Landwirtschaftlicher Wasserverbrauch und seine Auswirkungen auf den Ernährungszustand von Kindern in Punjab, Pakistan


Bachelorarbeit, 2019

139 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Formelverzeichnis

Verzeichnis für Symbole und Sonderzeichen

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Motivation
1.2 Zielsetzung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Wasserknappheit
2.1.1 Begriffsdefinition
2.1.2 Wasserverwendung und Folgen von Wasserknappheit
2.1.3 Quantifizierung von Wasserverbrauch
2.1.3.1 Volumetrischer Wasserfußabdruck
2.1.3.2 Wirkungsorientierter Wasserfußabdruck
2.1.4 Methoden zur Wirkungsabschätzung von Wasserverbrauch und Wasserknappheit auf die menschliche Gesundheit
2.2 Nahrungsmittelsicherheit
2.2.1 Begriffsdefinition und Dimensionen
2.2.2 Methoden zur Messung
2.2.3 Mangelernährung bei Kindern
2.2.3.1 Ursachen und Folgen von Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung
2.3 Überblick über die Punjab Provinz
2.3.1 Demographie und Geographie
2.3.2 Landwirtschaftliche Wasserknappheit in Punjab
2.3.2.1 Interne Ursachen für landwirtschaftliche Wasserknappheit
2.3.2.2 Externe Ursachen für landwirtschaftliche Wasserknappheit
2.3.3 Landwirtschaftliche Erzeugnisse
2.3.3.1 „Cash Crops": Baumwolle
2.3.3.2 „Food Crops": Weizen, Reis und Mais
2.3.4 Sozioökonomischer Entwicklungsstand und Ernährungssituation
2.3.4.1 Armut und Nahrungsmittelunsicherheit in Pakistan und Punjab
2.3.4.2 Ernährungszustand der Bevölkerung in Pakistan und Punjab

3 Methodisches Vorgehen
3.1 Analyse der Wirkungskette von Wasserknappheit zu Mangelernährung
3.2 Meta-Studie: Selektionskriterien, Vorgehen und Studienauswahl
3.3 Methodenvariation zur Quantifizierung des humanitären Gesundheitsschadens durch Wasserknappheit in Punjab

4 Ergebnisse
4.1 Resultate der Meta-Studie
4.2 Vorstellung der Methodenvariation und des Mangelernährungsindex
4.2.1 Ergebnisse der Fallstudie

5 Diskussion
5.1 Meta-Studie: Vorgehensweise und Resultate
5.1.1 Kritische Reflexion der Vorgehensweise
5.1.2 Interpretation der für die Methodenvariation relevanten Faktoren
5.2 Reflexion der Methodenvariation
5.2.1 Ergebnisinterpretation und Vergleich mit der Originalmethode
5.2.2 Kritische Betrachtung der Methodenvariation
5.2.2.1 Mögliche Modifikation der Methodenvariation

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Steigender Bedarf an Bewässerungswasser basierend u.a. auf einer wachsenden Bevölkerung und klimatischen Veränderungen kann Wasserknappheit hervorrufen, wenn das Angebot nicht ausreicht, um die Nachfrage zu decken. Die niederschlagsarme Punjab Provinz im Osten Pakistans findet sich zunehmend mit dieser Herausforderung konfrontiert. Hier, wo ein Großteil der Felder mit einem Kanalsystem künstlich bewässert wird, spielt die Verfügbarkeit von Oberflächenwasser eine essentielle Rolle, um Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten und Mangelernährung vorzubeugen. Die verfügbare Wassermenge sinkt jedoch im Kanalverlauf, was u.a. auf ineffiziente Nutzung, exzessiven Verbrauch vorgelagerter Betriebe und mangelhafte Infrastruktur zurückzuführen ist. Besonders am Kanalende kommt es zu einer Knappheit an Bewässerungswasser. Resultierende Ernteverluste bedrohen besonders die Existenz von Kleinbauern und fördern soziale Ungleichheit. Einerseits wird durch Reduktion der Verfügbarkeit von Nahrung so direkt die Nahrungsmittelsicherheit beeinträchtigt. Im Fall der Punjab Provinz, in der viele Haushalte von bewässerungsintensivem Baumwollanbau leben, spielen jedoch auch Einkommensausfall und entstehende Armut eine Rolle, die den Betroffenen den Zugang zu einer quantitativ und qualitativ ausreichenden Menge an Lebensmitteln verwehren. Nahrungsmittelunsicherheit, von der in Punjab fast 60% aller Haushalte und somit mehr als im pakistanischen Durchschnitt betroffen sind, kann wiederum in Mangelernährung resultieren. Besonders bei Kindern hat diese schwerwiegende Konsequenzen in Form der Einschränkung der kognitiven und physischen Entwicklung. Der entstehende Gesundheitsschaden reduziert das Humankapital der Gesellschaft und hemmt die Fähigkeit zur Verbesserung des sozioökonomischen Status des ganzen Landes.

In der Literatur findet sich eine Vielzahl von Instrumenten und Indexansätzen zur Messung von Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung, die auf Pakistan bzw. Punjab angewendet werden und starke (interprovinzielle) Ungleichheit feststellen.

Im Prozess der Berechnung des wirkungsorientierten Wasserfußabdrucks werden anhand von Charakterisierungsfaktoren die direkte Umweltwirkung des Wasserverbrauchs (z.B. Wasserknappheit) und die Beeinträchtigung von Schutzgütern (z.B. die menschliche Gesundheit) unter Einbeziehung regionaler Umstände gewichtet. Im Rahmen dieses Konzepts kann mittels einer von Pfister et al. (2009) entwickelten Methode der durch landwirtschaftlichen Wasserverbrauch hervorgerufene, in Form von Mangelernährung auftretende, humanitäre Gesundheitsschaden quantifiziert werden. Der Entwicklungsstand und die Intensität von Wasserknappheit in dem untersuchten Gebiet beeinflussen hierbei die Stärke der Auswirkungen des Wasserverbrauchs.

Ausgehend von den im Rahmen einer Literaturrecherche gewonnenen Kenntnissen, erfolgt in dieser Arbeit die Erstellung der Wirkungskette von landwirtschaftlichem Wasserverbrauch zu Mangelernährung bei Kindern, welche als Untersuchungsrahmen dient. Weiterhin wird die Originalmethode (OM) nach Pfister et al. (2009) variiert, sodass sie einen Risikofaktor (RF) enthält, der explizit auf Umstände zugeschnitten ist, die die Anfälligkeit für Mangelernährung bei Kindern in Punjab erhöhen. Die dem RF zugrundeliegenden Einzelfaktoren werden basierend auf den Resultaten einer Meta-Studie, in Form der Analyse von 22 Fachstudien, ausgewählt. Von 44 Faktoren, die in den Publikationen mit Mangelernährung assoziiert werden, werden vier in die Methodenvariation integriert: der Bildungsstand der Eltern, und besonders der Mutter, der rurale Wohnort sowie der sozioökonomische Status in Form einer sicheren Trinkwasser- und Sanitärversorgung.

Bei Anwendung der Methodenvariation (MV) auf zehn Distrikte Punjabs im Zuge einer speziell auf den Baumwollanbau ausgerichteten Fallstudie zeigen sich sehr heterogene Ergebnisse. Während Distrikte im Norden geringe Werte des humanitären Gesundheitsschadens verzeichnen, steigt die Beeinträchtigung mit zunehmend südlicher Lage. Bei anschließendem Vergleich mit den Applikationsergebnissen der OM fällt u.a. auf, dass die nun erzielten Werte insgesamt kleiner sind und stärker mit dem realen Ausmaß von Mangelernährung korrelieren (OM: r=0,4903 und R2=0,2404; MV: r=0,4205 und R2=0,1768). Dennoch wies der Distrikt Bahawalpur im Süden der Provinz mit 3.117 DALY sowohl in der MV als auch mit 1.834 DALY in der OM den höchsten Schaden durch landwirtschaftlichen Wasserverbrauch auf. Da diese Region aber nicht über die höchsten Werte für Mangelernährung bei Kindern verfügt, werden in einer kritischen Reflexion weitere Faktoren analysiert und diskutiert, die beide Methoden nicht bzw. nur unzureichend berücksichtigen. Hier spielt u.a. die aus der Kanalbewässerung resultierende geografische Verschiebung des humanitären Gesundheitsschadens eine Rolle. Auch beeinflusst z.B. die Versorgung der Kinder mit Muttermilch oder Mikronährstoffen ihre Anfälligkeit für Mangelernährung und kann somit die Auswirkungen des Wasserverbrauchs abfedern oder intensivieren. Die Stärke der gesundheitlichen Beeinträchtigung wird somit nicht allein von der Intensität der Wasserknappheit determiniert. Basierend auf der Vernachlässigung relevanter Komponenten in der MV und einem Mangel an aktuellen Datensätzen kann die Validität der Ergebnisse der Beeinträchtigung der humanitären Gesundheit durch Wasserverbrauch im Baumwollanbau in Frage gestellt werden. Aufgrund steigender wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz der Thematik sowie ihren komplexen Ursachen und Konsequenzen ist die durchgeführte Untersuchung dennoch von Bedeutung und unterstützt die recherchebasierte Feststellung großer Divergenzen innerhalb Punjabs hinsichtlich Entwicklungsstand, landwirtschaftlicher Aktivität und Ausmaß von Nahrungsmittelunsicherheit, Mangelernährung und Armut.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Klassifizierung der Wasserverfügbarkeit (eigene Darstellung nach FAO, 2014a.)

Abb. 2: Phasen einer Ermittlung des Wasserfußabdrucks (eigene Darstellung nach DIN EN ISO: 14046:2016-07)

Abb. 3: Wirkungskette von Wasserverbrauch zu Schaden durch Mangelernährung (eigene Darstellung nach Pfister et al., 2009)

Abb. 4: Wirkungskette von Frischwasserkonsum zu Mangelernährung (eigene Darstellung nach Pfister et al., 2014)

Abb. 5: Dimensionen der Nahrungsmittelsicherheit (eigene Darstellung nach Napoli, 2011)

Abb. 6: ICA Pakistan: Kombinierte Anfälligkeit für Nahrungsmittelunsicherheit, Dürre und Überflutung in Pakistan (National Desaster Management Authority & WFP, 2017)

Abb. 7: Armutskreislauf (eigene Darstellung nach FAO, 2008)

Abb. 8: Konzeptioneller Rahmen der Determinanten von Unterernährung bei Kindern (eigene Darstellung nach UNICEF, 2015)

Abb. 9: Kartografische Darstellung von Pakistan und Punjab (eigene Darstellung nach SMEDA, o.D.; Wildlife of Pakistan, 2019)

Abb. 10: Warabandi Bewässerungssystem mit "head-tail problem" (eigene Darstellung in Anlehnung an Oelmann & Schultze, 2018; Bildquelle: InoCottonGROW, 2019a)

Abb. 11: ICA Pakistan: Gefahr durch Dürre (National Desaster Management Authority & WFP, 2017)

Abb. 12: ICA Pakistan: Anfälligkeit für Nahrungsmittelunsicherheit basierend auf MPI-Daten (National Desaster Management Authority & WFP, 2017)

Abb. 13: Wirkungskette: Von landwirtschaftlichem Wasserverbrauch zu Mangelernährung bei Kindern (eigene Darstellung; teilweise basierend auf Napoli, 2011; InoCottonGROW, 2019b; Pfister et al., 2014)

Abb. 14: Distriktauswahl für Fallstudie der Methodenvariation (eigene Darstellung basierend auf Wikipedia, 2017)

Abb. 15: Übersicht aller Distrikte bzgl. Ergebnissen des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Berechnungen)

Abb. 16: Kartografische Darstellung der Schadensintensität in den untersuchten Distrikten bei Anwendung der Methodenvariation (eigene Darstellung)

Abb. 17: Übersicht aller Distrikte bzgl. Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) und des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach eigene Berechnungen)

Abb. 18: Übersicht aller Distrikte bzgl. Angaben zu Wachstumsverzögerung (ST) und Ergebnissen des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016; eigene Berechnungen)

Abb. 19: Übersicht aller Distrikte bzgl. Angaben zu Auszehrung (WA) und Ergebnissen des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016; eigene Berechnungen)

Abb. 20: Übersicht aller Distrikte bzgl. Angaben zu Untergewicht (UW) und Ergebnissen des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016; eigene Berechnungen)

Abb. 21: Übersicht aller Distrikte bzgl. Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) und des humanitären Gesundheitsschadens bei Anwendung der Methode von Pfister et al (2009) mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach eigenen Berechnungen)

Abb. 22: Kartografische Darstellung der Schadensintensität in den untersuchten Distrikten bei Anwendung der Methode von Pfister et al. (2009) (eigene Darstellung)

Abb. 23: Übersicht ausgewählter Distrikte bzgl. Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) und des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach eigenen Berechnungen)

Abb. 24: Übersicht ausgewählter Distrikte bzgl. Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) und des humanitären Gesundheitsschadens bei Anwendung der Methode von Pfister et al. (2009) mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach eigenen Berechnungen)

Abb. 25: Globales Ausmaß durchschnittlicher Blauwasserknappheit (1996 bis 2005) (Mekonnen & Hoekstra, 2016)

Abb. 26: Kartografische Darstellung der durchschnittlichen Baumwollproduktion in Pakistan zwischen 2011/12 und 2013/14 (USDA & IPAD, o.D. b)

Abb. 27: Kartografische Darstellung der der durchschnittlichen Produktion von Weizen (1), Reis (2) und Mais (3) in Punjab zwischen 2011/12 und 2013/14 (USDA & IPAD, o.D. a,c,d).

