berufslaufbahn nicht weiter auf der Verliererseite stehen? Und welchen Kriterien muss diese Mädchenarbeit gerecht werden?

Wenn in dieser Arbeit von Mädchen gesprochen wird, ist eine Altersgruppe von Mädchen zwischen 10 und 15Jahren gemeint.

2. Mädchenarbeit in der Tradition der Feministischen Theorien

Der Begriff "Mädchenarbeit" beinhaltet: "alle Aktivitäten der Jugendhilfe zur Förderung der Chancengleichheit von Mädchen."[13] Um diese Chancengleichheit von Mädchen zu erreichen, befasst sich Mädchenarbeit im Wesentlichen mit den Bedingungen und Ursachen der geschlechtsspezifischen Sozialisation, der Verteilung der Berufs- und Familienarbeit und mit Gewalt von Männern gegen Frauen und Mädchen. Mit der Mädchenarbeit soll erreicht werden, dass das Selbstbewusstsein und die Handlungsautonomie von Mädchen gestärkt werden. Darüber hinaus soll über geschlechtsspezifische Normierungen und Diskriminierungen aufgeklärt werden.[14] Mädchenarbeit setzt also an dem Vorhandensein einer geschlechtsspezifischen Benachteiligung von Mädchen als Bedingung an.

Ab 01.01.1991 gilt das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz (kjhg) vom 26.06.1990, welches in seinem §9 die Grundrichtung der Erziehung zur Gleich­berechtigung von Mädchen und Jungen wie folgt festschreibt :

"Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind [...] die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichbe­rechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern."[15]

Bis zu dieser gesetzlichen Festschreibung als wesentliche Aufgabe im Rahmen der Jugendhilfe war es jedoch ein langer Weg.

2.1 Kurze Entstehungsgeschichte

Da die Entwicklung der geschlechtsbezogenen Jugendarbeit in Deutschland bis zum Ende der 60er Jahre für das Thema dieser Arbeit kaum relevant ist, wird die Entwicklung der Mädchenarbeit beginnend mit der zweiten Frauenbewegung in Westdeutschland dargestellt. In der DDR gab es bis zur Wende keine Jugendhilfe mit der Zielgruppe Mädchen, da in dieser Gesellschaft keine Thematisierung von Geschlechterdifferenzen stattfand und damit eine Auseinandersetzung mit der dort durchaus auch vorhandenen Geschlechterhierarchie vermieden wurde.

Infolge der Studentenbewegung entstand Anfang der 70er Jahre in Westdeutschland eine neue Frauenbewegung, die in Abgrenzung zur sogenannten Ersten Frauenbe­wegung zu Beginn des 20.Jahrhunderts allgemein Zweite Frauenbewegung genannt wird. Diese neue Frauenbewegung ging aus von der Kampagne "Mein Bauch gehört mir" im Rahmen der Diskussion über den §218 StGb und eine selbstbestimmte Sexualität von Frauen. Daneben wurde die männlich dominierte Studenten­bewegung kritisiert. Im Anschluss an diese Diskussionen wurden schnell auch andere Themen aktuell:

"alle Formen der Frauenunterdrückung, der Ausschluß von politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Machtzentren, die Doppel­belastung der Frau durch die Berufstätigkeit und die Reproduktionsarbeit in der Familie, Gewalt gegen Mädchen und Frauen und insbesondere die Aufdeckung der sexuellen Gewalt."[16]

Es entstanden in dieser Zeit erste feministische Projekte, die von Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen initiiert wurden, die auf der Grundlage der theoretisch formulierten Frage nach der geschlechtsspezifischen Sozialisation durch die Frauenbewegung sensibel geworden waren für patriarchalische Strukturen und Diskriminierungen von Mädchen und Frauen.

