Warum Rezipienten mit einem Serienkiller sympathisieren

Dexter Morgan und die Faszination von Serienmördern


Hausarbeit, 2018
44 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Dexter Morgan - Ein ordentliches Monster
2.1 Dexter. Buch und Serie
2.2 Dexter. Buch vs. Serie

3 Narrative Strategien zur Sympathiebildung mit Dexter
3.1 Der Sympathiebegriff
3.2 Narrative Strategien in Dexter
3.2.1 Böse gegen Böse
3.2.2 Harrys Kodex
3.2.3 Psychologisches Kindheitstrauma und Dunkler Passagier
3.2.4 Dexters soziale Beziehungen
3.2.5 Die richtige Erzählperspektive, eine Prise Gewalt und etwas Humor
3.2.6 Die Komplexität von Dexters Charakter und das inhärente Unterhaltungserleben

4 Die moralische Legitimierung der Sympathien zu Dexter
4.1 Aufbau von Dispositionen
4.2 Moral Judgment
4.3 Moralische Legitimationsstrategien
4.3.1 Erfahrung und moralische Anpassung
4.3.2 Aufbau von Distanz
4.3.3 Nichtanerkennung von Gewalt

5 Fazit

6 Abbildungsverzeichnis

7 Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
7.2 Forschungsliteratur
7.3 Digitale Quellen
7.4 Film- und Serienverzeichnis

1 Einleitung

Laut dem Federal Bureau of Investigations ist Serienmord: „The unlawful killing of two or more victims by the same offender(s), in separate events.“1 Zudem sind „Serienmörder [...] ein Bestandteil jeder Gesellschaft und Epoche“2 und derartige Morde haben seit jeher für Faszination und Aufmerksamkeit in der Gesellschaft gesorgt. Man denke nur an Namen wie Gilles de Rais, auch bekannt unter den Namen Blaubart. Geschichten über die sadistischen Kindermorde des französischen Marschalls waren im 15. Jahrhundert in aller Munde. Im 17. Jahrhundert gingen Geschichten um die Blutgräfin Elisabeth Bathory um, die junge Mädchen tötete, um in ihrem Blut zu baden. Doch schließlich sorgte erst Jack the Ripper, der in Whitechapel zwischen den Jahren 1888 und 1891 fünf Prostituierte umbrachte, für einen Wandel in der Wahrnehmung des „Serienmörders“. Nicht etwa, weil seine Vorgehensweise besonders schrecklich war oder er mehr Opfer forderte, als die Serienkiller vor ihm, sondern weil die gesellschaftlichen Bedingungen sich geändert hatten: Durch den Education Act von 1870 hatte auch die Arbeiterklasse lesen gelernt3 und durch eine Gesetzesreform wurde es möglich, Zeitungen preisgünstig in hohen Auflagen zu produzieren4. Besonders die Auflage der Police News war zu Zeiten des Rippers höher denn je. Sogar nachdem die Polizei die Ermittlungen einstellte, war die Nachfrage groß und die Police News veröffentlichte in den Jahren nach dem letzten Rippermord 184 weitere Titelstorys zu dem Thema. Diese Berichterstattungen und die Tatsache, dass Jack the Ripper nie gefasst wurde, führte im 19. Jahrhundert dazu, dass das Interesse der Bevölkerung für dieses Thema geweckt wurde und nicht mehr nur die Taten selbst im Fokus standen, sondern auch die Person hinter den Gewalttaten.5 Das Thema faszinierte nicht nur die Gesellschaft; auch Künstler erschufen, inspiriert vom Serienmord, kunsthistorische Meisterwerke.6 7 Der Serienkiller fand seinen Weg in fiktionale und non-fiktionale Medien, Serienmord durchzieht die Kunst- und Kulturgeschichte von Malerei über Literatur bis schließlich zu Film und Fernsehen.

