Was kennzeichnet die Moderne? Wo soll man bei Kafka nur Anfangen?


Essay, 2017
6 Seiten, Note: 1-

Leseprobe

Kafka

Kafkas Protagonisten haben es schwer. Sie erwachen aus unruhigen Träumen und finden sich im Bett zu einem Ungeziefer verwandelt. Sie werden angeklagt und aufs Schaffott geführt, ohne dass sie wüssten warum. Ein Mann verendet nach lebenslangem Warten auf Einlass am Tor. Ein anderer ertränkt sich im Fluss, weil sein Vater es ihm befiehlt. Alptraumhafte Szenarien kennzeichnen Kafkas Werk. Er beschreibt sie mit derselben kühlen Distanz eines Bürokraten, die oft auch seine Figuren beseelt. Gerade dieser Stil, das Zurückgenommene gegenüber dem Unerhörten, macht Kafkas Erzählungen auf eine einzigartige Weise unergründlich. So unergründlich sogar, dass es dafür ein eigenes Adjektiv gibt.

Sehr wohl können wir aber ergründen, was das Kafkaeske ausmacht. Wie kann man Kafka interpretieren? Was sind seine wichtigsten Werke? Und woher kommt Kafka überhaupt? Was ist er für ein Mensch? Mit diesen und weiteren Fragen, die für die Unterrichtsvorbereitung oder das Lernen vor den Klausuren relevant sein können, beschäftigen wir uns in diesem Text.

Zur Einordnung: Was kennzeichnet die Moderne?

Kafkas Literatur zählt zur Epoche der literarischen Moderne. Die bricht zur Schaffenszeit Kafkas gerade erst an. Die Moderne als Literaturepoche zeichnet sich durch eine fragmentierte Weltsicht, Subjektivität und ihre Offenheit für Experimente aus, sie schließt verschiedenste Schreibstile ein. Dass Kafkas ganz eigene Sicht auf die Welt in seinem eigenwilligen Stil so deutlich zutage tritt, kann man daher als ein typisches Epochenmerkmal betrachten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsteht ein neues Lebensgefühl. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse lassen die Welt zunehmend komplexer erscheinen. Albert Einsteins Relativitätstheorie stürzt die Physik in eine Sinnkrise. Sigmund Freud begründet die Psychoanalyse als eigene Wissenschaft. Das Ich, das Seelenleben, rückt in den Fokus der Anschauung. Freud zeigt, dass der Mensch sein Denken und Handeln nicht uneingeschränkt kontrolliert. Seine Arbeiten üben auf viele Schriftsteller großen Einfluss aus.

Während der Mensch auf geistiger Ebene verunsichert ist, findet er sich auf gesellschaftlicher Ebene von einem makellos funktionierenden Staat regiert. Nie zuvor war die Arbeitsteilung effizienter als jetzt. Das zieht jedoch gleichsam eine überdimensionierte Bürokratie nach sich. Der Einzelne steht dem bürokratischen System oftmals entfremdet gegenüber. Es entsteht ein neues Bewusstsein: Die Welt ist so unüberschaubar, dass der Mensch sie nur noch bruchstückweise versteht.

Zusammen mit dem Lebensgefühl verändert sich auch die Literatur. Sie richtet ihr Augenmerk nun oftmals auf einen einzelnen Menschen und beschränkt sich auf dessen ganz bestimmte Sicht auf die Welt. Viele Geschichten werden aus der Perspektive ihrer Hauptfiguren erzählt. Deren innere Monologe und Bewusstseinsströme sind typische Erkennungszeichen für Texte der literarischen Moderne. Außerdem entsteht die erlebte Rede, bei der oft nicht klar wird, wer gerade spricht: die Figur oder der Erzähler. Der allwissende Erzähler hingegen, der schon im Naturalismus nur noch selten erscheint, verschwindet zunehnemd.

Anders als andere Literaturepochen ist die Moderne weder stilistisch noch zeitlich klar abgrenzbar. Sie beginnt um die Jahrhundertwende, um 1900, und wird erst durch die Postmoderne ab den 1950er Jahren abgelöst. Obwohl die Epoche der literarischen Moderne als abgeschlossen gilt, gibt es moderne Schreibweisen noch heute. Franz Kafka (Fotografie aus dem Atelier Jacobi, 1906). Quelle: Wikimedia

Zur Person Franz Kafka

Gerade die Bürokratie bereitet Kafka viel Sorge: Ein lähmender Bürokratieapparat begleitet viele der Figuren aus seinen Geschichten. Oft kreisen Kafkas Erzählungen um das Thema Justiz. Ein Blick auf Kafkas Biografie erklärt, warum das Thema ihn so sehr beschäftigt.