Dies war die Geburtsstunde der feministischen Mädchenarbeit.[17] Die damaligen Mädchenarbeiterinnen gingen nach der Theorie der geschlechtsspezifischen Soziali­sation davon aus, dass Frauen wie auch Männer im Rahmen ihrer Sozialisation einem andauernden Prozess des Erwerbs geschlechtsspezifischer Fertigkeiten und Eigenschaften ausgesetzt sind. Diese Aussage bekommt einen besonderen Fokus durch die Tatsache, dass die Rolle des Mannes als die Norm angesehen wird, an der die Rolle der Frau gemessen und als minderwertig oder defizitär befunden wird. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse werden von Geburt an im Prozess der Sozialisation ständig wiederhergestellt. Das bedeutet für Mädchen, dass sie durch gesellschaftliche Einflussnahme allseitig benachteiligt werden und zur "Minder­wertigkeit" bestimmt sind.[18] Durch den Einzug der feministischen Themen in die traditionelle Jugendarbeit gab es für Mädchen Angebote, die im Wesentlichen darauf abzielten, die "Defizite" der weiblichen Sozialisation auszugleichen: z.B. technisches Interesse von Mädchen zu wecken oder Mädchen für sogenannte Männerberufe zu interessieren. Gleichzeitig wurden aufgrund der Initiative gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen und Frauen autonome Mädchenhäuser und Mädchen­beratungsstellen eingerichtet. Feministische Mädchenarbeit ging in dieser Zeit vom Postulat der Parteilichkeit aus[19], im Wesentlichen mit dem Ziel, kompensatorisch Entwicklungsprozesse in Gang zu setzen, die zu einer größeren Entfaltung der Potentiale der Mädchen führen sollten. Diese Defizitorientierung führte letztendlich dazu, dass die Mädchenarbeit Ende der 70er Jahre zunehmend in die Kritik geriet, "denn als Orientierung für die Emanzipation der Mädchen fungierten der männliche Lebensentwurf und männliche Wertmaßstäbe, an denen die Mädchen wiederum gemessen wurden."[20]

In den 80er Jahren setzte sich in Westdeutschland die Mädchenarbeit in selbstorganisierten und selbstverwalteten Projekten als autonome Mädchenarbeit weiter durch. Die finanziell wenig abgesicherten Projekte beruhten auf innovativen, neuen Arbeitsansätzen und waren meist von Frauen in eigener Trägerschaft gegründete Beratungsprojekte, Mädchentreffs und -initiativen. Hierbei wurde erstmals mit der Forderung nach einer Pauschalfinanzierung an die gesellschaftliche Verantwortlichkeit für die Gewalt gegen Frauen und Mädchen appelliert und sozial­politisches Handeln eingefordert.[21] Gleichzeitig wurden die Mädchenangebote in der offenen Jugendarbeit zahlreicher. Allerdings ergaben Studien aus dieser Zeit, dass sie aufgrund ihrer Personenabhängigkeit immer noch krisenanfällig und darüber hinaus mangelhaft strukturell eingebunden waren. Oft wurde mädchenorientierte Jugendarbeit auch gerade von männlichen Kollegen in der Jugendhilfe nicht ernst genommen.

Zur weiteren Etablierung der Mädchenarbeit trug in den 80er Jahren wesentlich der 6.Bundesjugendbericht bei, der sich erstmals schwerpunktmäßig mit dem Thema "Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen" beschäftigte. Die strukturelle Benachteiligung von Mädchen und ihre defizitären Zuschreibungen, die aus der Orientierung am männlichen Lebensentwurf und männlichen Wertmaßstäben entstanden, wurden erstmals im Rahmen von verschiedenen Untersuchungen erkannt und im 6.Jugendbericht festgeschrieben. Mädchenarbeit bekam, sozialpolitisch und gesamtgesellschaftlich gesehen, eine "monetäre Begründung" und rückte damit in einen anderen Fokus. Gleichzeitig etablierte sich im wissenschaftlichen Feld in den 80er Jahren die Mädchenforschung. In der Theorie wurde in dieser Zeit auf das Individuum als aktives Subjekt geblickt.

"Gesellschaftliche Faktoren (materielle, strukturelle, soziale und historische Einflüsse) bleiben bedeutsam, aber nun gerät stärker der individuelle Beitrag der Mädchen und Frauen zur Reproduktion der bestehenden Verhältnisse in den Blick. Biographisch erworbene Bewältigungsstrategien, psychische Komponenten (wie Identität und Selbstkonzept) werden interessant.“[22]

Neue Sichtweisen führten zu einer Neubewertung weiblicher Eigenarten und Fähigkeiten. Auch die Verstrickung der Frauen in patriarchalische Verhältnisse wurde entdeckt.

“Dahinter steht der Ansatz, daß Mädchen und Frauen nicht nur durch gesellschaftliche Strukturen geprägt werden, sondern gleichzeitig auch handelnde Subjekte sind, die bei der Reproduktion bestehender Verhält­nisse aktiv mitwirken, und damit auch die Bedingungen eingreifend verändern können."[23]

Der Defizitansatz und die Opferthese der 70er Jahre wurden nun zunehmend kritisiert. Die "typisch weiblichen" und damit besonderen Fähigkeiten von Frauen wurden in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung hervorgehoben. Für die praktische Mädchenarbeit bedeutete dies, dass sie eine Aufwertung erfuhr, "die Arbeit in geschlechtshomogenen Gruppen setzt[e, d. Verf. ] sich durch und die Mädchenarbeit erkämpft[e, d. Verf.] sich eigene Räume."[24] In den konzeptionellen Ansätzen der Mädchenarbeit wurde nun begonnen, sich vom Defizitansatz zu verabschieden und die Arbeit an den Stärken und positiven Fähigkeiten der Mädchen anzusetzen.[25]