Als einer der Ersten zeichnete Alfred Hitchcock in seinem Film Psycho1 ein neues Bild des Serienkillers. Seiner Geschichte ging dabei ein reales Vorbild voraus: der Fall des Serienmörders Ed Gein in Plainfield, USA. Insgesamt wurden in Geins Haus Teile von fünfzehn unterschiedlichen Frauenleichen identifiziert. Ein großer Teil davon wurde nachweisbar zwar nicht von ihm ermordet, sondern aus dem benachbarten Friedhof entwendet, dennoch oder gerade deswegen geriet Gein in die Medien und wurde zu einer der wichtigsten „Adaptionsvorlagen“ für Serienmörder.8 Der Schriftsteller Robert Bloch wohnte zu jener Zeit in der Nähe und interessierte sich im besonderen Maße für die Motivation des Mörders. Ungefähr ein Jahr nach dem Aufdecken von Ed Geins Taten erschien 1959 der Roman Psycho, geschrieben von Bloch, das Alfred Hitchcock als Vorlage für seinen Film nutzte.9 Aus Ed Gein wurde Norman Bates und „Hitchcock hat mit der Figur des hypersensiblen und schizophrenen Norman Bates [...] den wohl bekanntesten cineastischen Psychokiller“10 der Filmgeschichte geschaffen und legte damit den Grundstein für alle späteren Serienmörderfilme. Pyscho wurde somit zum Leitstern eines neuen Genres: des Psychothrillers.11 In diesem Genre stehen stets die Charaktere und deren Psyche im Vordergrund. Die emotionalen Konflikte werden dabei zwischen den Figuren oder innerhalb einer Figur verhandelt. Klassisch hat eine solche Figur immer etwas mitzuteilen und tut dies in Form von ritualisierten Morden.12 Des Weiteren stellt Psycho den Anfang der „Glorifizierung des Film-Killers“ dar13, denn als einer der Ersten stellte Hitchcock eine „psychopathologisch abweichende Täterfigur“14 und ebenso einen sympathischen Killer zur Rezeption zur Verfügung. Die Entwicklung von Sympathien mit dem Killer gelingt ihm, indem er durch den plötzlichen Mord an der Protagonistin des Films, Marion Crane, eine so große Verstörung beim Zuschauer erzeugt, dass er seine Sympathie auf Norman überträgt.15 Dazu stellt Hitchcock im Vorfeld viele Parallelen zwischen Norman und Marion her und enthüllt erst zum Schluss den Täter, wobei der Zuschauer zur schrecklichen Erkenntnis gelangt, dass er seine Sympathien zu einem Verrückten verlagert hat.16 Begründet werden die Taten Norman Bates durch eine „traumatische Erfahrung in der Kindheit“.17

In der Zeit nach Psycho blieben die fiktiven Serienmörder der 60er- und 70er-Jahre stark psychologisch gezeichnete Figuren. Seit den 80er-Jahren wurde in Psychothrillern von dem Konzept der „Erklärung der Taten“ etwas abgewichen, was den Filmkiller noch einmal brutaler und angsteinflößender machte.18 Erst das Erscheinen des Romans Das Schweigen der Lämmer19 und des darauf basierenden Films20 hat die Wahrnehmung des Serienkillers erneut verändert21 und den Serienmörderfilm für ein breites Publikum zugänglich gemacht22. Erstmals standen sich hier zwei Serienkiller gegenüber: Jame Gumb (alias Buffalo Bill) ermordet Frauen und zieht ihnen die Haut ab, um sich daraus einen Anzug zu nähen. Das FBI ist unfähig den Täter zu fassen und so wird Agent Clarice Starling damit beauftragt, sich mit dem inhaftierten Serienmörder Hannibal Lecter, dem ehemaligen Psychiater Gumbs, zu unterhalten und Informationen über Gumb einzuholen. Zwar überwiegt in dem Film noch immer die Perspektive des Ermittlers, dennoch erhält der Zuschauer auch einen Einblick in die Persönlichkeit Dr. Lecters. Im Vergleich zu seinem Gegenspieler wird er als moralischer23 und intelligenter Gentleman inszeniert. Natürlich ist sich der Zuschauer dennoch bewusst, dass er ein Kannibale ist, jedoch erscheint Lecter im Film eher als erhabenes Genie, denn als blutrünstiger Serienmörder. Andererseits wird Jame Gumb durch seine ambivalente sexuelle Identität und seinen Zwang, unschuldige Frauen zu töten, als Monster dargestellt.