Abb. 28: Überblick über die Höhe des Human Development Index (HDI) in den Distrikten Punjabs (Najam & Bari, 2017)

Abb. 29: Klassifizierung der Distrikte Pakistans nach Armutsausmaß in 2012/13 (Naveed et al., 2016)

Abb. 30: Bildungsbarrieren für Frauen zwischen 15 und 24 Jahren in untersuchten Distrikten (eigene Darstellung nach PCSW, 2015)

>Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleich der Grundnahrungsmittel Weizen, Reis und Mais mit Baumwolle (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab; 2018; Government of Pakistan, 2018; Mekonnen & Hoekstra, 2010; Pakistan Agriculture Information System, 2016; Siddiqui et al., 2012; WFP et al., 2018; Young et al., 2019)

Tabelle 2: Ernährungszustand von Kindern in Pakistan und Punjab (eigene Darstellung nach FAO, 2018a; FAO et al., 2017; Bureau of Statistics Punjab; 2018; UNICEF, 2018; UNICEF, o.D.; USAID, 2013; WFP, 2018 )

Tabelle 3: Übersicht aller in die Meta-Studie einbezogenen Fachstudien (eigene Darstellung)

Tabelle 4: Werte relevanter Faktoren nach Methode von Pfister et al. (2009) (eigene Darstellung nach Pfister et al., 2009)

Tabelle 5: Übersicht aller mit Mangelernährung in Punjab assoziierten Faktoren sowie deren Häufigkeit (eigene Darstellung)

Tabelle 6: Datenübersicht aller untersuchten Distrikte (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016; Bureau of Statistics Punjab, 2018; eigene Berechnungen; Mekonnen & Hoekstra, 2010; Pakistan Bureau of Statistics, 2018a - j)

Tabelle 7: Übersicht aller Distrikte bzgl. Ergebnissen des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Berechnungen)

Tabelle 8: Übersicht aller Distrikte bzgl. Prozentangaben zu Wachstumsverzögerung (ST), Auszehrung (WA), Untergewicht (UW) und Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016 und eigenen Berechnungen)

Tabelle 9: Übersicht aller Distrikte bzgl. Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) und des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach eigene Berechnungen)

Tabelle 10: Übersicht aller Distrikte bzgl. Angaben zu Wachstumsverzögerung (ST) und Ergebnissen des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016; eigene Berechnungen)

Tabelle 11: Übersicht aller Distrikte bzgl. Angaben zu Auszehrung (WA) und Ergebnissen des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016; eigene Berechnungen)

Tabelle 12: Übersicht aller Distrikte bzgl. Angaben zu Untergewicht (UW) und Ergebnissen des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016; eigene Berechnungen)

Tabelle 13: Übersicht aller Distrikte bzgl. der HDI-Werte aus dem Jahr 2015, den Ergebnissen des Entwicklungsfaktors nach Pfister et al. und des Charakterisierungsfaktors auf Endpoint-Ebene (2009) (eigene Darstellung nach eigenen Berechnungen; Najam & Bari, 2017)

Tabelle 14: Übersicht aller Distrikte bzgl. Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) und des humanitären Gesundheitsschadens bei Anwendung der Methode von Pfister et al. (2009) mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach eigenen Berechnungen)

Tabelle 15: Übersicht ausgewählter Distrikte bzgl. Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) und des humanitären Gesundheitsschadens mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach eigenen Berechnungen)

Tabelle 16: Übersicht ausgewählter Distrikte bzgl. Ergebnissen des Mangelernährungsindex (MI) und des humanitären Gesundheitsschadens bei Anwendung der Methode von Pfister et al. (2009) mit graphischer Darstellung (eigene Darstellung nach eigenen Berechnungen)

Tabelle 17: Indikatoren zur Berechnung des Food Insecurity Multidimensional Index (FIMI) (eigene Darstellung nach Napoli, 2011)

Tabelle 18: Dimensionen und Auswahl zugehöriger Indikatoren zur Berechnung des Multidimensional Poverty Index (MPI) (eigene Darstellung nach Naveed et al., 2016)

Tabelle 19: Übersicht über relevante Charakteristiken und untersuchte Faktoren der analysierten Fachstudien der Meta-Studie (eigene Darstellung)

Tabelle 20: Übersicht der in Tabelle 19 & 21 verwendeten Abkürzungen (eigene Darstellung)

Tabelle 21: Übersicht thematisch relevanter Ergebnisse der in der Meta-Studie untersuchten Fachstudien (eigene Darstellung)

Tabelle 22: Übersicht über alle mit Mangelernährung allgemein bzw.. Wachstumsverzögerung (ST), Auszehrung (WA) und Untergewicht (UW) in Verbindung gebrachte Faktoren, ihre Häufigkeit und Richtung des Zusammenhangs (eigene Darstellung)

Tabelle 23: Zusammenfassende Datenübersicht für untersuchte Distrikte (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016; Bureau of Statistics Punjab, 2018; eigene Berechnungen; InoCottonGROW, 2019b; Mekonnen & Hoekstra, 2011; Pakistan Bureau of Statistics, 2018a - j; Pfister et al., 2009)

Tabelle 24: Gegenüberstellung der Werte des Charakterisierungsfaktors auf Endpoint­Ebene und der Ergebnisse des humanitären Gesundheitsschadens bei Anwendung der Methodenvariation und der Originalmethode nach Pfister et al. (2009) (eigene Darstellung nach eigenen Berechnungen)

Tabelle 25: Übersicht über zur Berechnung des HDI herangezogene Distriktdaten (eigene Darstellung nach Najam & Bari, 2017)

Tabelle 26: Übersicht über Daten untersuchter Distrikte bzgl. relevanter Faktoren bzgl. der Geburtsumstände sowie Versorgung des Kindes (eigene Darstellung nach Bureau of Statistics Punjab & UNICEF, 2016)

Formelverzeichnis

Formel 1: Berechnung des volumetrischen Blauwasserfußabdrucks nach Hoekstra et al. (2011)

Formel 2: Berechnung des volumetrischen Grünwasserfußabdrucks nach Hoekstra et al. (2011)

Formel 3: Berechnung des volumetrischen Grauwasserfußabdrucks nach Hoekstra et al. (2011)

Formel 4: Berechnung des volumetrischen Wasserfußabdrucks eines Agrarguts nach Hoekstra et al. (2011)

Formel 5: Berechnung des wirkungsorientierten Wasserfußabdrucks nach DIN EN ISO: 14046:2016-

Formel 6: Berechnung des Charakterisierungsfaktors WTA nach Pfister et al. (2009)

Formel 7: Berechnung des Wasserstressindex nach Pfister et al. (2009)

Formel 8: Berechnung des Wassererschöpfungsindex nach Berger et al. (2014)

Formel 9: Quantifizierung des humanitären Gesundheitsschadens durch landwirtschaftlichen Wasserverbrauch nach Pfister et al. (2009)

Formel 10: Quantifizierung des humanitären Gesundheitsschadens durch landwirtschaftlichen Wasserverbrauch nach Pfister et al. (2009)

Formel 11: Methodenvariation zur Quantifizierung des humanitären Gesundheitsschadens durch landwirtschaftlichen Wasserverbrauch

Formel 12: Berechnung des Risikofaktors für Mangelernährung

Formel 13: Berechnung des Bevölkerungsanteils in ruralen Gegenden

Formel 14: Berechnung des Alphabetisierungsindex

Formel 15: Berechnung des landwirtschaftlichen Wasserverbrauchs von Baumwollflusen in Punjab

Formel 16: Berechnung des Mangelernährungsindex für Kinder

Formel 17: Berechnung des Welthunger-Index nach Wiesmann (2006)

Formel 18: Berechnung des Entwicklungsfaktors HDF nach Pfister et al. (2009)

Verzeichnis für Symbole und Sonderzeichen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Motivation

Wasser ist die Grundlage allen Lebens, sowie wirtschaftlicher als auch finanzieller Stabilität, und so ist der nachhaltige Umgang mit ihm eine der bedeutendsten Herausforderungen unserer Zeit (Connor & Koncagül, 2015). Während etwa 97,50% der global vorhandenen Wassermenge als Salzwasser die Meere füllt, ist lediglich 2,50% als Süßwasser vorhanden, von dessen zugänglichem Volumen wiederum 69,00% zur Bewässerung der Landwirtschaft verbraucht wird (Mekonnen & Hoekstra, 2016; FAO, 2014b). Angesichts einer bis zum Jahr 2050 auf 9,7 Mrd. Menschen anwachsenden Weltbevölkerung und dem daraus resultierenden zunehmenden Bedarf an Agrarerzeugnissen wird die Nachfrage nach Bewässerungswasser global stark ansteigen (UN, 2015; UNESCO, 2012). Gleichzeitig führen klimatische Veränderungen und ein ineffizienter Umgang mit der Ressource zu einer Reduktion des Angebots (Mancosu et al., 2015). Wasserknappheit1, die nach FAO (2014a) bei einer jährlichen Wasserverfügbarkeit von weniger als 1000 m2 pro Kopf eintritt, stellt somit besonders in ariden Regionen ein Problem mit weitreichenden Konsequenzen für die menschliche Gesundheit dar (FAO, 2018b). Weltweit leiden aktuell etwa 821 Mio. Menschen an Unterernährung, eine Form der Mangelernährung3 (FAO et al., 2018).

Pakistan liegt international auf Platz drei der Liste der am meisten von Wasserknappheit betroffenen Staaten und in der Provinz Punjab, die im Fokus dieser Arbeit stehen soll, gilt über ein Viertel der Kinder unter fünf Jahren als unterernährt (Hall, 2019; UNICEF, 2017). In der Region, die als agrarisches Zugpferd Pakistans bezeichnet wird und u.a. von Baumwollanbau geprägt ist, werden drei Viertel aller Felder künstlich bewässert (Bureau of Statistics Punjab, 2018; Encyclopaedia Britannica, 2010). Mithilfe des Konzepts des volumetrischen Wasserfußabdrucks kann der Wasserverbrauch zur Erzeugung von Produkten quantifiziert werden (Hoekstra & Hung, 2002). Nach Angaben von Mekonnen & Hoekstra (2010) verbraucht die Erzeugung einer Tonne Baumwolle in Punjab 4.294 m3 Oberflächen- und Grundwasser. Ersteres wird mittels eines artifiziell errichteten Kanalsystems zu den Feldern geleitet und besonders Kleinbauern am Kanalende sind vermehrt mir Wasserknappheit konfrontiert (vgl. z.B. Oelmann & Schulze, 2018).

In der Literatur wird zumeist auf die Beeinträchtigung des Ernährungszustands durch Trinkwasserknappheit hingewiesen (vgl. z.B. UNICEF, 2015). Pfister et al. (2009) greifen auf das Instrument des wirkungsorientierten Wasserfußabdrucks zurück und ermöglichen die Quantifizierung des humanitären Gesundheitsschadens, welcher durch landwirtschaftlichen Wasserverbrauch bei Existenz von Wasserknappheit hervorgerufen wird. Zur Berücksichtigung des Entwicklungsstands und so der Anfälligkeit des untersuchten Gebiets für Mangelernährung wird auf Werte des Human Development Index (HDI) zurückgegriffen, der eine Vielzahl statistischer Bevölkerungsdaten vereint (vgl. z.B. Najam & Bari, 2017). Besonders das Ausmaß von Mangelernährung bei Kindern, die als besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe gelten, schränkt jedoch die Möglichkeit einer Gesellschaft, ihre Potentiale auszunutzen und Armut so vorzubeugen, deutlich ein (vgl. z.B. Government of Pakistan & UNICEF, 2012; Von Grebmer et al., 2014). Die Punjab Provinz ist von besonderem Interesse, da sie die bevölkerungsreichste Pakistans ist und eine starke landwirtschaftliche Prägung, Anfälligkeit für Wasserknappheit sowie hohe Raten von Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung aufweist (Ministry of Finance, 2017). Bisher wurden keine wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht, die die Auswirkungen von Wasserverbrauch im Baumwollanbau auf die Gesundheit von Kindern in Punjab untersuchen und auf Distriktebene vergleichen. Vor diesem Hintergrund scheint es von Nutzen, den Forschungshorizont zu erweitern und die genannte Methode von Pfister et al. (2009) durch Ausrichtung auf Risikofaktoren für Mangelernährung bei Kindern in Punjab zu variieren.

1.2 Zielsetzung

Aus der zuvor beschriebenen Relevanz der Auswirkungen des landwirtschaftlichen Wasserverbrauchs und hervorgerufener Wasserknappheit auf den Ernährungszustand von Kindern resultiert der Bedarf genauerer Untersuchungen, welchem in der vorliegenden Arbeit entgegen gekommen werden soll.

Um eine thematische Wissensbasis zu etablieren, gilt es anfangs, eine umfangreiche Literaturanalyse durchzuführen. Diese soll zunächst eine Übersicht über im Kontext von Wasserverbrauch, Wasserknappheit, Nahrungsmittelsicherheit und Mangelernährung relevante Begriffsdefinitionen, Quantifizierungsmethoden sowie mögliche Ursachen und Konsequenzen bieten. Im Anschluss folgt dann ein Wechsel von der allgemeinen auf eine spezifische Ebene mit der Betrachtung der gegenwärtigen Umstände in Pakistan und explizit in Punjab. Nach einer kurzen Einführung zu demographischen und geographischen Gegebenheiten soll der Fokus auf landwirtschaftliche Wasserknappheit, wichtige Agrarerzeugnisse, den sozioökonomischen Entwicklungsstand und den Ernährungszustand der Bevölkerung gelegt werden. Im Kontext des zuletzt genannten findet auch eine Untersuchung des Zusammenhangs von Armut und Nahrungsmittelunsicherheit statt.

Im Anschluss wird die dreiteilige methodische Vorgehensweise dargestellt. Diese setzt sich zum einen zusammen aus der Konstruktion und Analyse der Wirkungskette von landwirtschaftlichem Wasserverbrauch zu Mangelernährung bei Kindern, und der Durchführung einer Meta-Studie in Form einer Fachstudienanalyse zur Identifikation von Faktoren, die mit Mangelernährung bei Kindern in Punjab korrelieren. Basierend auf diesen Resultaten wird dann eine Variation der bereits angesprochenen Methode von Pfister et al. (2009) erarbeitet. Im Zuge einer auf Baumwollanbau ausgerichteten Fallstudie soll sie auf zehn Distrikte Punjabs angewandt, und so der dort durch hohen Wasserverbrauch und existierende Wasserknappheit entstehende humanitäre Gesundheitsschaden berechnet werden. Im Folgenden gilt es, sowohl das durchgeführte Verfahren zu reflektieren als auch die gewonnenen Ergebnisse zu interpretieren und zu diskutieren. Des Weiteren sollen diese mit den Resultaten bei Anwendung der Originalmethode (OM) nach Pfister et al. (2009) verglichen und die Güte beider Ansätze untersucht werden. Daraufhin wird die Frage gestellt, welche Modifikationen als sinnvoll erachtet werden, um die Auswirkungen von landwirtschaftlichem Wasserverbrauch auf den Ernährungszustand von Kindern noch gezielter abbilden zu können. Zum Abschluss soll ein Fazit gezogen sowie in einem kurzen Ausblick auf zukünftige Herausforderungen und damit verbundenem weiteren Forschungsbedarf eingegangen werden.

Es wird angestrebt, im Verlauf dieser Arbeit Antworten auf folgende Forschungsfragen zu finden:

1. Welche Faktoren wirken sich global und in Punjab auf die Entstehung von landwirtschaftlicher Wasserknappheit, Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung aus und welche Zusammenhänge lassen sich feststellen?
2. In welchem der untersuchten Distrikte Punjabs ruft landwirtschaftlicher Blauwasserverbrauch im Baumwollanbau besonders große Auswirkungen auf den Ernährungszustand von Kindern hervor? Welche Umstände können die Ergebnisse verzerren?

2 Theoretischer Hintergrund

Der Verbrauch von Wasser wirkt sich aufgrund seiner limitierten Verfügbarkeit in unterschiedlicher Weise auf drei der gesetzlich definierten Schutzgüter aus: auf die Qualität des Ökosystems, auf die natürlich vorhandenen Ressourcen der Erde sowie auf den Menschen und seine Gesundheit (Jurion, 2017; Pfister, 2011). In der vorliegenden Arbeit soll der Fokus auf die letzte der drei genannten Kategorien gelegt werden; insbesondere auf die Wirkungszusammenhänge zwischen landwirtschaftlichem Wasserverbrauch, Wasserknappheit und Mangelernährung sowie auf daraus resultierende Beeinträchtigungen des Gesundheitszustandes von Kindern. Innerhalb der folgenden Kapitel findet eine durch Literaturrecherche gestützte Analyse relevanter Begriffe, Methoden und Gegebenheiten statt.