In den späten 80er Jahren begann eine heftige Diskussion über die theoretischen Grundlagen der Frauen- und Geschlechterforschung, die sich durch die gesamten 90er Jahre zog. Erstmals wurde der Begriff der "geschlechtsspezifischen Sozialisation" auch mit Blick auf die männliche Sozialisation diskutiert. Weiter standen in der zentralen Diskussion die Begriffe "Kategorie Geschlecht" und "Differenz". Unter dem Einfluss des Konstruktivismus wurde “Zweigeschlechtlichkeit als soziale Konstruktion“ problematisiert und eine Dekonstruktion der Kategorien Frau, Mann und Geschlecht gefordert.[26] [27] Für die Mädchenarbeit in den 90er Jahren wurde vor dem Hintergrund der theoretischen Debatten das Ziel formuliert, "Differenz nicht hierarchisch, sondern demokratisch zu denken, Gleichheit in der Differenz zu verwirklichen."[28] Praktische Mädchenarbeit stand in dieser Zeit vor dem Hintergrund einer politisch etablierten Gleichstellungspolitik und forderte gleichen Anteil, gleiche Chancen für Mädchen. Auch Jungenarbeit wurde in dieser Zeit zunehmend als Arbeitsfeld der Jugendhilfe entdeckt. Obwohl die theoretische Diskussion aus der Frauen- und Geschlechterforschung nicht ohne Auswirkungen auf die Mädchenarbeit blieb, wurde in den 90er Jahren jedoch weiterhin hauptsächlich auf der Grundlage der parteilichen Mädchenarbeit und der geschlechtsdifferenzierenden Jugendarbeit in der offenen Jugendhilfe gearbeitet.

2.2 Zentrale, handlungsleitende Begriffe der außerschulischen Mädchenarbeit

Die zentralen Prinzipien für die Arbeit mit Mädchen im außerschulischen Bereich existieren zum Teil bereits seit zwei bis drei Jahrzehnten, und zum anderen Teil sind sie erst seit wenigen Jahren von der Politik als Querschnittsaufgabe in der Jugendarbeit offiziell deklariert. Es liegt auf der Hand, dass die Auswirkungen dieser Prinzipien auf die praktische Arbeit mit Mädchen unterschiedlich zu bewerten sind. Dies ist jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit, jedoch müssen die Begrifflichkeiten klar sein, um im weiteren Verlauf über Mädchenarbeit diskutieren zu können.

2.2.1 Prinzipien der außerschulischen Mädchenarbeit

Als gängige Arbeitsprinzipien der Mädchenarbeit gelten Ganzheitlichkeit, Mädchen­räume, Partizipation und Parteilichkeit, wobei letzteres als Paradigma zu werten ist.[29]

In der Mädchenarbeit ganzheitlich zu arbeiten, fordert von den Mädchen­arbeiterinnen, die Mädchen nicht nur als Opfer, sondern auch als aktiv Handelnde zu verstehen und Problemstigmatisierungen zu vermeiden. Die Mädchen sollen auf allen Ebenen (Körper, Seele, Geist) angesprochen und wahrgenommen werden. Die Arbeit mit den Mädchen soll im Sinne einer lebensweltorientierten, präventiven Jugendhilfe die Wechselwirkungen und die Komplexität der Lebenszusammenhänge der Mädchen mit bedenken.[30]

Aus dem Anspruch auf "die Hälfte der Welt" erwuchs bereits früh im Rahmen der Mädchenarbeit das Arbeitsprinzip, für Mädchen eigene Räume zu schaffen. Damit war gemeint, den Mädchen eigenständige Räume anzubieten, die von Jungen nicht benutzt werden durften und die sie im Sinne einer Schutzraumatmosphäre, ohne an männlichen Normen gemessen zu werden oder sich gegen männliche Vorgaben wehren zu müssen, nutzen konnten.[31] Aus dem Anspruch auf eigene Räume wurde auch oft die Forderung nach geschlechtshomogenen Gruppen abgeleitet, die sich auch darin begründete, dass Mädchen sich nicht an der männlichen Norm messen lassen sollten. Diese geschlechtshomogenen Gruppen sind mittlerweile in ihrer Ausschließlichkeit kaum noch anzutreffen. Die Entwicklung geht dahin, den Mädchen eine Wahl anzubieten, ob sie geschlechtshomogene Gruppen oder geschlechts­heterogene Gruppen für ihren persönlichen Ausdruck annehmen wollen.

In der Mädchenarbeit wird angestrebt, die Angebote für die Mädchen mit den Mädchen zusammen zu entwickeln. Das Prinzip der Partizipation hat seine Ursache darin, dass Mädchenarbeiterinnen über die Beteiligung der Mädchen "an verdeckte, tabuisierte Bedürfnisse/Themen heranzukommen"[32] versuchten.