1883 wird Kafka in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Prag geboren. Kafka wächst in einer großen deutschsprachigen Enklave mitten in Prag auf, seine Familie spricht Deutsch. Deutsche Schulen, Universitäten, Theater und Zeitungen prägen seine kulturelle Umgebung. Die Kulturstadt Prag wird zeitlebens Kafkas Lebensmittelpunkt darstellen.

Schon zu Schulzeiten interessiert sich Kafka für Literatur. Trotzdem kann er sich nicht dazu durchringen, ein literaturwissenschaftliches Studium aufzunehmen. Sein autoritärer und geschäftstüchtiger Vater, Hermann Kafka, drängt ihn dazu, Jura zu studieren. Unterschiedlicher könnten Vater und Sohn kaum sein: Hermann Kafka hat sich aus armen Verhältnissen hochgearbeitet und es zu beruflichem Erfolg gebracht. Er führt ein bürgerliches Leben. Franz interessieren solch lebensweltliche Dinge nur wenig. Verständnis dafür sucht er bei seinem Vater vergeblich.

Franz Kafkas Sensibilität und Feingeist legt ihm der Vater als Schwäche aus. Gegenüber dem Sohn verhält sich Hermann Kafka despotisch, grob und selbstgerecht. Der Vater-Sohn-Konflikt wird Franz Kafka zeitlebens verfolgen und zieht sich leitmotivisch durch sein gesamtes literarisches Werk. Dem Wunsch nach Anerkennung vom jähzornigen Vater folgend, schließt Franz Kafka das Jurastudium ab und promoviert. Anschließend arbeitet er erfolgreich als Jurist in einem Versicherungsunternehmen.

Seiner Leidenschaft – der Literatur – geht er im Privaten aber weiterhin nach. Er schließt sich Autorenzirkeln in Kaffeehäusern an, bei denen sich Prager Literaten treffen und über ihre Texte diskutieren. Hier macht Kafka Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Max Brod, der sein engster Freund und Vertrauter wird. Die beiden unterscheiden sich stark. Doch Brod wird Kafka sein Leben lang unterstützen und beraten.

Brod ist es auch, der Kafka zum weiteren Schreiben und zur Veröffentlichung seiner Texte drängt. Damit ist der von Selbstzweifeln geplagte Kafka jedoch sehr vorsichtig. Nur ein Bruchteil seiner Texte erscheint zu seinen Lebzeiten. Nach Kafkas Tod an Tuberkulose 1924 trifft Brod eine schwerwiegende Entscheidung: Kafka wollte all seine unveröffentlichten Manuskripte verbrannt wissen. Doch entgegen seiner an Max Brod adressierten Verfügung entschließt sich sein bester Freund dazu, Kafkas Texte posthum zu veröffentlichen. Keine leichte Entscheidung. Aber hätte Max Brod Kafkas Willen befolgt, gäbe es heute einige Meisterwerke der Weltliteratur weniger.

Kafkas Schreiben: Präzise Sprache, verwirrte Handlung, angepasste Charaktere

Um Kafkas ganz spezifischen Stil zu verstehen, sollte man einige seiner wichtigsten Werke genauer betrachten. In den Jahren 1912 und 1913 hat Kafka eine äußerst produktive Schaffensphase. Mit seiner Novelle Das Urteil erreicht der Schriftsteller einen Durchbruch. Sie gehört zu den wenigen Texten, die Kafka zu Lebzeiten veröffentlicht. Mit ihr beginnt außerdem die Herausbildung von Kafkas ganz persönlichem Stil.

Das Urteil

Die Erzählung entsteht in nur einer einzigen Nacht – Kafka schreibt bis tief in den Morgen. Diese für ihn ideale Schreibbedingung strebt er auch später an. Zwangsläufig zieht ihm das Berufsleben dabei immer wieder einen Strich durch die Rechnung.

Das Urteil handelt von einem Vater-Sohn-Konflikt, der lange schwelt, bis er endlich eskaliert, weil der Sohn heiraten will. Als der Protagonist Georg Bendemann erfährt, dass sein Vater dem gemeinsamen Brieffreund Details über den beruflichen und privaten Erfolg Georgs verrät, ist er zutiefst gekränkt. Weder beachtet sein Vater Georgs Privatsphäre, noch berücksichtigt er, dass die Schilderungen den weniger erfolgreichen Brieffreund verletzen könnten. An diesen zwei eklatant unterschiedlichen Charakteren entzündet sich ein Konflikt. Im Streit wirft der Vater dem Sohn vor, das Familiengeschäft an sich gerissen und eine für ihn unwürdige Verlobte ausgewählt zu haben. Schließlich verurteilt der Vater den Sohn zum Ertrinken. Daraufhin stürzt Georg Bendemann zum Fluss und vollstreckt in vorauseilendem Gehorsam das grausame Urteil des Vaters selbst – mit den Worten: „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt.“