2.1 Wasserknappheit

Wasser ist eine Ressource, die zwar in ihrem natürlichen Erneuerungskreislauf immer und abundant vorhanden, dennoch in ihrer Verfügbarkeit knapp und somit endlich ist. Theoretisch existiert ein Volumen von 6.900 m3 pro Kopf, das jedoch in der Praxis zum Teil für den menschlichen Gebrauch nicht zugänglich bzw. regional sehr asymmetrisch verteilt ist (UNDP, 2006). So sind Hochrechnungen zufolge bereits heute vier Mrd. Menschen, fast zwei Drittel der Weltbevölkerung, mindestens einen Monat im Jahr und 500 Mio. sogar ganzjährig extremer Wasserknappheit, auch als Wassernotstand bezeichnet, ausgesetzt. Hauptsächlich betroffen sind Nationen in Südasien und in Afrika südlich der Sahara sowie arabische Staaten (Mekonnen & Hoekstra, 2016; UNDP, 2006). In Kapitel 2.1.1 sollen Definitionsansätze bzgl. des Konzepts der Wasserknappheit und verbundener Terme mitsamt ihren Dimensionen vorgestellt, sowie in Kapitel 2.1.2 kurz auf wasserverbrauchende Akteure und die Folgen von Wasserknappheit eingegangen werden. In Kapitel 2.1.3f wird dann ein Überblick über Methoden zur Quantifizierung von Wasserverbrauch und dessen Auswirkungen, besonders im Landwirtschaftssektor, auf den humanitären Gesundheitszustand gegeben.

2.1.1 Begriffsdefinition Wasserknappheit und Wasserstress

Water scarcity, im weiteren Verlauf unter dem deutschen Term Wasserknappheit beschrieben, wird in der Literatur auf unterschiedliche Art und Weise definiert. Sie kann z.B. laut UN-Water folgende Dimensionen haben:

“(...) scarcity in availability due to physical shortage, or scarcity in access due to the failure of institutions to ensure a regular supply or due to a lack of adequate infrastructure” (UN-Water, 2018, S.2).

Weiterhin lässt sich Wasserknappheit als relatives Konstrukt darstellen, das ein Missverhältnis zwischen dem tatsächlich vorhandenen und dem zur Bedarfsdeckung benötigten Wasser ausdrückt (FAO, 2018b). Speziell von physischer Wasserknappheit spricht man, wenn die natürlich vorhandene Wassermenge nicht ausreicht, um die bestehende Nachfrage zu decken (UNDP, 2006). Diese steigt u.a. basierend auf Bevölkerungs- sowie Wirtschaftswachstum weltweit jedes Jahr um einen Prozentpunkt (Connor et al., 2018; FAO, 2012a). Kann dem sich intensivierenden Bedarf nicht mit einem adäquaten Erhalt bzw. Ausbau der Wasserversorgungsinfrastruktur begegnet werden, kommt es zur sogenannten ökonomischen Wasserknappheit. Tritt dieser Zustand ein, ist theoretisch ausreichend Wasser verfügbar, aber fehlende personelle, institutionelle oder finanzielle Mittel verhindern die Leitung zum bzw. die Speicherung am Zielort (FAO, 2012a; Mancosu et al., 2015).

Betrachtet man den Aspekt der physischen Verfügbarkeit, lässt sich Wasserknappheit nach FAO (2014a) wie folgt von Wasserstress (engl. water stress) abgrenzen: Während Letzteres einen Zustand definiert, bei dem die pro Kopf vorhandene Wassermenge bei weniger als 1.700 m3 jährlich liegt, fällt die Messlatte, bei deren Unterschreitung Wasserknappheit bzw. Wassernotstand eintritt, auf 1.000 bzw. auf 500 m3 (Abb.1). Diese Einteilung wird auch als Falkenmark-Indikator nach Falkenmark et al. (1989) bezeichnet. Als Richtwert bietet sich das Volumen von 1700 m3 pro Person und Jahr an, was einer Menge von 4600 l pro Person und Tag entspricht, da dieses Volumen aus hydrologischer Sicht mindestens vorhanden sein muss, um die Funktionsfähigkeit von Umwelt, Industrie, Energieversorgung und Landwirtschaft zu gewährleisten (UNDP, 2006; FAO, 2014a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Klassifizierung der Wasserverfügbarkeit (eigene Darstellung nach FAO, 2014a.)

Der Begriff des Wasserstress wird in der Literatur auf unterschiedliche Weise verwendet. Einmal, um wie in Abb. 1 dargestellt, als Vorstufe der Wasserknappheit eine Klassifizierung von Ländern und Regionen zu ermöglichen und weiterhin, um den Zustand, der durch Wasserknappheit ausgelöst wird, sowie seine Folgen bzw. Symptome zu beschreiben. Dazu gehören z.B. Ernteverluste oder Wasserkonflikte (FAO, 2012a; UNESCO, 2012). Auch wird er angewandt, um den Anteil der jährlich dem natürlichen Kreislauf entnommenen Frischwassermenge, determiniert durch die Nachfrage, an dem Gesamtvolumen erneuerbarer Wasserressourcen auszudrücken (Gassert et al., 2013). Diese erneuerbaren Wasserressourcen setzen sich aus durch Niederschläge aufgefüllte Grundwasserreserven und Oberflächenwasser (Flüsse, Seen, Meerwasser) zusammen. In Abgrenzung davon werden Grundwasservorräte, die nicht oder kaum regeneriert werden können, als nicht erneuerbare Wasserressourcen bezeichnet (FAO, 2003; UNESCO, 2012). Sowohl erneuerbares als auch nicht erneuerbares Wasser lässt sich wiederum unter dem Term Frischwasser bündeln, der den Gegensatz zu unkonventionellen Wasservorräten bildet (z.B. landwirtschaftliches Drainagewasser, demineralisiertes Meerwasser oder recyceltes Abwasser). 96,00% des insgesamt entzogenen Wassers stammt aus Frischwasserreserven (FAO, 2014b).

Blau-, Grün- und Grauwasser

In Verbindung mit dem Thema Wasserknappheit wird in der Literatur häufig eine Unterteilung in Blau-, Grün- und Grauwasser vorgenommen (Allan, 1998; Falkenmark, 1995; Hoekstra et al., 2011). Blauwasser (engl. blue water) bezeichnet die Summe aus Oberflächen- und Grundwasser, die im Zuge von Produktionsprozessen verbraucht wird (Hoekstra et al., 2011). Hierbei gilt es, Unterschiede in der Terminologie der Wassernutzung (engl. water use) und des Wasserverbrauchs (engl. water consumption) hervorzuheben. Ersteres fasst allgemein dasjenige Wasservolumen zusammen, das einem Produktsystem zugeführt und somit im Zuge menschlicher Aktivitäten verwendet wird (Bayart et al., 2010). Es lässt sich wiederum unterteilen in in-stream Nutzung (im natürlichen Wasserkörper z.B. durch Schifffahrt) und off- stream Nutzung (künstlich etwa für Bewässerung oder Produktionsprozesse entnommen) (Owens, 2001). Wasserverbrauch hingegen bezieht sich spezifisch auf die Wassermenge, die sich in seiner Form bzw. geographischen Befindlichkeit verändert, bzw. erst mit zeitlicher Verzögerung in sein Ursprungsgebiet zurückgeführt wird. Umfasst werden demnach jene Fälle, in denen das Wasser im System verbleibt, also in Produkte integriert ist, bzw. verdunstet, und so als solches nicht mehr im jeweiligen Wassereinzugsgebiet verfügbar ist. Wasserverbrauch lässt sich also durch die quantitative Abweichung des Wasseroutputs im Vergleich zum -input feststellen (Berger & Finkbeiner, 2010; DIN EN ISO 14046:2016-07; Hoekstra et al., 2011; Pfister et al., 2009). Weiterhin beschreiben Pfister et al. (2009) den Fachausdruck degradative use (Wasserverschmutzung), bei der das entnommene Wasser in veränderter Qualität wieder in dasselbe Wasserreservoir eingeleitet wird, aus dem es stammt.

Der Begriff Grünwasser (engl. green water), eingeführt von Falkenmark (1995), definiert das durch Niederschläge generierte Wasservolumen, welches auf natürlich bewässerten Feldern nicht versickert und so das Grundwasser speist, sondern direkt von den Pflanzen aufgenommen wird bzw. verdunstet (FAO, 2003; UNESCO, 2012). Die dritte Kategorie, das Grauwasser (engl. grey water) bezeichnet nach Mekonnen & Hoekstra (2011) diejenige Menge an Frischwasser, welche benötigt wird, um verschmutztes Wasser so zu verdünnen, dass allgemeine Qualitätsstandards für Wasserreinheit eingehalten werden. Regenwasser trägt mit etwa 40,00% zum Blau- und mit den restlichen 60,00% zum Grünwasser bei, sodass ersteres die Grundlage für künstlich bewässerte und letzteres für natürlich bewässerte Landwirtschaft bildet (UNDP, 2006).

2.1.2 Wasserverwendung und Folgen von Wasserknappheit

Nach der vorangegangenen Erläuterung thematisch relevanter Begriffe soll nun kurz auf Sektoren der Wasserverwendung und anschließend auf mögliche Folgen von Wasserknappheit eingegangen werden.

Die Landwirtschaft führt mit einem Verbrauchsvolumen von 69,00% die Liste derjenigen Akteure an, die auf Frischwasser zugreifen (FAO, 2014b). Weiterhin wird Wasser auch zu Zwecken der industriellen Produktion verwendet. Der Anteil der globalen Entnahme liegt bei etwa 20,00%; von einer genaueren Betrachtung wird in dieser Arbeit aber abgesehen, da sie den angesetzten Rahmen sprengen würde (FAO, 2014b). Die restlichen 11,00% entfallen auf private Haushalte, wobei hier anzumerken ist, dass ein Großteil dieses entzogenen Volumens wieder in den natürlichen Wasserkreislauf zurückgeführt wird, wenn auch bei fehlender Aufbereitung in schlechterer Qualität (FAO, 2012a; FAO, 2014b).

Physische Folgen, die bereits im Zustand des Wasserstresses beginnen und bei Wasserknappheit zusätzlich verstärkt werden, sind die fortschreitende Austrocknung von Flüssen und Seen sowie eine Absenkung des Grundwasserspiegels durch exzessiven Entzug, welcher nicht durch Regeneration ausgeglichen werden kann (UNDP, 2006). Abb. 25 in Anhang A zeigt das globale Ausmaß durchschnittlicher Blauwasserknappheit zwischen 1996 und 2005 (Mekonnen & Hoekstra, 2016). Die Landwirtschaft ist im Vergleich mit anderen Wirtschaftssektoren besonders von den Auswirkungen von Wasserknappheit betroffen, welche durch menschliches Handeln aber auch klimatische Bedingungen provoziert werden kann (FAO, 2012a). In Deutschland riefen nach Ehrenstein (2018) Hitze und Trockenheit im Sommer 2018 Ernteausfälle von bis zu 20,00% hervor. Während hier Bauern aber finanzielle Unterstützung des Staates erhielten, führen Dürren v.a. in Ländern des asiatischen und afrikanischen Kontinents immer wieder zu Nahrungsmittelunsicherheit und Hunger (Ehrenstein, 2018; Lukow et al, 2015). Zu einem späteren Zeitpunkt sollen die Ursachen und Konsequenzen von Wassermangel in der Landwirtschaft, besonders mit Fokus auf seine Auswirkungen auf den Ernährungszustand betroffener Bevölkerungsgruppen, explizit analysiert werden.

Nicht nur die quantitative Menge, sondern auch die Qualität des Wassers kann eine Knappheit dessen hervorrufen. Dies geschieht, wenn sich durch gravierende Verschmutzung das Volumen an sauberem Wasser, welches sich ohne aufwendige Behandlung für den privaten oder industriellen Gebrauch verwenden lässt, reduziert (UNDP, 2006). Der Zugang zu ausreichend, trinkbarem, erschwinglichem Wasser wurde 2002 von den Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt, wobei 20 l pro Person und Tag als Minimalvolumen gelten (UNDP, 2006). Dennoch bleibt noch immer ca. 844 Mio. Menschen weltweit der Zugang zu keimfreiem Trinkwasser verwehrt (WaterAid, 2018). Ein Mangel an diesem hat erhebliche Folgen für den menschlichen Gesundheitszustand. Durchschnittlich bedeuten Durchfallerkrankungen das Todesurteil für weltweit ca. 990 Kinder täglich und tragen zu Mangelernährung (engl. malnutrition) bei (Welthungerhilfe, 2018). Im Verlauf der vorliegenden Arbeit soll besonders auf Mangelernährung im Kontext landwirtschaftlicher Wasserknappheit eingegangen werden.

Die Intensität von Wasserknappheit kann also abhängig von der natürlichen Verfügbarkeit schwanken, wird zusätzlich aber durch menschliches Handeln beeinflusst (FAO, 2012a). Wasserknappheit kann somit als dynamisches Konzept verstanden werden, dessen Ausmaß einerseits durch Maßnahmen wie effizientere Nutzung und Wasseraufbereitung in gewissem Umfang gelindert werden kann. Andererseits verschärfen externe Faktoren die Problematik (FAO, 2018b). Um festzustellen, in welcher Intensität wirtschaftliche und gesellschaftliche Aktivitäten zu Wasserknappheit beitragen, muss zunächst deren Wasserverbrauch beziffert werden. In den Kapiteln 2.1.3 bis 2.1.4 sollen verschiedene Methoden vorgestellt werden, mittels welcher sich der Verbrauch an Frischwasser innerhalb von Produktsystemen quantifizieren lässt. Der Fokus soll hierbei auf der Landwirtschaft liegen.

2.1.3 Quantifizierung von Wasserverbrauch

Die Fähigkeit einer Nation oder Region zur Nahrungsmittelproduktion durch Landwirtschaft hängt mit den Volumina jeweils verfügbarer erneuerbarer Wasserressourcen sowie Art und Intensität ihrer Nutzung zusammen (Mancosu et al., 2015). Um Möglichkeiten zur Quantifizierung der Auswirkungen von landwirtschaftlicher Wasserknappheit auf den menschlichen Gesundheitszustand erläutern zu können, muss zunächst der Wasserverbrauch zur Erzeugung von (Nahrungsmittel)-Produkten analysiert werden. Ein erster Schritt hierzu ist die Untersuchung, wie viel Wasser von einzelnen Pflanzenarten zum Wachsen benötigt wird (Mancosu et al., 2015).