Als wesentlichstes Paradigma der außerschulischen Mädchenarbeit ist das Prinzip der Parteilichkeit zu nennen. Dieser Begriff ist in der feministischen Debatte durchaus umstritten.

"So ist es für die einen eine unabdingbare Grundvoraussetzung in der Arbeit mit Mädchen und Frauen, für Kritikerinnen jedoch tarnt sich eine einseitige, unprofessionelle und konzeptlose Arbeitsweise unter dem Deckmäntelchen der Parteilichkeit".[33]

Die Parteilichkeit in der sozialar­beiterischen Praxis (ebenso wie in der Bildungs­arbeit) der 70er und 80er Jahre ist zurückzuführen auf die Klassenanalyse der Gesellschaft. Sie sollte als Instrument dienen, den gesellschaftlich Unterlegenen durch ein Konzept anwaltlicher Parteilichkeit Ressourcen­zugang, Zuwendung und Bewusstseinsbildung zukommen zu lassen, damit sie aus eigenen Kräften ihre Randständigkeit überwinden konnten. Somit war Parteilichkeit politisches Prinzip ebenso wie eine Haltung, in der sich pädagogische Verantwortung ausdrückte. In der Mädchen- und Frauenarbeit galt der Parteilichkeitsanspruch aber für alle Frauen, weil das hierarchische Geschlechterverhältnis über Klassen hinweg vorherrschte.

"In diesem Verständnis von Parteilichkeit schimmert ein vereindeutigen­des Machtverständnis, von „oben und unten“, von „Tätern und Opfern" durch. Diese Sicht auf Macht stellt immer nur einen Teil von Machtbe­ziehungen dar und blendet damit die Mittäterinnenschaft von Frauen und Mädchen aus."[34]

Andrea Schmidt, Maria Bitzan und Claudia Daigler begreifen daher Parteilichkeit differenzierter. Bitzan und Daigler nennen als Elemente der parteilichen Mädchen­arbeit den Anspruch des "genau Hinsehens", die "doppelte Perspektive" der Parteilichkeit sowie die "eigene Reflexion als Frau" der Mädchenarbeiterinnen.[35] Alle drei Elemente sind eng miteinander verwoben. So bedeutet das genaue Hinsehen im Einzelfall bei der Arbeit mit den Mädchen, dass die problematischen Situationen der einzelnen Mädchen nicht an deren Eigenschaften vorrangig festzumachen sind, sondern einer genauen Analyse der Lebenswelten der Mädchen bedürfen im Sinne einer lebenswelt­orientierten Sozialen Arbeit. Ebenso verlangt die doppelte Perspektive der Parteilichkeit, dass auf der einen Seite praktisch gearbeitet wird z.B durch Eintreten für die Opfer, durch Anregung zur Veränderung eigener Deutungs- und Handlungsmuster bei Mädchen und auch bei Kolleginnen. Aber auf der anderen Seite müssen auch die Ursachen und strukturellen Zusammenhänge in den Blick genommen werden, die letztendlich zur Folge haben, dass Frauen und Mädchen in ihren Freiräumen beschnitten werden, d.h. die wirklichen Lebensbedingungen von Mädchen müssen genau betrachtet werden.[36] Da Mädchenarbeiterinnen wie ihre Klientinnen in der gleichen gesellschaftlichen Verdeckungsstruktur leben, haben sie selbst ein ureigenes Interesse an der Aufdeckung dieser Strukturen und insofern ist eine parteiliche Arbeit der Mädchenarbeiterinnen ohne die Selbstreflexion als Frau nicht möglich.[37]

Schmidt nennt darüber hinaus als ein weiteres wichtiges Prinzip von Parteilichkeit die Distanz im Gegensatz zur Identifikation. Es muss vermieden werden, dass im Rahmen der parteilichen Mädchenarbeit Parteilichkeit mit Identifikation gleichgesetzt oder verwechselt wird. Es ist zwingend notwendig, dass auch Unterschiede und Ungleichheiten zwischen Mädchen in den Blick genommen werden. Wird Parteilichkeit mit Identifikation verwechselt, so Schmidt, "bestehe die Gefahr, dass Gemeinsamkeiten zwischen Pädagogin und Klientel konstruiert und Differenzen ausgeblendet werden."[38] Nach Schmidt hat Parteilichkeit einen herrschaftskritischen Impetus. Soll Parteilichkeit nicht in die pure Frauensolidarität abgleiten, so ist es notwendig, sich dieses herrschaftskritischen Elementes bewusst zu sein. Darüber hinaus muss sich die Mädchenarbeiterin der Verwobenheit von Machtbe­ziehungen, der Differenzen unter Mädchen, der Empathie und gleichzeitigen Distanz bewusst sein und dabei selbstreflexiv handeln.[39] Unter diesem Verständnis ist Parteilichkeit prozesshaft, wandelbar und insofern, nach Schmidt, unabdingbar.