2007 kam mit dem Film Mr. Brooks - Der Mörder in diru, basierend auf dem 1952 erschienen Roman The Killer Inside Me von Jim Thompson, schließlich ein Serienkiller auf die Leinwand, der ein erfolgreicher Unternehmer, liebevoller Ehemann und Vater und ein attraktives, charismatisches und hochgeachtetes Mitglied seines Umfelds ist: „Von Anfang an lernt der Zuschauer einen Protagonisten kennen, der ein absoluter Sympathieträger ist und zur Identifikation einlädt.“24 25 Doch der Protagonist des Films, Earl Brooks, hat ein Geheimnis: Er tötet Menschen. Nicht, um eine Botschaft zu vermitteln oder aus Lust, sondern aus einem Zwang heraus: Earl leidet unter Schizophrenie und Marshall, die Stimme in seinem Kopf verführt ihn zum Morden. Wenn er dies tut, sieht man jedoch nie sein Gesicht, so kann der Zuschauer die Person, die mordet, von Brooks abspalten und ihn weiterhin als Sympathieträger durch die Handlung begleiten. Außerdem wird dem Zuschauer ein „getriebener Charakter präsentiert, der nicht anders kann, als sich so zu verhalten“26.

Genau wie Earl Brooks wird auch Dexter Morgan, der Protagonist der Serie Dexter, von einer nichtkörperlichen Entität, dem sogenannten „dunklen Passagier“ getrieben, auch wenn dieser keiner schizophrenen Persönlichkeitsspaltung entspringt. Und während das Publikum bei Das Schweigen der Lämmer durch die Figur der Clarice Starling noch Distanz zum Mörder aufbauen kann, fällt diese bei Dexter weg. Der Zuschauer ist direkt mit dem Mörder konfrontiert, er hört seine Gedanken, seine Gefühle und kennt seine Pläne. Er ist ein Killer, der die besten Eigenschaften von vielen medialen Serienkillern in sich trägt:

Dexter has the intelligence of Hannibal Lecter, the comedic bravura of Patrick Bateman, and the moral outrage of John Doe from The Silence of the Lambs, American Psycho, and Se7en respectively.27

Und diesem ist das Publikum, im Gegensatz zu anderen Filmen und Serien dieses Genres, schutzlos ausgeliefert. Dennoch präsentierte die Serie Dexter „einen moralisch devianten Protagonisten, der offenbar in sehr starkem Ausmaß die moralische Anteilnahme der Zuschauer wecken kann“28. Von Kritikern wurde die Figur des Dexter Morgan unter anderem sogar als „sympathisch“29 und „der knuffigste Soziopath der Filmgeschichte“30 bezeichnet.

Doch wie ist es möglich, dass ein hochfunktionaler Serienkiller wie Dexter Morgan derart sympathisch wahrgenommen werden kann? Dieser Frage soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. Hierzu werden im Folgenden der Inhalt der Serie und der Protagonist Dexter Morgan in Kürze vorgestellt. Daraufhin wird auf die größten Unterschiede zwischen Serie und Roman eingegangen. Im Anschluss wird eine Definition des Begriffs der Sympathie gegeben, um schließlich zu versuchen zu erklären, wie diese mit der Fernsehfigur Dexter entstehen kann. Hierzu dienen vor allem verschiedene narrative Strategien, die in Dexter eingesetzt werden, um Rezipienten von Buch und Serie das Empfinden von Sympathie mit dem Serienkiller Dexter Morgan zu ermöglichen. Darauf folgt die Darstellung der Moral Disposition Theory, welche mit ihrem Prozess des Moral Judgment einen zentralen Aspekt bei der Wahrnehmung von Dexter einnimmt. Hiernach können Vorgänge auf Rezipientenseite dazu führen, dass negativ einzustufende Inhalte dennoch zur Bildung positiver Dispositionen führen.

Vorweg sei zudem erwähnt, dass Beispiele sowohl aus dem Buch als auch aus der Fernsehserie vorgestellt werden. Dabei wird sich dem Buch in der deutschen Übersetzung bedient. Beispiele von Mono- und Dialogen Dexters sind jedoch meist dem englischen Original entnommen, da dieses oft präziser ist als die deutsche Übersetzung.