Möglich ist dies durch die Verwendung eines wissenschaftlichen Konstruktionsobjektes namens Lysimeter, mit welchem Bodenwasserhaushaltsgrößen wie die Evapotranspirationsrate gemessen werden können. Dieser Begriff vereint die Terme Evaporation und Transpiration und bezeichnet somit die Summe der Wasserverdunstung auf Erdoberfläche und Pflanzenblättern (Encyclopaedia Britannica, 2013). Er ist also gleichzusetzen mit der Menge an Wasser, die benötigt wird, um den durch Verdunstung entstehenden Wasserverlust zu kompensieren (Allen et al., 1998). Durch Bewässerung entstehende Evapotranspiration bildet in einem Großteil aller Länder den Hauptanteil der Verwendung desjenigen Wasser, dass der Natur für den menschlichen Gebrauch entzogen wird (FAO, 2012a). Mithilfe der mittels Lysimeter gewonnenen Ergebnisse kann die landwirtschaftliche Bewässerung optimal an die Bedürfnisse der Pflanzen angepasst werden (Beven, 2016). Dieser Wasserbedarf wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst: Je nach Art, Klimagegebenheiten und Entwicklungsphase benötigen die Pflanzen unterschiedliche Wassermengen. Eine weit entwickelte Reispflanze in einer ariden, sonnigen Region hat somit einen wesentlich höheren Bewässerungsbedarf als ein Hirsesetzling in einer humiden Klimazone (Kahlown et al., 2003).

In einer industrialisierten Welt mit zunehmender Herstellung und Verarbeitung von Waren an unterschiedlichen Orten ist der Wasserbedarf von Pflanzen in ihrem Anbaugebiet nicht das einzige verbrauchte Volumen im Produktionsprozess von Nahrungsmitteln (Hoekstra et al., 2011). Ende des 20. Jahrhunderts führte Allan (1998) den Begriff des virtuellen Wassers ein. Das zugehörige Konzept beschreibt den Verbrauch (im Sinne von Verschmutzung, Aufnahme oder Verdunstung) an Blau- und Grünwasser im Lebenszyklus eines Produkts und findet besonders im Zusammenhang mit Waren als Handelsgut Verwendung. Wasser kann somit indirekt, in Form von Gütern, zwischen Individuen, Regionen oder Nationen ausgetauscht und Wasserknappheit dadurch entgegengewirkt werden (Schubert, 2011; Mancosu et al., 2015).

Aufbauend auf die Quantifizierung von Wasserströmen mittels der Methode des virtuellen Wassers wird in der Literatur zwischen zwei Wasserfußabdruck-Konzepten unterschieden: dem volumetrischen und dem wirkungsorientierten (Chapagain & Hoekstra, 2004; Hoekstra & Hung, 2002; DIN EN ISO 14046:2016-07). Auf beide soll im Folgenden kurz eingegangen werden.

2.1.3.1 Volumetrischer Wasserfußabdruck

Basierend auf dem beschriebenen Term des virtuellen Wassers entwickelten u.a. die Wissenschaftler Arjen Y. Hoekstra und P.Q. Hung das Konzept des volumetrischen Wasserfußabdrucks, das später in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation Water Footprint Network ausgefeilt wurde (Hoekstra et al., 2011). Der Ansatz dient nach Chapagain & Hoekstra (2004) der Kalkulation derjenigen Wassermengen an Blau-, Grün- und Grauwasser, die von Individuen oder Gruppen als Verbraucher in Form von Produkten und Dienstleistungen in Anspruch genommen werden. Im Mittelpunkt steht hierbei nach Pfister et al. (2017) eine Analyse der Wasserproduktivität, wobei nicht nur der direkte, sondern auch der indirekte Wasserverbrauch sowie dessen Zeitpunkt und Ort im Herstellungsprozess des Produktsystems einbezogen werden. Vor dem Hintergrund der Knappheit von Wasser soll mithilfe des volumetrischen Wasserfußabdrucks das Verbrauchsvolumen während der einzelnen Wertschöpfungsschritte gezielt, im Sinne eines nachhaltigen Umgangs mit der Ressource, analysiert und reduziert werden (Hoekstra et al., 2011; Pfister et al., 2017).

Der volumetrische Wasserfußabdruck eines Produkts setzt sich zusammen aus den berechneten Wasserfußabdrücken der benötigten Produktionsschritte. Zur Ermittlung des Wasserfußabdrucks eines Verbrauchers aggregiert man die von ihm konsumierten Güter. Ist man wiederum an den Werten einer bestimmten Gruppe interessiert, summiert man die Individualwasserfußabdrücke auf der jeweiligen Haushalts- oder Bevölkerungsebene. Im Folgenden sollen die Berechnungsweisen der drei Komponenten, aus denen sich der Wasserfußabdruck eines Produktsystems zusammensetzt (Blau-, Grün- und Grauwasserfußabdruck) am Beispiel von Agrargütern dargelegt werden (Hoekstra et al., 2011).

In der Landwirtschaft dient Blauwasser aus Flüssen oder Grundwasserreserven vornehmlich der künstlichen Bewässerung. Der Blauwasserfußabdruck (WFprocMue) zur Quantifizierung der verbrauchten Menge kann nach Hoekstra et al. (2011) nach Formel 1 berechnet werden:

WFVroc,biue = BlueWaterEvaporation + BlueWaterlncorporation + LostReturnflow

(Formel 1)

Aggregiert werden also sowohl verdunstete (BlueWaterEvaporation) als auch in Produkte eingeschlossene (BlueWaterlncorporation) Volumina sowie diejenigen Mengen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt bzw. an einem anderen Ort wieder als Blauwasser zur Verfügung stehen (LostReturnflow) und somit für das ursprüngliche Entzugsgebiet ebenfalls (vorerst) verloren sind (Hoekstra et al., 2011).

In Regionen, in denen ausreichend Niederschläge fallen, kann das Pflanzenwachstum auch durch Regenwasser stimuliert werden, sodass künstliche Bewässerung, zumindest teilweise, durch natürliche ersetzt wird. Wie bereits in Kapitel 2.1.1 erläutert, wird dasjenige Regenwasser als Grünwasser bezeichnet, das auf die Erde trifft und aufgesogen wird, aber im Anschluss verdunstet und so nicht das Grundwasser speist (Hoekstra et al., 2011). Betrachtet man den Wasserverbrauch einer Pflanze, lässt sich ihr Grünwasserfußabdruck (WFprocgreen) nach Formel 2 berechnen.

WFprocgreen = GreenWaterEvaporation + GreenWaterlncorporation

(Formel 2)

Ähnlich wie beim Blauwasserfußabdruck wird die auf der Pflanzenoberfläche verdunstende Menge (GreenWaterEvaporation) mit derjenigen aufsummiert, die in das Gewächs aufgenommen wird (GreenWaterlncorporation). Eine Abflusskomponente hingegen existiert nicht (Hoekstra et al., 2011).

Der Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft in Form von Düngemitteln, Pestiziden und Insektiziden ist weit verbreitet und kann die Wasserqualität erheblich beeinflussen (Dabrowski et al., 2009). Zur Quantifizierung des Volumens an Frischwasser, das benötigt wird, um verunreinigte Mengen so zu verdünnen, dass sie Qualitätsstandards genügen, kann der Grauwasserfußabdruck (WFprocgrey) zum Einsatz kommen; dargestellt in Formel 3.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Formel 3)

Kalkuliert wird demnach allgemein formuliert der Anteil der schädlichen Substanz (L) an der höchstens verträglichen Verschmutzungskonzentration dieser (cmax), abzüglich der natürlich vorhandenen Konzentration des gemessenen Stoffs (cnat) im untersuchten Wasserareal (Hoekstra et al., 2011).

Durch Summierung der drei berechneten Komponenten kann nach Hoekstra et al. (2011) schließlich der gesamte Wasserfußabdruck eines Agrarguts während seines Wachstumsprozesses (WFproc) ermittelt werden (Formel 4):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Formel 4)

Der volumetrische Wasserfußabdruck vergleicht Produktsysteme nach der Menge an Frischwasser, die sie vereinnahmen, beachtet dabei nach Anmerkungen von Pfister et al. (2017) im globalen Vergleich aber nicht die Voraussetzungen bzgl. der Wasserverfügbarkeit in dem Gebiet, aus dem das verbrauchte Wasser stammt. Dadurch wird ein größeres Volumen an verdunstetem Grünwasser in einem Land mit abundanten Wasserressourcen wie Kanada per se als problematischer dargestellt als ein niedrigerer Verbrauch an Blauwasser z.B. im trockenen Marokko. Auch lokale Auswirkungen werden bei der Berechnung vernachlässigt (Pfister et al., 2017). Der im folgenden Kapitel erläuterte wirkungsorientierte Wasserfußabdruck bezieht genau diese Schwachstelle in sein Ermittlungskonzept ein.

2.1.3.2 Wirkungsorientierter Wasserfußabdruck

Basierend auf der Tatsache, dass einer nachhaltigen Umgangsweise mit Wasser als knappe Ressource zunehmend internationale Aufmerksamkeit gewidmet wird, wurde mit der ISO­Norm DIN EN ISO 14046:2016-07 ein allgemeingültiger Standard zur Ermittlung des wirkungsorientierten Wasserfußabdrucks erarbeitet. Dieser ist definiert als

„Zusammenstellung und Beurteilung der Input- und Outputflüsse und der potenziellen Umweltwirkungen im Zusammenhang mit Wasser, das durch ein Produkt, einen Prozess oder eine Organisation genutzt oder beeinträchtigt wurde“ (DIN EN ISO 14046:2016-07, S. 13).

Der mehrdimensionale, modulare Indikator beachtet nicht nur den volumetrisch quantifizierten Blauwasserverbrauch im Rahmen der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen, sondern zusätzlich auch Orte sowie Zeitpunkte, die deren Wasserfußabdruck prägen (Mancosu et al., 2015; water footprint network, 2019). Dabei soll die Berechnung auf allgemeingültigem hydrologischen Wissen sowie auf zuvor durch Ökobilanzen (engl. Life Cycle Assessment; LCA) ermittelten Umwelteinwirkungen basieren (DIN EN ISO 14046:2016-07). Eine Ökobilanz lässt sich definieren als

„Zusammenstellung und Beurteilung der Input- und Outputflüsse und der potentiellen Umweltwirkungen eines Produktsystems im Verlauf seines Lebensweges“ (DIN EN ISO 14040:2009-11, S. 7).

Einbezogen werden demnach in einem vorher festgelegten Rahmen je nach gewählten Zielen schrittweise die potentiellen ökologischen Auswirkungen des Produkts von seiner initialen Erstellung (inklusive alle notwendigen Rohstoffe) bis zur Vernichtung (DIN EN ISO 14040:2009-11). Hierbei soll jedes Stadium „von der Wiege bis zur Bahre“ (DIN EN ISO 14044:2018-5, S.7) berücksichtigt werden. Ökobilanzen können von Entscheidungsinstanzen herangezogen werden, die die Intention verfolgen, die Umweltwirkungen eines Produktsystems zu reduzieren (DIN EN ISO 14044:2018-5).

Der internationale Standard ISO 14046 schreibt eine vierschrittige Vorgehensweise bei der Ermittlung des Wasserfußabdrucks vor, die die gleichen Phasen umfasst, wie die Erstellung einer Ökobilanz (Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Phasen einer Ermittlung des Wasserfußabdrucks (eigene Darstellung nach DIN EN ISO:14046:2016-07).

Zunächst müssen die Rahmenbedingungen und das angestrebte Ziel der Untersuchung bestimmt werden, woraufhin eine Wasserfußabdruck-Sachbilanz erarbeitet wird. Diese dient der

„Zusammenstellung und Quantifizierung von Inputs und Outputs im Zusammenhang mit Wasser für Produkte, Prozesse oder Organisationen“ (DIN EN ISO 14046:2016­07, S. 14).

Daraufhin wird eine Wirkungsabschätzung mit anschließender Ergebnisauswertung vollzogen, deren Resultat als Wasserfußabdruck bezeichnet wird.

Neben einer Verbrauchsmengenanalyse mittels der Wasserfußabdruck-Sachbilanz wird demnach auch die Frage der potentiellen Wirkung fokussiert; also welche Konsequenzen der Wasserverbrauch und eventuelle Qualitätsverschlechterungen (in dem jeweiligen Entnahmegebiet) für Menschen, Umwelt und Wirtschaft haben und wie diese bewertet werden. In Zeiten eines steigenden Wasserstresslevels in vielen Regionen gilt es, Transparenz zu schaffen und offenzulegen, in welchen Produktionsphasen und geographischen Gebieten besonders viel Frischwasser verbraucht wird (DIN EN ISO 14046:2016-07; Hoekstra et al., 2011).

Mittels der zuvor nach ISO 14040 definierten Ökobilanzen ist es möglich, die Umweltauswirkung von Dienstleistungen, Prozessen oder auch Produkten auf holistischer Ebene zu analysieren, sodass die Folgen jedes Einzelschrittes quantifiziert werden können. Grundsätzlich lässt sich eine Unterteilung in den initialen, physischen Umwelteingriff (engl. Inventory; z.B. der Wasserverbrauch oder Emissionen), die dadurch entstehenden Auswirkungen (engl. Midpoints genannt; z.B. Wasserknappheit) sowie mögliche finale Schäden (engl. Endpoints) an den bereits erläuterten Schutzgütern Ressourcen, Ökosystem und menschliche Gesundheit vornehmen. Die zuerst genannte Kategorie wird auch als Sachbilanz (engl. Life Cycle Inventory, LCI) bezeichnet und die letzten beiden zu Wirkungsabschätzung (engl. Life Cycle Impact Assessment, LCIAJ zusammengefasst. (Pfister, 2011; Pfister et al., 2017).

Allgemein kann die Berechnung des wirkungsorientierten Wasserfußabdrucks (WF) nach folgender Formel (5) erfolgen:

WF = Wasserverbrauch * CF

(Formel 5)

Der Charakterisierungsfaktor (CF) beschreibt hierbei wahlweise auf Midpoint-Ebene die Wasserknappheit oder auf Endpoint-Ebene weitere Auswirkungen, z.B. auf die menschliche Gesundheit. Somit wird es möglich, regionale Differenzen bzgl. der Ausprägung von Wasserknappheit oder den entstehenden Schäden in die Berechnung des Wasserfußabdrucks einfließen zu lassen (DIN EN ISO 14046:2016-07).

Vergleichend stellen Pfister et al. (2017) fest, dass der in Kapitel 2.1.3.1 erläuterte Ansatz des volumetrischen Wasserfußabdrucks die Produktivität von Wasser mit Blick auf dessen Knappheit beschreibt, während das Konzept des wirkungsorientierten Wasserfußabdrucks die potentiellen negativen Auswirkungen von Wasserverbrauch auf Schutzgüter in den Mittelpunkt rückt.

Nach einer theoretischen Vorstellung verschiedener Ansätze zur Quantifizierung von Wasserverbrauch soll in den folgenden Kapiteln nun auf dessen Konsequenzen mit expliziter Betrachtung der Folgen für die menschliche Gesundheit eingegangen werden. Zunächst wird in Kapitel 2.1.4 der Fokus auf methodische Ansätze gelegt, die eine Abschätzung der Auswirkungen von Wasserverbrauch und dadurch provozierter Wasserknappheit auf den menschlichen Gesundheitszustand in Form von Schaden durch Mangelernährung ermöglichen.