Die Verwandlung

Noch potenziert tritt das Groteske in Kafkas Erzählung Die Verwandlung zutage, seiner womöglich bekanntesten. Die Verwandlung, entstanden 1912, veröffentlicht 1916, handelt von einem Mann, der über Nacht zu einem mannsgroßen Käfer mutiert ist. Die Novelle beginnt mit einem der bekanntesten ersten Sätze der Weltliteratur: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Seiner Verwandlung messen weder der Protagonist noch dessen Familie große Bedeutung bei. Gregor glaubt zunächst an eine vorübergehende Situation. Die Sorgen der Samsas kreisen darum, wie sich ihre Probleme verheimlichen und Einschnitte vermeiden lassen. Doch lange ist dieser Zustand nicht haltbar. Vor seiner Verwandlung hat Gregor den Lebensunterhalt der Familie alleine verdient. Nun, da er nicht mehr arbeiten kann, müssen Eltern und Schwester arbeiten gehen. Dem in seinem Zimmer fortan eingesperrten Gregor Samsa wird nach und nach bewusst, dass er in dieser Form seiner Familie nur mehr eine Last ist. Man demütigt ihn. Kommunikation ist unmöglich, da er nicht sprechen kann. Mutter und Schwester meiden ihn, sein Zimmer wird zur Abstellkammer. Als der autoritäre Vater ihn in einem Wutanfall mit Äpfeln bewirft, erleidet Gregor eine schwere Verletzung. Geschwächt, schuldbewusst und bereitwillig erwartet er seinen Tod. Die Familienmitglieder atmen auf und blicken einem Neuanfang entgegen.

Wem oder wozu dient Gregors Verwandlung? Steht sie zu Beginn für eine Revolte gegen den Vater und den Beruf? Am Ende jedenfalls scheint Gregor selbst der Verlierer zu sein. Sein ekelerregendes Äußeres wird zum Spiegel seiner innerlichen Befindlichkeit.

Wie schon in Das Urteil verwendet auch Die Verwandlung Erzählstimme und -perspektive so, dass das Geschehen skurril wirken muss: Beinahe durchgängig erzählt Kafka in der dritten Person, dabei aber stets aus der Perspektive Gregor Samsas. Lediglich nach Gregors Tod muss die Erzählperspektive notgedrungen in eine übergeordnete übergehen. Die ungeheuerliche Handlung und der unaufgeregte, fast teilnahmslose Erzählton entfremden den Leser vom Geschehen. Darum gelingt ihm, was dem Protagonisten misslingt: Er wird in kritische Distanz zum Geschehen gerückt. Kafka lässt den Leser allein. Weder liefert er Erklärungen noch empört er sich – in Gestalt seiner Protagonisten – über unrealistische Begebenheiten. Trotz der geschaffenen Distanz wird das Leidensgefühl des Protagonisten greifbar.

Der Prozess

Der Roman Der Prozess, entstanden 1914, klingt ähnlich albtraumhaft an: Aus der Perspektive des Protagonisten Josef K. wird die Geschichte seiner mysteriösen Verhaftung sowie der anschließenden Verurteilung erzählt. Die Handlung setzt am Morgen seines 30. Geburtstags mit Josef K.s Verhaftung ein und endet am Vorabend seines 31. Geburtstags mit seiner Hinrichtung mit dem Fleischermesser. Wieder zeigt sich Kafkas ganz eigene Erzähltechnik, die beim Lesen so beengend wirkt: Unbeeindruckt versucht der verhaftete Josef K., sein Leben möglichst ohne Änderungen weiterzuleben, und stellt sich auf die unnormale Situation ein. Er ist zwar verhaftet, sitzt jedoch nicht im Gefängnis. Er kann tagsüber seinem Beruf nachgehen, wird aber rund um die Uhr bewacht. Ab und an wohnt er einem undurchsichtigen Prozess bei, dessen labyrinthische Wirrungen er mit stoischem Gleichmut erträgt. Zu keinem Zeitpunkt erfahren Josef K. oder der Leser den Grund für die Verhaftung. Welches Verbrechen soll Josef K. begangen haben? Welche Art von Schuld trifft ihn? Es wird nicht einmal klar, wer die verurteilende Instanz ist. Der Protagonist spricht von Unschuld, verhält sich jedoch von Beginn an wie ein Schuldiger. Anstandslos fügt er sich in sein Schicksal.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Was kennzeichnet die Moderne? Wo soll man bei Kafka nur Anfangen?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1-
Autor
Jahr
2017
Seiten
6
Katalognummer
V496600
ISBN (eBook)
9783346007766
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moderne, kafka, anfangen
Arbeit zitieren
Dominik Mair (Autor), 2017, Was kennzeichnet die Moderne? Wo soll man bei Kafka nur Anfangen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496600

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