2 Dexter Morgan - Ein ordentliches Monster

Dexter Morgan ist der Protagonist der Buch- und Serienreihe Dexter. Tagsüber arbeitet er als Blutspurenanalyst beim Miami Metro Police Department. Diese Arbeit nutzt er zusätzlich, um sich über seine nächsten möglichen Opfer zu informieren. Denn im Inneren ist Dexter ein kaltblütiger, zwanghafter Serienmörder. Wie bereits zuvor erwähnt, ist Dexter nicht der erste kriminelle Charakter mit einer führenden Rolle in einer TV- Serie oder einem Film, dennoch gibt es etwas Unkonventionelles an Dexter: Er wird anders als andere Serienmörder nicht als das „monströse Andere“ dargestellt, stattdessen nimmt er die Position des Protagonisten ein, auf die die gesamte Serie um ihn als zentralen Bezugspunkt aufbaut, und ist unter Fans und Kritikern auch bekannt als „der nette Serienkiller von nebenan“31. Dabei wissen die Rezipienten von Beginn an, worauf sie sich einlassen. Die ersten Worte, die der Zuschauer mit der Stimme Dexters in der Pilotfolge Der Tod kommt in kleinen Stücken32 hört, lauten: „Tonight’s the night. And it’s going to happen again and again. It has to happen. My Name is Dexter Morgan.“

Durch die Dunkelheit der Aufnahmen, das Rot von Blut und die Spannung der Musik wissen Rezipienten seit dem Beginn der Serie intuitiv, wen sie begleiten und wessen Stimme sie hören: Sie hören von Anfang an die Stimme eines Mörders und beobachten ihn sogar bei dem, was er tut. Er lauert auf seine Beute, manchmal über Wochen und Monate hinweg. Wenn er schließlich zuschlägt, betäubt er seine Opfer, bringt sie in einen sterilen Raum, ausgekleidet mit Plastikfolie, fesselt die Opfer - ebenfalls mit Folie - auf einem Tisch, nimmt ihnen einen Tropfen Blut für seine Sammlung ab und zerstückelt schließlich ihre Leichen nach einem bestimmten Ritual, um sie schlussendlich in Beuteln verpackt auf offenem Wasser über Bord zu werfen. Alles, was der Rezipient ab Beginn der Serie und des Buches erfährt, wird von Dexter selbst erzählt. Er ist Narrator, Focalizer33 und Richter zugleich, denn er wiederholt immer wieder, wie wenig er mit den „normalen“ Menschen gemein hat, behauptet, dass er keine Gefühle entwickeln könne, und erzählt, wie viel von einem Monster in ihm steckt. So sagt Dexter in der Romanvorlage über sich selbst, nachdem er sein (aus Sicht des Rezipienten) erstes Opfer, Vater Donovan, der Kinder misshandelt und ermordet hat, beseitigte: „Ich bin nicht wie Vater Donovan, ich bin kein solches Ungeheuer. Ich bin ein sehr sauberes Ungeheuer.“34 Und doch ist und bleibt er ein Ungeheuer, das Menschen tötet und den Zuschauer bzw. Leser daran teilhaben lässt. Es ist anzunehmen, dass Mord für die meisten Menschen und somit auch für die Zuschauer und Leser von Dexter als unverzeihbares Verbrechen gilt, dennoch fesselte die Serie Millionen von Zuschauern weltweit vor dem Fernseher und das Buch wurde zu einem New York Times-Bestseller. Denn trotz allem bringen Serie und Buch ihre Rezipienten dazu, Dexter zu mögen, mit ihm zu fühlen oder sich sogar über und auf den nächsten Mord zu freuen. „Nothing should make serial killing okay, but, somehow, Dexter does“35, schreibt Douglas L. Howard in DEXTER. investigating cutting edge television über dieses Phänomen. Im Folgenden werden die Unterschiede von Buch und Serie aufgezeigt, um anschließend der Frage nachzugehen, welche narrativen Strategien die Serie Dexter benutzt, um ein Monster annehmbar oder gar sympathisch zu machen. Was passiert während des Sehens und Lesens von Dexter, damit die Rezipienten Sympathien zu einem Serienkiller aufbauen?