2.1.4 Methoden zur Wirkungsabschätzung von Wasserverbrauch und Wasserknappheit auf die menschliche Gesundheit

Wie bereits im vorherigen Kapitel erläutert, muss im Zuge der Berechnung des wirkungsorientierten Wasserfußabdrucks nach DIN EN ISO 14046:2016-07 auch die Phase der Wirkungsabschätzung durchlaufen werden. Innerhalb dieser gilt es, die potentiellen Auswirkungen von Wassernutzung und -verschmutzung zu modellieren. Sowohl auf Midpoint- als auch auf Endpoint-Ebene findet man hierzu in der Literatur verschiedene Methoden. Erstere wird z.B. von Pfister et al. (2009), Berger et al., (2014 & 2018; WAVE und WAVE+ Methode) und Boulay et al. (2018; AWARE Modell) fokussiert. Pfister et al. (2009 & 2014) betrachten zusätzlich auch Charakterisierungsfaktoren auf Endpoint-Level und beschreiben hier spezifisch die Auswirkungen von Wasserverbrauch auf das Auftreten von Mangelernährung. Im Folgenden soll kurz auf die genannten Methoden eingegangen werden.

Charakterisierungsfaktoren auf Midpoint-Ebene

Um am Ursprung von Ökobilanzen und dem darauf basierenden Wasserfußabdruck von Produkten anzusetzen, muss das Wassereinzugsgebiet, aus welchem das verwendete Volumen entnommen wird, genauer betrachtet werden (Berger et al., 2014). Zur Ermöglichung einer Wirkungsanalyse auf regionalem Level wird in einer von Pfister et al. (2009) entwickelten Methode zunächst auf Midpoint-Ebene der Charakterisierungsfaktor WTA (withdrawal-to- availability), bestimmt. Diesem liegt eine Quantifizierung des Wasserentzugs, also desjenigen Wassers, das einem Reservoir entnommen und in ein Produktsystem eingebracht wird, zugrunde (Boulay et al., 2018; Pfister et al., 2009). Mittels WTA lässt sich die Ausprägung von Wasserstress in dem untersuchten Land bzw. Wassereinzugsgebiet (z.B. Flüsse) beschreiben. Rechnerisch formuliert ist WTA, der Anteil der jährlich entzogenen Frischwassermengen (£,- WUij) an den hydrologisch vorhandenen Wasservorkommen (WA,); auch darstellbar als folgende Formel (6):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Formel 6)

Der Index i symbolisiert das jeweils betrachtete Wassereinzugsgebiet und j die spezifischen Nutzer, wobei diese in Gruppen wie Privathaushalte, Industrie- oder Landwirtschaftsbetriebe zusammengefasst werden können. Pfister et al. (2009) bezieht den sogenannten Wasserstressindex (engl. Water Stress Index; WSI) in seiner Methode als Faktor zur Quantifizierung der Auswirkungen des Wasserverbrauchs auf die Gesundheit des Menschen ein. Dieser basiert auf der bereits in Kapitel 2.1.1 erwähnten Definition von Wasserstress und ist nach Pfister et al. (2017) zu beschreiben als Kubikmeter Wasser, der anderen Nutzern pro verbrauchtem Kubikmeter vorenthalten wird. Somit dient er als Maß für Wasserknappheit. Der WTA, Wert von 0,4 geht mit einem Wasserstressindex (WSI) von 0,5 einher. Ab jenem Schwellenwert gilt das Wasserstresslevel als extrem ausgeprägt (Pfister et al., 2009). Der WSI lässt sich wie in Formel 7 dargestellt ausdrücken:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Formel 7)

Eine Modifizierung von WTA zu WTA* mittels eines Abweichungsfaktors wurde als notwendig erachtet, um nicht zu kompensierende Schwankungen des Wasserstresslevels, beispielsweise durch ausbleibende Regenfälle, auszugleichen (Pfister et al., 2009 & 2017). Zu einem späteren Zeitpunkt soll auf die Untersuchung der Wissenschaftler bzgl. der Auswirkungen von landwirtschaftlichem Wasserverbrauch und Wasserknappheit auf den menschlichen Gesundheitszustand zurückgekommen werden.

Mit dem Ziel, den Wasserverbrauch von Produkten innerhalb ihres Lebenszyklus und dessen Umweltwirkungen noch genauer zu quantifizieren, entwickelten Berger et al. (2014) das sogenannte WAVE-Modell. Das Akronym steht für den Titel Water Accounting and Vulnerability Evaluaton. Die Methode basiert auf einer zweiten Variante zur Berechnung von Charakterisierungsfaktoren, dem consumption-to-availability-Ansatz (CTA), welcher auch diejenige Wassermenge analysiert, die in Produktsysteme integriert wird, verdunstet oder das Wassereinzugsgebiet wechselt. CTA setzt den Wasserverbrauch in Relation zu der vorhandenen Wassermenge im untersuchten Gebiet (Berger et al., 2014; Boulay et al., 2018). Um Frischwasserkonsum sowie dessen lokale Auswirkungen beziffern und interpretieren zu können, schätzen Berger et al. (2014) die Anfälligkeit des Wassereinzugsgebiets zur Austrocknung, und so die Gefahr von Blauwasserknappheit, mittels des Wassererschöpfungsindex (WDI) ein. WDI bezieht sich einzig auf Blauwasservorräte, inklusive stehender Gewässer wie Seen und Grundwasservorräte, die in bisherigen Methoden zur Quantifizierung von Wasserknappheit wenig Beachtung gefunden haben, und wird durch folgende Formel (8) taxiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Formel 8)

Ab einem CTA* Wert von 0,25 und folglich einem WDI von 1 beginnt der Zustand des absoluten Wasserstresses. Außerdem wird in dieser Methode die sogenannte absolute Wasserknappheit berücksichtigt. Die Betrachtung absoluter Werte ermöglicht die Einbeziehung der Kritikalität sehr trockener Regionen (z.B. Wüstengebiete), in welchen kein Wasser vorhanden ist, das genutzt werden könnte. So kann einer Verzerrung erhaltener Ergebnisse vorgebeugt werden (Berger et al., 2014).

Während in der WAVE-Methode jährliche Durchschnittswerte als Grundlage verwendet werden, basiert das später entwickelte WAVE+-Konzept von Berger et al. (2018) auf monatlichen Daten, um die schwankende Verfügbarkeit von Frischwasser je nach Jahreszeit einzubeziehen und somit genauere Ergebnisse zu erhalten (Berger et al., 2018).

Die bereits beschriebenen Methoden beziehen im Zuge der Wirkungsanalyse von Wasserverbrauch nach DIN EN ISO 14046:2016-07 mit WTA und CTA unterschiedliche Charakterisierungsfaktoren auf Midpoint-Ebene in ihre Untersuchungen ein. Da aber verschiedene Annahmen getroffen werden, ist nach Boulay et al. (2018) die Vergleichbarkeit der Ergebnisse schwierig. Die Wissenschaftler haben daraufhin im Zuge einer Arbeitsgruppenaktivität mit dem Titel WULCA (Water Use in LCA) einen konsensorientierten Charakterisierungsfaktor namens ADM (Availability Minus Demand) entwickelt, welcher im Rahmen der Quantifizierung von Oberflächen- und Grundwasserverbrauch mittels der AWARE-Methode (Available Water Remaining) eingesetzt werden kann. ADM betrachtet das verfügbare Wasser, welches relativ gesehen, also verglichen mit einem Referenzgebiet, noch in der untersuchten Region vorhanden ist, nachdem sowohl der Wasserbedarf des jeweiligen Ökosystems, als auch der der Menschen vor Ort gedeckt ist. Somit wird die gesamte relative Frischwassernachfrage einbezogen, allerdings nicht die absolut verfügbare Menge. Dieser erarbeitete Charakterisierungsfaktor auf Midpoint-Ebene, der Werte zwischen 0,1 und 100 annehmen kann, zielt darauf ab, die potenzielle Verwehrung von Wasser durch Nutzer gegenüber anderen Nutzern an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeitpunkten festzustellen (Boulay et al., 2018; Pfister et al., 2017).

Nachdem nun ein Überblick über verschiedene Methoden gegeben wurde, die Charakterisierungsfaktoren auf Midpoint-Ebene einbeziehen, soll im Folgenden der Fokus auf das Endpoint-Level gelegt werden.

Charakterisierungsfaktoren auf Endpoint-Ebene

Pfister et al. (2009) betrachten in ihrer Methode die unterschiedlichen Konsequenzen des landwirtschaftlichen Wasserverbrauchs in verschiedenen Ländern und Wassereinzugsgebieten; bzw. spezifisch formuliert dessen Auswirkungen auf verfügbare Ressourcen, Ökosysteme sowie die menschliche Gesundheit. Letztere soll in der vorliegenden Arbeit fokussiert werden.

Der Zusammenhang zwischen Wasserknappheit und Mangelernährung gilt als komplex, da beide Zustände von einer Vielzahl an Faktoren beeinflusst werden. Wie bereits in Kapitel 2.1.1 erläutert, muss landwirtschaftliche Wasserknappheit nicht unbedingt auf physischem Wassermangel beruhen, und auch Mangelernährung kann mehr Ursachen haben als das Fehlen von Nahrungsmitteln, wie in Kapitel 2.2.3.1 noch ausführlich analysiert wird. Generell spielen humanitäre oder klimatische Ausnahmezustände bzw. infrastrukturelle Probleme eine Rolle, welche aber im Rahmen der LCA-Methodik schwierig zu erfassen sind und somit ausgeklammert werden (Pfister et al., 2009). Pfister et al. (2009) untersuchen in ihrer Methode speziell die Auswirkungen von fehlendem Bewässerungswasser in der Landwirtschaft auf den menschlichen Gesundheitszustand, sodass sie für den thematischen Kontext dieser Arbeit von hoher Relevanz ist.

Um, wie in Formel 9 dargestellt, eine Quantifizierung des Schadensausmaßes der menschlichen Gesundheit in Form von Mangelernährung in DALY4 durch landwirtschaftlichen Wasserverbrauch und Wasserknappheit in einem bestimmten Wassereinzugsgebiet (AHHmainutritioni) auf Endpoint-Stufe vernehmen zu können, ist die Multiplikation verschiedener Faktoren notwendig:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Formel 9)

Herangezogen wird der vorab erläuterte Wasserstressindex des betrachteten Gebiets (WSIt) welcher zunächst mit dem Anteil des pro Wassereinzugsgebiet für die Landwirtschaft entzogenen Frischwassers (WU0/0:agricuiturei) multipliziert wird und so den Wasserentzugsfaktor (WDRt) ergibt. Weiterhin bildet das Produkt des Entwicklungsfaktors (HDRmainutritioni), welcher wie in Formel 18 (Anhang N) gezeigt aus dem Human Development Index (HDI; genauer erläutert in Kapitel 2.3.4) abgeleitet wird, und dem Umkehrwert des allgemein geltenden Mindestvolumens an Wasser zur Verhinderung von Mangelernährungserscheinungen (WR-n1alnutrition) den sogenannten Effektfaktor (ERi). Dieser steht für die Anzahl an jährlich von Mangelernährung betroffener Menschen im betrachteten Wassereinzugsgebiet pro entzogenem Kubikmeter Wasser. Multipliziert man im Anschluss WDRt und ERt mit einem Schadensfaktor (DFmainutrition), der die quantifizierten Auswirkungen von Mangelernährung in DALY beschreibt, erhält man den Charakterisierungsfaktor ^^malnutrition (in DALY / m3cons), der den entstehenden Schaden pro Kubikmeter entzogenem Wasser zusammenfasst. Zum Abschluss muss dieser nun mit der gesamten verbrauchten Wassermenge in dem spezifischen Wassereinzugsgebiet (WUconsumptivei) multipliziert werden. In Abb. 3 sind die einzelnen Komponenten der Wirkungskette von Wasserverbrauch zu dem hervorgerufenen Schaden in DALY durch Mangelernährung schematisch dargestellt (Pfister et al., 2009).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Wirkungskette von Wasserverbrauch zu Schaden durch Mangelernährung (eigene Darstellung nach Pfister et al., 2009)

Für die ortsunabhängige Variable WRmainutrition wird ein Volumen an Blau- und Grünwasser von 1.350m3 pro Jahr angenommen, das ausreicht, um einen Menschen ein Jahr lang so mit Nahrung zu versorgen, dass sein Minimalbedarf an Kalorienzufuhr gedeckt ist (Pfister et al., 2009).

Nach Anwendung der Methode auf verschiedene Wassereinzugsgebiete zeigen Pfister et al. (2009), dass mit zunehmendem Wasserstress, basierend auf abundantem Wasserentzug, der Wasserstressindex steigt, was wiederum in Wasserknappheit resultiert. Weiterhin erhöht dies die Anzahl von Menschen, deren Leben durch Mangelernährung beeinträchtigt ist; besonders in Ländern mit niedrigerem HDI. Weiterhin wird aber auch festgestellt, dass eine nähere Untersuchung des Zusammenhangs von Wasserknappheit und Mangelernährung unter Einbeziehung lokaler abfedernder Faktoren, die die Auswirkungen fehlenden Wassers in der Landwirtschaft reduzieren können, stattfinden sollte (Pfister et al., 2009).

Daran anknüpfend erarbeiteten Pfister et al. (2014) eine Methode zur Identifizierung von Charakterisierungsfaktoren, welche auf Midpoint- sowie Endpoint-Ebene für die Auswirkungen von Wasserknappheit in der Landwirtschaft auf den menschlichen Ernährungszustand relevant sind. Dieser Ansatz bezieht auch die von Einflüssen durch Anpassungsfähigkeit und Handelsbeziehungen betrachteter Nationalstaaten ein. Eine Wirkungskette (Abb. 4) verdeutlicht die Zusammenhänge und inkludiert neben der physischen Wasserknappheit auch sozioökonomische Parameter. Ausgangspunkt, also Inventory, ist hierbei der Konsum von Frischwasser, welcher als Konsequenz die Verknappung des der Landwirtschaft zur Verfügung stehenden Wassers haben und folglich auf Midpoint-Level in Ernteausfällen resultieren kann, wenn die Abhängigkeit von Bewässerung ausgeprägt ist. Der Intensitätsgrad dieser beiden Zustände wird beeinflusst von der Fähigkeit ihrer Kompensation durch externe Faktoren wie Vorräte an Nahrungsmitteln oder alternative Wasserquellen. Bieten diese keinen suffizienten Ausgleich, werden im weiteren Verlauf Engpässe in der Nahrungsmittelproduktion prognostiziert, sowohl auf gesellschaftlichem als auch auf Haushaltsniveau. In letzter Konsequenz können jene auf der Endpoint-Ebene zu Mangelernährung führen, sollten sie nicht durch internationale oder landeseigene Abfederungsmechanismen kompensiert werden. Als Beispiel kommen diesbezüglich internationale Handelsaktivitäten oder ökonomische Anpassungen in Frage (Pfister et al., 2014).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Wirkungskette von Frischwasserkonsum zu Mangelernährung (eigene Darstellung nach Pfister et al, 2014).

