In der Vergangenheit scheute man sich in Deutschland, weitgehend mit dem Verweis auf die negativen Erfahrungen im Nationalsozialismus, Untersuchungen zur charismatischen Führung durchzuführen. Erst durch Aufnahme von Entwicklungen aus amerikanischen Ansätzen der 70er Jahre, die sich wiederum größtenteils auf Max Weber stützen, gelangte dieses Führungsphänomen wieder in den Betrachtungsraum deutscher Personalführung und Organisationssoziologie. [Vgl. Hentze/ Kammel (2004), S. 68f. Ausführlich behandelt Steyrer das Ignorieren von charismatischer Führung im deutschsprachigen Raum, Steyrer (1995), S. 51ff.]
Die derzeit problematische Konjunkturlage Deutschlands und öffentlich diskutierte Unternehmenskrisen wie bei der Karstadt Quelle AG lenken das Interesse auf Unternehmensentscheidungen und die dahinter stehenden Unternehmensführungen, die als vermeintlich Schuldige der wirtschaftlichen Niedergänge von Presse und Politik schnell identifiziert sind. [Vgl. Der Spiegel 41/2004, S. 103f.] Auch Fachkreise bezeichnen einen Großteil von Unternehmen als mangelhaft geführt, da zukunftsträchtige strategische Ausrichtungen fehlen. [Vgl. Von der Oelsnitz (1999), S.154.] Wenn bisherige Verfahrensweisen der Unternehmensführung keinen Erfolg versprechen, wird nach charismatischer Führung verlangt. [Vgl. Horn (1997), S.25.] Die Sanierungskonzepte zur Erneuerung bestehender krisenbehafteter Systeme werden von der Allgemeinheit mit der Person des zielvorgebenden Reformers verknüpft. Man denke nur an die stark diskutierte aktuelle Reform des deutschen Sozialversicherungssystems, die den Namen des Personalchefs der Volkswagen AG, Herrn Hartz, regelmäßig auf die Titelseiten der Presse bringt. Als interner Lösungsweg für wirtschaftlich angeschlagene Unternehmen aus der Krise wird Unternehmensführung mit Charakter, Persönlichkeit und Ausstrahlung gefordert. Charisma wird quasi als Einstellungskriterium für die Chefetage verlangt. Diese schwer messbaren soft- skills verdrängen zunehmend rational nachvollziehbare Kriterien wie Fachkompetenz oder Erfahrung bei der Suche von Unternehmen nach Mitarbeitern, insbesondere Führungskräften. [Vgl. Grosse Halbuer, Andreas in Wirtschafts - Woche 07/2004, S. 87f.] Diese in Führungspersonen hineininterpretierten Fähigkeiten und vor allem die Interpretation selbst durch die Geführten sind Gegenstand dieser Arbeit. Eine Unternehmensführung auf Basis von Charisma soll hinsichtlich ihrer relevanten Bedingungen zur Entstehung, der Wirkungsweisen, Chancen- und Gefahrenpotentiale untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. Aktualität und Signifikanz der Problemstellung
1.2. Eingrenzung und Bearbeitung des Themas
2. BEGRIFFSBESTIMMUNGEN
2.1. Begriff der Unternehmensführung
2.2. Begriff des Charisma
3. ZUGÄNGLICHKEIT VON WIRTSCHAFTSSUBJEKTEN ZU CHARISMATISCHER FÜHRUNG
3.1. Metaphysisches Denken im Wirtschaftsleben
3.2. Irrationales Handelns in wirtschaftlichen Organisationen
3.3. Macht und Charisma
3.4. Unternehmenskrise und neue Zielsetzung
3.5. Die Kraft des Außerordentlichen und sein Niedergang
3.6. Verhaltensbeeinflussende Organisationsstruktur
4. CHANCEN UND GEFAHRENPOTENTIALE
4.1. Mögliche positive Effekte
4.1.1. Loyalität und Vertrauen
4.1.2. Motivation und Engagement
4.2. Gefahrenpotential und Gegenmaßnahmen
4.2.1. Verzerrte Wahrnehmung
4.2.2. Machtmissbrauch
4.2.3. Hochstapelei
4.2.4. Lähmung der Organisation und Nachfolgeproblematik
4.2.5. Polarisierung und Isolierung von Gruppen
5. SPONTANE VERGÄNGLICHKEIT CHARISMATISCHER FÜHRUNG
5.1. Misserfolg statt erfüllter Hoffnung
5.2. Desillusionierung
6. TECHNIKEN ZUM ERHALT DES CHARISMAS
6.1. Internalisierung von Wertesystemen
6.2. Rituale
6.3. Bewahrung des Erfolgsgefühls
7. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedingungen, Chancen und Risiken charismatischer Führung in Wirtschaftsunternehmen, um zu klären, inwieweit dieses Phänomen ein geeignetes Führungskonzept darstellt oder ob es ökonomisch kontraproduktiv wirkt.