2.2.2 Gender Mainstreaming in der Jugendarbeit

Wird über handlungsleitende Begriffe in der Praxis der Mädchenarbeit gesprochen, kann auf eine Darstellung des derzeit sich in aller Munde befindlichen Begriffes des Gender Mainstreaming nicht verzichtet werden. Da Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe seit neuestem ausdrücklich als Querschnittsaufgabe festgeschrieben ist, wird hier zumindest grob umrissen, was dieses Konzept bedeutet.

Gender Mainstreaming wird von der Kommission der Europäischen Union als "Einbindung der Chancengleichheit in sämtliche politische Konzepte und Maß­nahmen der Gemeinschaft"[40] definiert.

"Hierbei geht es darum, die Bemühungen um das Vorantreiben der Chancengleichheit nicht auf die Durchführung von Sondermaßnahmen für Frauen zu beschränken, sondern zur Verwirklichung der Gleich­berechtigung ausdrücklich sämtliche allgemeinen politischen Konzepte und Maßnahmen einzuspannen, indem nämlich die etwaigen Auswirkungen auf die Situation der Frauen bzw. Der [der, d. Verf.] Männer bereits in der Konzeptionsphase aktiv und erkennbar integriert werden ("gender perspective"). Dies setzt voraus, daß diese politischen Konzepte und Maßnahmen systematisch hinterfragt und die etwaigen Auswirkungen bei der Festlegung und Umsetzung berücksichtigt werden."[41]

Dabei konstatiert die EU-Kommission, dass Unterschiede zwischen den Lebens­verhältnissen von Frauen und Männern bestehen:

"Die Unterschiede zwischen den Lebensverhältnissen, den Situationen und Bedürfnissen von Frauen und Männern systematisch auf allen Politik- und Aktionsfeldern der Gemeinschaft zu berücksichtigen, das ist die Ausrichtung des <<Mainstreaming >>- Grundsatzes, den die Kommission verfolgt."[42]

Alle europäischen Staaten ordnen sich dieser Definition unter. Durch den Kabinetts­beschluss der Bundesregierung vom Juni1999 gilt auch in Deutschland Gender Mainstreaming als "staatliche Verordnung". Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (im Folgenden bmfsfj) spezifiziert die EU-Definition vom Gender Mainstreaming in dem Sinne, dass es sagt:

"Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt."[43]

Das BMFSFJ sieht im Gender Mainstreaming einen Auftrag, der sich an die Spitze von Verwaltungen, von Organisationen, von Unternehmen und auch an alle Beschäftigten richtet, damit bereits in der Struktur, in der Gestaltung von Prozessen und Arbeitsabläufen, in Ergebnissen und Produkten, in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit sowie in der Steuerung von vornherein die unterschiedlichen Interessen und Lebenssituationen von Frauen und Männern mit dem Ziel der Erreichung der Gleichstellung von Frauen und Männern berücksichtigt werden.[44]

Anita Heiliger bezeichnet als Gender Mainstreaming "den Prozeß und die Vorgehensweise, die Geschlechterperspektive in die Gesamtpolitik aufzunehmen."[45] Ein solcher Prozess soll also Bestandteil des normalen Handlungsmusters aller an politischen Entscheidungsprozessen beteiligten Institutionen werden. Insofern sieht Lotte Rose einen präventiven Charakter dieses Ansatzes, "der darauf ausgerichtet ist, in Zukunft Chancenungleichheiten erst gar nicht entstehen zu lassen."[46] Sie hält Gender Mainstreaming für eine Chance, soziale Ungleichheiten nicht wie bisher in ihrer Symptomatik, d.h. am Ende der Entstehungskette, abzuwenden, sondern bereits dafür zu sorgen, dass sie erst gar nicht entstehen. Dieses Verständnis ergibt sich insbesondere daraus, dass bei der Umsetzung vom Gender Mainstreaming-Konzept besonders Leitungs- und Führungsebenen in der Verantwortung sind. Demgegenüber waren die bisher gängigen Gleichstellungsinitiativen vorrangig Basisinitiativen und griffen in die Prozesse von unten nach oben ein. Dadurch, dass Gender Mainstreaming nun von oben nach unten durchzusetzen ist, sieht Rose eine Möglichkeit zur nachhaltigen Veränderung in Organisationen, "wenn sie von oben gewollt und gestützt werden durch entsprechend strukturbildende Maßnahmen".[47] Gleichzeitig bezeichnet sie Gender Mainstreaming als eine Politik wie jede andere:

"[...] auch wenn es sich als sachlich begründetes, qualifizierendes, technokratisch-methodisches und damit interesseloses Instrumentarium präsentiert, ist es durchzogen von Machtdimensionen. Auch wenn es nicht den Anschein gibt, apolitisch zu sein, ist es oft von Interessenkonflikten und Definitionskämpfen [belastet, d. Verf.]"[48]

Vor diesem Hintergrund ist die zum Teil vehement geführte Diskussion über die Ausgestaltung des Begriffes zu sehen. Vor allem, weil im Gender Mainstreaming-Konzept ausdrücklich beide Geschlechter genannt und gleich intensiv in den Blick genommen werden, wird seitens der Mitarbeiterinnen der Kinder- und Jugendhilfe befürchtet, dass es bei einer willkürlichen Definition des Begriffes zur Aushebelung der Frauen- und Mädchenförderung kommen kann. Es wird daher immer wieder auf die sogenannte Doppelstrategie des Gender Mainstreaming verwiesen, wobei Mädchen- und Frauenpolitik gemeinsam mit dem Gender Mainstreaming als zwei unterschiedliche Strategien zusammenwirken sollen, weil beide Strategien notwendig sind und sich gegenseitig ergänzen.[49] Auch Rose weist darauf hin, dass im Gender Mainstreaming die Tatsache, dass "Frauen und Mädchen qua Geschlecht besonderen Benachteiligungen ausgesetzt sind, dass sie von daher besonders förderungswürdig sind,"[50] grundsätzlich zur Disposition gestellt wird. Auch Norbert Struck sieht "Anhaltspunkte dafür, dass an verschiedenen Punkten versucht wird, das Gender-Mainstreaming zu mißbrauchen, um frauen- und mädchenpolitisch erkämpfte Ressourcen und Räume wieder rückgängig zu machen."[51] Hierzu führt er verschiedene Beispiele an, u.a. weist er darauf hin, dass es bereits häufig dazu gekommen ist, dass Mittel Mädchenprogrammen entzogen und Jungenprojekten zugewiesen wurden.[52]

Struck, Rose und Heiliger gehen darin konform, dass sie die Ursprünge des neu entwickelten Begriffes Gender Mainstreaming in der Diskussion über die derzeitigen dekonstruktivistischen Ansätze in der Geschlechterforschung sehen. Heiliger betont daher:

"Gender Mainstreaming ist nicht Ergebnis der Debatte um Konstruktion von Geschlecht, sondern der Entschlossenheit, der geschlechts­spezifischen Sicht- und Handlungsweise zur Durchsetzung in Politik und Verwaltung mit dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit in Anerkennung der Unterschiedlichkeit zu verhelfen".[53]

Es wird befürchtet, dass Gender Mainstreaming als Querschnittsaufgabe in der Kinder- und Jugendhilfe dazu dienen könnte, geschlechtshomogenen Förderansätzen, Mädchenprojekten und überhaupt der Mädchenarbeit die Berechtigung zu entziehen, da man sie als überflüssig betrachten könnte, wenn Gender Mainstreaming immanent jeder Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe zugrunde liegen muss.[54] Die Ausgestaltung und Umsetzung, vor allem auch die Interpretation des Konzeptes Gender Mainstreaming, wird in Zukunft seitens der Mädchenarbeiterinnen aufmerksam verfolgt werden müssen, um sich im Interesse ihrer Klientel regelmäßig zu Wort zu melden.

2.3 Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht

Die außerschulische Mädchenarbeit hat sich also aus der Frauenbewegung entwickelt. Deren grundlegenden, theoretischen Annahmen aus der Frauenforschung wurden auch immer auf die Mädchenarbeit übertragen. Wenn daher im Folgenden von den neuesten Diskussionen im Rahmen der Frauenforschung gesprochen wird, sind diese auch immer als theoretischer Hintergrund der Mädchenarbeit bzw. als explizite Annahmen im Rahmen der Mädchenforschung zu verstehen. Die zentralen Aussagen dieser neuesten Diskussionen werden nur genannt. Die Relevanz für die praktische Mädchenarbeit, bzw. warum Mädchenarbeit durch diese neuen Diskussionen zunehmend in die Kritik gerät, wird später im Rahmen der kritischen Würdigung dieser Ansätze dargestellt.