Mittels der Inkludierung genannter Einflussfaktoren werden Charakterisierungsfaktoren erarbeitet, mithilfe derer sich die Auswirkungen von Wasserknappheit auf die landwirtschaftliche Produktion sowie Schäden der menschlichen Gesundheit durch Mangelernährung anhand mathematischer Formeln quantifizieren lassen. Auf eine genaue Erläuterung dieser soll im Sinne einer Komplexitätsreduktion in der vorliegenden Arbeit aber verzichtet werden; es wird auf die Ausführungen von Pfister et al. (2014) verwiesen.

Pfister et al. (2014) betonen, dass zusätzlich im Kontext von Mangelernährung durch landwirtschaftlichen Wasserverbrauch weiteren sozialen, ökonomischen und ökologischen Faktoren Aufmerksamkeit verliehen werden sollte, etwa der Rolle von Armut oder sich verändernden klimatischen Einwirkungen. Einige dieser Faktoren werden in Kapitel 3.1 genauer beleuchtet.

Nachdem nun verschiedene methodische Ansätze vorgestellt wurden, mit welchen sich sowohl auf Midpoint- als auch auf Endpoint-Ebene die Auswirkungen von landwirtschaftlichem Wasserverbrauch und Wasserknappheit auf die Beeinträchtigung des menschlichen Gesundheitszustands quantifizieren lassen, gilt es im Folgenden, den Fokus gezielt auf Nahrungsmittelunsicherheit als eine mögliche Ursache von Mangelernährung zu legen.

2.2 Nahrungsmittelsicherheit

Das Recht auf Nahrung ist ein anerkanntes Menschenrecht (OHCHR, 2010). Zusätzlich wurde im Rahmen der internationalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) in Ziel 2 das Vorhaben verankert, bis 2030 dem Hunger auf der Welt ein Ende zu setzen, Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten und Mangelernährung zu verhindern (United Nations, 2015). Dennoch waren 2017 global 770 Mio. Menschen von extremer Nahrungsmittelunsicherheit und ca. 821 Mio. von chronischer Unterernährung betroffen (FAO et al., 2018). In Zeiten eines globalen Bevölkerungswachstums steigt parallel zu der Anzahl der Menschen auf unserem Planeten auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, sodass die Menge landwirtschaftlich erzeugter Produkte innerhalb der nächsten ca. dreißig Jahre global um bis zu 60,00% wachsen muss, um den entstehenden Bedarf zu decken (Connor & Koncagül, 2015). Doch wie im folgenden Kapitel thematisiert werden soll, reicht die reine Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln nicht aus, um Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten und Mangelernährung auszuschließen.

In Kapitel 2.2.1 soll zunächst der Begriff der Nahrungsmittelsicherheit sowie ihre unterschiedlichen Dimensionen erläutert werden, bevor in Kapitel 2.2.2 die Vorstellung einiger Methoden zur Messung dieser erfolgt. Im Anschluss gilt es, in Kapitel 2.2.3 gezielt auf Mangelernährung bei Kindern sowie ihre Ursachen und Konsequenzen einzugehen.

2.2.1 Begriffsdefinition und Dimensionen

Der Term food security, der im folgenden Verlauf dieser Arbeit mit Nahrungsmittelsicherheit übersetzt wird, wurde auf dem World Food Summit (1996) wie folgt definiert:

„Food security exists when all people, at all times, have physical and economic access to sufficient, safe and nutritious food to meet their dietary needs and food preferences for an active and healthy life.“ (World Food Summit, 1996)

Aus dieser Präzisierung lassen sich vier Dimensionen5, die Nahrungsmittelsicherheit annehmen kann, ableiten: 1) Verfügbarkeit, 2) Zugang, 3) Aufnahmemöglichkeit und 4) Stabilität (ESA, 2006). Auf jede dieser soll im Folgenden kurz eingegangen werden.

Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln (engl. food availability) bezieht sich auf das Angebot (FAO, 2008). Der Term umfasst zum einen den qualitativen Aspekt, wobei eine ausreichende Menge sowohl durch Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft im eigenen Land erzeugt und gelagert als auch als Import aus anderen Ländern, unter Umständen in Form von Nahrungsmittelhilfspaketen, eingeführt werden kann (ESA, 2006; Khan et al., 2009). Die Nahrungsmittel müssen im öffentlichen Raum, wie in Läden, auf Märkten oder anderen Distributionsstellen, zum Erwerb freigestellt sein (OHCHR, 2010). Des Weiteren spielt die Qualität der Nahrung eine entscheidende Rolle. Es muss gewährleistet sein, dass verfügbare Nahrungsmittel schadstofffrei sowie mit den kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Bevölkerungsgruppe zu vereinbaren sind. Zusätzlich müssen individuelle Ernährungsbedürfnisse gestillt werden können; also die Nahrung in ihrer Zusammensetzung so aufgebaut sein, dass sie diejenigen Nährstoffe beinhaltet, welche abhängig von physischer sowie mentaler Entwicklung und Tätigkeit vom Körper benötigt werden (Vereinte Nationen, 1999). Betrachtet wird somit die Verfügbarkeit von Nahrung in der Makrosphäre, also auf regionaler oder nationaler Ebene, nicht auf Individualebene (Napoli, 2011).

Trotz dessen, dass auf globaler Ebene ein ausreichendes Volumen an adäquaten Nahrungsmitteln erzeugt wird, um die Weltbevölkerung zum heutigen Zeitpunkt zu ernähren, spielt auf lokalem Level Knappheit bzw. ungleichmäßige Nahrungsverteilung innerhalb von Bevölkerungsgruppen und sozialer Gefüge wie Haushalten eine große Rolle (FAO et al., 2018; OHCHR, 2010). Somit ist das alleinige Angebot kein Garant für tatsächliche Nahrungsmittelsicherheit auf Mikroebene der Haushalte bzw. Individuen. Als weitere Dimension wird der Zugang zu Nahrungsmitteln (engl. food access) angeführt (FAO, 2008). Dieser muss in einer Form gewährleistet sein, die nachhaltig sowie diskriminierungsfrei ist und demnach andere Menschen nicht in ihren Rechten einschränkt (Vereinte Nationen, 1999). Hierbei spielt die Möglichkeit zum physischen Erwerb eine wichtige Rolle, welche durch Besitz dafür notwendiger Ressourcen gewährleistet werden kann. Diese Ressourcen können sowohl finanzieller und juristischer Art sein als auch aus politischen oder sozialen Strukturen resultieren (ESA, 2006). Ebenfalls spielt die Verfügbarkeit einer intakten Infrastruktur hier eine Rolle. Auch bei theoretisch ausreichend produzierten Nahrungsmengen kann Nahrungsmittelsicherheit nicht gewährleistet werden, sollten z.B. Straßen oder Züge zum Transport fehlen (Napoli, 2011). Allen Gruppen, auch gesellschaftlich schwächeren mit eingeschränkten Fähigkeiten, wie Menschen mit Behinderung, Kranken oder Säuglingen, muss der Zugang gesichert sein (Vereinte Nationen, 1999). Gleichzeitig darf der Erwerb von Nahrungsmitteln nicht die Befriedigung anderer Grundbedürfnisse, wie Wohnraum, Bildung oder medizinische Versorgung in dem Sinne beeinträchtigen, dass diese nicht mehr finanzierbar sind (OHCHR, 2010).

Wenn sowohl das Angebot von als auch der Zugang zu Nahrungsmitteln gewährleistet ist, müssen diese zusätzlich vom Körper verwertet werden können, um ihren Nutzen zu erfüllen. Die Möglichkeit der Aufnahme (engl. utilization bzw. absorption) von Nahrung wird beeinflusst von Faktoren wie einer ausgewogenen, schadstofffreien Ernährung und der Verfügbarkeit sauberen Trinkwassers. Genauso spielen aber auch infrastrukturelle Umstände wie die Existenz medizinischer Versorgungseinrichtungen und Sanitäranlagen, sowie persönliche Aspekte wie der Gesundheitsstatus und die Alphabetisierungsquote des jeweiligen Individuums eine Rolle. Somit müssen auch Faktoren, die per se nicht direkt mit Nahrungsmitteln zusammenhängen, einbezogen werden (ESA, 2006; Khan et al., 2009). Krankheiten, Infektionen bzw. chronische Beeinträchtigung durch Mangelernährung erschweren die Nahrungsaufnahme, sodass das Vorhandensein und der theoretische Zugang zu Lebensmitteln nicht ausreichen, um Nahrungsmittelsicherheit herzustellen (Khan et al., 2009). Auch das Benehmen sowie die Kompetenzen anderer können die Fähigkeit zur Nahrungsaufnahme bestimmen. So hat eine Mutter mittels ihres Verhaltens und Bildungsstands direkten Einfluss auf den Gesundheitszustand ihres Kindes. Ist sie Analphabetin und somit ihre Möglichkeit zur Information über beispielsweise vollwertige Ernährung eingeschränkt, oder ignoriert sie gegebene Empfehlungen bzgl. etwa Lebensmittellagerung, setzt sie ihr Kind der Gefahr höherer Krankheitsanfälligkeit und somit möglichen Folgeschäden aus (Khan et al., 2009; Napoli, 2011). Impfungen im Kindesalter hingegen verhindern das Erkranken an schweren Infekten und tragen somit positiv zur Fähigkeit der Nahrungsaufnahme bei (Khan et al., 2009).

Die vierte Dimension, die Stabilität der Versorgung (engl. stability), baut auf der Verfügbarkeit von und den Zugang zu Nahrung sowie der Fähigkeit zu deren Aufnahme auf. Alle drei Zustände müssen durchgängig, nicht nur phasenweise, gegeben sein, um beständige Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten. Sie dürfen nicht durch wiederkehrende oder plötzlich eintretende Krisenzustände verwehrt werden, weshalb es die Einwirkung externer Faktoren mit negativen Konsequenzen zu minimieren gilt (ESA, 2006; Napoli, 2011). Die Existenz einer effizient funktionierenden, resistenten Landwirtschaft ist somit eine entscheidende Voraussetzung, aber auch die Lagermöglichkeit von Nahrungsmitteln zum Ausgleich von Knappheitsphasen spielt eine Rolle zur Aufrechterhaltung einer konsistenten Versorgung (Ahmad & Farooq, 2010). Zusätzlich sind politische und wirtschaftliche Stabilität sowie günstige Wetterverhältnisse in dem jeweiligen Land oder der Region ausschlaggebend (FAO, 2008).

Abb. 5 stellt die vier Dimensionen der Nahrungsmittelsicherheit zusammenfassend dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Dimensionen der Nahrungsmittelsicherheit (eigene Darstellung nach Napoli, 2011).

Nachdem nun der Begriff der Nahrungsmittelsicherheit erläutert wurde, soll im folgenden Kapitel auf Methoden zur Quantifizierung von Nahrungsmittelunsicherheit als Kontrastzustand eingegangen werden.

2.2.2 Methoden zur Messung

Die Konsequenzen von Nahrungsmittelunsicherheit werden z.B. durch das Auftreten von Hunger und Mangelernährung deutlich (Napoli, 2011). In der Literatur finden sich verschiedene Methoden zur Messung des Ausmaßes der verschiedenen Zustände, im folgenden Kapitel sollen drei näher erläutert werden: 1) Prevalence of Undernourishment, 2) Integrated Context Analyses und 3) Food Insecurity Multidimensional Index.

Ein Ansatz zur (indirekten) Messung von Nahrungsmittelunsicherheit und Hunger ist der von der FAO entwickelte Prevalence of Undernourishment (PoU) Indikator (FAO et al., 2017). Basierend auf Daten offizieller Landesstellen wird hier jährlich derjenige Anteil der Bevölkerung eines Landes geschätzt, welcher von Unterernährung betroffen ist. Dies ist der Fall, wenn die aufgenommene Nahrung zu wenig gehaltvoll oder die Nahrungsmenge zu gering ist, um den individuellen Kalorienbedarf zu decken. Anhand repräsentativer Haushaltsbefragungen beispielsweise werden unter Einbeziehung demografischer Aspekte (Geschlecht, Alter etc.) die durchschnittlich benötigte Kalorienzahl (MDER) und die im Durchschnitt tatsächlich zu sich genommene (DEC) ermittelt. Der Nährstoffgehalt der Lebensmittel wird hier ausgeblendet. Grundlage der PoU-Analyse sind Nahrungsmittelbilanzen (engl. Food Balance Sheets) zur Kalkulierung derjenigen Menge, die im jeweils betrachteten Land an Grund- sowie an verarbeiteten Nahrungsmitteln jährlich zum Konsum zur Verfügung steht. Somit wird auch die Versorgungslage, also die Frage, ob theoretisch Zugang zu Nahrung besteht, betrachtet. Zusätzlich wird die Annahme einbezogen, dass eine Ungleichheit in der Nahrungsaufnahme besteht und individuelle Werte somit vom Durchschnitt abweichen (FAO et al., 2017; INDDEX Project, 2019; Wanner et al., 2014). Im Zuge der Ambition das genannte zweite Ziel der SDGs zu erreichen, kann der PoU-Indikator verwendet werden, um mithilfe einer Trendanalyse bisherige Entwicklungen des Ernährungszustands zu ermitteln und eventuelle Kalorienlücken zu quantifizieren (INDDEX Project, 2018; United Nations, 2015).

Für die Untersuchung von Ländern, in denen chronische Nahrungsmittelunsicherheit herrscht, also die Bevölkerung über einen längeren Zeitraum insuffizient mit Nahrung versorgt wird, und die immer wieder von plötzlichen Ereignissen mit großen Folgen heimgesucht werden (z.B. Afghanistan, Haiti oder Pakistan) kann die sogenannte Integrated Context Analyses (ICA) herangezogen werden (FAO, 2008; National Desaster Management Authority & WFP, 2017). Die vom WFP entwickelte Methode ist Teil einer holistischen Herangehensweise zur Verbesserung der Belastbarkeit betroffener Regionen und bezieht sowohl historische Trends zu Ernährung, Nahrungsmittelunsicherheit und z.B. durch Naturkatastrophen ausgelöste (saisonale) Schockzustände als auch Informationen zu (verstärkenden) infrastrukturellen, klimatischen, politischen und sozioökonomischen Umständen ein. Mithilfe der gesammelten Daten wird auf Landkarten die jeweilige Ausprägung der betrachteten Kategorie in farblicher Abstufung markiert, sodass beim Übereinanderlegen der Karten deutlich wird, welche Gebiete in Summe besonders anfällig für Katastrophen sind. Abb. 6 stellt das Ergebnis einer 2017 durchgeführten ICA in Pakistan dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: ICA Pakistan: Kombinierte Anfälligkeit für Nahrungsmittelunsicherheit, Dürre und Überflutung in Pakistan (National Desaster Management Authority & WFP, 2017).