- Soziale und psychische Grundlagen charismatischer Führung
- Die Rolle von Unternehmenskrisen als Entstehungsbedingung
- Positive Effekte wie Loyalität, Vertrauen und Motivation
- Gefahrenpotentiale durch Wahrnehmungsverzerrungen und Machtmissbrauch
- Techniken zum Erhalt von Charisma durch Rituale und Visionen
Auszug aus dem Buch
3.5. Die Kraft des Außerordentlichen und sein Niedergang
Das Charisma im Führenden wird von der Gefolgschaft als eine ungewöhnliche Kraft- und Energiequelle und als außeralltägliche Eigenschaft wahrgenommen. Das Ablehnen der bisher alltäglichen Ordnung in der Krise und die unkonventionelle Art der Handlungen des charismatischen Führers zur Krisenbewältigung bergen ein starkes emotionsgeladenes Kräftepotential in sich. Das Außeralltägliche befreit die Geführten von der erfolglosen bisherigen Struktur und wirkt inspirierend auf den vermeintlich neuartigen Alltag ein. Victor Turner sprach von Communitas als einer unstrukturierten Gruppe, die gerade aus dem Nichtalltäglichen und Spontanem ihre Kraft schöpft. Mit zunehmender Gruppengröße und Zeitverlauf erstarrt dieses soziale Gebilde jedoch in sich routinisierender Organisation. Die Kunst einer optimalen Kraftausnutzung beider Faktoren, der Struktur und Communitas, liegt darin, ein richtiges Verhältnis zueinander zu erreichen.
Dieses revolutionäre Aufbrechen konventioneller Denk- und Handlungsmuster, das anschließende Umgestalten und Einfrieren der neu gewonnenen Systemstruktur wird von vielen Organisationswissenschaftlern als ideales Muster für eine Umstrukturierung und einen radikalen Wandel in Unternehmen befürwortet. Das Bewusstsein der Mitwirkenden für eine Notwendigkeit der Veränderung muss vor Durchführung der Veränderung gewährleistet sein. Dies geschieht wie gezeigt insbesondere durch Zielsetzungen zum Krisenzeitpunkt. Das Ende des kraftvollen Wandlungsprozesses stabilisiert die Innovation und gibt der Lösung eine feste Form, an der sich die Mitarbeiter orientieren können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Aktualität charismatischer Führung in deutschen Unternehmen und Abgrenzung des thematischen Rahmens.
2. BEGRIFFSBESTIMMUNGEN: Herleitung der Definitionen von Unternehmensführung und Charisma zur einheitlichen Verwendung in der Arbeit.
3. ZUGÄNGLICHKEIT VON WIRTSCHAFTSSUBJEKTEN ZU CHARISMATISCHER FÜHRUNG: Analyse der soziologischen und psychologischen Motive, die das Eingehen auf charismatische Herrschaftsformen fördern.
4. CHANCEN UND GEFAHRENPOTENTIALE: Gegenüberstellung der positiven Effekte durch gesteigertes Engagement und der Gefahren, wie Machtmissbrauch und Verzerrungen.
5. SPONTANE VERGÄNGLICHKEIT CHARISMATISCHER FÜHRUNG: Erörterung der Ursachen für das Schwinden von Charisma bei Misserfolg oder Desillusionierung.
6. TECHNIKEN ZUM ERHALT DES CHARISMAS: Darstellung von Methoden wie Wertesystem-Internalisierung und Ritualen zur Konservierung des charismatischen Einflusses.
7. FAZIT: Zusammenfassende Bewertung von Charisma als Führungskonzept und Ausblick auf die Nutzung im Marketingkontext.
Schlüsselwörter
Charismatische Führung, Unternehmensführung, Krisenmanagement, Sozialpsychologie, Max Weber, Machtmissbrauch, Motivation, Organisationsstruktur, Transformationale Führung, Identifikation, Unternehmenskultur, Wertesystem, Hochstapelei, Krisensituation, Führungsethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der charismatischen Führung in Wirtschaftsunternehmen, wobei soziale und psychische Aspekte der Beziehung zwischen Führungspersonen und Geführten im Vordergrund stehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit deckt die Entstehungsbedingungen von Charisma, seine Auswirkungen auf Unternehmenskulturen, Chancen und Gefahrenpotentiale sowie Techniken zum Erhalt charismatischer Bindungen ab.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es wird bewertet, inwieweit charismatische Führung ein geeignetes Konzept für die moderne Unternehmensführung sein kann oder ob die damit verbundenen Risiken überwiegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte, soziologisch und psychologisch orientierte Analyse, die auf Max Webers Charisma-Konzept aufbaut und mit aktuellen Management-Ansätzen kombiniert.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich mit der Psychologie der Geführten, der Bedeutung von Unternehmenskrisen als Katalysator für charismatische Bindungen und den Gefahren wie Machtmissbrauch.
Wie lässt sich die Arbeit anhand von Schlüsselwörtern charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie charismatische Führung, Organisationssoziologie, Machtmissbrauch, Identifikation und Transformationsdebatte definiert.
Warum spielt die Unternehmenskrise eine so wichtige Rolle für Charisma?
Krisensituationen erzeugen Angst und Unsicherheit; die Geführten suchen nach einem "Retter" mit Visionen, der durch sein Auftreten den Weg aus der Krise verspricht und so den Nährboden für Charisma bereitet.
Welche spezielle Schlussfolgerung zieht der Autor im Fazit?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Charisma als internes Führungsinstrument aufgrund seiner Instabilität und Unkalkulierbarkeit riskant ist, aber als Marketingwerkzeug (über Marken und Stars) erfolgreich genutzt werden kann.
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- Christoph Oldekop (Autor), 2005, Bedingungen, Chancen und Risiken charismatischer Führung in Wirtschaftsunternehmen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49651