2.3.1 Die soziale Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit

Bis zur Mitte der 80er Jahre war im Rahmen der Frauenforschung das Paradigma der geschlechtsspezifischen Sozialisation, welches nach dem Was[55] fragte, vorherrschend. Dabei galt immer als Prämisse, dass Männer und Frauen in einer biologischen Zweigeschlechtlichkeit der Menschengattung quasi naturhaft vorhanden sind. Ausgelöst im Wesentlichen durch ethnomethodologische Studien[56], überwiegend aus den USA, wurde eine neue Frage ins Zentrum der Frauenforschung gestellt: Wie entsteht diese Vorstellung, dass es nur zwei Geschlechter gibt aufgrund biologischer Gegebenheiten, und wieso ändert sie sich im Laufe des Lebens nicht, d.h. wie wird diese Vorstellung im Alltag interaktiv aufrechterhalten?[57] Vertreterinnen der Ethnomethode beziehen sich auf kultur­anthropologische Studien und humanbiologische Sichtweisen, aus denen sich ergeben hat, dass nicht alle Gesellschaften nur zwei Geschlechter kennen und dass nicht in allen Kulturen die Geschlechtszugehörigkeit ein Leben lang beibehalten wird. Ebenso wird nicht in allen Kulturen angenommen, dass die Genitalien die Geschlechtszugehörigkeit naturhaft anzeigen.[58] Die Anfänge dieser Studien gehen bis auf Margaret Mead zurück, die bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts darauf hingewiesen hat, dass es Gesellschaften gibt, in denen unsere Annahme von der naturhaften Zweigeschlechtlichkeit nicht selbstverständlich ist.[59] Die Frauenforschung unter dem ethnomethodologisch-sozialkonstruktivistischen Ansatz analysiert daher die sozialen Prozesse, die die Zweigeschlechtlichkeit in unserer Kultur hervorbringt, und die ständige Rekonstruktion dieser Zweige­schlechtlichkeit, die gleichzeitig als Stabilisator lebenslang wirkt.

[...]


[1] Gaschke, Susanne: Wir Töchter des Feminismus – Frei aber weit weg vom Ziel. die zeit vom 03.03.2005, Nr.10.

[2] vgl. Hensel, Jana: Schön schwach. die zeit vom 03.03.2005, Nr.10.

[3] Hensel. 2005.

[4] Hensel. 2005.

[5] Zeh, Juli: Lieber Wellness als Karriere? Dann lassen wir sie doch. die zeit Nr.12/2005.

[6] vgl. Schwarzer, Alice: Der große Unterschied. Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen. 2. Auflage.2000. Köln. Seite36.

[7] Schwarzer. 2000, Seite38.

[8] vgl. Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Entwicklung der Chancengleichheit von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt. Juni2005. Seite 10.

[9] vgl. Bundesagentur für Arbeit. 2005. Seite 10.

[10] vgl. Bundesagentur für Arbeit. 2005. Seite 18.

[11] Mayerhofer, Wolfgang. In einem Interview zu Karrierefaktoren am 27.April2005. In: spiegel online. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,353415,00.html. Entnommen 01.06.2005.

[12] vgl. Mayerhofer, Wolfgang. 2005. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,353415,00.html. Entnommen 01.06.2005.

[13] Trauernicht, Gitta: Begriff Mädchenarbeit . In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit. Frankfurt am Main. 1997. Seite626.

[14] vgl. Trauernicht. 1997.Seite626.

[15] §9 KJHG vom 26.06.1990. BGBl. I. Seite 1163.

[16] Friebertshäuser, Barbara: Geschlechtertrennung als Innovation. Etappen geschlechtsbezogener Jugendarbeit im 20. Jahrhundert. In: Friebertshäuser, Barbara; Jakob, Gisela; Klees-Möller, Renate (Hrsg.): Sozialpädagogik im Blick der Frauenforschung. Einführung in die pädagogische Frauenforschung. Band3. Weinheim.1997. Seite 119.

[17] vgl. Friebertshäuser.1997. Seite 119ff.

[18] vgl. Friebertshäuser. 1997. Seite 119ff.

[19] zum Begriff „Parteilichkeit“: sh. 2.2.1.

[20] Friebertshäuser. 1997. Seite122.

[21] vgl. Bitzan, Maria; Daigler, Claudia: Eigensinn und Einmischung. Einführung in Grundlagen und Perspektiven parteilicher Mädchenarbeit. Weinheim und München. 2001. Seite43.

[22] Friebertshäuser. 1997. Seite123.

[23] Friebertshäuser. 1997. Seite123.

[24] Friebertshäuser. 1997. Seite124.

[25] Friebertshäuser. 1997. Seite125.

[26] vgl. Friebertshäuser. 1997. Seite127.

[27] Auf die inhaltliche Diskussion der (De)Konstruktivismustheorie wird an dieser Stelle nicht weiter eingegangen, da sie im weiteren Verlauf noch ausführlich dargestellt werden wird.

[28] Friebertshäuser. 1997. Seite127.

[29] vgl. Bitzan; Daigler. 2001. Seite 50ff.