Zu erkennen ist die Anfälligkeit der verschiedenen Distrikte des Landes für eine Kombination von Nahrungsmittelunsicherheit, Dürre und Überflutung, wobei die dunkelviolette Einfärbung die extremste und die hellgrüne die schwächste Gefährdung symbolisiert (National Desaster Management Authority & WFP, 2017). Eine genauere Risikobetrachtung Pakistans mittels ICA soll im Rahmen von Kapitel 2.3.2.2 und 2.3.4.1 beleuchtet werden. Neben Informationen des Frühwarnsystem-Netzwerks für Hungersnöte (FEWS NET) wird auch auf Ergebnisse der bereits beschriebenen IPC-Methode und des Geographical Information System (GIS) zurückgegriffen. Ziel ist es, aus vergangenen Ereignissen zu lernen und u.a. zu lokalisieren, in welchen Gebieten und wie viele Menschen heute und in Zukunft von Nahrungsmittelunsicherheit betroffen sind, um explizite Strategien entwickeln zu können (FAO et al., 2017; WFP, 2014).

Der Versuch der Quantifizierung von Nahrungsmittelunsicherheit im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes wird durch den sogenannten Food Insecurity Multidimensional Index (FIMI) angestrebt (Napoli, 2011). Jede der vier Dimensionen wird durch das Zusammenspiel verschiedener Indikatoren beschrieben. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ist demnach u.a. abhängig von der vorhandenen Ackerfläche, den Ernteerträgen an Getreide und dem Anteil von Nahrungsmittelhilfen an der benötigten Gesamtmenge. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und der Anteil der auf dem Land lebenden Bevölkerung werden beispielsweise im Zusammenhang mit dem Zugang zu Nahrungsmitteln betrachtet. Indikatoren wie die PoU oder die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren beeinflussen die Möglichkeit der Nahrungsaufnahme, und die Dimension der Stabilität wird l u.a. geprägt von der Menge an Getreidevorräten oder der Abhängigkeit von Lebensmittelimporten. Eine vollständige Liste ist als Tabelle 17 in Anhang B zu finden. Auf einer Skala von 0 bis 100 wird die Intensität der Nahrungsmittelunsicherheit abgebildet, wobei ab einer Schwelle von 60 von extremer Ausprägung gesprochen wird (Napoli, 2011).

Weitere gängige Ansätze zur Quantifizierung von Nahrungsmittelunsicherheit sind die Food Insecurity Experience Scale (FIES), die nach Cafiero et al. (2017) und FAO (2019) den Zugang zu sicheren Nahrungsmitteln anhand von Bevölkerungsumfragen misst, sowie die Integrated Food Security Phase Classification (IPC), welche sowohl die Umstände als auch die Stärke der Nahrungsmittelunsicherheit analysiert und klassifiziert (FAO, 2008; IPC Global Partners, 2012). Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit muss hier zur näheren Erläuterung auf die Ausführungen genannter Autoren verwiesen werden.

Besteht Nahrungsmittelunsicherheit über einen längeren Zeitraum, kann dies zu Mangelernährung führen (FAO et al., 2018). Deren Anzeichen, Ursachen und Konsequenzen sollen im Folgenden thematisiert werden.

2.2.3 Mangelernährung bei Kindern

Mangelernährung kann bei Menschen jeder Altersstufe auftreten, vom Säugling bis zum Senior. In dieser Arbeit soll aber v.a. der Fokus auf Kinder gelegt werden. Diese können durch unausgewogene Nahrungszufuhr in ihrer Entwicklung stark, oft sogar lebensgefährlich, beeinträchtigt werden, sodass Mangelernährung die Todesursache von 45,00% aller Kinder ist, die vor ihrem fünften Geburtstag sterben (FAO et al., 2017; WFP, 2019).

Bevor in Kapitel 2.2.3.1 auf mögliche Ursachen und Konsequenzen eigegangen wird, folgt zunächst eine Vorstellung der verschiedenen Formen und Indikatoren von Mangelernährung.

Zum einen kann Mangelernährung Unterernährung (engl. undernourishment) bedeuten, und sich somit auf einen Zustand beziehen, in welchem die aufgenommene Nahrung in ihrer Menge und/oder Zusammensetzung nicht den individuellen Bedarf an Kalorien und Nährstoffen deckt (Roser & Ritchie, 2018). Untergewicht, Auszehrung sowie Wachstumsverzögerung und Mikronährstoffdefizite sind die Folge und sollen im Anschluss erläutert werden. Außerdem kann Mangelernährung Auslöser für Übergewicht und Fettleibigkeit bzw. nicht übertragbare Krankheiten wie Diabetes sein; wie aber anfangs erklärt, wird jene Thematik in dieser Arbeit ausgeblendet (FAO et al., 2017; WHO, 2016).

Wird Mangelernährung durch kurzzeitige falsche oder zu geringe Nahrungsaufnahme, Krankheit, vorrübergehende Angebotsverknappung oder verwehrten Nahrungsmittelzugang in Katastrophenfällen ausgelöst, wird sie als akut bezeichnet. All diese Situationen können plötzlich auftreten und sind somit schwer zu antizipieren (FAO, 2008; FAO et al., 2017). Untergewicht, festgestellt an der Unterschreitung eines Referenzgewichts, welches ein gesundes Normalgewicht im jeweiligen Kindesalter beschreibt, ist ein Indikator für akute Mangelernährung (Black et al., 2008).

Wenn ein Kind zu leicht für seine Körpergröße ist, ist dies ein Indikator dafür, dass mangelhafte Nahrungsversorgung zu Gewichtsverlust, damit verbundener Immunschwäche und dementsprechend hoher Krankheitsanfälligkeit führt; ein Prozess, der als Auszehrung (engl. wasting) bezeichnet wird und lebensbedrohlich sein kann (Black et al, 2008; UNICEF et al., 2018). Kinder, die bereits bei der Geburt ein nur geringes Gewicht haben, sind prädestiniert dafür, durch unzureichende Kalorienzufuhr und/oder Infektionen weiter an Gewicht zu verlieren und Entwicklungsverzögerungen zu erleiden (FAO et al., 2017; UNICEF et al., 2018). Um ihr Leben zu retten, ist häufig eine medizinische Behandlung sowie die Verabreichung von Spezialnahrung notwendig, welche sie dabei unterstützt, ein ihrer Größe gerechtes Gewicht zu erreichen (UNICEF et al., 2018). Auch Auszehrung ist ein Zeichen akuter Unterernährung (UNICEF, 2015).

Mangelernährung kann auch in chronischer Form auftreten, ein Indikator hierfür ist Wachstumsverzögerung (engl. stunting) (UNICEF, 2015). Der Term bezeichnet einen Zustand, in dem ein Kind eine im Vergleich zu Gleichaltrigen deutlich geringere Körpergröße hat und auch das Gehirn vermutlich in seiner Entwicklung dauerhaft gehemmt bleibt (UNICEF et al., 2018). Im Gegensatz zu Auszehrung ist Wachstumsverzögerung kaum reversibel und gilt als Zeichen von Mangelernährung in ihrer extremsten Form (Roser & Ritchie, 2018; UNICEF, 2015).

Bei den zuvor erläuterten Indikatoren basieren auf Defiziten in Form von Makronährstoffmangel, bei dem Betroffenen keine ausreichende Zufuhr an Proteinen, Fetten oder Kohlehydraten gewährleistet werden kann. Weiterhin löst aber auch eine Knappheit an Mikronährstoffen, wie Mineralien und Vitamine, Mangelzustände aus, die alternativ als „verborgener Hunger" bezeichnet werden (FAO et al., 2017; Branca, 2018). Besonders verbreitet sind Eisen-, Zink-, Vitamin A- und Jodmangel (FAO, 2016b; UNICEF, 2018).

Im Jahr 2018 waren weltweit geschätzt 151 Millionen Kinder unter fünf Jahren von Wachstumsverzögerung betroffen, das entspricht fast jedem vierten Kind. Global gesehen sind die Zahlen aber innerhalb der letzten 17 Jahre um über ein Drittel zurückgegangen (UNICEF et al, 2018; FAO et al., 2017). Bei Auszehrung hingegen ist die Tendenz steigend; betroffen sind etwa 51 Millionen, davon fast 70,00% auf dem asiatischen Kontinent (Branca, 2018; UNICEF et al., 2018). Global leiden etwa zwei Milliarden Menschen an Mikronährstoffmangel (WFP, 2019). Auf spezifische Angaben bzgl. der Verbreitung von Mangelernährung in Pakistan soll in Kapitel 2.3.4.2 eingegangen werden.

Mangelernährung zeigt sich also auf ganz unterschiedliche Art und Weise, wobei sich die verschiedenen Dimensionen nicht gegenseitig ausschließen. Ein Mensch kann somit übergewichtig sein und gleichzeitig unter Mikronährstoffmangel leiden oder sowohl von Wachstumsverzögerung als auch von Auszehrung betroffen sein (Branca, 2018; UNICEF et al., 2018). Im folgenden Unterkapitel soll zunächst auf mögliche Ursachen von Nahrungsmittelunsicherheit und resultierender Mangelernährung eingegangen und weiterhin verbreitete Konsequenzen erläutert werden.

2.2.3.1 Ursachen und Folgen von Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung

Nahrungsmittelunsicherheit hat viele Facetten und ebenso viele mögliche Ursachen. Einige hiervon, Armut, Diskriminierung, Konflikte, klimatische Umstände und landwirtschaftliche Wasserknappheit, sollen auf allgemeiner Ebene an dieser Stelle kurz vorgestellt werden. In Kapitel 2.3f folgt dann die gezielte Analyse der Punjab Provinz Pakistans. Mangelernährung resultiert zumeist aus Nahrungsmittelunsicherheit (FAO et al., 2018). Im Anschluss sollen anhand des konzeptionellen Rahmens für Unterernährung nach UNICEF (2015) wesentliche Determinanten für Mangelernährung zusammengefasst und mögliche Folgen vorgestellt werden.

Ein möglicher Grund für Nahrungsmittelunsicherheit ist Armut. Diese hat verschiedene Dimensionen und Definitionen; kann absolut (als Unterschreitung einer festen monetären Größe) oder relativ (im Vergleich mit anderen Gesellschaftsmitgliedern) gemessen werden. Als eine Definitionsmöglichkeit beschreibt die UNESCO (2019), dass Armut gegeben ist, wenn durch sie bestimmte Menschenrechte gefährdet sind, z.B. das Recht auf Arbeit und ein angemessenes Einkommen, der Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung, Meinungsfreiheit oder die Teilnahme am kulturellen Leben. Im Zusammenhang mit Nahrungsmittelunsicherheit spielt v.a. Armut aus monetärer Sicht eine Rolle. Die Knappheit an finanziellen Ressourcen kann den Erwerb von Nahrungsmitteln bzw. einer Grundstücksfläche zur Selbstversorgung oder notwendiger Konsumgüter wie Saatgut verhindern (World Food Summit, 1996). Resultierende Zustände des Hungers und der Mangelernährung beeinträchtigen die körperliche und mentale Entwicklung, besonders bei Kindern, sodass deren Leistungsfähigkeit in Schule und Berufsleben sinkt. Dies wiederum führt dazu, dass sie ebenfalls von Armut betroffen sind und der Kreislauf von Neuem beginnt, wie in Abb. 7 dargestellt (FAO, 2008). Ein Großteil der Menschen, die unter Nahrungsmittelunsicherheit leiden, lebt in ärmeren, ländlichen Gebieten und so sind über 50,00% der weltweit von Hunger betroffenen Bevölkerung Kleinbauern (OHCHR, 2010).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Armutskreislauf (eigene Darstellung nach FAO, 2008).

Auch Diskriminierung bzw. gesellschaftliche Exklusion kann den Zugang zu Nahrungsmitteln verwehren und zu Mangelernährung führen. Nicht selten findet man ungleichmäßige Nahrungsverteilung innerhalb von Bevölkerungsgruppen und sozialer Gefüge wie Haushalten, wo besonders Frauen und Kinder ausgeschlossen werden (FAO et al., 2018; OHCHR, 2010).

Konflikte gelten ebenfalls als möglicher Ausgangspunkt für Mangelernährung, insbesondere für Unterernährung. Diese können ganz unterschiedlichen Ursprungs sein, beispielsweise entstanden durch klimatische Extremereignisse, unterschiedliche Interessenlagen resultierend in Unruhen bzw. Krieg, oder durch Naturkatastrophen (World Food Summit, 1996). Über die Hälfte der ca. 815 Millionen Menschen, die weltweit unterernährt sind, und fast 80,00% aller von Wachstumsverzögerung betroffenen Kinder leben in Ländern, in denen Konflikte ausgetragen werden. Andersherum kann Nahrungsmittelunsicherheit auch Auslöser von Konflikten sein: Wenn z.B. steigende Preise Menschen den Zugang zu Nahrung verwehren oder durch die Zerstörung von Vorräten die Verfügbarkeit eingeschränkt ist, kann dies Unzufriedenheit hervorrufen, welche die Sicherheitslage destabilisiert (FAO et al., 2017). Eine detaillierte Untersuchung würde den theoretischen Rahmen sowie den Umfang dieser Arbeit sprengen, es wird auf die Ausführungen von FAO et al. (2017) verwiesen.

Eine weitere, besonders in letzter Zeit viel thematisierte Ursache für Nahrungsmittelunsicherheit ist der fortschreitende Klimawandel, der alle ihre Dimensionen berührt und vermutlich für einen Anstieg der globalen Prevalence of Undernourishment-Werte (PoU) in naher Vergangenheit mitverantwortlich ist (FAO, 2018a; FAO et al., 2018). Die zunehmende Häufigkeit und Intensität von extremen Wetter- und Klimaereignissen wie Dürre, Stürme und Überflutungen wirken sich negativ auf die landwirtschaftlichen Erträge betroffener Regionen aus. Parallel zu fallenden Erlösen durch verringerte Erntevolumen steigen bedingt durch zunehmende Knappheit die Preise. Die Bauern sind demzufolge gezwungen, ihre Nahrungsvorräte aufzubrauchen, Vermögensgegenstände wie Land oder Vieh zu verkaufen oder ihre Kinder aus der Schule zu nehmen. Armut wird so gefördert und die Fähigkeit zur Selbstversorgung der betroffenen Bevölkerungsgruppen sinkt, was besonders den Gesundheitszustand von Kindern beeinträchtigt. Naturkatastrophen mit langfristigen Folgen können die Stabilität der Nahrungsmittelsicherheit beeinflussen, ein Beispiel hierfür ist sinkende landwirtschaftliche Produktivität durch (irreversible) Bodenschädigung. Als besonders anfällig gelten Asien und der pazifische Raum. (FAO, 2018a; FAO et al., 2018; UNICEF, 2015; WFP et al., 2018).