2.1 Dexter: Buch und Serie

Am 1. Oktober 200636 sendete der amerikanische Pay-TV Sender Showtime37 erstmalig die Pilotfolge der Serie Dexter. Bezeichnet wurde diese als crime drama series, was der Genrebezeichnung zwar nahekommt, jedoch den vorhandenen Anteil am Genre des Psychothrillers verschweigt. Ebenso gibt es bei Dexter auch Elemente aus den Genres Krimi, Thriller, Drama, Comedy und Horror, die keine Erwähnung fanden.

Die Erfolgsgeschichte von Dexter begann jedoch bereits vor der TV-Ausstrahlung. Die US-amerikanische TV-Serie Dexter beruht auf der Romanvorlage des Autors Jeffry P. Freundlich, besser bekannt unter seinem Pseudonym Jeff Lindsay.

Die Idee zu Dexter kam dem Autor vor einem seiner Vorträge, bei dem er seine Zuhörer beobachtete:

I was watching them give each other phony smiles and pats on the back and talking with food in their mouth and the thought just popped into my head that serial murder isn’t really always a bad thing.38

Daraufhin erschien im Jahr 2004 sein erstes Buch aus der Dexter-Reihe unter dem Titel Darkly Dreaming Dexter als Crime novel horror fiction auf dem amerikanischen Buchmarkt. In Deutschland erschien der erste Band der Dexter-Buchreihe im Mai 2005 unter dem Titel Des Todes dunkler Bruder, ausgewiesen als Psychothriller. Durch den großen Erfolg der Bücher, vor allem in den USA, folgten in den Jahren darauf sieben weitere Bände39, die die Geschichte von Dexter Morgan erzählen.40 Die Serie umfasst acht Staffeln und wurde zwischen 2006 und 2013 in Deutschland ausgestrahlt.41

In dieser Arbeit wird auf die erste Staffel der Serie Dexter Bezug genommen. Zum einen stellt die gesamte Dexter-Reihe zu viel Stoff bereit, um sie im Rahmen dieser Arbeit abhandeln zu können. Zum anderen, und das ist der wichtigste Grund, wird in der Serie ab der zweiten Staffel mehr und mehr von der Romanvorlage abgewichen. Die erste Staffel verläuft beinahe deckungsgleich mit dem ersten Buch, dessen Inhalt zum Teil unverändert in die Serie übernommen wurde, doch die Serie entfernt sich im Laufe der Staffeln immer weiter von der Vorlage des Autors. Dadurch wird Dexter in der Serie, im Gegensatz zum Roman, zum einem überzeichnend sympathisch dargestellt, und zum anderen gehen die Handlungen in Serie und Roman zu weit auseinander, um diese miteinander in Bezug zu setzen.

2.2 Dexter: Buch vs. Serie

Das erste Buch der Dexter-Reihe, Darkly Dreaming Dexter bzw. Des Todes dunkler Bruder, bildete die Grundidee zur Serie. Die erste Staffel folgt im großen Maße dem literarischen Vorbild, dennoch gibt es einige Abweichungen. Dabei unterscheidet sich vor allem der Umgang zwischen Dexter und einigen Figuren in Buch und Serie. Zu nennen ist die hier die Beziehung zu Astor und Cody, den Kindern von Rita, Dexters „Alibifreundin“. Anders als in der Serie zu sehen, zeigen Astor und Cody im Buch eine ähnliche Neigung zu Gewalt und Tod wie Dexter, weil sie durch ihren gewalttätigen Vater ähnlich, wenn auch in einem geringeren Maß als Dexter in seiner Kindheit, traumatisiert wurden. Zudem erfährt man, sowohl auf den ersten Seiten des Buches als auch in den ersten Minuten der Serie, als Dexter sein erstes Opfer, Vater Donovan, fordert, dass er Sympathien für Kinder hat. Im Dialog mit Vater Donovan heißt es: „,Aber Kinder?‘, sagte ich. ,So etwas könnte ich Kindern niemals antun‘.“42 Durch ihre Gemeinsamkeiten verbunden, baut Dexter zu Cody und Astor eine starke Bindung auf. In der Serie wird diese Bindung etwas gemindert und alle drei Figuren sind nur durch ihren Opferstatus in Beziehung gesetzt.