[30] vgl. Bitzan; Daigler. 2001. Seite 51.

[31] vgl. Bitzan; Daigler. 2001. Seite 51.

[32] Bitzan; Daigler. 2001. Seite 52.

[33] Schmidt, Andrea: Balanceakt Mädchenarbeit. Beiträge zu dekonstruktivistischer Theorie und Praxis. Frankfurt am Main, London. 2002. Seite 87 mit Verweis auf Kavemann, Barbara.

[34] Schmidt. 2002. Seite 88.

[35] vgl. Bitzan; Daigler. 2001. Seite 113ff.

[36] vgl. Bitzan; Daigler. 2001. Seite 113.

[37] vgl. Bitzan; Daigler. 2001. Seite 116.

[38] Schmidt. 2002. Seite 89.

[39] vgl. Schmidt. 2002. Seite 91.

[40] http://europa.eu.int./comm/employment_social/equ_opp/gms_de.html. Entnommen am 11.05.2005

[41] http://europa.eu.int./comm/employment_social/equ_opp/gms_de.html. Entnommen am 11.05.2005

[42] http://europa.eu.int./comm/employment_social/equ_opp/gms_de.html. Entnommen am 11.05.2005

[43] http://www.gender-mainstreaming.net/gm/definition,did=12856.html. Entnommen am 11.05.2005.

[44] vgl. http://www.gender-mainstreaming.net/gm/definition,did=12856.html entnommen am 11.05.2005.

[45] Heiliger, Anita: Mädchenarbeit im Gendermainstream. Ein Beitrag zu aktuellen Diskussionen. München. 2002. Seite 19.

[46] Rose, Lotte: Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendarbeit. Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe. Weinheim, München. 2004. Seite 15.

[47] Rose. 2004. Seite 33.

[48] Rose. 2004. Seite 28.

[49] vgl. Heiliger. 2002. Seite 19f.

[50] Rose. 2004. Seite 20.

[51] Struck, Norbert: Gender-Mainstreaming - Neue Herausforderung zur Lösung alter Probleme der Kinder- und Jugendhilfe. In: Forum Jugendhilfe. 2001. Heft 3. Seite 43.

[52] vgl. Struck. 2001. Seite 44.

[53] Heiliger. 2002. Seite 23f.

[54] vgl. Heiliger. 2002. Seite 21ff; vgl. Rose. 2004. Seite 26ff;vgl. Struck. 2001. Seite 43ff.

[55] d.h.: Worin genau besteht der Unterschied zwischen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen?

[56] In der Ethnomethodologie begibt sich die forschende Person mit einem "ethnologischen Blick" in die eigene Kultur, d.h. sie betrachtet die eigene Kultur als wäre sie eine fremde.

[57] vgl. Hagemann-White, Carol: Sozialisation – Ein veraltetes Konzept in der Geschlechterforschung? In: Glaser, Edith; Klika, Dorle; Prengel, Annedore (Hrsg.): Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft. Bad Heilbrunn/ Obb. 2004. Seite 150f. vgl. auch Kahlert, Heike: Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht. In: Lemmermöhle, Doris; Fischer, Dietlind; Klika, Dorle; Schlüter, Anne (Hrsg.): Lesarten des Geschlechts. Zur DeKonstruktionsdebatte in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung. Opladen. 2000. Seite 24f.

[58] vgl. Wetterer, Angelika: Konstruktion von Geschlecht: Reproduktionsweisen der Zweigeschlecht­lichkeit. In: Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Erste Auflage. Wiesbaden. 2004. Seite 123.

[59] vgl. Wetterer. 2004. Seite 124.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Neue Mädchen hat das Land! Sozialpädagogische Mädchenarbeit auf dem Weg von der Geschlechterdifferenz zur Geschlechterreflexion
Hochschule
Katholische Hochschule NRW; ehem. Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
94
Katalognummer
V49635
ISBN (eBook)
9783638460286
ISBN (Buch)
9783656722472
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde mit dem Diplompreis in Silber für das Studienjahr 2004/2005 ausgezeichnet.Der Diplompreis der Katholischen Fachhochschule Aachen wird an jeweils drei Arbeiten vergeben, die sich durch besonders innovative Ansätze in der sozialen Arbeit, durch eine gelungene Theorie-Praxis-Verknüpfung und durch anwendungsorientierte Forschung auszeichnen.
Schlagworte
Neue, Mädchen, Land, Sozialpädagogische, Mädchenarbeit, Geschlechterdifferenz, Geschlechterreflexion
Arbeit zitieren
Ursula Bauder-Suchsland (Autor), 2005, Neue Mädchen hat das Land! Sozialpädagogische Mädchenarbeit auf dem Weg von der Geschlechterdifferenz zur Geschlechterreflexion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49635

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