Höhere Variabilität und saisonale Verschiebungen von Regenfällen sowie global steigende Temperaturen können physische Wasserknappheit hervorrufen bzw. verstärken (FAO et al., 2018). Wie bereits in Kapitel 2.1.3 erläutert, kann diese, besonders bei Beeinflussung der Landwirtschaft, ebenfalls zu Mangelernährung führen, wenn es dadurch zu Ernteausfällen kommt, die nicht durch Nahrungsmittelvorräte oder -importe kompensiert werden können (Pfister et al., 2014). Als Schwellenwert des Wasservolumens an Blau- und Grünwasser, welches der Landwirtschaft mindestens zur Verfügung stehen muss, um Nahrungsmittelsicherheit herzustellen und somit Mangelernährung vorzubeugen, gelten 1.350 m3 pro Kopf und Jahr (Pfister et al., 2009). Auf die spezifischen Zusammenhänge zwischen landwirtschaftlichem Wasserverbrauch, resultierender Wasserknappheit, Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung soll in Kapitel 3.1 zurückgekommen werden. Weiterhin kann aber auch ökonomische Wasserknappheit zu Nahrungsmittelunsicherheit beitragen, wenn aufgrund eines Mangels an Infrastruktur zur Leitung bzw. Speicherung nicht ausreichend Frischwasser in Haushalten oder auf Feldern zur Bewässerung verfügbar ist (FAO, 2012a).

Im nächsten Kapitelabschnitt sollen die Ursachen von Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung zusammengefasst und mögliche Folgen erläutert werden.

Konzeptioneller Rahmen der Determinanten von Unterernährung nach UNICEF (2015)

Ebenso vielfältig wie die Gründe von Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung sind deren mögliche Konsequenzen, die miteinander in Wechselwirkung stehen. Vor dem Hintergrund der Übersichtlichkeit sollen zunächst anhand eines von UNICEF (2015) erläuterten Schaubildes die Ursachen von Unterernährung sowie häufige Folgezustände dargelegt werden. In Kapitel 2.3.4.2 erfolgt im Zusammenhang mit einer Analyse des Gesundheitszustands von Kindern in Pakistan und Punjab eine nähere Betrachtung der Auswirkungen von Wachstumsverzögerung, Auszehrung, Unterernährung und Mikronährstoffmangel.

Das Kinderhilfswerk UNICEF erarbeitete 1990 einen konzeptionellen Rahmen (Abb. 8), der die verschiedenen Determinanten sowie Konsequenzen von Unterernährung bei Kindern abbildet (UNICEF, 2015).

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Abb. 8: Konzeptioneller Rahmen der Determinanten von Unterernährung bei Kindern (eigene Darstellung nach UNICEF, 2015).

Zusammenfassend spielen wirtschaftliche, soziale und soziokulturelle Umstände eine grundliegende Ursachenrolle, die sich zunächst auf den Kapitalstock und auf den individuellen Zugang zu Ressourcen (u.a. finanzieller Art, Bildung, Land) auswirken. Ist dieser nicht oder unzureichend gewährleistet, besteht die Gefahr von Nahrungsmittelunsicherheit und Gesundheitsgefährdung sowie von mangelhaftem Wissen der Mütter über die Versorgung ihrer Kinder. Diese Umstände können Krankheiten und zu geringe Kalorienaufnahme mit anschließender Unterernährung provozieren. Während Unterernährung kurzfristig zu erhöhter Sterblichkeit, Erkrankungshäufigkeit und zu Behinderung führen kann, wirkt sie sich langfristig auf die körperliche und mentale Entwicklung aus. Das Risiko schwerwiegender Krankheiten erhöht und die Produktivität verringert sich, was in Summe auch die Lebensumstände der nächsten Generation beeinträchtigen kann. Das sogenannte Humankapital einer Gesellschaft, bestehend aus deren Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen, kann nicht nachhaltig wachsen und kaum Fortschritt hervorrufen (UNICEF, 2015; UNICEF, 2018). Für das Jahr 2004 wurde der globale Verlust an DALY allein durch Untergewicht, Wachstumsverzögerungen und Auszehrung bei Kindern unter fünf Jahren auf fast 201 Mio. geschätzt. Grundlegende gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme können so nur schwer gelöst werden (The Lancet, 2008).

Nachdem in den vorherigen Kapiteln Wasserknappheit, Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung mitsamt ihrer jeweiligen Dimensionen, Ursachen, Folgen und möglichen Quantifizierungsmethoden auf allgemeinem Niveau erläutert wurden, soll nun auf die Mikroebene der Punjab Provinz Pakistans gewechselt werden. Im Folgenden gilt es, diese spezifisch mit Blick auf die genannten Themenfelder zu analysieren.

2.3 Überblick über die Punjab Provinz

Im Anschluss an erfolgte allgemeine Ausführungen zu Wasserknappheit, Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung soll nun Pakistan in den Fokus der Betrachtung gerückt werden; als Beispiel für ein Land, in dem alle drei genannten Problematiken als Herausforderung gelten. Wann immer es die Datenlage zulässt, wird versucht, die Provinz Punjab zu analysieren. Hintergrund dieser Spezialisierung ist ihre besondere Bedeutung als zweitgrößte und bevölkerungsreichste Provinz des Landes, die zudem als landwirtschaftliches Zugpferd Pakistans gilt (Ministry of Finance, 2017; WFP et al., 2018) Somit ist die Problematik der Knappheit an Bewässerungswasser und deren Auswirkungen auf die Nahrungsmittelsicherheit und den Gesundheitszustand der Bewohner hier besonders präsent (Hall, 2019; Wilk, 2015). Auch wurde diese Region ausgewählt, da bei ihrer Analyse auf Daten des Projekts InoCottonGROW zurückgegriffen und so die Schwierigkeit einer insgesamt lückenhaften Datenlage überwunden werden kann.

Im Anschluss an einen Überblick über demographische und geographische Gegebenheiten soll das Ausmaß von landwirtschaftlicher Wasserknappheit sowie deren Ursachen und Folgen, die die Provinz vor Herausforderungen stellen, untersucht werden. Daraufhin wird eine Betrachtung des Landwirtschaftssektors und speziell einer Auswahl an Cash und Food Crops erfolgen, bevor sich der Fokus auf den sozioökonomischen Entwicklungsstand verschiebt. Im Zuge dessen soll v.a. der Zusammenhang von Armut und Nahrungsmittelunsicherheit sowie der gegenwärtige Ernährungs- bzw. Gesundheitszustand der Bevölkerung analysiert werden.

2.3.1 Demographie und Geographie

Zunächst soll kurz auf einige geographische und demografische Aspekte eingegangen werden, bevor im Anschluss eine Erläuterung der verfügbaren Oberflächenwasserressourcen in Punjab stattfindet.

Der südasiatische Staat Pakistan ist in drei Territorien und vier Provinzen gegliedert, Punjab ist die zweitgrößte und teilt sich selbst in 36 Distrikte auf, die sich wiederum aus sogenannten Tehsils zusammensetzen (Abb. 9). Die Provinzhauptstadt Lahore liegt nahe der indischen Grenze (FAOSTAT, 2018; Iqbal et al., 2018; Najam & Bari, 2017; Punjab Portal, 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Kartografische Darstellung von Pakistan und Punjab (eigene Darstellung nach SMEDA, o.D.; Wildlife of Pakistan, 2019).

Die Landesfläche Pakistans beträgt 796.100 km2, Punjab erstreckt sich im Osten im Indusbecken auf 206.300 km2. Mit einem Ackerbauareal von 145.300 km2 wird fast die Hälfte der Provinz landwirtschaftlich genutzt, hauptsächlich durch den Anbau von Baumwolle, Weizen und Reis (FAO, 2004; Pakistan Bureau of Statistics, 2018k; Punjab Portal, 2016). Punjab befindet sich in einer semi-ariden Klimazone mit durchschnittlichen Tiefsttemperaturen von 16,3 bis 18,2 °C und Höchsttemperaturen zwischen 29,3 und 31,9 °C (Abid et al., 2015; Iqbal et al., 2018). Der Langzeitwert der pakistanweiten Niederschläge liegt im Mittel bei 494 mm pro Jahr, kann lokal aber abhängig der geographischen Lage stark variieren (von 100mm am unteren Flussverlauf des Indus bis 750mm im Norden Pakistans). In Punjab fallen während der Monsunzeit von Juli bis September 50,00 bis 75,00% der Jahresregenmenge (Abid et al., 2015; Bakhsh & Shahid, 2018; FAO, 2016a; Salma et al., 2012).

Der pakistanische Bevölkerungszensus 2017 kam zu dem Ergebnis einer Einwohnerzahl von 207,77 Mio., von denen ca. 64,00% auf dem Land und 36,00% in Städten leben (Ministry of Finance, 2017). Demzufolge steht Pakistan auf der Liste der bevölkerungsreichsten Länder der Welt an sechster Stelle; wird aber aufgrund einer prognostizierten Bevölkerungsverdoppelung (gemessen an der Einwohnerzahl von 2010) im Jahre 2050 den vierten Platz erklommen haben. Seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts stand die Vervierfachung der Bevölkerungszahl Pakistans einer um 40,00% gewachsenen landwirtschaftlichen Fläche gegenüber (Ahmad & Farooq, 2010). Punjab ist mit 110 Mio. Einwohnern die bevölkerungsreichste Provinz des Landes, verzeichnet aber mit 2,13% pro Jahr eine Populationswachstumsrate, die unter dem nationalen Durchschnitt von 2,40 % liegt (Ministry of Finance, 2017).

Im thematischen Kontext dieser Arbeit gilt es, auch die verfügbaren Oberflächenwasserressourcen, deren Aufteilung und Herkunft zu erläutern. Die jährlich vorhandene Menge an erneuerbaren Wasserressourcen liegt Schätzungen von Young et al. (2019) zufolge bei etwa 229 Mrd. m3, auch wenn ihren Angaben nach die Quantifizierung aufgrund einer lückenhafter Datenbasis komplex ist. Ein Großteil stammt aus Flüssen, die im Indusbecken verlaufen und wird dort im Zusammenspiel mit Grundwasservorräten zur landwirtschaftlichen Bewässerung eingesetzt (Young et al., 2019). Die Anbauzeit teilt sich in Pakistan in zwei Saisonabschnitte auf: Die feuchte Sommerperiode, der sogenannte Kharif, beginnt im April und endet mit der Ernte zwischen Oktober und Dezember. Die trockenen Rabi- Monate umfassen den Rest des Jahres. (FAO, 2004; Young et al., 2019). Während der Kharif- Periode 2017 standen der Landwirtschaft nach Angaben des Government of Pakistan (2018) insgesamt ca. 86,344 Mrd. m3 an Oberflächenwasser zur Verfügung, was die durchschnittliche Menge von ca. 82,767 Mrd. m3 überschreitet. In den Rabi-Monaten sank die Verfügbarkeit hingegen deutlich, von im Mittel ca. 44,899 Mrd. m3 auf 29,850 Mrd. m3 (Government of Pakistan, 2018).

Um nach einer Festsetzung der Staatsgebiete von Pakistan und dem Nachbarland Indien im Zuge ihrer gewonnenen Unabhängigkeit Mitte des letzten Jahrhunderts auch die Verteilung der Wasserressourcen im Indusbecken zu regeln, wurde 1960 der Indus-Wasservertrag aufgesetzt. Der Indus gilt als Lebensader der Region und versorgt heute über 200 Millionen Pakistani sowie 80,00% der Landwirtschaft des Landes mit Wasser (Wilk, 2015; Zulfiqar et al., 2018). Er wird durch verschiedene Nebenflüsse gespeist. Im Zuge des Abkommens wurden Pakistan der Hauptstrom Indus sowie die Flüsse Jhelum und Chenab zugeteilt, während Indien auf die östlich verlaufenden Ströme Sutlej, Beas und Ravi zugreifen darf. Die Bewässerungsinfrastruktur wurde in den folgenden Jahren stark ausgebaut, um auch die im Osten Punjabs liegenden Agrarflächen nutzen zu können (Wilk, 2015). Heute gehört das Konstrukt aus 44 Kanalsystemen im Indusbecken, das Indus Basin Irrigation System (IBIS), zu den größten zusammenhängenden Bewässerungssystemen der Welt (Basharat et al., 2013; Hall, 2019; Oelmann & Schulze, 2018). Trotz vertraglicher Regelung der Aufteilung der Wasserressourcen kommt es zwischen Indien und Pakistan immer wieder zu Uneinigkeiten bzgl. des Umgangs mit Flüssen, die die Bewässerungskanäle im pakistanischen Punjab speisen (Qureshi, 2017). Da die Provinz als landwirtschaftliches Zugpferd Pakistans gilt, sind die dort erzielten Ernteerträge elementar zur nationalen Gewährleistung von Nahrungsmittelsicherheit, sodass das Konfliktpotential hoch ist (Khan & Khan, 2018; Wilk, 2015).

Nicht nur die Wasserverteilung zwischen Indien und Pakistan ist vertraglich geregelt, sondern auch jene innerhalb Pakistans, da das Indusbecken unter verschiedenen Provinzen aufgeteilt ist, die einen unterschiedlichen Wasserbedarf haben. Punjab beispielsweise stehen 37,00% der in Flüssen und Kanälen geführten Wassermenge zu (Bakhsh & Shahid, 2018).

Auch wenn Pakistan und speziell Punjab auf große Mengen von Oberflächenwasser zurückgreifen kann, rückte das Thema Wasserknappheit in der Vergangenheit zunehmend auf die nationale Agenda (Hall, 2019; Young et al., 2019). Im Zuge der nächsten Kapitel sollen gezielt Ausmaß und Ursachen des Mangels, besonders mit Blick auf die Landwirtschaft, erläutert werden.

[...]


1 Der Begriff „Wasser” wird im Folgenden synonym für „Süßwasser“ verwendet, wenn nicht explizit auf die Nutzung als Oberbegriff mit weiterer Unterteilung in Süß- und Salzwasser aufmerksam gemacht wird.

2 In der vorliegenden Arbeit soll sich der Begriff der Mangelernährung ausschließlich auf die Folgen einer zugeringen Kalorien- oder Nährstoffzufuhr beziehen, sodass Übergewicht und Fettleibigkeit als weitere Formen ausgeblendet werden (FAO et al., 2018).

3 In der vorliegenden Arbeit soll sich der Begriff der Mangelernährung ausschließlich auf die Folgen einer zu

4 Das Niveau des Gesundheitsschadens wird in DALY gemessen, ein Akronym für Disability Adjusted Life Years, also die Beeinträchtigung des individuellen Lebens durch Krankheit oder Behinderung verglichen mit einem idealen Gesundheitszustand (Pfister et al., 2009; WHO, 2019).

5 Im Verlauf der vorliegenden Arbeit wird zumeist der Begriff Nahrungsmittelunsicherheit verwendet. Es wird angenommen, dass die beschriebenen Dimensionen von Nahrungsmittelsicherheit hier in gegenteiliger Form zutreffen.

Ende der Leseprobe aus 139 Seiten

Details

Titel
Landwirtschaftlicher Wasserverbrauch und seine Auswirkungen auf den Ernährungszustand von Kindern in Punjab, Pakistan
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Technischen Umweltschutz)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
139
Katalognummer
V496766
ISBN (eBook)
9783346025012
ISBN (Buch)
9783346025029
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wasserknappheit, Nahrungsmittelunsicherheit, Pakistan, Wasserfußabdruck, Mangelernährung, Landwirtschaft, Baumwollanbau
Arbeit zitieren
Anna Elisabeth Friederitz (Autor:in), 2019, Landwirtschaftlicher Wasserverbrauch und seine Auswirkungen auf den Ernährungszustand von Kindern in Punjab, Pakistan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496766

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