Dexter, Cody, and Astor are instead linked by their shared victim status, the fact that all three of them have been through intense childhood trauma and survived.43

Ein zweiter großer Unterschied zwischen Buch und Serie tritt am Ende der ersten Staffel auf. Sowohl im Buch als auch in der Serie entscheidet sich Dexter dazu, seine Adoptivschwester Deborah vor dem Ice Truck Killer zu retten. Dieser hat sich im Vorfeld als Dexters vergessener, leiblicher Bruder entpuppt. Eine Entscheidung zugunsten seiner Adoptivschwester zu fällen, fällt Dexter im Buch um einiges schwerer als in der Serie. Hier überlegt Dexter nicht lange und tötet seinen Bruder, um Deborah zu retten und seiner „Aufgabe“ gerecht zu werden. Im Buch überlegt Dexter längere Zeit, Deborah zu töten und ein neues Leben an der Seite seines Bruders zu führen. Dann wird das Trio von Maria LaGuerta, Dexters Chefin und Leiterin des Morddezernats, erwischt und enttarnt. LaGuerta schießt Brian, Dexters Bruder, an und dieser wiederum tötet LaGuerta. Und selbst als beide am Boden liegen, bleibt Deborah gefesselt und Dexter überlegt umso mehr und ohne Einfluss seitens seines Bruders, Deborah dennoch zu töten. Schlussendlich entscheidet er sich auch im Buch dazu, Deborah zu retten, lässt jedoch seinen Bruder weglaufen und damit freikommen. Hierauf folgt ein weiterer Aspekt, indem sich Buch und Serie unterscheiden: In der Serie gelingt es Dexter bis zum Ende der sechsten Staffel, seine Morde vor seiner Schwester geheim zu halten. Im Buch kommt Deborah ihrem Bruder bereits im ersten Band auf die Schliche.

Vermutlich erfolgt der Mord am Ice Truck Killer in der Serie, um dem Publikum das Sympathisieren mit Dexter zu erleichtern. Denn mit dem Mord an seinem Bruder schützt Dexter nicht nur seine Adoptivschwester, jetzt und in Zukunft, er entscheidet sich auch für die „gute Seite“ und löscht „das Böse“ aus.

Des Weiteren wurden für die Serie einige Ereignisse konstruiert, für die es im Buch keine Vorlage gibt. In der Folge Das perfekte Paar44 tötet Dexter ein Ehepaar, das im großen Stil kubanische Flüchtlinge ausbeutet und tötet. Auch der Mord an dem sympathisch wirkenden Therapeuten Dr. Meridian in der Folge Therapiestunden45 wurde der Serie hinzugedichtet. Der Therapeut machte Frauen medikamentenabhängig, setzte sie dann auf Entzug, um ihnen schließlich, in tiefster Depression, den Selbstmord zu empfehlen. Damit wird Dexter in der Serie für die Zuschauer noch einfacher zugänglich gemacht: Er schützt nicht nur Kinder, sondern setzt sich auch für Immigranten und Frauen ein.

Doch dies sind nur wenige Kniffe der Serie, um Dexter sympathisch erscheinen zu lassen. Um Sympathien zu erzeugen, werden sowohl in der Serie als auch im Buch narrative Strategien eingesetzt, welche die Sympathiebildung mit Dexter stärken sollen. Um diese zu erläutern, wird im Folgenden eine Definition des Sympathiebegriffs gegeben, um im Anschluss eben diese narrativen Strategien vorzustellen.

[...]


1 Federal Bureau of Investigation, Official site of the U.S. government, U.S. Department of Justice. URL: https://www.fbi.gov/stats-services/publications/serial-murder, Zugriff: 22.05.2018.

2 Wenig, Alexandra, Serienmord in Deutschland 1900-1945. Eine historische Betrachtung des Phänomens serieller Tötungen. In: Robertz, Frank J. & Thomas, Alexandra (Hrsg.): Serienmord. Kriminologische und kulturwissenschaftliche Skizzierungen eines ungeheuerlichen Phänomens. München: belleville Verlag, 2004, S. 91.

3 Vgl. Walter Dalgleish, British Library: A plain reading of the elementary education act sourced from the British Newspaper Archive. URL: https://www.bl.uk/collection-items/synopsis-of-the-forster-education-act- 1870, Zugriff: 23.05.2018.

4 Vgl. British Library, Front page of the Illustrated Police News, 25 June 1870, sourced from the British Newspaper Archive. URL: https://www.bl.uk/collection-items/front-page-of-the-illustrated-police-news-25- june-1870, Zugriff: 23.05.2018.

5 Vgl. Scheerer, Sebastian.: Mythos und Mythode. Zur sozialen Symbolik von Serienkillern und Profilern. In: Musolff, Cornelia und Hoffmann, Jens (Hrsg): Täterprofile bei Gewaltverbrechen: Mythos, Theorie und Praxis des Profilings. Berlin: Springer-Verlag, 2002, S. 72f.

6 Vgl. Scheerer 2002, S. 16f.

7 Psycho. USA, 1960. Alfred Hitchcock.

8 Vgl. Höltgen, Stefan: „Serial killer - Super hero.“ Kritische Ausgabe 2006/07. URL: http://www.kritische- ausgabe.de/hefte/verbrechen/hoeltgen.pdf, Zugriff: 23.05.2018, S. 23.

9 Vgl. ebd.

10 Golde, Inga: Der Blick in den Psychopathen. Struktur und Wandel im Hollywood-Psychothriller. Kiel: Ludwig Verlag, 2002, S. 22.

11 Vgl. Heinrichs, Sonja: Erschreckende Augenblicke. Die Dramaturgie des Psychothrillers. München: Herbert Utz Verlag, 2011, S. 15.

12 Vgl. ebd., S. 106.

13 Vgl. Höltgen 2006/01, S. 23.

14 Golde 2002, S. 23.

15 Vgl. Höltgen 2006/07, S. 23.

16 Vgl. Dika, Vera: Games of Terror. Halloween, Friday the 13th and the films of the stalker cycle. Cranbury/London: University Press, 1990, S. 41.

17 Golde 2002, S. 23.

18 Vgl. ebd., S. 27f

19 The Silence of the Lambs, USA 1988, Thomas Harris.

20 The Silence of the Lambs, USA 1991, Jonathan Demme.

21 Vgl. Reichertz, Jo: „Meine Mutter war eine Holmes“. Über Mythenbildung und die tägliche Arbeit der Crime- Profiler. In: Musolff, Cornelia und Hoffmann, Jens (Hrsg): Täterprofile bei Gewaltverbrechen. Mythos, Theorie und Praxis des Profilings. Berlin: Springer-Verlag, 2002, S. 37.

22 Vgl. Schwab, Angelica (1998): Serienkiller in Wirklichkeit und Film. Störenfried oder Stabilisator? Eine sozioästhetische Untersuchung. Münster/Hamburg/London: Lit Verlag, S. 295f.

23 Hannibal Lecter ermordet keine - in seinen Augen und mit seiner Moral bewertend - Unschuldigen.

24 Mr. Brooks, USA 2007, Bruce A. Evan.

25 Heinrichs 2011, S. 377.

26 Eick, Dennis: Das Wesen des Bösen. Oder: Warum wir in der TV-Serie Dexter mit einem Serienkiller mitfiebern. Eine handwerkliche Betrachtung der US-Serie aus Sendersicht. In: Seiler, Sascha (Hrsg.): Was bisher geschah. Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen. Köln: Schnitt - der Filmverlag, 2008, S. 159.

27 Francis Jr., James: The Lighter Side of Death: Dexter as Comedy. In: Howard, Douglas L. (Hrsg.): DEXTER. investigating cutting edge television. London/New York: I.B. Tauris, 2010, S. 179.

28 Lüdecker, Gerhard J.: Grundlagen für eine ethische Filmanalyse - Figurenmoral und Rezeption am Beispiel TROPA DE ELITE und DEXTER. In: Rabbit Eye - Zeitschrift für Filmforschung, 001/2010. URL: http://www.rabbiteye.de/2010/1/luedeker_ethische_filmanalyse.pdf, Zugriff: 04.05.2018.

29 Tinchev, Vladislav: Dexter - Der Mord als schöne Kunst betrachtet - Teil 1. 23.01.2008. URL: http://www.serienjunkies.de/news/dexter-der-17157.html, Zugriff: 17.05.2018.

30 Moldenhauer, Benjamin: Schlachtplatte a la Harry. In: Jungle World Nr. 43. 23.10.2008. URL: http://jungle- world.com/artikel/2008/43/27289.html, Zugriff: 17.05.2018.

31 Hoffmann, Thomas: „Dexter“, der nette Serienkiller von nebenan. 29.09.2008. URL: https://www.welt.de/fernsehen/article2507038/Dexter-der-nette-Serienkiller-von-nebenan.html, Zugriff: 17.05.2018.

32 Dexter: Staffel 1, Folge 1, deutscher Titel: Der Tod kommt in kleinen Stücken, Originaltitel: Dexter, 00:00:38-00:00:52

33 Bei Dexter wird die feste Fokalisierung verwendet. Der Rezipient hört ausschließlich die Gedanken Dexters.

34 Lindsay, Jeff: Des Todes dunkler Bruder. Psychothriller. Deutsche Erstausgabe. München: Knaur Taschenbuch Verlag, 2005, S. 20.

35 Howard, Douglas L.: Introduction - Killing Time with Showtime’s Dexter. In: Howard, Douglas L. (Hrsg.): DEXTER. investigating cutting edge television. London/New York: I.B. Tauris, 2010, S. xv.

36 Vgl. IMDB: Dexter - Release Info. URL: http://www.imdb.com/title/tt0773262/, Zugriff: 23.05.2018.

37 Vgl. IMDB: Dexter. URL: https://www.imdb.com/title/tt0773262/, Zugriff: 23.05.2018.

38 Howard, Douglas L: An Interview with Author and Dexter Creator Jeff Lindsay. In: Howard, Douglas L. (Hrsg.): DEXTER. investigating cutting edge television. London/New York: I.B. Tauris, 2010b, S. 3.

39 Die weiteren Bände der Dexter-Reihe sind folgende: Dearly Devoted Dexter (2005) | Dunkler Dämon (2005) Dexter in the Dark (2007) | Komm zurück, mein dunkler Bruder (2009) Dexter By Design (2009) | Die schöne Kunst des Mordens (2010) Dexter is Delicious (2010) | Dexter (2013) Double Dexter (2011) | nicht auf Deutsch erschienen Dexter’s Final Cut (2013) | nicht auf Deutsch erschienen Dexter is Dead (2015) | nicht auf Deutsch erschienen

40 Vgl. Penguin Random House: Jeff Lindsay - Dexter Books. Url: http://www.dexter-books.com/books, Zugriff: 23.05.2018.

41 Vgl. Serienjunkies: Dexter - Episodenguide. 2013. http://www.serienjunkies.de/dexter/alle-serien- staffeln.html, Zugriff: 17.05.2018.

42 Lindsay 2005, S. 18.

43 Schmid, David: The Devil You Know: Dexter and the „Goodness“ of American Serial Killing. In: Howard, Douglas L. (Hrsg.): DEXTER. investigating cutting edge television. London/New York: I.B. Tauris, 2010, S. 139.

44 Dexter: Staffel 1, Folge 5, deutscher Titel: Das perfekte Paar, Originaltitel: Love American Style.

45 Dexter: Staffel 1, Folge 8, deutscher Titel: Therapiestunden, Originaltitel: Shrink Wrap.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Warum Rezipienten mit einem Serienkiller sympathisieren
Untertitel
Dexter Morgan und die Faszination von Serienmördern
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Tod in Serie: The SOPRANOS und SIX FEET UNDER
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
44
Katalognummer
V496356
ISBN (eBook)
9783346011442
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Serienmörder
Arbeit zitieren
Julia Sieg (Autor), 2018, Warum Rezipienten mit einem Serienkiller sympathisieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496356

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